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DIE LUEGE
DES
ODYSSEUS

Paul
Rassinier
Lassen Sie die Menschen
reden, lassen Sie sich tadeln, verurteilen, einsperren, lassen Sie sich hängen,
aber veröffentlichen Sie Ihre Meinung. Dies ist kein Recht, es ist eine Pflicht.
Die Wahrheit ist etwas Ganzes für alle . . Reden ist gut, Schreiben ist besser,
aber Drucken ist etwas Ausgezeichnetes. Ist Ihre Meinung gut, hat man Gewinn
davon; ist sie schlecht, so berichtigt man sie und hat immer noch Gewinn. Aber
der Mißbrauch ?. . . Wie albern ist doch dieses Wort; die es erfunden haben,
sind in Wirklichkeit jene, die Presse mißbrauchen, weil sie das drucken, was sie
wollen, indem sie irreführen, verleumden und dann die Beantwortung verhindern "
Paul-Louis Courier
1959
PAUL RASSINIER (Innerer
Buchumschlag)
Er ist in Frankreich mehr
als Schriftsteller bekannt denn als Professor (Geschichte, Geographie,
Literatur). Bereits im Alter von 16 Jahren -wurde er 1922 in die Kommunistische
Partei Frankreichs aufgenommen, entwickelte aber sehr bald seine Doktrin eines
vollkommenen Pazifismus und eines nicht auf Verstaatlichung gerichteten
Sozialismus. Damit tritt er in Opposition zur kommunistischen Linie und wird von
der Partei ausgeschlossen. Im Jahre 1934 in die Sozialistische Partei (SFIO)
eingetreten, wird er an die Spitze des Bezirkes Belfort gestellt. Vor Beginn des
2. Weltkrieges bringt ihn die Vertretung seiner Gedanken über den vollkommenen
Pazifismus in Widerstreit mit dem damaligen Ministerpräsident Daladier, so daß
er durch Paul Faure dessen Zorn entzogen werden muß.
Von dem Beginn der
Besetzung Frankreichs durch die deutsche Wehrmacht an gehört Paul Rassinier als
einer der Gründer der Organisation "Libé Nord" der Widerstandsbewegung an und
ist darum bemüht, in diese den Gedanken des Verzichts auf Gewaltanwendung zu
tragen. Hierzu gibt er die illegale Zeitung "Die IV. Republik" heraus. Das
bringt ihm das Todesurteil der kommunistischen Widerstandsbewegung ein, die ihm
als letzte Warnung "den kleinen Sarg" ins Haus schickt. Gleichzeitig wird er von
der Gestapo verhaftet und nach Buchenwald verschickt. Bei Kriegsende befindet er
sich im Konzentrationslager Dora.
Nach der Heimkehr tritt er,
100% Invalide, wieder an die Spitze des Bezirkes Belfort der Sozialistischen
Partei und wird mit der Anerkennungsmedaille in Gold und der höchsten Dekoration
der Widerstandsbewegung (Rosette in Hochrot — die er nicht trägt) ausgezeichnet.
Unter großem Aufsehen erklärt er, daß er in der Widerstandsbewegung die meisten
der Männer, die heute in ihrem Namen sprechen, niemals getroffen hat. Durch
seine Vergangenheit dazu berechtigt, wendet er sich gegen den Anspruch dieser
"neuen Widerstandskämpfer", die sog. Petainisten und "Kollaborateure"
unterdrücken zu dürfen. Nach harten Auseinandersetzungen mit den Kommunisten
wird Rassinier in die Zweite Verfassunggebende Versammlung gewählt und tritt
auch im Parlament gegen die Anwendung des Hasses als Leitmotiv der Verfolgung
eines Teils der französischen Bevölkerung auf.
War diese Haltung eines
Mannes, der alles andere als ein Freund der Besetzung Frankreichs durch
Deutschland, des Nationalsozialismus und Faschismus war, in den ersten
Nachkriegsjahren allein schon Anlaß genug dazu, ihn zu verfolgen und zu
verleumden, so erreichte die Hetzjagd gegen ihn ihren Höhepunkt, als seine
beiden Bücher erschienen.
Nahezu sechs Jahre lang
mußte Rassinier seine Angaben, besonders die in "Die Lüge des Odysseus", vor
mehreren Instanzen der französischen Gerichtsbarkeit — auf Klagen der
verschiedenen Organisationen der Widerstandskämpfer — solange vertreten und die
Beweise für die Richtigkeit bieten, bis die Strafkammer des Kassationshofes als
die oberste Instanz alle früheren Urteile aufhob und ihn freisprach.
VERLAG KARL HEINZ
PRIESTER
Verlag für politische
und zeitgeschichtliche Dokumentation
*
* *
Vorwort des Verfassers zur
zweiten und dritten französischen
Auflage
Die Waffen des Feindes sind
nicht so mörderisch wie die Lügen, mit denen die Führer der Opfer die ganze Welt
erfüllen; der Haßgesang des Feindes ist dem Ohr weniger unangenehm als die
Phrasen, die wie ekelhafter Speichel aus den Büchern der Schreiber von
Nekrologen fließen.
Manes Sperber (Aus seinem
Buche "Und der Busch wurde zu Asche".)
Die beiden Teile dieses
Werkes sind zwar schon veröffentlicht worden, aber getrennt. Der erstere,
"Eigenes Erleben" ("Passage de la Ligne" = "Weg über die Grenze"), und der
zweite, "Erleben der anderen'' (eigentlich "Le Mensonge d'Ulysse"
genannt), in Form einer kritischen Studie der Literatur über die
Konzentrationslager. Ich war der Meinung, bei einem so heiklen Gegenstand sei es
ratsam, die Wahrheit in kleinen Dosen zu verabreichen.
Diese geistige Einstellung
haben manche Leute zu dem Versuch benutzt, meine Absichten zu verdächtigen: wenn
"Eigenes Erleben" im allgemeinen noch sympathisch hingenommen wurde und nur
Zähneknirschen, aber keine Wutausbrüche hervorrief, so bot "Erleben der anderen"
dann aber einer gewissen Seite die Gelegenheit zu einem heftigen Pressefeldzug,
der seinen Ausgang von der Tribüne der Nationalversammlung nahm.
Gleichlaufend damit wurden
Albert Paraz, der Verfasser des Vorwortes, der Herausgeber des Buches und ich
vor ein Strafgericht gestellt, von dem wir freigesprochen wurden, dann aber vor
ein Berufungsgericht, von dem wir verurteilt wurden'), obwohl der Staatsanwalt
selbst unseren Anträgen recht gab und vorbehaltlos die Bestätigung des
Strafgerichtlichen Urteils beantragte.
Nun ist der Kassationshof
angerufen, den Streit zu beenden, aber die öffentliche Meinung, deren
Unterrichtung einseitig erfolgt, ist irregeleitet, und so wenig man auch geneigt
sein mag, in die Polemik hinabzusteigen,
1) Gefängnis mit
Bewährung, 100.000 Fr Geldstrafe, 800.000 Fr Schadenersatz mit Zinsen.
-10-
unerläßlich ist es doch
geworden, die recht verworrenen Verhältnisse, die das Klima dieser Angelegenheit
geschaffen haben, zu entwirren. Man wird also zwei Fliegen mit einer Klappe
schlagen, denn gleichzeitig darf man nicht versäumen, dem Leser die Beweismittel
vor Augen zu führen2).
Da "Erleben der anderen"
mitten in die Auseinandersetzungen über die Amnestie fiel und die Debatte damit
auf ihre Weise rechtfertigte, wurde sie von gewissen Leuten als eine im
wesentlichen politische Angelegenheit hingenommen, und nun versuchte man, ihr
von dieser niedrigeren Warte aus einen dementsprechenden ausschließlichen
Charakter zu verleihen.
Durch einen ärgerlichen
Zufall enthielt das Vorwort von Albert Paraz eine juristisch nicht haltbare
Behauptung3) über die Umstände der Verhaftung und Verschickung des
damaligen Abgeordneten und parlamentarischen Führers der R. P. F., Michelet, die
der damalige Abgeordnete der M. R. P. von Lyon, Guerin, aufgriff, nicht etwa, um
gegen die Veröffentlichung des Werkes zu protestieren, obwohl er sich diesen
Anstrich geschickt gegeben hatte, sondern zu dem Versuch, einem der ersten
Kämpfer jener Bewegung, die ihm bei der Wahl die größte Konkurrenz machte, um
seinen Kredit zu bringen. Auf diese Weise also wurde "Erleben der anderen"
zuerst von einer politischen Bewegung gegen eine andere ausgespielt, aber dies
reichte schon aus, einen Historiker zur Verzweiflung zu bringen . ..
Die auf Bearbeitung der
öffentlichen Meinung gerichtete außerparlamentarische Klage stützte sich auf
einen Zwischensatz in der Intervention Guerins. Von der Tribüne der
Nationalversammlung herab hatte der Abgeordnete von Lyon mich unter "die für die
Zusammenarbeit mit der Besatzung und die Verteidiger des Verrats
Verantwortlichen"4) eingereiht.
2) Der Kassationshof
hat seinerseits nun entschieden: er hat freigesprochen — gerade rechtzeitig
genug, um es noch in dieser Auflage erwähnen zu können — aber trotzdem
bleibt die Begründung noch notwendig.
3) Michelet, mit dem
wir uns auseinandergesetzt haben, hat seine gegen uns angestrengte Klage
zurückgenommen. Übrigens erscheint diese Behauptung nicht mehr in dieser
Auflage, um jeden Ablenkungsversuch kurzerhand abzuschneiden. Auf Paraz'
Vorschlag auch nicht mehr sein Vorwort. Dies nur, um jede Ablenkung zu
vermeiden, denn seitdem der Kassationshof entschieden hat, stünde auch der
Wiederveröffentlichung dieses Vorwortes nichts mehr im Wege, weil es von der
Immunität gedeckt ist, die Jede abgeurteilte Sache schlitzt. Der Verfasser
hat nicht geglaubt, dem mißbilligenden Geschrei einer Handvoll von
Interessenten nachgeben und den Text anders abfassen zu sollen.
4) In Wirklichkeit gehörte
der Verfasser zu den Gründern der Bewegung "Liberation- Nord", in Frankreich; er
war der Gründer der unerlaubten Zeitung "La IV. Republique", dem die Sender
London und Algier Ehre erwiesen, der als Angehöriger der Widerstandsbewegung
nach Buchenwald und Dora verschickt wurde (19 Monate). Als Invalide mit mehr als
100 Prozent ist er Inhaber des Ausweises Nr. 1016070 als Widerstandskämpfer, der
französischen Anerkennungsmedallie in hochrot (der höchsten, d. Obers.) und der
Rosette der Widerstandsbewegung, die er übrigens nicht trägt. Dies hat ihm weder
die Liebe zur Wahrheit noch den Sinn für Objektivität genommen.
-11-
Pathetisch rief er dabei
aus:
"Es scheint, meine lieben
Kollegen, in den Konzentrationslagern hat es nie Gaskammern gegeben ... Das kann
man in diesem Buche lesen." (Amtsbl. v. 2. November 1950 — Parlamentsdebatten.)
Nun, Guerin hatte das Werk
gar nicht gelesen!
Und ohne mehr davon gelesen
zu haben, nahmen alle Zeitungen, in denen Journalisten wirken, die bei der
Befreiung von einer gewissen Resistance improvisiert wurden8), das
Thema wieder auf und legten mir die unwahrscheinlichsten Dinge in den Mund.
Drei Verbände von
Verschickten, Internierten und Opfern der deutschen Besatzung forderten von der
Strafkammer in Bourg-en-Bresse, die Beschlagnahme des Buches, die Vernichtung
der bereits zum Verkauf gestellten Exemplare anzuordnen und uns gemeinsam zu der
netten Summe von rund einer Million Schadenersatz nebst Zinsen zu verurteilen.
Der besser beratene "Aktionsausschuß der Widerstandsbewegung" sah von jeder
feindseligen Kundgebung ab, nicht etwa weil er keine Lust dazu gehabt hätte,
sondern aus Angst, sich lächerlich zu machen. Die Kommunistische Partei, die
einen Angriff geplant hatte, merkte beizeiten, daß sie Gefahr lief, Marcel Paul,
Casanova, den Oberst Manhes 6) und andere von neuem in eine peinliche
Lage zu bringen und trat einen vorsichtigen Rückzug an. Aber die Sozialistische
Partei, die ich im Parlament vertreten hatte, nachdem ich lange Jahre Leiter
einer ihrer Bezirksvereinigungen gewesen war, schloß mich aus; "trotz der
Hochachtung, die meine Person einflößt", sagt der mir vom leitenden
Parteiausschuß zugestellte Spruch7).
Dies waren die ersten
Scharmützel einer wenig ruhmreichen Offensive, die sich in die Länge zog. Die
Unehrlichkeit, die sie kennzeichnete, ist auch in der Folgezeit stets die
gleiche geblieben.
*
* *
Louis Martin-Chauffier, der
in fast alle geistigen Bewegungen des letzten halben Jahrhunderts verwickelt
war, übernahm das Kommando der zweiten Sturmwelle.
5) Denn die Einheit der
Widerstandsbewegung ist ein Mythus, wie auch die Einheit der französischen
Revolution ein Mythus war, was heute niemand mehr in Abrede stellen kann . .
. außer wenn er daran interessiert ist! Es gab sogar eine Pöbelherrschaft,
die sie benutzte, um sich hinter ihr zu verbergen!
6) Führende Mitglieder
der Kommunistischen Partei in Frankreich. In bezug auf Marcel Paul und
Oberst Manhes vgl. Seite 90, Fußnote 5.
7) Ein von elf
Bezirksvereinigungen und Marceau Pivert auf dem Kongreß vom November 1951
unterstütztes Gesuch um Wiederaufnahme wurde auf Grund des Einspruches von
Daniel Mayer und Guy Mollet abgelehnt.
-12-
Weil ich (so nebenbei) auf
eine der Ungeschicklichkeiten aus seiner Feder aufmerksam gemacht hatte, hielt
er sich verpflichtet, sie durch eine weitere zu verbessern (vgl. Seite 165 und
Fußnote), nämlich Maurice Guerins Thema wiederaufzunehmen, um etwas
nachzuweisen, das er überdies noch nicht zu lesen verstand.
"Alle Verschickten haben
gelogen, behauptet Paul Rassinier, der das Vorhandensein von Gaskammern
bestreitet", schrieb er am Kopf eines Artikels,
dessen Überschrift, "Ein Fälscher und Verleumder auf frischer Tat ertappt"
("Droit de Vivre" = "Das Recht zum Leben", 15.12.1950), mir allein schon
erlaubt hätte — wenn es mir in den Sinn gekommen wäre, ihm in diesem günstigen
Augenblick die Antwort erteilen zu lassen — materiellen Schadenersatz durch
irgendein Strafgericht zu erhalten. Der Fahnenträger der dritten Welle war Remy
Roure mit folgenden Worten:
"Dieser Rassinier
beschreibt das Lager Buchenwald wie folgt:
Alle Blocks sind
geometrisch und angenehm auf dem Hügel verteilt und durch betonierte Straßen
miteinander verbunden: Zementtreppen mit Geländer führen zu den am höchsten
gelegenen Blocks;
vor jedem von ihnen eine
Pergola mit Schlingpflanzen, kleine Gärtchen mit Blumenrasen — hier und da
kleine Rondells mit Fontänen oder kleinen Statuen. Der Appellplatz, etwa einen
halben Quadratkilometer groß, ist vollkommen gepflastert und so sauber, daß man
keine Stecknadel verlieren kann. Ein zentral gelegener Fischteich mit
Tauchbecken, ein Sportgelände, kühle Schattenanlagen, wie man sie nur wünschen
kann, ein wahres Lager für Ferienkolonien; und irgendein Passant, der währen der
Abwesenheit der Häftlinge zur Besichtigung zugelassen würde, verließe es in der
Überzeugung, daß man dort ein angenehmes Leben voller Waldpoesie führt und
jedenfalls ausnehmend beneidenswert, außerhalb jedes alltäglichen Vergleichs mit
den Beschwernissen des Krieges, die das Los der freien Menschen sind. . .
Ich frage meine Kameraden
von Buchenwald: Erkennt Ihr Euer Lager wieder?"
("Force ouvriere", 25. Januar 1951.)
Remy Roure kann "seine
Kameraden von Buchenwald" fragen: diese Stelle ist aber in "Erleben der anderen"
nicht zu finden. Vor dem Strafgericht in Bourg-en-Bresse überführt,
entschuldigte er sich und wollte gerne einräumen ("Le Monde", 26. April), er
habe das Werk nicht gelesen, sondern mich allein nach Maurice Bardeche zitiert.
Nun ist es zwar richtig, daß Maurice Bardeche diese Stelle in seinem
"Nürnberg oder die Falschmünzer"6) zitiert, ebenso zutreffend ist
aber auch, daß er sie
8) Man hat mir gesagt,
Maurice Bardeche stehe auf der äußersten Rechten und habe in zahlreichen
anderen Fällen nicht den Beweis von derselben Sorge um Objektivität
erbracht: das stimmt, und ich habe nie davon Abstand genommen, dies jedesmal
zu sagen, wenn ich glaubte, dazu Anlaß zu haben. Aber dies ist weder ein
Grund, sein Verdienst im vorliegenden Fall zu bestreiten, noch ihm die
Anerkennung zu versagen, daß er auf fast einer ganzen Seite seiner beiden
Werke über Nürnberg — die ebenso ungerecht beurteilt wurden wie "Die Lüge
des Odysseus" — das deutsche Problem nach denselben Denkgesetzen behandelt,
nach welchen die Schriftsteller Mathias Morhardt, Romain Rolland und Michel
Alexandre, die allerdings auf der Linken standen, nach dem I. Weltkrieg
vorgegangen sind. Und es ist auch nicht meine Schuld, wenn In einem
sonderbaren geschichtlichen Auf und Ab die Leute der Linken, die 1938-1939
den zur Rechten gehörenden Nationalismus und Chauvinismus übernahmen, die
sonst von der Linken vertretene Wahrheit genötigt haben, Asyl bei der
Rechten und der äußersten Rechten zu suchen. Wie dem auch sei, der Chronist
kann sich nicht damit abfinden, über das Stoffliche historischer Tatsachen
nach den wechselnden Imperativen der Politik zu sprechen, und, nach dem
Beispiel von Merleau-Ponty (vgl. S. 18) eine Sache nur dann als richtig
anerkennen, wenn dies der Propaganda dient. (Anm. des Verlages: Deutsche
Ausgabe "Nürnberg — oder die Falschmünzer" Verlag K. H. Priester-Wiesbaden,
1957.)
9) Abkürzung für
Konzentrationslager.
-13-
"Eigenes Erleben" entnimmt
— wo sie sich nämlich befindet, um eine Vorstellung von der materiellen
Beschaffenheit, nicht des Lagers Buchenwald, sondern des Lagers Dora am Ende
seiner Entwicklung zu geben — und daß er durchaus ehrlich nicht versucht, ihren
Sinn zu entstellen oder sie aus dem Zusammenhang zu reißen.
Möge es Remy Roure nicht
mißfallen, wenn ich hinzufüge, daß das Lager Dora in Abwesenheit der Häftlinge —
ja, ich sage: in Abwesenheit der Häftlinge! — sehr wohl der Beschreibung glich,
die ich von ihm gebe, und daß alle, die es kennengelernt haben, mir hierin
zustimmen. Wenn die Häftlinge nach einem langen und erschöpfenden Arbeitstag
dorthin zurückkehrten, gab ihm die Konzentrationslager-Bürokratie ein völlig
anderes Aussehen, wie aus dem hervorgeht, was der mir so leichtsinnig
vorgeworfenen Stelle vorausgeht und nachsteht, und das Remy Roure — weil er es
aus guten Gründen nötig hat! — geschickt durch Verdächtigungen ersetzt!
Ich verzeihe Remy Roure
diese üble Handlungsweise gern. Und wäre es auch nur, weil er in demselben
Artikel folgendes geschrieben hat:
". .. die Stammannschaften
in den K. Z.9), die Kapos, Blockältesten, Vorarbeiter, Stubendienste,
die selbst Häftlings waren und vom langsamen Sterben ihrer Kameraden lebten ..."
also eines der Themen in
"Die Lüge des Odysseus" in so schlagender Form rechtfertigte und ganz genau das
Gegenteil von dem schrieb, was alle Akkordarbeiter der Literatur über die
Konzentrationslager, David Rousset an der Spitze, bis dahin geschrieben hatten.
Aber ich stelle folgende
Frage: Soll das, was Verleumdung und üble Nachrede ist, wenn es von mir ausgeht,
ein Wort des Evangeliums und achtenswert sein, wenn es von Remy Roure kommt?
Oder sollte es wohl so
sein, daß man mir nicht verzeiht, daß ich der erste war, der versuchte, die
Quelle zu dieser schrecklichen Wahrheit zu erschließen?
-14-
Mit Stillschweigen übergehe
ich die giftigen Zeitungsartikel, die von den Vereinigungen der Verschickten
ausgingen, um die öffentliche Meinung im Alarmzustand zu halten, und die von
Zeitungen wie "Franc-Tireur", "L'Aube", "L'Aurore", "Le Figaro" usw....
willfährig alle acht oder vierzehn Tage veröffentlicht wurden: sie wichen
schließlich derart von der Objektivität ab, daß der Titel meines Werkes zur:
"Legende von den Konzentrationslagern ..." geworden war.
Im März wuchs sich der
gegen uns geführte Angriff zum Wahnsinn aus.
Ein kleiner Federfuchser im
Journalismus äußerte sich im "Progres de Lyon", indem er mir großmütig
folgende Behauptung zuschrieb:
"Die Mißhandlungen, eine
liegende! Die Verbrennungsöfen, eine Legende! Die elektrischen Zäune, eine
Legende! Die Toten bündelweise zu zehn, eine Legende!"
Und auch Jean Kreher, der
Anwalt, den sich die Verschicktenvereinigungen genommen hatten, versuchte es im
"Rescape", dem Organ der Verschickten, nochmals mit folgendem, was nach
seiner Meinung aus meiner Studie hervorgehe:
" . . . denn, wenn wir mit
Wurst, mit ausgezeichneter Margarine vollgepfropft wurden, wenn alles vorgesehen
war, um uns die notwendige Versorgung und Zerstreuung zu verschaffen, wenn das
Krematorium nur eine Einrichtung ist, welche die Hygiene gebietet, wenn die
Gaskammer ein Mythus ist, wenn mit einem Wort die SS für uns voller
Zuvorkommenheit war, worüber beklagt man sich dann?"
Der Leser möge entscheiden,
ob man dies aus dem von mir Geschriebenen folgern kann.
Übrigens haben alle diese
Leute ihre Kräfte rein umsonst vertan. Die "Wahrheit", der sie zum Siege
verhelfen wollten, hat nicht gesiegt, und die mangelnde Glaubwürdigkeit, die sie
uns vergeblich nachzusagen versuchten, fällt heute auf sie zurück, nachdem außer
der schmerzlichen Schlappe, die ihnen der Kassationshof zugefügt hat, auch Andre
Rousseaux im "Figaro Litteraire" vom 9. 10. 1954, der doch alle
Akkordarbeiter der Literatur über die Konzentrationslager unterschiedslos bis in
den Himmel erhob, schon von sich aus darauf gekommen war — wahrscheinlich unter
dem Einfluß der öffentlichen Meinung —, sich folgende Frage zu stellen:
"Aber ist die rechtliche
Stellung als ehemalige Verschickte für die Überlebenden dieser Hölle nicht sehr
rasch derjenigen der ehemaligen Frontkämpfer aller Kriege gleich geworden:
nämlich weitaus mehr Opfer als Zeugen?"
-15-
Denn diese Art zu sprechen,
die sich augenscheinlich der Frageform nur als Vorsicht im Stil bedient, ist vor
der Geschichte eine Verurteilung im großen und ganzen, gegen die es keine
Berufung gibt, und wird durch alle diese ebenso orientierten wie interessierten
Aussagen, vor denen ich als erster die Öffentlichkeit gewarnt habe, noch
wertvoller als das Urteil des Kassationshofes.
Das Unglück ist nur, daß
dies — leider! — etwas zu spät kommt. Und daß eine so verdächtige Literatur, wie
es die über die Konzentrationslager ihrem Entstehen nach war, daß eine
Literatur, die heute schon niemand mehr ernst nimmt, und die eines Tages die
Schande unserer Zeit sein wird, jahrelang die fundamentalen Prinzipien für eine
Moral geliefert hat (die eine Verteidigung des Bolschewismus war — das ist von
Bedeutung!) und für eine Politik10) die Bürgschaft leistete (die das
mit der Staatsräson gerechtfertigte Banditentum war — was natürlich davon
kommt).
*
* *
Und nun zum Kernpunkt des
Streites, den ein Beispiel zugänglicher machen wird.
Eine neue Aussage über die
deutschen Konzentrationslager ist in Ungarn erschienen, deren Verbreitung in der
Öffentlichkeit Frankreichs "Les Temps Modernes" übernommen hat:
"SS-Obersturmführer Doktor Mengele", von Dr. Nyiszli Miklos. Sie betrifft das
Lager Auschwitz-Birkenau.
Der erste Gedanke, der das
Hirn durchzuckt, ist, daß diese Aussage in Ungarn nur mit Zustimmung Moskaus
über die vorgeschobene Person eines Martin-Chauffier von dort unten erscheinen
konnte, dessen Vollmachten als Vorsitzender einer Vereinigung, die unserer C. N.
E.11) entspricht, weitreichend genug sind, um verhindern zu können,
daß "Die Lüge des Odysseus" dort das Licht der Welt erblickt.
Allein schon deshalb müßte
sie also verdächtig sein.
Hierin liegt aber die Frage
nicht.
Unter anderem behauptet
dieser Dr. Nyiszli Miklos, daß im Lager Auschwitz-Birkenau vier Gaskammern12)
von 200 m Länge (über die Breite ist nichts gesagt), verdoppelt durch vier
andere vom gleichen Ausmaß zur Vorbereitung der Bedauernswerten auf die
Opferung, täglich
10) Seitdem haben sich
die Dinge sehr verändert. In der Regierung wird die Politik stets, oder fast
stets, von denselben Staatsmännern gemacht (sie), aber sie beruht auf dem
Antibolschewismus, und in diesem Sinne ist sie genau das Gegenteil von dem,
was sie damals war. Demzufolge sind die Sachwalter des Antibolschewismus in
Presse und Literatur die gleichen, die damals den Bolschewismus verteidigt
haben.
12) C.N.E. = Comite
National des Ecrivains (Nationalausschuß der Schriftsteller). 12) In "Le
Monde" vom 9. Januar 1952 übersetzt der Generalstaatsanwalt Andre Boissarie:
sechsundvierzig!
-16-
20 000 Personen vergast,
und daß vier Verbrennungsöfen, jeder mit 15 Nischen zu 3 Plätzen, sie in
demselben Maße einäscherten. Außerdem, so fügt er hinzu, wurden ebenfalls
täglich 5000 weitere Personen durch weniger moderne Mittel beiseite geschafft
und in zwei ungeheuren Feuern im Freien verbrannt. Weiter fügte er noch an, er
habe diesen systematischen Massakern ein Jahr lang persönlich beigewohnt.
Ich behaupte, daß dies
alles offensichtlich unrichtig ist und man nicht selbst Verschickter gewesen zu
sein braucht, um dies mit etwas gesundem Menschenverstand festzustellen.
Da das Lager
Auschwitz-Birkenau gegen Ende 1939 errichtet und im März 1945 geräumt wurde,
müßte man, wenn man dem Dr. Nyiszli Miklos den Rhythmus von 25 000 Menschen
täglich glauben sollte, zu geben, daß in fünf Jahren etwa 45 Millionen Menschen
dort umgekommen sind, von denen 36 Millionen durch die vier Verbrennungsöfen
nach ihrer Vergasung und 9 Millionen durch die Feuer im Freien eingeäschert
wurden.
Wenn es auch durchaus
möglich ist, daß die vier Gaskammern in der Lage waren, täglich 20 000 Personen
zu vergasen (3000 je Schub, sagt der Zeuge), so kann es aber keinesfalls möglich
sein, daß die vier Verbrennungsöfen sie im gleichen Maßstab hätten einäschern
können. Selbst wenn 15 Nischen zu drei Plätzen vorhanden waren. Auch nicht, wenn
die Verbrennung nur 20 Minuten beansprucht hätte, wie es Dr. Nyiszli Miklos
behauptet, was abermals falsch ist.
Unter Zugrundelegung
dieser Zahlen hätte die Aufnahmekapazität aller gleichzeitig arbeitenden Öfen
trotz allem nur 540 in der Stunde, also 12.960 in täglich 24 Stunden betragen.
Und bei diesem Rhythmus wäre man erst einige Jahre nach der Befreiung mit der
Beseitigung zu Ende gekommen.
Natürlich nur unter der
Bedingung, daß während dieser annähernd zehn Jahre keine Minute verloren wurde.
Wenn man heute bei dem Pere-Lachaise — dem Pariser Friedhof — über die Dauer
einer Einäscherung von drei Leichen in einer Nische nachfragt, wird man zu der
Erkenntnis kommen, daß die Öfen von Auschwitz noch immer brennen müßten und man
noch nicht daran denken kann, sie zu löschen!
Die beiden Feuer im Freien
(die nach Angaben unserer Verfassers 50 m lang, 6 m breit und 5 m tief waren)
und mit deren Hilfe es gelungen sein sollte, 9 Millionen Leichen in fünf Jahren
zu verbrennen, übergehe ich...
Übrigens ist auch etwas
anderes nicht möglich, zumindest bei der Vernichtung durch Gase: alle, die sich
mit diesem Problem befaßt haben, sind sich darüber einig, daß "in den wenigen
Lagern, in denen es Gaskammern gab" (wie E. Kogon sagt), diese endgültig
erst ab März 1942 soweit
-17-
waren, daß sie arbeiten
konnten, und daß ab September 1944 Befehle, die man ebensowenig aufgefunden
hat wie die anderen, die sie aufhoben, untersagten, sie zu Vergasungen zu
benutzen. Nach dem von Dr. Nyiszli Miklos vorgebrachten Rhythmus kommt man immer
erst auf 18 Millionen Leichen für diese 2½ Jahre, eine Zahl, die Tibere Kremer,
sein Übersetzer, man weiß nicht kraft welcher Mathematik, diktatorisch auf sechs
Millionen reduziert hat13).
Und ich stelle folgende
neue und doppelte Frage: welches Interesse konnte er gehabt haben, den Grad des
Schreckens so zu übertreiben, und welches Ergebnis hat diese Art des Vorgehens,
die allgemein war, gehabt?
Man hat mir schon
geantwortet, da ich die Dinge in Anwendung einer weltweiten Abwehrtheorie auf
ihr wahres Maß reduziert hätte, könnte ich keine andere Absicht gehabt haben,
als die Verbrechen des Nazismus zu verkleinern.
Ich habe eine andere
Antwort, die längst fertig ist, für die aber jetzt keinerlei Grund mehr
vorliegt, sie nicht zu veröffentlichen. Bevor ich sie aber gebe, möchte ich dem
Leser noch einen für den Geisteszustand unserer Zeit bezeichnenden Vorfall zur
Beurteilung unterbreiten.
Als Leser der "Temps
Modernes" habe ich dieser Revue natürlich mitgeteilt, zu welchen
Gedankengängen die von ihr für Dr. Nyiszli Miklos gemachte Reklame mir Anlaß
gab.
Hier die Antwort, die ich
von Merleau-Ponty erhielt:
"Die Geschichtsschreiber
werden sich diese fragen zu. stellen haben. Gegenwärtig aber führt diese Art der
Nachprüfung von Aussagen nur dazu, sie dem Verdacht auszusetzen, es fehle ihnen
eine Genauigkeit, die man mit Recht von ihnen erwarten dürfe. Und da im
Augenblick die Tendenz mehr darauf gerichtet ist, die deutschen Lager zu
vergessen, ermutigt diese Forderung nach strenger historischer Wahrheit eine
umfangreiche Fälschung, die darin besteht, im großen und ganzen zuzugeben, daß
der Nazismus eine Fabel ist."
Ich fand diese Antwort
köstlich und unterließ es, Merleau-Ponty zu erwidern, daß er die russischen
Lager und auch ... die französischen vergäße!
Denn wenn diese Doktrin
zugelassen werden müßte, daß die Forderung nach einer strengen geschichtlichen
Wahrheit schon eine umfangreiche Fälschung in der Gegenwart ermutige, dann fragt
man sich angst-
13) Ich habe Dr.
Nyiszli Miklos geschrieben und ihm alle diese Unmöglichkeiten vorgestellt.
Hier seine Antwort: 2500000 Opfer! Ohne weiteren Kommentar. Dies liegt der
Wahrheit schon näher und begründet, da die Gaskammern sicher bei weitem noch
nicht aufgeklärt sind, schon eine gewisse Zahl von Greueln. Was die
Genauigkeit seiner Aussage über die Gaskammern betrifft, »o beweist die Art,
In der er sie darstellt, rar Genüge, daß er sie nie gesehen hat, weder Im
ruhenden Zustand noch Im Betrieb. Ein Fälscher mehr!
-18-
erfüllt, zu welcher
Ungeheuerlichkeit die umfangreiche Fälschung der Gegenwart auf geschichtlichem
Gebiet zu führen droht. Man stelle sich nur vor, was die Historiker der Zukunft
von dem abscheulichen Nürnberger Prozeß denken werden, von dem heute schon
einleuchtet, daß er die Entwicklung der Menschheit auf kulturellem Gebiet um
zweitausend Jahre zurückgeworfen hat, das heißt bis zu der in allen Lehrbüchern
der Geschichte als Verbrechen bezeichneten Verurteilung des Vercingetorix durch
Julius Cäsar.
Die Beziehungen, die
Merleau-Ponty, Professor der Philosophie, zwischen Wirkungen und Ursachen
herstellt, scheinen nicht von ausnahmsweiser Strenge zu sein, was beweist, daß,
wenn jeder bei seinem Beruf bleibt, auch in der Philosophie ..., unsere
Schäflein gut behütet sind.
*
* *
Außer meiner These über die
Bürokratie der Konzentrationslager, deren entscheidende Rolle in der
Systematisierung des Schreckens ich beleuchtet habe, hat der neue Aspekt, unter
dem ich die Gaskammern darstelle, die Hersteller von Bilderbogen über die
Konzentrationslager am schmerzlichsten getroffen. Die beiden Dinge sind eng
miteinander verbunden, und dies erklärt alles.
Für diese erregende Frage
liegt eine gewisse Zahl von Tatsachen vor, die ehrlichen Menschen keinesfalls
entgangen sein können.
Zuerst einmal sind alle
Zeugen (des Prozesses gegen P. Rassinier, der Übers.) sich darüber einig, daß
zehn von diesen Zeugen14) — die vom Zivilkläger gegen mich zitiert
wurden15) — vor den Schranken des Straf-
14) Darunter auch
Professor Richet, Mitglied der Medizinischen Akademie.
15) Zwei Zeugen, die
sich der Anklagebehörde zur Verfügung gestellt hatten, haben sich der Mühe
des Erscheinens nicht unterzogen: Martin-Chauffier und der unbeschreibbare
Pater Riquet, Prediger von Notre Dame. Der erstere, von dem leicht zu
verstehen ist, daß er Hemmungen hatte, vor den Schranken des Gerichts, und
unter dem Rampenlicht, "seiner Grammatik so sicher", die Rede zu halten, die
er hielt, ohne in seine Bücher zu schauen, beschränkte von sich aus seine
Rolle auf ein Telegramm, in welchem er eine unnachsichtliche Verurteilung
forderte. Der zweite bestätigte in einem langen Brief an das Gericht, daß
wir, Paraz und ich, niederträchtige Geschöpfe seien. Diese Bestätigung
bekommt ihre volle Bedeutung und Köstlichkeit erst, wenn man erfährt, daß
im Juni 1953 ein gewisser Mercier, für dessen Ehrbarkeit sich Pater Riquet
verbürgt, und dessen Eigenschaften als Patriot und Widerstandskämpfer er
bezeugt hatte, im Gebiet von Lyon verhaftet wurde. Nun war aber Mercier, der
während der Besatzungszeit Kraftfahrer im Dienste einer deutschen
Organisation gewesen war, nur wegen "Mangels an Zartgefühl" festgenommen
und verschickt worden. Als er zurück war, bediente er sich der ihm von Pater
Riquet in harmloser Weise ausgehändigten Bescheinigung, um das Vertrauen
religiöser Kreise zu gewinnen, die er um einige Millionen erleichterte . . .
Wenn es uns um so lieber Ist, daß wir die Aussage dieses sonderbaren
Priesters gegen uns haben, der authentischen Kollaborateuren
Widerstandsbescheinigungen und Schurken Ehrbarkeitsbescheinigungen
ausstellte und ihnen somit leicht" fertig die Mittel zur Ausübung ihres
"Gewerbes" zum geringsten Risiko aushändigte, so wird Gott der erste sein,
der uns verzeiht. Und wenn er in seiner Sanftmut auch dem Pater Riquet
verzeiht, so werden wir die ersten sein, die sich darüber freuen. Zur
Entlastung des Paters Riquet sei noch gesagt: er ist nicht der einzige, der
Widerstandsbescheinigungen aus Gefälligkeit ausgestellt hat: Lecourt, ein
Abgeordneter der M.R.P. und einstiger Justizminister, stellte für Joinovici,
einen Agenten der deutschen Abwehr, auch eine aus. Pierre Berteaux,
ordentlicher Professor und ehemaliger Direktor für Nationale Sicherheit,
händigte eine andere dem Gestapoagenten Leca aus, der in den Diebstahl der
Juwelen der Begum verwickelt war, und der Schurke Dilasser konnte unter dem
Segen aller Minister einer Regierung mit Hilfe von Bescheinigungen dieser
Art von Ausstellern, deren Namen man sehr vorsichtig verschwieg, weil sie in
der Hierarchie des Regimes sehr hohe Stellungen bekleideten, eine Milliarde
Francs erpressen. Soweit sind wir gekommen!
-19-
gerichts in Bourg-en-Bresse
folgendes bestätigt haben: kein lebender Verschickter — ich bitte
Merleau-Ponty, der sich so leichtfertig für Dr. Nyiszli Miklos verbürgt, darob
um Verzeihung — hat gesehen, daß mit diesem Mittel Vernichtungen vorgenommen
wurden. Persönlich habe ich diese Erfahrung hundertfach gemacht, und die
Unbesonnenen, die das Gegenteil behaupteten, vor der Öffentlichkeit
zurechtgewiesen. Ich bin also im Recht, wenn ich sage, daß alle, die wie David
Rousset oder Eugen Kogon sich in kleinliche und rührselige Beschreibungen des
Betriebs eingelassen haben, dies nur auf Grund von albernen Erzählungen taten16).
Dies — und ich präzisiere nochmals, um jedes Mißverständnis zu vermeiden — soll
absolut nicht heißen, es hätte in den Lagern keine Gaskammern gegeben oder es
hätten keine Vernichtungen durch Gas stattgefunden: das Vorhandensein einer
Einrichtung ist eine Sache für sich, eine andere, wozu sie bestimmt ist, und
eine dritte, wie sie tatsächlich verwendet wurde.
An zweiter Stelle ist
bedeutungsvoll, daß in der ganzen Literatur über die Konzentrationslager und
auch vor dem Gericht in Nürnberg kein Dokument beigebracht werden konnte, aus
dem hervorginge, daß in den deutschen Konzentrationslagern auf Anordnung der
Regierung Gaskammern "in der Absicht eingerichtet worden waren, sie zur
Massenvernichtung von Häftlingen zu benutzen".
Gewiß, es sind vor den
Schranken dieses Gerichts Zeugen erschienen, meist Offiziere und Unteroffiziere,
aber auch einfache Männer der SS, die ausgesagt haben, daß sie Vernichtungen
durch Gas vorgenommen und hierzu Befehl gehabt hätten: keiner von ihnen konnte
aber den Befehl vorlegen, hinter dem er sich verschanzte, und keiner dieser
Befehle, außer zweien, die ich in diesem Werk erwähne und die absolut nichts
beweisen, wurde in den Archiven der Lager bei der Befreiung gefunden. Man mußte
diesen Zeugen also aufs Wort glauben. Wer beweist mir, daß sie dies nicht
ausgesagt haben, um ihr Leben in dieser Atmosphäre des Schreckens zu retten, die
über Deutschland nach seinem Zusammenbruch zu regieren begann?
Hierzu eine kleine
Geschichte, die um einen anderen sogenannten Befehl spielt, der von Himmler
gegeben wurde, und der in der Literatur über die Konzentrationslager
breitgetreten wird: jener Befehl, beim Herannahen der alliierten Streitkräfte
die Lager in die Luft zu sprengen und so ihre Insassen nebst den Wachen zu
vernichten.
16) Einschließlich des
Janda Weiß, von dem auf Seite 189 die Rede ist.
-20-
Der SS-Oberarzt des Reviers
in Dora, Dr. Plaza, bestätigte es, als er gefangen genommen wurde, und hat sich
damit das Leben gerettet17). Vor dem Nürnberger Gericht stellte man
ihn den Angeklagten gegenüber, die dies bestritten. Dann aber konnte man im
"Figaro Litteraire" vom 6. Januar 1951 unter der Überschrift "Ein Jude
verhandelt mit Himmler" und unter der Unterschrift von Jacques Sabille
folgendes lesen:
"Dank des von Günther auf
Himmler durch Vermittlung von Kersten (seinem Leibarzt) ausgeübten Drucks, ist
der kannibalische Befehl, die Lager bei Annäherung der Alliierten in die Luft zu
sprengen — ohne die Wachen auszusparen — ein toter Buchstabe geblieben."
Was also besagen soll, daß
dieser Befehl, der von jedermann empfangen und überreich kommentiert wurde,
niemals gegeben worden ist.
Wenn es sich mit den
Befehlen zur Vernichtung durch Gas nun ebenso verhalten hätte ...
Nun, wird man sagen, wozu
aber dann diese Gaskammern in den Konzentrationslagern?
Wahrscheinlich — und ganz
einfach —, weil das im Krieg befindliche Deutschland beschlossen hatte, von
seinen Industrien möglichst viele in die Lager zu verlegen, um sie den
Bombenangriffen der Alliierten zu entziehen und dabei keinen Grund hatte, mit
seinen chemischen Industrien eine Ausnahme zu machen.
Daß Vernichtungen durch Gas
vorgenommen worden sind, erscheint mir möglich, aber nicht sicher: ohne Feuer
gibt es keinen Rauch. Aber daß sie so weit verallgemeinert worden sind, wie es
die Literatur über
17) Im Struthof-Prozeß
erschien der Arzt Major Dr. Boogaerts aus Etterbeck (Belgien) und erklärte
am 25. Juni 1954: "Es war mir gelungen, mich dem Revier des Lagers zuweisen
zu lassen, wo ich als Arzt dem SS-Arzt, Dr. Plaza, unterstellt wurde, dem
einzigen Manne In Struthof, der noch menschliche Gefühle hatte."
Nun, in Dora, wohin
dieser Dr. Plaza später als Lagerarzt kam, schrieb ihm die einhellige
Auffassung die Verantwortung für alles Unmenschliche bei der Untersuchung
und Behandlung der Kranken zu. Die Chronik des Reviers strotzte von diesen
Missetaten, die, wie man sagte, sein Vertreter, Dr. Kuntz, nur schwer zu
mildern vermochte. Diejenigen, die ihn in Struthof gekannt hatten, sprachen
in haarsträubenden Worten von ihm. Persönlich hatte Ich mit Ihm zu tun und
bin der Meinung aller, die in derselben Lage waren: er war ein Rohling unter
Rohlingen. Wie groß aber war meine Überraschung, als ich nach Frankreich
zurückkam und dort sehen mußte, wie viele Zeugnisse über gutes Verhalten —
von bevorzugten Häftlingen allerdings! — für einen Mann abgegeben worden
waren, von dem jedermann im Lager bis zu den Wohlgesinntesten sagte, man
müsse ihn aufhängen. Erst als ich wußte, daß er der erste und für lange Zeit
auch der einzige war, der die Echtheit des Befehls zum Sprengen aller Lager
bei der Annäherung der alliierten Truppen und die Vernichtung aller ihrer
Insassen einschließlich der Wachen bestätigt halte, wurde mir klar: dies war
der Lohn für eine falsche Aussage, von der man damals nicht wissen konnte,
was sie wert war, die aber für den Aufbau einer Theorie unerläßlich war,
weil diese ihrerseits wieder in der Politik nicht entbehrt werden konnte.
Wenn man den deutschen
Zeitungen vom 17. Juni 1958 glauben darf, ist dieser Dr. Plaza, der Im
Prozeß gegen Martin Sommer vorgeladen war, schließlich entlarvt worden. Ich
beglückwünsche mich. daß ich mich nicht umsonst damit beschäftigt habe, denn
Individuen dieser Art haben der Legende eines verallgemeinerten und
systematisierten Schreckens zum Glauben verholfen und sie auf diese Weise
der SS zur Last gelegt.
-21-
die Konzentrationslager
glaubhaft zu machen versucht, und dies im Rahmen eines nachträglich aufgebauten
Systems, ist bestimmt falsch. Alle Kavallerieoffiziere in unseren Kolonien sind
im Besitz einer Reitpeitsche, von der sie nach ihrer persönlichen Auffassung vom
militärischen Auftreten und je nach dem Temperament ihres Pferdes Gebrauch
machen dürfen: die meisten bedienen sich ihrer auch, um die Eingeborenen der
Länder zu schlagen, in denen sie tätig sind. So kann es auch sein, daß gewisse
Lagerleitungen18) die für einen ganz anderen Zweck bestimmten
Gaskammern zum Vergasen benutzten.
Nachdem das Gespräch soweit
gediehen ist, wäre die letzte Frage, die gestellt werden könnte, folgende: warum
haben die Verfasser von Zeugenaussagen mit einem so bemerkenswerten Korpsgeist
der im Umlauf befindlichen Lesart zum Glauben verholfen?
Hier sei es gesagt: weil
die Überlebenden der Bürokratie der Konzentrationslager, die uns in bezug auf
Nahrung und Bekleidung so schamlos bestohlen, so übel behandelt, brutalisiert
und uns derart geschlagen haben, daß man es nicht schildern kann, und die den
Tod von 82% — so sagen die Statistiken — von uns verursacht haben, in der
Gaskammer das einzige, von der Vorsehung gewollte Mittel sehen, mit dem sie alle
diese Leichen erklären und sich selbst rechtfertigen können19).
Doch dies war noch nicht
das Schlimmste: der Gipfel ist, daß sie willfährige Geschichtsschreiber gefunden
haben.
Schließlich ist der Dieb,
der lauter als sein Opfer schreit und dessen Stimme übertönt, um die
Aufmerksamkeit der Masse abzulenken, für unsere Literatur kein neues Thema.
Niemand hat sich gefragt,
warum es — außer in der Zeit der Lebensmittelzusatzkarten, die eine dem Zement
gleichende Rolle gespielt haben — weder gebietsweise noch auf nationaler Ebene
möglich gewesen ist, lebensfähige Vereinigungen von Verschickten zu bilden: es
ist der Fall, weil die Masse der Davongekommenen nicht freiwillig bereit ist,
sich auf ausdrücklichen Befehl der Beweihräucherer ihrer einstigen
Sklavenbewacher, die wie durch Zufall die Hauptpersonen der von ihnen
empfohlenen verschiedenen Bewegungen sind, in brüderlichen Gruppierungen
zusammenzuschließen.
18) Und dies betrifft
nicht die SS allein!
19) Diese These ist in
aufsehenerregender Form am 22. Juli 1953 von der Tribüne des Rates der
Republik herab durch den Senator eines Departements im Osten, de Chevigny,
bestätigt worden, der einstiger Verschickter nach Buchenwald war und
enthüllt hat, daß "die Deutschen die Häftlinge ihre eigene Polizei hatten
aufstellen lassen, und daß man. um eilige Hinrichtungen — ohne Gaskammern! —
zu vollstrecken, immer leidenschaftliche Amateure gefunden hätte. Alle, oder
fast alle Justizbeflissenen sind später in flagranti ertappt worden", fügte
der Senator hinzu (J. O. v. 23. Juli 1953 — Parlamentsdebatten). Der
Verfasser will Senator de Chevigny keinen Vorwurf daraus machen, daß er ihm
nicht spontan seine Zeugenaussage angeboten hat, sondern ihn verurteilen
ließ.
-22-
Die anderen Elemente der
Antwort auf die doppelte Frage, die ich soeben stellte, wird man in diesem Werke
und ganz besonders in seiner Schlußfolgerung finden.
*
* *
Eines der Elemente dieser
Antwort tritt jedoch in diesem Werke nicht in Erscheinung: der Prozeß des Lagers
Struthof, der noch nicht stattgefunden hatte, als die beiden Teile geschrieben
wurden.
Ganz wie das Buch des Dr.
Nyiszli Miklos offenbart dieser Prozeß eine gewisse Zahl von
Unwahrscheinlichkeiten über die Gründe des Ablebens von Menschen, die in diesem
Lager Häftlinge waren.
Wenn ich die von dem
Regierungskommissar vorgetragene Anklagerede gegen die Angeklagten lese, die
Mediziner von der Fakultät Straßburg waren, denen man medizinische Versuche
vorwarf, die sie an Häftlingen vorgenommen hatten, so finde ich nach der Zeitung
"Le Monde" in ihr:
1.
Daß man einem von ihnen vorwirft, die Tötung "von 87
Israeliten, Männern und Frauen, befohlen zu haben, die von Auschwitz angekommen
waren, in der Gaskammer hingerichtet und alsdann nach Straßburg geschickt
wurden, um in den anatomischen Sammlungen des deutschen Professors Platz zu
finden";
2.
daß man vom zweiten sagte: "Ich bin gern bereit,
zuzugeben, daß die erste Versuchsreihe keinen Todesfall herbeigeführt hat";
3.
folgenden Kommentar: "Es handelt sich jetzt um die
Frage, ob die Typhusversuche zu Todesfällen geführt haben. Capitaine Henriey
(der anklagende Regierungskommissar) gibt zu, daß er den Beweis hierfür
vielleicht nicht beibringen kann, aber glaubt, daß das Gericht seinen
Indizienbeweis auf Mutmaßungen stützen kann, wenn diese hinreichen, wie es hier
der Fall ist. Diese Indizien findet er in den Zeugenaussagen und den Erwägungen
des Nürnberger Urteils20); in den Lügen Haagens (dies ist der
angeklagte Arzt) und seinen Ausreden während der ersten Vernehmungen. Er glaubt,
daß diese Tatsachen dem Gericht ermöglichen dürften, die gestellte Frage
bejahend zu beantworten: hat Haagen sich Vergiftungen zuschulden kommen lassen?"
Dies beweist ganz
offensichtlich, daß man der Gaskammer in Struthof und den dort stattgefundenen
Versuchen nur 87 Tote zur Last legen kann. Wenngleich angesichts der auf alle
Lager ausgedehnten Behaup-
20) Den Leser muß dies
befremden, wenn er weiß, daß das Nürnberger Gericht genau dieselbe Folgerung
gezogen hat!
-23-
tungen der Literatur über
die Konzentrationslager diese relativ geringfügige Zahl dem wirklichen Geschehen
nichts von seinem Schrecken nimmt (wobei selbstverständlich zugegeben wird, daß
es sich entgegen den Angaben des Beschuldigten nicht um einen von seinem Willen
unabhängigen Zufall handelt), so darf dies doch nicht dazu führen, daß man die
Tausende und aber Tausende — vielleicht Zehntausende von Häftlingen vergißt, die
in diesem Lager gestorben sind, noch darf dies daran hindern, daß man sich
fragt, auf welche Weise und warum sie gestorben sind.
Daß ich nahezu der einzige
gewesen bin, der die Geister über diese tragische Seite des
Konzentrationslagerproblems aufgeklärt hat, indem ich ihnen zugleich die
Elemente zur Beurteilung lieferte, das heißt die Gründe, die aus jedem Lager ein
großes "Floß der Medusa"21) machten, sagt über die Not unserer Zeit
genug.
Die Ärzte von Struthof
beriefen sich bei ihrer Verteidigung darauf, daß die Versuche, zu denen sie sich
hergegeben hatten, unter denselben Sicherheitsvorkehrungen stattgefunden hätten,
wie sie bei ähnlichen Versuchen in Manila von den Engländern, in Sing-Sing22)
von den Amerikanern und von den Franzosen in ihren Kolonien getroffen wurden.
Ein hervorragender Professor aus Casablanca bestätigte es vor den Schranken des
Gerichts, wie andere vor ihm es schon vor dem Nürnberger Gericht getan hatten,
wenn man der meisterhaften Dissertation des Medizindoktoranden der französischen
Marine, Francois Bayie ("Croix gamme contre Caducee" = "Hakenkreuz
gegen Äskulapschlange") glauben darf, die 1950 in Frankreich veröffentlicht
wurde. Dieser Professor aus Casablanca hat sogar berichtet, wie eine bestimmte
Zahl von Schwarzen an einem Pockenserum starben, das man an 6000 von ihnen
ausprobiert hatte.
Dieses Argument ist
wertlos, sicher: man kann seine eigenen Missetaten nicht mit denen anderer Leute
entschuldigen.
Aber das Argument des
Regierungskommissars, der die Verurteilung der einen auf Grund von Mutmaßungen
fordert — denn das sagte er ja! — und die anderen, über die er ebenso strafbare
wie materiell begründete Tatberichte besitzt, nicht kennen will, ist ebenfalls
wertlos: man könnte noch besser sagen, die einen sind schuldig, weil sie
Deutsche sind, und die anderen unschuldig, weil sie Engländer, Amerikaner und
Franzosen sind.
21) Gemeint ist hier
der Schiffbruch eines Schiffes im Jahre 1816, bei welchem 149 Schiffbrüchige
nach und nach auf einem selbstgebauten Floß zugrunde gingen (der
Obers.).
22) Seitdem dies
geschrieben wurde, ist bekannt geworden, daß im Februar 1956 vierzehn
Insassen des Gefängnisses in Columbus (USA) eingewilligt hatten, daß ihnen
das Krebsvirus eingeimpft werde, wie es in einem gemeinen Struthof auch
getan wurde. (Nach der französischen Zeitung "Match" vom 23. 2. 57.)
-24-
Erst diese Art des Denkens
und Urteilens, deren Rechtfertigung primitivster Chauvinismus ist, läßt die
Erklärung zu, daß 600 in einer Kirche verbrannte Personen und ein zerstörtes
Dorf, Oradour-sur-Glane (Frankreich), Opfer des scheußlichsten Verbrechens sind,
während die Vernichtung von Hunderttausenden und aber Hunderttausenden von
Menschen -auch Frauen, Kindern und Greisen!-, die in Leipzig, Hamburg usw....,
in Nagasaki und Hiroshima unter den bekannten Verhältnissen, das heißt auf
genauso gräßliche Weise umkamen, eine unbestreitbare und heroische Tat
darstellt.
Sie ist es ferner, die
zuläßt, daß die Anklage gegen den ersten und wahrhaften Verantwortlichen für
alles nicht erhoben wird: gegen den Krieg!
Den Krieg: den von
1914—1918, dessen Folge der Nazismus war, der die Konzentrationslager benutzte —
und nicht erfand, wie man allgemein glaubt23) -, in welchen der Krieg
von 1959-1945 gegen den Willen der Menschen, der Henker wie der Opfer, jenes
verwerfliche Regime möglich gemacht hat, das man kennt.
Aber dies berührt den
Gegenstand nur nebenbei.
*
* *
Natürlich sind wir so frei
oder haben die Stirn, zu glauben, daß es weder von der Strafkammer in
Bourg-en-Bresse noch vom Berufungsgericht in Lyon, selbst nicht vom
Kassationshof abhängt, ob wir Recht oder Unrecht haben: Rechtsanwalt Dejean de
la Batie hat überaus klug in unserem Namen darauf hingewiesen, daß der Streit,
zu dem man uns herausgefordert hatte, nur zwischen Gelehrtenvereinigungen oder
an jedem anderen Ort denkbar ist, an dem Menschen gewohnt sind, über soziale
Probleme zu disputieren, nicht aber vor einem Gericht.
Aber die improvisierten
Führer der schemenhaften Verschicktenvereinigungen, denen zuliebe die
staatlichen Stellen so nachgiebig sind, glauben an keine anderen Wahrheiten als
diejenigen, welche gerichtlich verordnet werden, und denen der Gendarm in der
Öffentlichkeit zwangsweise nachhilft. Sie sind nicht gegen das
Konzentrationslager, weil es ein Konzentrationslager ist, sondern weil man sie
darin eingesperrt hat: kaum befreit, haben sie verlangt, daß man die anderen
dorthin scharfe. Es besteht also keine Gefahr: sie werden sich wohlweislich
hüten, uns in den Saal wissenschaftlicher Gesellschaften einzuladen!
23) Die Bolschewiken,
die sie auch nicht erfanden, haben sie lange schon benutzt, bevor noch vom
Nazismus die Rede war.
-25-
Ich meinerseits lehne es
ab, mich in der ausweglosen Debatte, die man uns vor den Richtern vorgeschlagen
hat, vor der öffentlichen Meinung jedoch verweigert, zum Stillschweigen
verurteilen zu lassen.
Als ich "Erleben der
anderen" schrieb, glaubte ich, in die Fußstapfen der Blanqui, Proudhon, Louise
Michel, Guesde, Vaillant, Jaures zu treten und anderen, wie Albert Londres
("Dante hatte nichts gesehen"), Dr. Louis Rousseau ("Ein Arzt im
Gefängnis"), Will de la Ware et Belbenoit ("Die Begleiter der Schönen"),
Mescion ("Wie ich 15 Jahre Gefängnis verbüßte") usw. ..., zu
begegnen. Sie alle hatten das Problem der Abwehr und der Ordnung des
Strafvollzugs aufgeworfen und waren dabei von denselben Feststellungen mit
denselben Worten wie ich ausgegangen. Sie alle hatten bei der sozialistischen
Bewegung ihrer Tage eine sympathische Aufnahme gefunden.
Daß sich die erbittertsten
Gegner meines Buches gerade unter den Leitern der Sozialistischen Partei und der
Kommunistischen Partei befanden — Arbeitsgemeinschaft? —, läßt sich vielleicht
aus dem merkwürdigen und angeblichen Gesetz des historischen Auf und Ab
erklären. Fest steht, daß Alain Sergent, der die Art des französischen
Strafvollzugs besprochen und den von ihm angelegten Maßstab ebenfalls der
traditionellen sozialistischen Bewegung entnommen hat ("Ein Anarchist der
schönen Epoche", Verlag du Seuil), hauptsächlich außerhalb der
sozialistischen Bewegung Widerhall gefunden hat.
Und daß in der Debatte, die
damals über die Amnestie in der National Versammlung stattfand, die Haltung der
Vertreter der Sozialistischen Partei und der Kommunistischen Partei als ein
überwältigender Beweis dafür verzeichnet werden konnte, daß es sich um eine
systematische und sozusagen doktrinäre Stellungnahme handelte.
Ich bedaure, daß diese
Einstellung von nichts anderem ausgeht als den mißbrauchten Begriffen Nation,
Vaterland und Staat. Aus diesem Grunde wurden diejenigen, welche darauf pochen,
die geistigen Erben der Kommunarden, der Jules Guesde und Jaures zu sein,
unmerklich dahin gebracht, sich für eine Literatur einzusetzen, die, weil sie
die elementarsten Gegebenheiten des Problems der Abwehr in einer auf
Geschichtsfälschung gestützten Kultur des Schreckens erstickte, zugleich eine
Atmosphäre des Mordes in Frankreich geschaffen und einen unergründlichen Graben
zwischen Frankreich und Deutschland aufgeworfen hat. Unabhängig von weiteren
genauso widersinnigen Ergebnissen auf anderen Gebieten.
In einem seiner
aufrichtigen Augenblicke war David Rousset ihnen jedoch zuvorgekommen:
"Die Wahrheit ist, daß
Opfer wie Henker gemein waren; daß die Lehre der Lager die Brüderlichkeit in der
Verworfenheit ist; daß
-26-
dir, wenn du dich nicht
gemein benommen hast, nur die Zeit dazu gefehlt hat und die Verhältnisse dafür
nicht geeignet waren; daß bei dem Zerfall der Lebewesen nur ein Unterschied im
Rhythmus besteht; daß die Trägheit im Rhythmus die Mitgift großer Charaktere
ist; daß aber die Hefe, also das unten Sitzende, das steigt, steigt, steigt,
etwas genauso Fürchterliches ist. Wer wird das glauben? Um so mehr, als die
Davongekommenen es nicht mehr wissen werden. Sie werden auch reizlose
Bilderbogen und abgeschmackte Helden aus Pappmache erfinden. Das Elend der
Hunderttausende von Toten wird diesen Stichen als Tabu dienen." ("Die Tage
unseres Todes", Seite 488, Ed. de Paris, 1947.)
Sie haben getan, als
verstünden sie nichts. Und er, der allzusehr damit beschäftigt war, die von ihm
zuerst verteidigten Kommunisten nun vor den Strafrichter zu bringen, hatte es
zweifellos vergessen.
*
* *
Für den Leser wird es von
Nutzen sein, noch über einige Geschehnisse nachfolgender Art nachdenken zu
können:
Am 26. Oktober 1947
veröffentlichten alle Zeitungen folgenden kurzen Artikel:
"Noch ein Drama der
Konzentrationslager vor dem Militärgericht:
Ein Italiener, Pierre
Fiorelini, wurde angeklagt, zur Zeit von Bergen-Belsen sieben seiner Kameraden
getötet zu haben. Er war Krankenwärter, übrigens einer mit recht eigenartigen
medizinischen Methoden. Sein Vergnügen war, Harmonika zu spielen und seine
Mithäftlinge nach dem Klang dieses Instruments tanzen zu lassen. Wenn sie sich
weigerten, strafte er sie mit Stockschlägen. Als er eines Tages einen kranken
Leutnant zu pflegen hatte, führte er ihn in den Waschraum, wusch ihn dort, und
als der andere gegen die Roheit seiner Bewegungen protestierte, tötete er ihn
mit Stockschlägen. Die Kameraden des Betreffenden versuchten, ihn daran zu
hindern. Fiorelini schlug nacheinander sechs von ihnen nieder.
Von den Davongekommenen
dieses Blocks wird. er heute angeklagt."
In der Zeitung "Le Monde"
vom 18. Januar 1947 zeichnete Jean-Marc Theolleyre — einer der seltenen
Chronisten unserer Zeit, deren Objektivität nicht bezweifelt werden kann — in
einem Bericht über das Lager Struthof das Bild eines der wenigen Häftlinge, die
sich wegen ihres Betragens in den Lagern vor der Justiz zu verantworten hatten:
-27-
"Von allen diesen
Angeklagten war er einer, dessen Vernehmung man mit Neugier erwartete. Denn er
hieß Ernst Jäger und war kein SS-Angehöriger. Als Häftling gehörte er zu diesem
verhaßten Menschenschlag — wenn nicht noch mehr — in den Lagern, den Kapos.
Eigentlich hatte er in Struthof die genaue Bezeichnung ,Vorarbeiter', also ein
Häftling, der für eine Arbeitsgruppe unter dem Befehl eines Kapos verantwortlich
war. In dieser Eigenschaft hatte er ebenso und vielleicht noch mehr wie ein
SS-Mann geschlagen, geprügelt und getötet.
Jäger ist die Verkörperung
dessen, was das Leben im Konzentrationslager aus einem Menschen machen kann. Wie
verlief sein Leben? Von vierzig Lebensjahren hat er vierzehn im Gefängnis
zugebracht. Von der Freiheit hat er die Erinnerung nur an eine Zeit behalten, in
der er Matrose war, ohne mehr davon sagen zu können, und an jenen Tag im Jahre
1930, an welchem er auf einem Hafenkai im Verlauf eines Wortwechsels einen
SS-Mann tödlich verletzte. Man verurteilte ihn zu sieben Jahren Zuchthaus. Von
der Machtübernahme des Nazismus hörte er nur Ungewisses im Gefängnis. Wahrhaft
erkennen sollte er ihn erst, als seine Strafe verbüßt war und ihm nun von dem
neuen Regime verkündet wurde, er bliebe als Asozialer in Haft. Von da an trug er
auf seiner Jacke das schwarze Dreieck, das für ihn die folgenden Lager
bedeutete. Bevor er aber dorthin gebracht wurde, ließ die Gestapo ihn
sterilisieren. Von der Welt der Konzentrationslager lernte er die entsetzlichste
Periode kennen. Es war jene Zeit, in der die Lagerinsassen nur aus Juden,
Zigeunern, Asozialen, Päderasten, Zuhältern und Dieben bestanden. Es war schon
die Zeit der Vernichtung, und nur derjenige entging ihr, der genug Mut
aufbrachte, den Wolf zu spielen, um nicht verschlungen zu werden24).
Alle wollten leben, aber
jeder einzelne wollte gegen die anderen leben. Um jeden Preis, gleichviel wie.
Sie führten in den Lagern
24) Eine sehr große
Zahl der Davongekommenen der Lager — wenn nicht die größte Zahl — sind eben
jene, die diese Regel bis zum Ende beachtet haben oder die, ohne sich zu
Wölfen zu machen — es gab einige! — vom Wohlwollen oder dem Schutz der Wölfe
Vorteile hatten. Denn — man weiß entweder nicht oder tut so, als wisse man
es nicht oder vergißt es — die Lager wurden von Häftlingen verwaltet,
die sich zu Wölfen gemacht hatten und im Auftrag der SS In ihnen eine
Autorität von Satrapen ausübten. Es ist nicht ohne Interesse, zusätzlich
noch festzustellen, daß diese Wölfe Kommunisten waren, sich als solche
bezeichneten oder den Zielen des Kommunismus dienten. Dies erklärt, warum
die meisten der Davongekommenen Kommunisten sind: denn außer jenen, die von
ihnen vergessen oder nicht herausgefunden wurden, haben die Kommunisten alle
anderen in den Tod geschickt. Und mit eiserner Stirn wälzen sie heute die
Verantwortung für alle Toten und alle Greuel nicht etwa auf das Naziregime —
was schon sehr schwer aufrechtzuerhalten wäre, denn es müßte angenommen
werden, daß das Naziregime der einzige Verantwortliche für die Einrichtung
der Konzentrationslager ist, während man doch weiß, daß sie bei allen
Regimes, einschließlich des unsrigen, besteht — sondern auf die einzelnen
SS-Angehörigen, die sie namentlich bezeichnen.
-28-
alle Gangstermethoden ein
und entwickelten sie. Als man ihn zum Vorarbeiter in Struthof ernannte, wußte
man, daß er die erforderlichen Fähigkeiten besaß. Von diesem erniedrigenden
Dasein verseucht, ging er in diesem Strom des Schmutzes unter. Seine Nerven
haben nicht standgehalten. Er mußte einer von denjenigen werden, die dazu
gebracht wurden, gegen dieses Konzentrationslagerleben einen solchen Haß zu
fassen, daß alle Lebewesen, die deren Kleidung trugen, diese Gespenster,
Hungernden und Verzweifelten, ihnen verhaßt wurden. Dies waren dann die Schläge,
die Wutanfälle."
Dies ist eine Erklärung,
die Freud zweifellos nicht anfechten würde,
aber viel wert ist sie hier
nicht.
Überdies irrt sich
Jean-Marc Theolleyre diesmal bestimmt, wenn er
schreibt:
"Ja, was hatten mit ihnen
denn diese politischen Häftlinge mit den roten Dreiecken gemeinsam: die
deutschen Sozialisten und Kommunisten, französischen, polnischen oder
tschechischen Widerstandskämpfer? Sie waren Herren des Lagers und wollten es
bleiben. Es war damals die Zeit, in welcher die .kriminellen' Häftlinge
schlugen, im Handumdrehen erschlugen, in welcher sich die 'Politischen'
verständigten, um ihren Widerstand zu organisieren, ihre Disziplin und ihre
Fähigkeit zu zeigen, daß sie leiten können, und schließlich zum Gegenangriff
übergingen, indem sie nach und nach die Schlüsselstellungen im inneren
Lagerleben an sich zogen."
Was sie gemeinsam hatten?
Aber lieber Jean-Marc Theolleyre, waren sie in den Lagern einmal an der Macht,
dann betrugen sie sich genau wie die Kriminellen, und Jäger hat es Ihnen doch
mit den Worten gesagt, die Sie so ehrlich in Ihrem Bericht wiedergeben:
"Ich habe keine
Mißhandlungen begangen. Im Gegenteil, ich bin von den Politischen geschlagen
worden. Sie haben sich als die Schlimmsten erwiesen, aber ihnen hat man nie
etwas gesagt. Warum grollt man Leuten wie uns mit den grünen oder schwarzen
Dreiecken derartig? Als ich nach Struthof kam, haben mich nicht die SS-Männer
geprügelt, sondern die Politischen. Bisher hat man aber keinen einzigen von
ihnen vor Gericht gesehen. Und dennoch hat der oberste Kapo von Struthof, der
einer von ihnen war und Schlimmeres getan hat als ich, die Einstellung seines
Verfahrens erreicht."
In einer anderen Zeitung,
immer wieder über Struthof, berichtet ein anderer Gerichtsberichterstatter:
-29-
"Mehrere andere Zeugen sind
aufgetreten und haben den Tod eines jungen Polen beschworen, der nicht rasch
genug zum Appellplatz, gekommen war, weil er geschlafen hatte. Von Hermanntraut
wurde er mit Gewalt und unter Schlägen herbeigeführt und alsdann auf eine Art
Tisch gelegt, der zur Verabfolgung der Prügelstrafe diente. Er erhielt 25
entsetzliche Schläge von zwei anderen Häftlingen, die man gezwungen hatte, sie
ihm zu erteilen."
In diesem Werke wird man
die Geschichte von Stadjeck, eine seltsame Wiederholung von Dora, von Fiorelini,
Bergen-Belsen und einiger anderer finden, die sich genau wie Jäger oder diese
beiden Unglücklichen benahmen, die gezwungen wurden—oder sich anboten! — 25
entsetzliche Stockhiebe einem ihrer Unglücksgefährten zu verabreichen: ob
Kriminelle oder Politische, denn die zweiten übernahmen nach den ersteren die
Selbstverwaltung im Strafvollzug, es gab Tausende von Fiorelinis, Stadjecks,
Jäger und Stockschlägern.
Einige Kriminelle, die man
zur Rechenschaft zog, sind bekannt.
Von den Politischen
verlangte man keine Rechenschaft, und darum kennt man auch keinen von ihnen.
Wenn man alles wissen will: es war nicht möglich, von den Politischen
Rechenschaft zu fordern. Sie hatten die Verwirrung der Dinge und die Unordnung
der Zeit ausgenutzt und waren so geschickt gewesen, die Kriminellen in den
Lagern zu verdrängen — durch Methoden, die sich aus den Gesetzen der Umgebung
ergaben, zugleich aber auch darin bestanden, der SS Vertrauen einzuflößen, was
nicht übersehen werden darf.
Im gegebenen Augenblick
waren sie auch geschickt genug gewesen, sich sowohl in Ankläger wie in Richter
zu verwandeln, und so fügte es sich, daß ihnen allein
die rechtliche Befugnis zuerkannt wurde, Rechenschaft zu fordern. In ihrer
blinden Wut, überall Schuldige zu sehen, hätten sie alle Welt erschossen und
bemerkten nicht einmal, daß sie an der Spitze der Konzentrationslager keine
andere Rolle gespielt hatten — ja eine schlimmere! — als die, welche sie
beispielsweise Petain vorwarfen, an der Spitze des besetzten Frankreichs
gespielt und sich hierzu angeboten zu haben.
So waren diese Zeiten, daß
sich damals niemand darum kümmerte, was sie getan hatten.
In der Folgezeit entdeckten
dann manche Leute, daß sie ein wenig voreilig gehandelt hatten, als sie der
Kommunistischen Partei die Rolle einer Regierungspartei zuerkannten, daß die
meisten Staatsanwälte und Richter Kommunisten waren, und daß die anderen, die es
zufällig nicht waren, aus Feigheit, Unwissenheit oder Berechnung trotzdem das
Spiel
-30-
des Kommunismus mitmachten.
Auf diesem Umweg über die politische Notwendigkeit entdeckte man schließlich
einen Teil der Wahrheit über das Benehmen der politischen Häftlinge in den
Konzentrationslagern. Aber diese politische Notwendigkeit tritt immer nur in der
Vorstellungswelt einer gewissen Klasse zutage: nämlich der führenden Klasse, die
vom Kommunismus nur das feststellt, was sie, und nur sie, unmittelbar bedroht.
Darum lernt man immer nur einen Teil der Wahrheit kennen:
ganz wird man sie erst an
dem Tag erkennen, an dem die anderen Klassen und besonders die Arbeiterklasse
ihrerseits die nicht weniger dunklen Absichten des Kommunismus in bezug auf sie
selbst erkennen werden.
Aber das wird offenbar noch
lange dauern.
Immerhin haben wir jetzt
die Aussicht, daß sich in der Literatur die Geständnisse in einer Art vermehren,
wie sie Manes Sperber einer seiner Personen, einem ehemaligen Verschickten, in
den Mund legt:
"Auf politischem Gebiet
haben wir nicht nachgegeben, auf menschlichem haben wir stets auf der Seite
unserer Bewacher gestanden. Unser Gehorsam ging ihren Entscheidungen voraus ..."
("Und der Busch wurde zu Asche"),
Mit der Zeit werden diese
Geständnisse, wie ein Edelstein aus der ihn umgebenden Erde, sich aus dem
Widerspruch lösen, der darin besteht, daß man glaubt, man könne auf der Ebene
des Menschlichen fehlen, ohne auf der politischen Ebene nachzugeben, und daß
dann nichts weiteres bliebe als dieses: "wir haben auf der Seite unserer
Bewacher gestanden". Freilich werden sie alsdann diesen Charakter einer
freisprechenden Entschuldigung verloren haben, den sie sich selbst bewilligen
wollten, aber sie werden im Sinne einer Ehrlichkeit gewonnen haben, die derart
erregend ist, daß die freisprechende Entschuldigung nun von der Öffentlichkeit
her kommt, und daß dies viel besser sein wird.
Ist man einmal soweit, dann
wird nichts leichter sein, als eine ehrliche Erklärung für die Erscheinung der
Konzentrationslager auf moralischem Gebiet zu finden.
Hier noch etwas
Sonderbares: während die gesamte Literatur, und nicht nur die über die
Konzentrationslager, diese Erklärung immer nur darin sucht, sich in der
Beschreibung der Grausamkeiten aller Arten des Feindes zu übertreffen, während
Historiker, Chronologen und Soziologen diesem Fetischismus des Schreckens, dem
Schlüsselzeichen unserer Zeit, nachgeben, äußerst sich in der Öffentlichkeit das
Gefühl vom Gegenteil bereits durch Reaktionen von unerwartet ernster Art, wie es
dieser Auszug aus einem Leserbrief bezeugt, der von "Le Monde" am
17. Juli 1954 veröffentlicht wurde:
-31-
"Daß dies alles sein
konnte, läßt sich nicht mit der Bestialität der Menschen allein erklären. Die
Bestialität ist, ohne daß sie es weiß, vom Maße des Instinkts begrenzt. Die
Natur ist Gesetz, ohne es zu wissen. Der Schrecken, der uns beim Lesen des
Berichts über Metz von neuem erfaßt hat, wurde in unserem geistigen Widersinn,
unserem Überdruß am Kriege, unserer kleinmütigen Enttäuschung über die Monotonie
einer Welt ohne Gewalt, in unserer von Nietzsche erlernten Neugierde, in unserer
abgestumpften Haltung hinsichtlich der 'Abstraktionen' Montesquieus, Voltaires,
Diderots erzeugt. Die Übertreibung des Opfers um des Opfers willen, des Glaubens
um des Glaubens willen, der Energie um der Energie willen, der Treue um der
Treue willen, des Eifers um der Wärme willen, zu der er verhilft, der Appell an
die freiwillige, das heißt die heroische Tat: hierin liegt der beständige Quell
des Hitlerismus.
Die Romantik von der Treue
um ihrer selbst willen, der Aufopferung um ihrer selbst willen, verband diese
Männer, die — und zwar wirklich — nicht wußten, was sie taten, mit irgendwem,
mit irgendeiner Sache. Verstand heißt, genau zu wissen, was man tut, an einen
Inhalt denken. Die Grundlehre der militärischen Gesellschaft, in welcher die
Disziplin an die Stelle des Denkens tritt, in welcher unser Gewissen außerhalb
von uns liegt, in einer normalen Ordnung aber sich einem politischen, das heißt
universellen Denken unterordnet und aus ihm ihre Daseinsberechtigung und ihren
Adel zieht, glaubte sich — bei dem allgemeinen Mißtrauen gegenüber dem
vernünftigen Denken, das angeblich unwirksam und lahm ist — dazu berufen, allein
die Welt zu regieren.
Nun konnte er alles aus den
Menschen machen. Der Struthof-Prozeß erinnert uns entgegen jeder allzu
dünkelhaften Metaphysik daran, daß die Freiheit des Menschen dem physischen
Leiden und der Mystik erliegt. Insofern er sich in seinen Tod fügte, konnte
jeder Mensch noch unlängst sagen, er sei frei. Nun aber zerbrechen physische
Qual, Hunger und Kälte oder die Disziplin, die stärker als der Tod sind, diese
Freiheit. Selbst in ihren letzten Schlupfwinkeln, in denen sie sich über ihre
Unfähigkeit zum Handeln tröstet, um ein freies Denken zu bleiben, dringt der
fremde Wille in sie ein und unterjocht sie. Die menschliche Freiheit zieht sich
auf die Möglichkeit zurück, die Gefahr der eigenen Entartung vorauszusehen und
sich im voraus vor ihr zu sichern. Gesetze machen, vernünftige Einrichtungen
schaffen, die ihm die Prüfungen der Entsagung ersparen, ist noch die einzige
gute Aussicht des Menschen. Anstelle der Romantik des Heldentums, der Reinheit
des
-32-
Seelenzustandes, die sich
selbst genügen, muß aufs neue die Vergeistigung der Ideen treten, die die
Republik möglich machen — und an ihren Platz, der der erste sein muß, gestellt
werden. Sie brechen zusammen, wenn man nicht mehr für irgend etwas, sondern für
irgendwen kämpft."
Emmanuel Levinas
Damit ist alles gesagt: die
Grundlehre der militärischen Gesellschaft, in der die Disziplin an die Stelle
des Denkens tritt, die sich berufen glaubt, allein die Welt zu regieren; die
Freiheit des Menschen, die dem physischen Leiden und der Mystik erliegt; die
Bestialität, die allein durch das Maß des Instinktes begrenzt ist; die Gesetze
und die vernünftigen Einrichtungen, die geeignet sind, dem Menschen die
Prüfungen der Entsagung zu ersparen, Gesetze, die nicht bestanden und noch nicht
bestehen, und die seine einzige gute Aussicht sind.
Diese Schlußfolgerung ist
gewiß nur auf den Menschen bezogen, der als solcher abgedankt hat und zum
Schinder wird. Sie gilt aber auch für das Opfer:
"Die Frage, ob das Leiden
irgend etwas für den bedeutet, der es erleidet", schreibt Manes Sperber noch,
"erscheint mir sehr schwer. Dagegen erscheint es mir sicher, daß das Leiden
nicht gegen seinen Urheber spricht, wenigstens nicht in der Geschichte." ("Und
der Busch wurde zu Asche".)
Dies ist so wahr, daß die
Opfer von gestern die Schinder von heute sind und umgekehrt.
Nun habe ich nur noch
unterschiedslos und im ganzen allen zu danken, die so mutig für "Die Lüge des
Odysseus" eingetreten sind.
Man hat mir gesagt, es
seien Faschisten unter ihnen, und ich habe ganz leise gelächelt: diejenigen, die
mir dies vorhielten, waren ausgerechnet dieselben, die gleichzeitig damit die
Beschlagnahme des Werkes verlangten und in allen ihren Zeitungen forderten, daß
so ungefähr für jedermann Schreibe- und Redeverbote, ja, auch Verbote zum
Verlassen des Wohnortes ausgesprochen würden. Hier mußte ich ja auf den Gedanken
kommen, daß sie und nicht meine Verteidiger die Faschisten seien.
Man hat mir weiter gesagt,
es seien Kollaborateure aus der Besatzungsszeit darunter, ich habe mich mit der
Feststellung getröstet, daß sie haupt-
-33-
sächlich im Rufe standen,
solche gewesen zu sein, und daß sie auf jeden Fall mit einer beeindruckenden
Zahl echter Widerstandskämpfer gute Nachbarschaft hielten.
Schließlich habe ich vor
allem beobachtet, daß auf dem weiten Feld der Meinung, das von der äußersten
Rechten bis zur äußersten Linken reicht, viele Leute fortfahren oder wieder
beginnen, alle Probleme nicht mehr nach den engherzigen Regeln von Sekten,
Kapellen und Parteien, sondern in bezug auf die menschlichen Werte zu
überdenken.
Und dies scheint mir doch
etwas zur sein, das zu allen Hoffnungen berechtigt.
PAUL RASSINIER
-34-
*
* *
ERSTER TEIL
Eigenes Erleben
Schreibe so, als wärest Du
allein in der Welt und hättest von den Vorurteilen der Menschen nichts zu
befürchten.
La Mettrie
PROLOG
Es regnet. Ein feiner
Aprilregen, kalt, eisig. Regelmäßig, beharrlich, unerbittlich. Nun schon seit
zwei Tagen: man geht der dritten Nacht entgegen.
Der Transportzug, eine
lange Kette von ausgesonderten Waggons, die auf den Schienen kreischen, versinkt
langsam in dem großen, schwarzen Loch. Die Maschine, eine Lokomotive eines
anderen Zeitalters, schwitzt und pustet und quält sich ab, faucht und spuckt,
dreht auf der Stelle durch und knallt. Hundertmal ist sie stehengeblieben,
hundertmal sah es so aus, als wolle sie die Anstrengung, die man von ihr
erwartet, nicht mehr leisten.
Es regnet, regnet ohne
Unterlaß.
Im offenen Waggon liegen
achtzig zu Boden gesunkene, zusammengeschrumpfte Körper ineinander verwickelt
und aufeinandergehäuft. Lebende? Tote? Niemand vermag es zu sagen. Am Morgen
sind sie noch erwacht, frierend in ihren armseligen, durchweichten Lumpen,
abgemagert, durchsichtig, blaß, ihre aus den Höhlen gequollenen Augen voller
Fieber und Stumpfsinn. In einem übermenschlichen Bemühen kommen sie sich wie
durchgespült vor. Sie haben den Tag noch unterscheiden können, sie haben den
Regen — die langen, spitzen Regentropfen — gespürt, wie sie durch die Lumpen und
das dünne und abgehärtete Fleisch und dann in den Rücken in ihren unbarmherzig
zusammengedrückten Reihen eindrangen. In einem nicht wahrnehmbaren Erschauern
haben sie krumme Buckel gemacht. Vielleicht ließen sie sich zu tausend
instinktiven Bewegungen des Erwachens hinreißen, als sie einander bei Licht
besahen. Durch den Nebel des Fiebers und den vom Himmel fallenden Bindfadenregen
haben sie bis zu den Zähnen bewaffnete Männer in Uniform, unempfindlich, aber
wachsam, an den vier Ecken des Waggons gesehen. Dann ist ihnen die Erinnerung
wieder gekommen: sie haben sich ihr Los vor Augen gehalten und sind mit einem
plötzlichen Auffahren trübsinnig und niedergeschlagen in diesen Halbschlaf,
dieses Mittelding zwischen Leben und Tod zurückgefallen.
-37-
Es regnet, es regnet immer
noch. Eine schwere, von Gestank verpestete Luft steigt aus dem Haufen von
Leibern empor und verflüchtigt sich in der feuchten Kälte und in der Nacht.
Bei der Abfahrt waren sie
hundert Mann.
In Eile zusammengetrieben,
Hunde auf den Fersen, bunt durcheinandergemischt, unter Schlägen und gebrüllten
Befehlen scharenweise in die Waggons getrieben, haben sie zuerst auf dem Boden
gelegen, dann sich abfahrtbereit auf dem engen Raum ohne Lebensmittel für die
Reise wiedergefunden. Sofort ist ihnen klargeworden, daß eine große Prüfung
bevorstand.
"Achtung, Achtung!" hat man
sie ohne Vorbereitung benachrichtigt:
"tagsüber stehen, nachts
sitzen!" . . . "Nicht verschwinden! Bei jeder Übertretung dieser Anordnung
sofort erschossen! Verstanden?"
Der deckenlose Waggon, die
Kälte, der noch immer fallende Regen, man hatte schon anderes erlebt. Aber
nichts zu essen: nichts zu essen!
Um das Unglück voll zu
machen, war schon seit Wochen kein Gramm Brot mehr ins Lager gekommen und es war
notwendig geworden, sich mit dem zu bescheiden, was die Silos noch enthielten:
helle Suppe von Kohlrüben, ein Liter (manchmal ein halbes Liter), zwei kleine
Kartoffeln am Abend nach der langen und harten Tagesarbeit. Nichts zu essen:
doch alles verschwindet vor jener Drohung, die darin besteht, daß sie erst jetzt
ein Gerücht gehört haben, nach welchem die Amerikaner auf zwölf Kilometer heran
sein sollen.
Nichts zu essen, am Tage
stehen, nachts sitzen . ..
Vor dem Ende der ersten
Nacht waren drei oder vier von ihnen, die allzu beschleunigt den Wunsch zur
Befriedigung eines dringenden Bedürfnisses zu erkennen gegeben hatten, am Kragen
gepackt, roh gegen die hohe Außenwand des Waggons gestoßen und schonungslos
erschossen worden:
Kra-a-ack! gegen das Holz,
Kra-a-ack!
Man ist dazu übergegangen,
in seine Hosen zu machen, zuerst vorsichtig, zurückhaltend, um sich möglichst
wenig zu beschmutzen, dann hat man sich schrittweise weiter gehen lassen.
Drei oder vier anderen, die
während des folgenden Tages vor Erschöpfung umfielen, hat man kaltblütig mit
einer Kugel in den Kopf den Garaus gemacht.
Kra-a-ack! gegen den Boden,
Kra-a-ack!
Die Körper wurden, nachdem
die Listennummern abgenommen worden waren, jeweils über Bord geworfen: bei
Beginn der dritten Nacht sind die Reihen erheblich gelichtet, man ist vom
Schrecken zur Todesangst,
-38-
und von der Todesangst zur
völligen Ergebung in das Schicksal gelangt. Man hat es aufgegeben, aus dieser
Hölle zu entkommen, man hat sogar auf das Leben verzichtet: jetzt kann man nicht
mehr verhindern, in der Jauche sterben zu müssen. Es regnet, regnet, regnet.
Immerhin hat sich ein
leiser Wind erhoben, der quer zum Transportzug steht und die Zeltleinwand
aufbläht, die an Notträgern schlecht befestigt ist, und unter der an jeder Ecke
des Waggons der Posten für seine langen Stunden der Wache Schutz findet: er hat
die Krankheitsstoffe weggefegt, und die SS-Männer, die bei der Abfahrt nervös,
vielbeschäftigt, obschon entschlossen und noch voller Hoffnung waren, sind
plötzlich nachdenklich geworden. Seit einiger Zeit hört man weniger
Gewehrschüsse und weniger das Krachen von Pistolen. Auch die Hunde — die Hunde,
o, diese Hunde — bellen und kläffen weniger bei den zahlreichen Halten. Nach
achtundvierzig Stunden von vorwärts nach rückwärts, von Abstellgleis zu
Abstellgleis, von einem Wechsel in der Richtung zum anderen, befindet sich der
Transport knapp zwanzig Kilometer von seinem Abfahrtsort entfernt. Spät am Abend
hat er die Richtung nach Südwesten eingeschlagen, nachdem er es vorher
vergeblich nach Norden, Süden und Osten versucht hatte: wenn dieser Weg wie die
anderen versperrt ist, dann bedeutet dies, daß man eingekesselt ist und
gefangengenommen wird. Sie haben die Stirn gerunzelt, die SS-Männer, dann haben
sie sich die Neuigkeit von Waggon zu Waggon vom Anfang bis zum Ende des Zuges
zugerufen und dann kehrtgemacht.
Man ist eingekesselt, man
wird gefangengenommen! Das hat sie über den Haufen geworfen. Man wird
gefangengenommen, alle hier liegenden bewußtlosen Körper werden zum Leben
zurückfinden, werden aufstehen und sie anklagen, denn sie werden ja auf frischer
Tat ertappt.
Noch im Laufe des Morgens
hatte man gehört, wie sie sich häufig mit gutturalen Zurufen unterhielten, wie
sie Scherze machten und die Mädchen anlachten, die ihnen schon nur noch seltene
und melancholische Ermunterungen gönnten. Nun schweigen sie: nur das Aufflammen
eines Feuerzeuges oder der rote Punkt einer Zigarette durchbricht von Zeit zu
Zeit die Todesstille oder stört die dicke und feuchte Dunkelheit der Nacht.
Es regnet, es regnet immer
weiter, es regnet ohne aufzuhören, es regnet ohne Ende: der Himmel ist
unerschöpflich.
Zum Überfluß ist der Wind
stärker geworden. Er pfeift nun scharf durch die Ritzen zwischen den
Bretterwänden, und das Wasser kommt in Strömen. Die Zeltdecken der SS-Männer
blähen sich übermäßig auf, ihre Halter krümmen sich. Plötzlich hat rückwärts
eine Schnur nachgegeben:
die Leinwand beginnt wie
eine Fahne zu flattern und schlägt an die
-39-
Seitenwand. Der SS-Mann
stößt einen Fluch aus. Dann versucht er brummend und fluchend den Schaden zu
beheben. Vergeblich: hat er es auf einer Seite geschafft, dann reißt der Wind
die andere weg!
"Gott verdammt!"
Nach zwei fruchtlosen
Versuchen gibt er es auf. Jäh wendet er sich an den ihm am nächsten stehenden
Unglücklichen. Ein Puff mit dem Knie, ein Tritt mit dem Stiefel ins Kreuz, dann:
"Du", ruft er, "Du!... Du
blöder Hund!"
Blöder Hund? Der Mann hat
gehört und verstanden, woher der Anruf kommt, er hat automatisch alle ihm
verbliebene Kraft zusammengenommen und ist völlig verängstigt aufgestanden. Als
er dann sah, was von ihm erwartet wird, hat dies ihm wieder ein wenig Mut
eingeflößt. Er hat sich in die Höhe gezogen — ziehen lassen! — auf die
Wagenleiter, auf Händen und Knien sich im Gleichgewicht haltend. Dann, mit viel
Vorsieht, um nicht rückwärts auf den Ballast zu fallen — nicht auf den Ballast
zu fallen! — hat er die Zeltdecke eingeholt, um mit Hilfe des anderen von neuem
die Ecken an den Notträgern zu befestigen.
"Fertig?"
"Ja, Herr SS."
Und nun ereignet sich etwas
Außergewöhnliches: der Mann hat sich wieder gesammelt. Mit einem Schlag, in
einem blitzartigen Aufleuchten. Wären die Dunkelheit und der Regen nicht
gewesen, so hätte man gesehen, wie plötzlich ein seltsames Feuer seine Augen
erleuchtete. Auf einmal ist ihm klar geworden, daß er auf dem Rand der Wand mit
beiden Beinen nach auswärts kniet, daß der Zug nicht sehr rasch fährt, daß es
regnet, daß die Nacht schwarz ist, daß die Amerikaner vielleicht nur noch zwölf
Kilometer entfernt sind, daß die Freiheit...
Die Freiheit, o, die
Freiheit!
Bei diesem Gedanken
überkommt ihn mit einem Male ein unerklärlicher Wagemut, ihn, der gerade vorher
noch Angst hatte, in das Gegenteil zu verfallen — o, Ironie —, eine große
Erkenntnis schießt ihm durch den Kopf und überflutet und erfaßt seinen ganzen
Körper:
"Ja", wiederholt er. Dann
schreit er: "Ja! Ja! Ja! a ... ah!" Und bevor der andere noch Zeit hat,
überrascht zu sein, strafft der Mann, das Skelett, der Halbtote, seine Muskeln
zu höchster Anstrengung, stützt seine schwachen Arme auf die Umrandung der Wand
und wirft sich mit kurzem Ruck nach hinten. Er hört das Rasseln einer Salve in
seinen Ohren klingen und hat noch die Kraft, die erstaunliche Klarheit, daran zu
denken, daß er in einen toten Winkel fällt. Er fühlt sich weggerissen und
versinkt mit Leib und Seele ins Nichts der Bewußtlosigkeit.
-40-
Tsch! . . . Tsch! . . .
Klack; . . . Tschetscherettschetscht! . . . Klack! . . . Tsch! . . . Klack! . .
. Rattatatat! . . . Tsch! . . . Tsch; . . . Tsch; . . . Tsch;
Die Maschine schwitzt,
pustet, stockt, rutscht, knallt immer weiter. Wieder haben die Waffen begonnen,
den Tod auszuspeien. Nach und nach schließt sich die große teilnahmslose Stille
der schlummernden Natur wieder über dem Drama, das seinen Fortgang nimmt und
allein von dem wieder regelmäßig gewordenen Rauschen des schwächer gewordenen
Windes gestört wird. Es regnet, regnet, regnet.
*
* *
Es regnet nicht mehr.
Stunden sind vergangen:
zwei, drei, vier vielleicht. Der Himmel ist endlich müde geworden. In dem
dichten schwammigen Schwarz dort unterhalb des Schienenstranges hat sich etwas
bewegt.
Zuerst haben zwei Augen
sich zu öffnen versucht, aber die schwer gewordenen Lider haben sich mit einem
jähen Reflex wieder zusammen" gezogen, als befände der Kopf sich unter Wasser.
Eine ausgedörrte Kehle hat
sich geschlossen, um Speichel zusammenzuziehen, und bringt einen Erdgeschmack
auf die Zunge. Ein Arm hat eine Bewegung angedeutet, die auf halbem Wege von
einem stechenden Schmerz im Unterarm, der bis zur Schulter taub ist, gelähmt
wurde. Dann nichts mehr: der Mann hat sich erneut in die Empfindung eines
seltsamen Daseins verloren und hat ehrlich geglaubt, wieder einzuschlafen.
Plötzlich überläuft ihn ein
Frösteln und umhüllt ihn. Die Haut auf seiner Brust ist von der nassen Kleidung
freigeworden: brr! . . . Er hat sich zusammenkauern, sein Bein unter sich
wegziehen wollen: au! ... Dann hat er versucht, wieder wach zu werden, seine
Augenlider haben nervös gezuckt, er hat seine Augen gezwungen, offen zu bleiben.
Er hat sie in das undurchsichtige, vollkommene und schwere Dunkel gerichtet.
Eine Anwandlung, zu husten, steigt aus seinen Lungen empor und zerreißt alles in
ihm. Er erhält davon den Eindruck, als bestehe sein Körper aus verstreuten und
schmerzenden Stücken im triefenden Gras und auf dem schmutzigen Boden.
Er versucht zu denken. Beim
ersten Bemühen geht es ihm wie ein Schlag durch den Kopf:
"Die Hunde!"
Jetzt ist er wach. Er
erlebt nochmals alles. Ein Wasserfall von Ereignissen, die sich folgen und
ineinandergreifen, ergießt sich über ihn. Das Verladen, der Transportzug, die
Hölle im Waggon, die Kälte, der Hunger,
-41-
die Zeltdecke, der Wind,
der Sprung in die Nacht. Der Transportzug: wenn er noch einmal zurückkommen
sollte? Die Hunde: o, alles andere, als diesen Tod!
Er will fliehen: nichts zu
machen, die Stücke seines Körpers sind wie festgenagelt. Er will sich sammeln:
es kracht überall, er hört seine Knochen aufeinander knirschen. Trotzdem muß er
von hier weg. Um jeden Preis.
Sein Denken geht in anderer
Richtung: ein Eisenbahnstrang ist für die angreifenden Soldaten eine Stelle im
Gelände, die von den Angegriffenen benutzt wird. Die Deutschen werden ihn
benützen, sich auf ihn zurückzuziehen und sich an ihn klammern: dann werden sie
ihn finden.
Fliehen, ja, fliehen! . . .
Sich zumindest um einige hundert Meter absetzen und dort, mehr in Sicherheit,
die Ankunft der Amerikaner erwarten: zunächst einmal aufstehen!
Zuerst sich aufstellen. Er
hat laut gedacht, seine Stimme hat den Klang einer Grabesstimme, das Murmeln
seiner Lippen läßt seinem Munde Erdkrümelchen entfallen. Er spuckt aus.
Ft! . . . ft! . . .
Mit unendlicher Vorsicht
bewegt er beide Arme hin und her: nach links, nach rechts, immer dieser Schmerz
im Unterarm und in der Schulter.
Halt! Man könnte sagen, er
läßt nach ...
Er wiederholt die Bewegung:
es ist wahr, der Schmerz legt sich beim Spiel der Muskeln und Gelenke; er hat
nichts gebrochen. Seine Brust atmet freier.
Jetzt zu den Beinen: sanft
knetet er seine Muskeln, es tut ihm schrecklich weh, er möchte aufschreien ...
Endlich ist es getan, auch hier ist nichts gebrochen — wenigstens scheint es so.
Darüber wird er ruhiger. Auch methodischer.
Es gelingt ihm, sich zu
setzen. Die Quetschungen seines Körpers machen sich schmerzender bemerkbar, die
nasse Kleiderhülle wird noch kälter. Er schnattert vor Kälte. In der Herzgrube
fühlt er ein kreisendes Ziehen:
er hat Hunger, das ist ein
gutes Zeichen. Er staunt, daß er nicht schon früher Hunger gehabt hat. Er führt
die Hand zum Kopf: seine Sträflingsmütze ist noch da, das bringt ihn zum Lachen.
Er denkt an sein Täschchen mit den Papieren: er hat es bei dem Abenteuer
verloren, um so schlimmer. Er betastet sich: er ist schmutzig und fühlt sich wie
in ein Gewinde von Eisendrähten eingewickelt, von dem er sich zu befreien sucht.
Er dreht sich um, kriecht auf allen Vieren, noch eine Anstrengung und er wird
stehen ...
-42-
Stehen: er steht, jetzt
wird er das Weite suchen, die Deutschen könnten sich sammeln, hierher kommen und
sich am Schienenstrang festsetzen . . . Nicht so rasch, ihm wird schwindlig, er
möchte sich übergeben, er fühlt, daß er schwankt, daß er fallen wird, und daß
nur seine eingesunkenen Füße ihn im Gleichgewicht halten, daß er nicht damit
rechnen kann, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Er strafft sich und hält
sich, solange er kann, aber er merkt, daß er umfallen und sich beim Fallen weh
tun wird. Dann kauert er sich sachte, ganz sachte zusammen:
da er nicht gehen kann,
wird er fortkriechen, hier aber bleibt er nicht. Dann kommt er zum Transportzug
zurück, zu den Hunden, den Deutschen, die sich sammeln werden. Also: fort, zu
den Amerikanern.
Daß sie zwölf Kilometer
weit sind, nein, das zu sagen wäre zu dumm. Er macht seine Füße frei: klapp,
klapp!
Auf Händen und Füßen wie
ein dicker gepeinigter Wurm kriechend, bringt er es fertig, einen Abhang
hinabzukommen, er überquert so etwas wie einen Graben voller Pechwasser, ein
Wiesenviereck, nähert sich einer frisch bestellten Parzelle: der Boden löst sich
in Schollen auf, klebt an den Knien, den Beinen, den Unterarmen. Er hält ein,
verschnauft . . .
Indes ist die Nacht weniger
schwarz geworden, der Himmel höher. Schon sind die Formen der Sträucher und
vereinzelter Bäume der Umgebung in einem feinen Nebel deutlicher zu erkennen.
Der Tag wird kommen:
weitere Gefahr.
Einige hundert Meter weit,
auf dem Gipfel einer Geländewelle, zeichnet sich eine dunkle Masse ab: bestimmt
ist es der Wald.
Als erstes Ziel nimmt er
sich vor, ihn noch vor der Morgendämmerung zu erreichen. Wieder setzt er sich in
Bewegung. Die Anstrengung hat seinen Körper wieder erwärmt, seine Muskeln und
Gelenke geschmeidig gemacht, den Schmerz auf einen Streifen längs der rechten
Seite lokalisiert. Es gelingt ihm, sich zu stellen, stehenzubleiben und seine
nackten und gefühllosen Füße voreinander zu setzen, zu gehen. Langsam zu gehen,
denn sein rechtes Bein muß er nachziehen und seine Schulter schmerzt ihn sehr.
Aber er geht, er kommt vorwärts: gebeugt, müde, gebrochen, zusammengesunken
arbeitet er sich zum Walde hinauf. Er will, er reißt sich zusammen, zwingt sich
und bleibt zäh. Bis zum Tagesanbruch wird er dort sein, sich dort ducken, sich
auf den Boden legen, dann kommen die Amerikaner und er wird gerettet sein.
*
* *
Der Rest ist in einem Traum
verstrichen — einem Traum in zwei Zeiten, lang und schwächend.
-43-
Im Walde angekommen, hat er
darauf verzichtet, sich unter dem Buschwerk einzugraben; er fürchtet, sich zu
verraten und hält es für klüger, sich dort drüben, aber etwas weiter zurück,
zwischen die wenigen Büsche zu setzen, von wo aus er wie von einem versteckten
Beobachtungsstand nach allen Seiten Ausschau halten kann.
Der Tag ist angebrochen,
der zu seinen Füßen liegende Hang tritt aus dem Dunkel hervor, das Schachbrett
unbestimmter Felder und Wiesen ist deutlicher geworden, die Eisenbahnlinie
drunten dehnt sich aus und rollt wie ein langes Band dahin. Aus dem Einschnitt
zwischen den beiden Hügeln in der Ferne ragt ein Kirchturm mit seiner Spitze in
den zarten Dunst, der aus unsichtbaren Schornsteinen senkrecht hochsteigt.
Ganz rasch erscheint der
noch graue, aber sich ausbreitende große weiße Fleck, der die Sonne anzeigt, die
durchzudringen versucht, ganz hoch am Himmel. Die Landschaft hat sich hier und
da mit einigen Gespannen belebt, die sorglos kommen und gehen. Ein Mann, auch
ein Zivilist, den man aber an der kennzeichnenden Armbinde erkennt, schickt sich
an, übrigens nachlässig, die hundert Schritte längs des Bahnkörpers zu gehen . .
.
Er hat sich eine ähnliche
Naturecke mit demselben Wetter, unter demselben Himmel, mit demselben
Schachbrett von Feldern und Wiesen, denselben Wäldern, denselben Bäumen,
demselben Kirchturm, demselben Schienenweg irgendwo am äußersten Ende des Elsaß
und der Franche-Comte vor Augen gerufen.
Er hat gedacht, hätte seine
Mutter dieses Bild zur gleichen Stunde gesehen, so würde sie die Bemerkung nicht
unterlassen haben, der Himmel "wasche" sich oder das Wetter "trockne sich ab".
Er hat lange zwei Pferde beobachtet, die etwa 500 Meter entfernt eine Art Egge
auf einem Wiesenstück zogen, um die Maulwurfshügel "einzuebnen": er hätte sich
verbürgt, daß der Alte, der sie führte, der Vater Tourdot wäre, und diese
kleine, gute Frau, die an einer hinter der Egge befestigten Leine zog, seine
Enkelin, deren Vater, der Tony, sich als Kriegsgefangener in Deutschland befand.
In einer Gedankenverbindung hat er das bekümmerte Gesicht seiner Frau gesehen,
wie es sich über ein kleines Männchen von zwei Jahren beugt... Dann ist er in
einem beunruhigten Zusammenschrecken wieder zu sich gekommen.
"Nein, nein, er hat sich
etwas vorgegaukelt!" Die Amerikaner können keine zwölf Kilometer entfernt sein,
dafür ist alles zu ruhig. Über diesen Feldern, diesen Wiesen und Wäldern deutet
nichts auf eine Kriegsatmosphäre, geschweige denn auf einen Zusammenbruch hin.
In Frankreich 1940 ...
Er hat sich niedergelegt:
was wird aus ihm werden?
-44-
Trotzdem keine Möglichkeit,
sich in einer solchen Kleidung an diese Leute zu wenden!
Er hat Hunger gehabt,
großen Hunger, und hat ein kleines Reis auf» gehoben, das er sich in seinen Mund
gesteckt hat: es war noch ein Rezept seiner Mutter, wenn er während der Ernte
nachmittags bei großer Hitze in seinem Kleidchen vor Durst schrie. Das hat ihn
auf andere Gedanken gebracht.
Die Stunden sind
verflossen, der Sonne ist es gelungen, den Dunst zu durchdringen und den Himmel
aufzuspalten. Eine Glocke hat geläutet:
Mittag; das Feld ist leer
geworden. Am Nachmittag hat sich dasselbe abgespielt: die Gespanne sind noch
zahlreicher wiedergekommen, in einer wärmeren Sonne, die seine Kleider
vollkommen getrocknet hat. Ein Mann ist nahe bei ihm vorbeigegangen, eine Sense
auf der Schulter und hat ihn fast gestreift: er hat ihn nicht angestoßen, aber
er hat daraus gefolgert, daß er nicht mehr lange in dieser Lage bleiben kann,
ohne sich bemerkbar zu machen. Er hat nachgedacht: morgen müßte Sonntag sein,
die Feststellung war ihm nicht schwergefallen, wenn er das Verladen im Lager als
Merkzeichen annahm, das am Mittwochabend stattgefunden hatte. Morgen früh also
würde es ruhig sein, am Nachmittag aber, wenn die Deutschen, groß oder klein,
die Neigung haben, im Walde spazieren zu gehen, würde er viel zu befürchten
haben.
Der Abend ist gekommen,
dann die Nacht. Der Bahnwärter mit seiner Armbinde ist unaufhörlich auf und ab
gegangen. Kein Laut, nicht das geringste Motorengeräusch am Himmel während des
ganzen Tages:
"Nein, nein ..."
Der Mond, ein großer Mond
in der Farbe glühender Kohle, hat seine eigenartige Helle über die Landschaft
ausgebreitet: aus der Ferne kommt der Widerhall schwerer Schüsse:
"Sie sind mindestens noch
vierzig bis fünfzig Kilometer entfernt. Wenn man die Hunde auf mich losläßt,
werden diese mich gefunden haben, bevor sie da sind. Ich muß fort, ihnen
entgegengehen, zunächst aber in welcher Richtung?"
Er war am Verzweifeln, als
ein Lärm ihm den Mut wiedergibt. Flugzeuge haben stundenlang über ihm ihre
Kreise gezogen und Bomben auf die nähere Umgebung fallen lassen. In aller Ruhe,
ohne auch nur im geringsten beunruhigt, gejagt oder von der Luftabwehr unter
Feuer genommen zu werden. Dann sind sie abgeflogen, andere darauf
wiedergekommen: ein fortgesetztes Kommen und Gehen bis zur Morgendämmerung.
Eine Aufmunterung, eine
wirkliche Aufmunterung, und zwar eine gute!
-45-
"Diesmal jedoch . . ."
Der Tag. Ein Nebel, der
sich schnell unter der durchbrechenden Sonne verteilt — plötzlich ein heiterer
Himmel: ein Sonntagshimmel, ein wirklicher Sonntagshimmel im wirklichen
Frühling.
Es mochte zehn Uhr sein,
als die große Wende endlich begonnen hat.
*
* *
Tack!... Tack!...
Ratatatatatatadd ... Tack!... Er hat die Entfernung geschätzt: höchstens vier
bis fünf Kilometer. Das kam aus der Richtung des Kirchturms, etwas jenseits von
ihm.
Tack!... Tack!...
Ratatatack!... Tack!
Das Maschinengewehr hat
nicht aufgehört, ein anderes antwortet:
Tock!... Tock!... Tock!
Tode! Tocki Todd
Dann ein schweres Krachen:
Bum! bum! bum! bum! Die Geschütze:
die Geschosse sind nicht
sehr weit, aber noch jenseits des Dorfes niedergegangen.
Bum!... Bum!... Bum ...
einmal ... Bum!... Bum! . . . ein andermal.
Bum!... Bum! Bum! Bum!...
Bum!... Bum! ...
Die Schüsse kommen gerade
auf ihn zu, das Feuer ist regelmäßig, lebhaft, widerhallend. Er wird sich
vorsehen müssen.
Ein furchtbarer Schlag
hinter ihm, fast über ihm, zerreißt die Luft. RR ... um! Dann ein weiterer.
RR...um!... Es ist ein Höllenlärm:
Rr... um!... Rr... um!...
Das hört nicht mehr auf.
Und drüben das Echo:
Bum!... Bum!... Bum!...
Bum!...
Die Sonne ist wundervoll,
das Schlachtfeld leer, der Mann mit der Armbinde ist verschwunden: er ist
allein.
Rr.. um!... Bum!... Bum!...
Bum!... Rr ... um! Rr ... um!
Er liegt im Schußfeld, das
den Eisenbahndamm fast senkrecht überschneidet, und auf den die Deutschen
zurückgehen: sie werden versuchen, ihn zu verteidigen, aber sie werden sich
nicht lange halten können, sie werden sich dann auf den Wald zurückziehen, in
dem sie einige Zeit hegen bleiben. Auf den Wald, das heißt also, auf ihn. Sie
werden ihn finden: "Nein, hier darf er nicht bleiben!"
Er erhebt sich. Er geht den
Hügel hinab und hält sich links, um aus der Schußlinie herauszukommen. Sein Bein
zieht fast nicht mehr, die
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Erde ist trocken, der Boden
hart, er ist im Besitz aller seiner Kräfte. Der letzte Akt der Tragödie wird
sich nun abspielen, er wird keine verkehrte Bewegung machen, er ist seiner
sicher, er geht hinab:
"Nicht zu nahe an die
Eisenbahn, nicht zu nahe an den Wald", entscheidet er sich. Das Duell geht
weiter:
Bum!...Bum!... Bum!...
Bum!... Rr ... um!... Rr .. .um!... Bum! ... Bum!...
Sie verlegen nach vorn:
jetzt geht es auf die Eisenbahn nieder. Er sieht im Rauch die Erde in einer
langen Linie aufspritzen, die den Schienenstrang schräg schneidet. Er nimmt den
Geruch der Granaten wahr.
"Teufel, jetzt heißt es,
sich hinlegen!"
Er hatte weitergehen
wollen, aber... Ein alleinstehender Busch ist in der Nähe:
"Schlechte Zuflucht."
Er zieht die tiefe Furche
vor, die fünfzehn Schritte vor ihm zwei Parzellen trennt; dort kauert er sich
nieder. SSSS... Bum!...SSSS...Bum!...
Es war Zeit! Über ihm
pfeift es, es schlägt rings um ihn ein. Der Donner, der hinter ihm geschwiegen
hatte, dringt wieder zu ihm, die Abschüsse klingen dumpfer, entfernter:
"Sie gehen zurück!"
Während die Amerikaner das
Feuer vorverlegen, verkürzen es die Deutschen entsprechend ihrer
Rückwärtsbewegung .. . Plötzlich sieht er sich im Mittelpunkt eines
schrecklichen Erdbebens, in einer Wolke von Rauch, Eisen und Erde. Er wird
sozusagen mit Erde zugedeckt, er fragt sich, welches Wunder bewirkt, daß er
nicht zerrissen wird.
Zwischen zwei Feuerlagen
wagt er einen Blick über seine Furche:
graue Gestalten überqueren
den Eisenbahndamm nacheinander in schnellen Sprüngen ... hinter dem Damm werfen
sie sich nieder .. Ein Hinwerfen: ein Feuerstoß ... ein Hinwerfen: ein Feuerstoß
... Ein Hinwerfen: ein Feuerstoß ... Hopp! ... fünfzehn Schritte zurück ...
Hopp! ... Hopp! ... man möchte sagen, sie rufen sich gegenseitig zu und springen
jeder für sich allein.
Sie ziehen sich auf ihn
zurück, sie versuchen, den ungedeckten Ort zu verlassen und das Gebüsch zu
erreichen. Hopp!.. Fünfzehn Schritte zurück, ein Schuß ... Hopp!...
"Hoffentlich kommt keiner,
der sich neben mir niederwirft, oder gar auf mich!"
-47-
Ein Schuß fällt weniger als
fünfzehn Schritte auf seiner Linken, ein anderer kaum fünf auf seiner Rechten.
Er sieht keinen Gegner, die antworten:
"Worauf schießen sie,
lieber Gott?"
Das Artilleriefeuer
verlagert sich nach und nach, erreicht den Wald und springt mit einem Satz über
ihn hinweg. Das Krachen kreuzt sich über ihm, dann haben da unten andere graue
Gestalten den Eisenbahndamm erklommen und gehen gegen den Wald vor: "Hopp!..
Fünfzehn Schritte vorwärts, tack ... Hopp!... Fünfzehn Schritte vorwärts, tack
... hopp!..
Tack!... Tack!... Tack!...
Tack!... Tack! ...
Ein andauerndes Feuer. Die
Angegriffenen werden schwächer, das aus dem Walde kommende Gegenfeuer wird immer
geringer und erlischt schließlich völlig. Plötzlich ein ungeheures Geschrei:
Hurra!... Hurra!..
Hurra!...
Die Geschütze feuern
weiter, ihre Abschüsse werden immer dumpfer und entfernen sich immer weiter,
aber die Gewehre und Maschinengewehre schweigen.
Hurra!.. Hurra!.. Hurra!..
Das kommt nun von allen
Seiten des Gesichtsfeldes, kommt immer näher und will nicht mehr enden.
Hurra!.. Hurra!.. Hurra!..
Ein Schwarm von Menschen
hat sich erhoben, Maschinenpistolen in der Hand. Vorhin waren es einige Dutzend,
die zurückgingen, vielleicht höchstens hundert: die hier sind mindestens
eintausend. Als ob sie einer unwiderstehlichen Anziehungskraft gehorchten,
wenden sie sich alle einem Punkte in der Mitte zu.
Hurra ... a ... a ...
ahh!!!
Sie kommen von allen
Seiten, sie gehen, sie laufen... Das Ende des Dramas hat sie alle berauscht.
Keiner hat ihn gesehen: er ist froh darüber, man weiß nie, was sich in solchen
Augenblicken der Erregung und Nervenanspannung ereignen kann. Er hütet sich,
seine Anwesenheit zu früh bemerkbar zu machen, er wartet, bis diese Flut verebbt
ist.
Endlich wagt er, sich zu
rühren.
Er setzt sich auf. In
achthundert Meter Entfernung laufen nervöse Männer, höchstens fünfzehn — die
anderen müssen in das Gehölz eingedrungen sein — mit schußbereiten
Maschinenpistolen wachsam auf und ab. Vor ihnen, mit dem Rücken zum Wald, stehen
andere Männer in
-48-
Reihen, straff, die Hände
im Nacken. Noch andere, in den hoch erhobenen Händen ein Gewehr, treten
nacheinander heran und werfen ihre Waffen zu Boden, scharf überwacht, werfen die
Ausrüstung ab und treten in die Reihen.
Und wie dies springt!
Einer von ihnen, der zu
langsam ist, wird durch einen Fußtritt an seine Lage erinnert. Ein anderer mit
einem Kolbenschlag. Ein Dritter hat verhandeln, Ausflüchte machen, protestieren
wollen. Kra-a-ack! Eine Maschinenpistole hat sich schonungslos in seine Brust
entladen. Einige Faustschläge, Fußtritte und Kolbenhiebe, und der Transport
steht bereit.
"Marsch! Richtung
Kirchturm!"
Die Gruppe kommt ungefähr
hundert Meter auf seiner Höhe vorbei. Die Kriegsgefangenen marschieren in
Fünferreihen ohne Ausrüstung, mit aufgeschnürten Schuhen, die Hände im Nacken,
gedrückt, schweigend und gehorsam vorwärts. Von jeder Seite überschüttet sie ein
bewaffneter Begleitertrupp von sieben bis acht Mann mit Spott und Verwarnungen.
Er hält es für ratsam, sich bemerkbar zu machen. Er richtet sich zu einem Sprung
auf:
"Heh!.. Heh!..."
Und er erhebt einen Arm mit
einer antwortenden Geste.
Dies hat nicht gewirkt: die
Gruppe hat gehalten, vier Männer haben sich im Lauf schritt abgesondert, und
bevor er noch Zeit hatte, sich darüber klar zu werden, was mit ihm vorgeht, sind
ihm vier Maschinenpistolen auf die Brust und in den Rücken gedrückt worden.
"Wie es auch geht, ich bin
zumindest sicher, daß sie nicht schießen werden!" denkt er.
Drohende Fragen werden in
einer Sprache gezischt, die er nicht versteht.
"Frenchmen", sagt er. Das
ist alles, was er vom Englischen versteht, und er weiß noch nicht, ob dies
richtig ist.
Man betrachtet ihn mit
großen erstaunten und mißtrauischen Augen. Er ist offenbar nicht verstanden
worden. Dann: "Francais!"
Es ist nicht besser. Nun
wagt er seine letzte Zuflucht: "Französische Häftling!... Franzus!"
Diesmal ist er verstanden
worden; eine der Maschinenpistolen senkt sich:
"Was?"
Er erklärt kurz, in
abgehackten Sätzen, und merkt, daß er vor einem Deutschen, zwei Spaniern und
einem Jugoslawen steht, einer versteht die dem Mittelmeer gemeinsame
Mischsprache.
Nun haben sie verstanden,
alle Maschinenpistolen haben sich gesenkt, man reicht ihm eine Feldflasche. Er
trinkt: eine scharfe, kalte Flüssigkeit, die er ausspucken möchte. Er schneidet
eine Grimasse:
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"Coffee", sagt der
Deutsche, "guter Coffee!" Sie alle ziehen trockene Biskuits hervor — hart, hart,
o, so hart! — Schokolade, Päckchen, Zigaretten ... Zigaretten:
"Zuerst eine Zigarette ..
,"
Aber es ist keine Zeit zu
verlieren:
"Schnell", hat der Deutsche
gesagt. "Wir müssen . . ,"
Sie haben sich von seinem
Zustand überzeugt. Zu Zweien — sie wollten sich zu Zweien ablösen — haben sie
ihn auf die Schultern gehoben und wie eine Trophäe zu der wartenden Gruppe
zurückgetragen.
"Sing-Sing?" hat einer der
Jungen von der Bewachung gefragt.
"Yes", hat er geantwortet,
aber die anderen haben nichts erwidert, es war kein Engländer — oder Amerikaner
— bei der Mannschaft... Stoßtruppen, hat er gedacht, internationale Brigade, und
sich des Krieges in Spanien erinnert.
Beim sinkenden Abend hat
sich der kleine Trupp in Richtung auf den Kirchturm in Marsch gesetzt und hat
ihn, der sich nur schwer aufrecht halten konnte, auf die Schultern von zwei
verschiedenen Männern genommen, die langsam, unter vielem Ausspucken Biskuits
und Schokolade knabberten. Spöttereien und Verwarnungen, auch Flüche haben
wieder auf die Gefangenen herabzuregnen begonnen, die folgsam, immer noch
bedrückt, in ihren aufgeschnürten Schuhen, mit gesenktem Kopf und den Händen im
Nacken vorwärts marschierten. "Porco Dio! ... Gott verdammt!" Von Zeit zu Zeit
nimmt der Deutsche das Wort:
"Du!... Blöder Hund!... Du
...,, und deutet auf einen Gefangenen.
Dann zieht er einen
Revolver aus einer Tasche und wendet sich an denjenigen, den sie bezeichnet
haben:
"Muß ich erschießen?" fragt
er ihn.
Der Gefangene rollt die
großen erschrockenen und bittenden Augen lauernd als Antwort hin und her: er hat
ein neutrales, resignierendes Lächeln.
"Du hast Glück!.....
Mensch! Blöder Hund!.... " und spuckt verächtlich aus: "Ft... Lumpen!"
Die Rollen sind vertauscht.
Spott über Spott,
Anzüglichkeiten über Anzüglichkeiten, Drohungen über Drohungen, so hält der Zug
triumphierender Sieger und niedergeschlagener Gefangener noch vor der Nacht
seinen Einzug in das Dorf. Man ist an einem kleinen Bahnhof vorbeigekommen,
einem ganz kleinen, der einem anderen völlig gleicht, den er vom Vorbeireiten in
der Franche-Comte und im Elsaß kannte. Auf der Vorderseite hat er in gotischen
Buchstaben Münschhof gelesen. Sie haben ihn niedergesetzt,
-50-
haben sich mit ihm von der
Gruppe getrennt und haben, einer nach dem anderen helfend, sich unter dem
betäubenden Lärm eindrucksvoller Kriegsmaschinen, die in fliegender Eile und mit
rasselnden Ketten das verlassene, aber unbeschädigte Dorf durchqueren, um sich
in neue Stellungen zu begeben, in Marsch gesetzt.
*
* *
Die Schwachen, die
Unterdrückten, die lange vom Leben in der Welt ferngehalten waren, sind oft wie
die Nervenleidenden und Kranken von übertriebener Empfindlichkeit, und diese
Empfindlichkeit äußert sich stets am verkehrten Orte. Als einer der Gestoßenen
erregte er bei der ersten Wiederaufnahme der Fühlung mit der Freiheit wieder
Anstoß. Zuerst beim Kommandanten, dann, als er den Transport wiederfand und
schließlich in der Villa, in der er zwei Nächte verbrachte.
Ein merkwürdiger
Biedermann, dieser Major: Englisch, Deutsch, Italienisch, Französisch, alle
Sprachen schienen ihm vertraut zu sein. Und dann dieser Ton, dieses Benehmen:
"Erst einmal ein Nachtlager
suchen, mein Freund, essen, sich wieder kräftigen, sich ausruhen, ein gutes
Bett. Danach werden wir sehen ... Klopfen Sie an die nächste Tür, die Sie für
geeignet halten . . . Nein, nein, nicht mit meinen Männern, die haben keine
Zeit, lassen Sie meine Leute jetzt in Frieden. Klopfen Sie an: wenn man Ihnen
öffnet, verlangen Sie zu essen — warm, denn Sie brauchen etwas Warmes. Wir
werden Ihnen etwas Zusätzliches geben, kalt natürlich ... Gibt man Ihnen keine
Antwort, so treten Sie trotzdem ein, und wenn niemand da ist, tun Sie, als ob
Sie zu Hause wären, alle diese Leute sind unsere Diener, jetzt sind sie an der
Reihe ... Daran haben sie sich zu halten! Nein, nein, haben Sie keine Angst,
beim geringsten Mangel in dieser Hinsicht ... Na, verstanden? Kommen Sie morgen
wieder zu mir. Bis dahin ... Nicht verwundet? .. . Nicht krank? ... Ja, aber
sicher schwach, nur schwach. Also bis morgen. Und versuchen Sie, ein Paar andere
Schuhe für die da zu finden . .. und einen anderen Smoking!"
Am anderen Tage war er
wiedergekommen. Der in einem Sessel auf der Freitreppe sitzende Major war am
Kokettieren mit zwei sehr hübschen Personen, die laut auflachten und sehr
geneigt zu sein schienen, sich im militärischen Sinne des Ausdrucks "gut
aufzuführen", wenn man diesen auf die Zivilisten des anderen Geschlechts
anwendet.
"Das Weibchen unterliegt
eben immer dem Gesetz des Siegers", dachte er. "In Frankreich 1940 . . . Alles
Töchter von Colas Breugnon." 1 )
1) Colas Breugnon:
Haupt- und lustige Person eines Werkes von Romain Rolland.
-51-
Der andere, sofort:
"Ah!, da sind Sie ja! Sagen
Sie mir doch, seit gestern abend habe ich nicht wenig Leute wie Sie geerbt: seit
Sonnenaufgang hören meine Männer nicht auf, sie zum Lager des Arbeitsdienstes zu
transportieren ... Was soll ich nur mit ihnen anfangen, guter Gott? ... Das ist
ja ein Zug voll, ein ganzer Zug! Und ich habe nicht die Mittel, sie nach hinten
abzutransportieren !... Sie werden alle umkommen, auf mein Wort, sie werden alle
sterben! In welcher Pension waren Sie eigentlich? . . . Ah, die Schmutzfinken!
Mach' dir nichts draus, Dickerchen, die zwei Dirnen da..,'
"Gut", fuhr er fort.
"Können Sie gehen?... Dann gehen Sie nicht zum Arbeitsdienstlager!... Nach
Westen zu, mein Freund, nach Westen. Entflohen, aus eigener Kraft auf
befreundetes Gebiet gelangt. . . Haager Konvention, Verschickter,
Bevorrechtigter . . . Dem ersten Sanitätswagen, der Ihnen begegnet, geben Sie
ein Zeichen ... In acht Tagen sind Sie in Paris ... Alle Rechte, sage ich Ihnen
... Wir werden Ihnen Lebensmittel mit auf den Weg geben. Na, und dies ist alles,
was Sie seit gestern abend gefunden haben? Da werden Sie den Mädchen unterwegs
Angst einjagen! Es war also nichts da, wo Sie geschlafen haben? Wir haben den
Krieg gewonnen, zum Himmel!... Die ist doch gut, die dort! Ach! diese Franzosen,
niemals wird man ihnen etwas beibringen... Franz!..."
Eine Ordonnanz, einige
Worte in englisch-deutscher Mischsprache:
"Also, bye, bye!... Folgen
Sie dem Führer, er wird Ihnen eine kleine Wegzehrung mitgeben. Viel Glück,
aber... sehen Sie zu, daß Sie es beim nächsten Male besser machen!"
Überreich mit Konserven,
Zucker, Schokolade, Biskuits, Zigaretten usw.... ausgestattet, daß er nicht
wußte, wohin er alles tun sollte, fand er sich draußen wieder: er wollte den
Transportzug sehen und wandte sich zum Bahnhof.
Geschäftig kamen und gingen
Leute, Zivilisten wie Soldaten, auf den Bahnsteigen, besprachen sich, beeilten
sich. Man trat zur Seite, damit er vorbeigehen konnte. Das Gewand, das er trug,
verschaffte ihm eine Art Ansehen. Mannschaften zogen halbbekleidete, zerlumpte,
abgemagerte, schmutzige, bärtige Körper aus den Waggons; die Zivilisten halfen
und betrachteten sie mitleidig, entsetzt... Die Leichen legte man längs der
Gleise, nachdem man ihnen die Nummern abgenommen hatte, wenn sie noch eine an
ihren armseligen Lumpen hatten. Er suchte unter den Toten, ob er nicht ein
bekanntes Gesicht fände ... Zwei Männer, deutsche Zivilisten, kamen und trugen
einen abgemagerten Körper.
"Kaputt", sagte der eine;
"nein", gab der andere zurück, "er atmet noch..."
Er erkannte Barray: Barray!
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Barray war Ingenieur in St.
Etienne: im Lager hatten sie drei Wochen auf demselben Strohsack geschlafen und
waren Freunde geworden;
wenn wir davonkommen,
werden wir uns schreiben, hatten sie sich versprochen.
Von einem Überlebenden
hörte er, daß der Unglückliche den Schlägen deutscher Häftlinge erlegen war,
weil er im Delirium des Hungers, der Kälte und des Fiebers die Marseillaise
angestimmt hatte. Die SS-Männer hatten dem Drama lächelnd zugeschaut, wohl weil
sie es belustigender fanden, als den monotonen und üblichen Schuß aus dem
Revolver.
"Barray!... Keine Aussicht
mehr", sagte er.
Er entfernte sich und
dachte dabei, in den Dingen liege doch wahrhaft ein Verhängnis, und daß gewisse
Voraussagen sich im Leben bewahrheiteten: seit vierzehn Tagen mindestens hatte
Barray bei allem was heilig ist, geschworen, sie würden am Montag nach
Quasimodogeniti befreit werden. Dennoch nahm er sich vor, seiner Witwe und
seinen beiden Kindern, über die sie sich oft vor dem Einschlafen unterhalten
hatten, zu schreiben.
Der Davongekommene — er
sagte, der Davongekommene! — erzählte ihm die Geschichte des Transportes ...
Zwei Kilometer, nachdem er den Bahnhof durchfahren hatte, war er am frühen
Morgen des Sonnabends fahrtunfähig geworden. Die SS-Männer hatten alle
bewegungsfähigen Männer aussteigen lassen und sie zu einer großen Kolonne
formiert, die kein Ende hatte und unter dem Geheul der Hunde und tödlichen
Feuerstößen ins Freie marschierte. Die Toten, Sterbenden und alle, die unter
Zuhilfenahme der allgemeinen Unordnung das Glück hatten, für solche zu gelten,
hatten sie zurückgelassen.
Er setzte seine
Besichtigung fort. In einem weit geöffneten Waggon, mit dem sich niemand
beschäftigte, ragten lebende Rümpfe, trotz der hellen Sonne zitternd, aus einem
Haufen von Toten heraus; sie drängten sich dicht aneinander, gegen eine Kälte,
die sie allein zu fühlen vermochten.
"Worauf wartet Ihr denn?"
"Gut... wir warten auf den
Tod, siehst du es nicht?" "Was?"
"Bah! . . . noch vierzehn
Lebende, alle anderen sind tot, man wartet, bis man an der Reihe ist..."
Er verstand nicht, daß sie
so wenig am Leben hingen.
"Die da haben es
aufgegeben", dachte er, "nicht der Mühe wert, daß man sich mit ihnen
beschäftigt... sie sind schon im Jenseits und befinden sich wohl dabei. Sie
würden das Leben als Strafe entgegennehmen, die sie eiligst loswerden möchten."
-53-
Und gleichgültig ging er
weiter. Wie viele von diesen Geschöpfen hatte er im Lager kennengelernt, über
denen eine Art von Verhängnis schwebte, und denen man nie begegnen konnte, ohne
zu denken, sie seien schon gestorben und ihr Leichnam habe sich überlebt... Sie
versäumten nie eine Gelegenheit, einen anzureden, einem vorzuleiern, der Krieg
sei in zwei Monaten zu Ende, hier seien die Amerikaner und dort die Russen,
Deutschland habe Revolution usw. ... Sie waren aufreizend lästig. Eines schönen
Tages sah man sie nicht mehr: die zwei Monate waren verstrichen, sie hatten
nichts kommen sehen, sie hatten, wie man so sagt, "schlapp gemacht"; am
festgesetzten Tage waren sie an sich selbst gestorben. Diese hier machten im
Ziel schlapp, ihre zwei Monate endeten hier, am Tage der Freiheit! Er wußte aus
Erfahrung, daß hier nichts mehr zu machen war.
Zwei Schritte weiter bekam
er Gewissensbisse:
"Bleibt doch nicht in
dieser Lage, rafft euch auf, die Amerikaner sind da, sie leeren nebenan den
Waggon, sie kommen auch zu euch. Sie geben euch zu essen, im Dorf ist ein
Lazarett." Sie glaubten ihm nicht mehr, aber nun war er mit sich im reinen.
Zehn, zwölf, fünfzehn Waggons, Tote, Sterbende. "Hier sterben!... Hierher
kommen, um zu sterben!"
Am Zugende Lebensmittel:
Säcke mit kleinen Erbsen, Mehl, Kisten mit Konserven, Pakete aller denkbaren
Ersatzmittel, Alkohol, Bier, Liköre, Kleider, Schuhe, Zubehörteile usw. ... Er
nahm einen Brotbeutel und ein Paar italienischer Schuhe aus Segeltuch mit
flachen Sohlen, die seinen Füßen merkwürdigerweise paßten, dann ging er weg,
denn er hatte Eile, sich von diesem ganzen Elend zu trennen.
Er wollte jedoch das in der
Nähe liegende Lager des Arbeitsdienstes sehen, wohin man die Lebenden
transportierte, wie ihm der Major gesagt hatte: ein großes Gelände, das von
Holzbaracken umsäumt war, Skelette, die umherliefen, ihre Hände auf die
schmerzenden Gedärme preßten; hie und da auch Leichen... fünf- oder sechshundert
mochten es sein. Freiwillige Krankenhelfer beschäftigten sich mit ihnen, liefen
von einem zum anderen, bemühten sich vergebens, ihnen klar zu machen, daß sie am
klügsten täten, wenn sie auf den Strohsäcken in den Baracken liegen blieben. Nur
wenige unter ihnen, die in ihren Augen den Willen und in ihren Herzen den Drang
zum Leben bewahrt hatten. Diejenigen, die man noch hätte retten können, begannen
an ruhrartigem Durchfall zu sterben, weil sie die Ratschläge in den Wind
geschlagen hatten und allzu gierig über die Lebensmittel hergefallen waren, die
man im Überfluß an sie verteilt hatte: sie aßen, dann bekamen sie großen Drang
nach Luft, wollten hinausgehen und starben auf dem Hof ... Nein, nein, dies war
kein Platz
-54-
für ihn. Überdies war man
noch zu nahe an der Front, man hörte den Kanonendonner noch allzu lebhaft. Er
mußte fortgehen. Wenn es sein müßte zu Fuß bis zum Ende: die Heimkehr des
Odysseus fiel ihm ein.
Er machte sich auf den Weg
nach der Villa, in welcher er in der vergangenen Nacht geschlafen hatte, und in
der ihn ein neues Herzeleid erwartete. Inzwischen fand er einen amerikanischen
Soldaten an der Tür einer Scheune, der ihn belustigt rasieren wollte.
Offen gesagt, es war keine
Villa, sondern das kleine Haus eines Ingenieurs oder pensionierten Beamten, wie
es deren so viele in Frankreich gab; eingezäunt und mit einem Garten ringsum. Am
Abend zuvor hatte er es verlassen vorgefunden, alle Türen standen offen. In der
Küche war der Tisch noch nicht einmal abgeräumt: weißer Käse auf einem Teller,
Eingemachtes — die Marmelade der Deutschen! — auf einem anderen.
Im Speisezimmer standen die
Türen des Schrankes auf, Wäsche und verschiedene Gegenstände waren auf dem Sofa,
dem Tische, auf den Stühlen in großer Eile aufeinandergesetzt — ein Koffer,
dessen Deckel voller Erwartung offen stand. Das Schlafzimmer war vollständig in
Ordnung. In ihm hatte er die heiße Herzensangst von wohlhabenden Leuten
eingeatmet, die bis zum Ende gehofft und die letzte Minute abgewartet hatten, um
fortzugehen.
"Sie sind nicht weit",
hatte er gedacht, "sie können jeden Augenblick zurückkommen."
Er hatte im großen Bett des
Schlafzimmers geschlafen, er hatte dort am Morgen geruht und eine Zigarette
geraucht; er hatte sich in den warmen Laken unter einem breiten Bündel von
Sonnenstrahlen ausgestreckt, die von den lackierten Möbeln zurückgeworfen
wurden. Als er dieses Haus verließ, um sich gegen zehn Uhr zum Kommandanten zu
begeben, hatte er an das gedacht, was ihm 1940 zugestoßen war, als er auf dem
Rückzug aus dem Elsaß ein letztesmal zu Hause sein wollte. Er hatte sich
wiedergesehen, einen Bleistift in der Hand, um einen Zettel zu schreiben, den er
an der Tür anschlagen wollte, wenn ihn nicht im letzten Augenblick eine Art von
Stolz, von dem er immer geglaubt hatte, er sei nicht am Platze gewesen, davon
abgehalten hätte: "Gebrauchen Sie alles, aber stehlen Sie nichts und zerbrechen
Sie nichts. Rächen Sie sich nicht an Sachen für das, was Sie den Menschen
vorzuwerfen haben . . . Lassen Sie den einzelnen nicht entgelten, was Sie für
den Irrtum der Gemeinschaft halten." Und hatte aus dem Wäscheschrank nur das
Unentbehrlichste genommen:
ein Hemd, eine Unterhose,
ein Taschentuch, unter dem Küchenschrank das Paar halblederner Sandalen, das den
Kommandanten so sehr zum Lachen gereizt hatte ... Er hatte sogar eine sehr
schwere Versuchung
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überwunden, als er an der
Garage vorbei in den Garten ging und im letzten Augenblick vor dem Weggehen den
Vorhang vor einem herrlichen Opelwagen weggezogen hatte.
Jetzt war alles
verschwunden, der herrliche Opel war fort, die Möbel ausgeräumt, die Wäsche
gestohlen, das Tafelgeschirr zerschlagen.
"Und ich hatte so große
Gewissensbisse", dachte er. "Der Krieg, o der Krieg!"
Auf dem Nachtschränkchen
war ein Wecker, den er am Abend vorher bemerkt hatte, wie durch ein Wunder
zurückgeblieben. Er zeigte 18 Uhr 30 an.
Vollkommen angekleidet warf
er sich auf das Bett und schlief ein.
Am anderen Tage machte er
sich morgens, als die Sonne schon höher stand, auf den Weg... Noch immer rollte
der Kanonendonner; hinter ihm rollten die mächtigen Kriegsmaschinen noch immer
nach vorn ... Am Ausgang des Dorfes, vor einem abseits gelegenen Haus, brachten
Zivilisten irgend etwas in einem auf zwei Steine gestellten Kessel zum Kochen:
es war etwa ein halbes Dutzend Menschen, schlecht gekleidet, unrasiert,
schmutzig, und er sah, daß einer von ihnen das Feuer mit Büchern schürte, die er
einem Haufen entnahm. Neugierig trat er näher:
es waren eingezogene
Belgier und Holländer, und die Bücher gehörten zur "Hitler-Jugend-Bücherei". Er
warf einen Blick auf die Titel: "Kritik über Feuerbach", "Die Räuber" von
Schiller, "Kant und die Moral", Goethe, Hölderlin, Fichte, Nietzsche usw....
alle waren wie zu einem tragischen Stelldichein vorhanden und warteten neben
Herren weniger vornehmer Herkunft, wie die Goebbels, Streicher, daß sich ihr
Schicksal erfülle. Das Papier war schön, die Aufmachung in guter Ausführung:
schon immer hatte er eine Schwäche für jederart Bücher gehabt. Er griff eines
heraus:
"Du und die Kunst", von
einem nationalsozialistischen Führer. Er öffnete es mechanisch und sah eine
farbige Wiedergabe des Gemäldes von Delacroix "Die Freiheit führt das Volk".
Aufmerksam blätterte er weiter:
"Die Blumen" von Monet, ein
Kunstwerk von Renoir, die "Jokonda", "Madame Recamier", das "Martyrium des hl.
Sebastian" usw.... Der Gegensatz zu der Hölle, der er entronnen war, schmerzte
ihn; er bat um die Erlaubnis, das Buch mitnehmen zu dürfen, obwohl es doch ein
Erzeugnis jener Zivilisation war, die ihm so grausam mitgespielt hatte, und über
die die Welt bis zum Ende aller Zeiten erstaunt und entrüstet sein wird. Die
Erlaubnis wurde ihm mit einem Lächeln und einem faulen Witz erteilt. Natürlich,
es war schwer zu verstehen.
-56-
Er schlug wieder die
Richtung nach Westen mit dem Vorgefühl ein, er werde niemals einen hilfsbereiten
Sanitätswagen antreffen und müßte zu Fuß bis ans Ende wandern. Plötzlich glaubte
er, an der Schwelle eines neuen Erlebnisses zu stehen und hätte gern gewünscht,
obgleich dies in einer anderen Zeit und unter einem anderen Himmel geschah, es
gliche dem des Odysseus, dessen er sich gestern erinnert hatte.
Vor sich sah er Straßen,
Bauern auf den Feldern, blühende Büsche, knospende Bäume, Bauerngehöfte, Leute,
die seine Geschichte von ihm wissen wollten, und die er ihnen gern erzählte,
Straßen und abermals Straßen, und da drunten, als ein Zubehör zum Horizont wie
in einer Fata Morgana ein kleines Haus unter Thuyen am Rande einer kleinen
Stadt. Im Höfchen richtete ein kleines Bübchen, das etwa zwei Jahre alt war und
im Sande spielte, große erstaunte Augen auf ihn, als es ihn in seinem
Sträflingsanzug daherkommen sah ... Mit schwerer Zunge fragte er:
"Wie heißt du denn, mein
Kleiner? Wo ist deine Mutter ?"
Und weinte.
-57-
KAPITEL I
Ein Gewimmel verschiedenster
Menschentypen
vor den Toren der Hölle
Sechs Uhr morgens: ins
Ungewisse hinein. Wir sind angekommen, etwa zwanzig Männer aller Altersklassen
und Berufe, alles Franzosen, mit dem unwahrscheinlichsten Flitter behängt,
sitzen gelassen um einen großen gezimmerten Tisch. Wir kennen uns nicht und
versuchen auch nicht, uns miteinander bekannt zu machen. Mehr oder weniger stumm
beschränken wir uns darauf, uns anzusehen und versuchen, obschon lässig, uns
gegenseitig zu erraten. Wir fühlen, daß wir an ein gemeinsames Schicksal
gebunden und von nun an dazu bestimmt sind, zusammen eine schmerzliche Prüfung
zu durchleben, daß wir uns damit abfinden müssen, uns gegenseitig preisgegeben
zu sein, aber wir benehmen uns, als wollten wir diesen Augenblick solange wie
möglich hinausschieben: das Eis ist schwer zu brechen.
Da jeder mit sich selbst zu
tun hat, versuchen wir, mit uns selbst ins reine zu kommen und uns darüber klar
zu werden, was an uns herantreten wird: drei Tage und drei Nächte zu hundert
Mann in einem Waggon, Hunger, Durst, Wahnsinn, Tod; das Ausladen während der
Nacht im Schnee unter dem Knallen von Pistolen, dem Geschrei von Männern, dem
Bellen von Hunden, unter den Schlägen der einen und dem Knurren der anderen; die
Dusche, die Desinfizierung, der "Petroleumbottich" usw. . .. Wir sind ganz
eingeschüchtert davon. Wir haben den Eindruck, gerade durch ein "no man's land"
gekommen zu sein, an einem mehr oder weniger tödlichen, klug gesteigerten und
genau ausgedachten Hindernisrennen teilgenommen zu haben.
Nach der Fahrt und ohne
Übergang eine lange Flucht von Hallen, Schreibstuben und unterirdischen Gängen,
die mit sonderbaren und drohenden Lebewesen belebt sind, von denen jedes seine
nicht minder sonderbare und demütigende Eigenart hatte. Hier die Brieftasche,
den Trauring, die Uhr, den Federhalter; hier den Rock, die Hose; dort die
Unterhose, die Strümpfe, das Hemd; zuletzt der Name: alles hat man
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uns weggenommen. Dann der
Friseur, der das Haar an allen Ecken kahl schneidet, das Kresolbad, die Dusche.
Schließlich der umgekehrte Vorgang: an diesem Schalter ein zerlumptes Hemd, an
jenem eine Unterhose mit Löchern, am anderen eine ausgebesserte Hose und so
weiter bis zu den Holzsohlen und dem Band, das die Stammrollennummer trägt,
dazwischen der abgetragene Überrock oder die ausgesonderte Jacke und die
Russenmütze oder einen Bersaglierihut. Man hat uns weder die Brieftasche, noch
einen Trauring, noch einen Federhalter, noch eine Uhr zurückgegeben.
"Es ist wie in Chicago",
ließ einer von uns fallen, als er seine Nummer befestigte, "am Eingang zur
Fabrik sind es Schweine und beim Herauskommen Konservenbüchsen. Hier kommt man
als Mensch herein und geht als Nummer hinaus."
Keiner hat gelacht:
zwischen dem Schwein und der Konservenbüchse von Chicago besteht bestimmt nicht
mehr Unterschied als zwischen dem, was wir waren und was aus uns geworden ist.
Als wir, diese ganze erste
Gruppe, in diesen hellen, sauberen, gut gelüfteten, auf den ersten Blick
behaglichen Raum gekommen sind, haben wir so etwas wie eine Erleichterung
empfunden: bestimmt die gleiche, die Orpheus bei der Rückkehr aus der Unterwelt
hatte. Dann haben wir uns dem eigenen Ich, unseren Sorgen überlassen, besonders
der einen, die das ganze innere Verlangen und Erwarten beherrscht und zügelt,
und die in aller Augen zu lesen ist:
"Werden wir heute etwas zu
essen bekommen? Wann werden wir schlafen können?"
Wir sind in Buchenwald,
Block 48, Flügel a. Es ist sechs Uhr morgens:
alles ungewiß. Und es ist
Sonntag, Sonntag, der 50. Januar 1944. Ein dunkler Sonntag.
*
* *
Block 48 ist ein fester Bau
— aus Steinen aufgeführt und mit Ziegeln gedeckt — und im Gegensatz zu fast
allen anderen, die aus Brettern bestehen, enthält er ein Erdgeschoß und eine
Etage. Klosetts und Gelegenheiten oben und unten: Waschraum mit zwei großen,
kreisförmigen Becken zu zehn oder fünfzehn Plätzen und Wasserröhren, die als
Duschen herabragen, W. C. mit sechs Sitz- und sechs Stehplätzen. Auf jeder
Seite, durch einen Zwischenraum verbunden, ein Eßraum mit drei großen
gezimmerten Tischen und ein Schlafsaal, der dreißig oder vierzig zweistöckige
Bettgestelle enthält. Ein mit einem Eßraum zusammengelegter Schlafsaal bildet
einen Flügel, a und b im Erdgeschoß, c und d
-59-
im ersten Stock. Das
Gebäude hat eine Grundfläche von etwa 120 bis 150 Quadratmetern, zwanzig bis
fünfundzwanzig Meter lang und sechs Meter breit: das Maximum an Behaglichkeit
auf einem Minimum an Raum.
In der Voraussicht unserer
Ankunft hat man den Block 48 gestern von seinen bisherigen Insassen geräumt.
Geblieben ist nur das Verwaltungspersonal, das zu ihm gehört: der Blockälteste,
das heißt der Leiter des Blocks, sein Schreiber, der Friseur und die Männer vom
Stubendienst, zwei je Flügel. Im ganzen elf Personen. Jetzt, seit Tagesanbruch,
füllt er sich von neuem.
Unsere Gruppe, die als
erste gekommen ist, wurde in dem Flügel untergebracht, in dem der Blockälteste
liegt. Nach und nach kommen weitere Gruppen. Nach und nach belebt sich auch die
Atmosphäre. Landsleute, die zu gleicher Zeit oder wegen derselben Angelegenheit
festgenommen wurden, finden sich wieder. Die Zungen lösen sich. Ich meinerseits
habe Fernand wiedergefunden, der sich gleich neben mich setzt.
Fernand ist ein ehemaliger
Schüler von mir, ein zuverlässiger und gewissenhafter Arbeiter. Zwanzig Jahre
alt. Während der Besatzung hat er sich ganz natürlich mir angeschlossen. Wir
haben die Reise bis Compiegne aneinandergekettet zurückgelegt und schon in
Compiegne haben wir ein sympathisches Eiland unter den siebzehn in derselben
Sache Festgenommenen gebildet. Offen gesagt, wir hatten sie geschnitten:
zunächst den einen, der sich gleich an den Vernehmungstisch gesetzt hatte: dann
den unvermeidlichen Berufsunteroffizier, der Versicherungsagent geworden war,
sich für einen Träger der Ehrenlegion ausgegeben und sich gleichzeitig, weil er
es für seine Würde wohl als unerläßlich ansah, auch den Dienstrang eines
Hauptmanns zugelegt hatte. Schließlich die anderen, alles ordentliche und
würdige Leute, aus deren Schweigen und Blick in jedem Augenblick das Bewußtsein
sprach, daß sie sich in eine schlechte Sache eingelassen hatten. Vor allem
forderte uns der Versicherungsagent mit seinem Größenwahn, seinem
großsprecherischen Getue, seinen gewichtigen Mienen, als sei er mit den Göttern
im Geheimnis und den dummen optimistischen Reden, mit denen er uns unaufhörlich
überschüttete, heraus.
"Komm", hatte Fernand zu
mir gesagt, "das sind keine Leute aus unserer Welt."
In Buchenwald, wohin wir im
gleichen Waggon gekommen waren, haben wir uns von neuem eng aneinander
geschlossen und einen Augenblick der Unaufmerksamkeit der Gruppe dazu benutzt,
heimlich zu verschwinden und unsere Personen nacheinander einer Prozedur zu
unter-
-60-
ziehen, die man schließlich
auch Erledigung der Aufnahmeformalitäten nennen kann. Einen Augenblick waren wir
getrennt, dann fanden wir uns hier wieder zusammen.
Um acht Uhr morgens bleibt
kein Platz mehr, um noch ein Ei am Tisch unterzubringen, und ein so hitziges
Gerede ist im Gange, daß es den Blockältesten und die Männer vom Stubendienst
belästigt. Man stellt sich vor, die Berufe werden einander über die Köpfe hinweg
zugerufen, begleitet von den Stellen, die man in der Widerstandsbewegung
innegehabt hat: Bankiers, Großindustrielle, Majore im Alter von zwanzig Jahren,
Obersten, die kaum älter sind, hohe Führer der Widerstandsbewegung, die alle das
Vertrauen von London haben und dessen Geheimnisse kennen, besonders das Datum
der Landung. Einige Professoren, einige Priester, die sich schüchtern abseits
halten. Nur wenige bezeichnen sich als Angestellte oder einfache Arbeiter. Jeder
will eine beneidenswertere gesellschaftliche Stellung gehabt haben und vor allem
mit einer Aufgabe von höchster Wichtigkeit von London beauftragt gewesen sein.
Die verübten Anschläge sind nicht zu zählen. Unsere beiden bescheidenen Personen
werden dadurch in den Schatten gestellt.
"Vom Besten der guten
Gesellschaft ... Stümper", flüstert Fernand mir ganz, ganz leise ins Ohr.
Nach einer Viertelstunde
verspüren wir, wahrhaft gequält, den unwiderstehlichen Drang, Pipi zu machen. Im
Zwischenraum, der zu den W. C. führt, ist eine sehr angeregte Unterhaltung zu
Fünfen oder Sechsen im Gange. Im Vorbeigehen hören wir, daß es sich um Millionen
handelt.
"Gott! in welches Milieu
sind wir doch geraten?"
Auf den W. C. sind alle
Plätze besetzt, man steht Schlange, wir sind genötigt, zu warten. Bei der
Rückkehr, gute zehn Minuten später, befindet sich die Gruppe noch immer im
Zwischenraum und die Unterhaltung dreht sich noch immer um Millionen. Jetzt ist
von vierzehn die Rede. Wir wollen Klarheit haben und bleiben stehen; es ist ein
armer Alter, der sich in Wehklagen über fabelhafte Summen ergeht, die ihm durch
seinen Aufenthalt im Lager verlorengehen.
"Aber schließlich,
Monsieur", wage ich zu sagen, "was machen Sie denn im Zivilleben, daß Sie mit
solchen Summen arbeiten? Sie müssen eine sehr beachtliche Stellung haben."
Ich habe eine Miene
bewundernden Mitleids aufgesetzt, um dies zu sagen.
"Ach, mein lieber Herr,
sprechen Sie mir nicht davon: dies hier!"
Und er zeigt mir die
Holzsohlen, die er an den Füßen trägt. Ich habe nicht die Kraft, das Lachen zu
verbeißen. Er versteht es nicht und beginnt wieder mit seinen Erklärungen für
mich.
-6l-
"Verstehen Sie doch, von
diesen da haben sie bei mir erst eintausend Paar bestellt, die sie, ohne die
Zahl und die Rechnung zu kontrollieren, abgeholt haben. Dann weitere tausend
Paar, dann zweitausend, fünftausend und dann ... In letzter Zeit strömten die
Bestellungen herein. Und niemals kontrollierten sie. Na, und da begann ich, ein
wenig in der Qualität zu betrügen, dann bei den Preisen. Verdammt! ... je mehr
Geld man ihnen abnahm, desto mehr schwächte man sie doch, und je mehr man sie
schwächte, desto mehr erleichterte man den Engländern die Aufgabe. Diese
schmutzigen Boches jedoch! Eines schönen Tages haben sie die Rechnungen mit den
Abrechnungen ihrer Empfänger verglichen: bei diesen Leuten muß man aber auch auf
alles gefaßt sein. Sie haben herausgefunden, daß sie um etwa zehn Millionen
betrogen worden waren. Dann haben sie mich hierher geschickt. Unmittelbar. Und
ohne jegliches Urteil, mein Herr. Stellen Sie sich das vor: ich ein Dieb?
Ruiniert, ich werde jetzt ruiniert, mein Herr! Und ohne irgendein Urteil .. ."
Er ist ehrlich entrüstet.
In allem Ernst, er hat den Eindruck, eine unbestreitbar patriotische Tat
begangen zu haben, und, wie so viele andere, das Opfer einer Rechtsverweigerung
geworden zu sein. Ein anderer hängt sich an, ohne eine Miene zu verziehen:
"Genau wie bei mir, mein
Herr, ich war Landwirtschaftsverwalter in der .. "
"Komm"', sagt Fernand zu
mir, "Du siehst klar!"
*
* *
Die Tage vergehen. Wir
machen uns, soweit man dies kann, mit unserem neuen Leben bekannt.
Zunächst hören wir, daß wir
hier sind, um zu arbeiten, daß wir wahrscheinlich sehr bald einem Außenkommando
des Lagers zugeteilt werden und dann "auf Transport" gehen werden. In der
Zwischenzeit werden wir drei oder sechs Wochen in Quarantäne bleiben, je
nachdem, ob bei uns eine epidemische Krankheit auftreten würde oder nicht.
Dann macht man uns mit der
vorläufigen Lagerordnung bekannt, der wir unterstehen. Während der Quarantäne
unbedingtes Verbot, den Block oder seinen, übrigens von Stacheldraht
eingezäunten, kleinen Hof zu verlassen. Jeden Tag Wecken um vier Uhr dreißig —
"mit Trompetengeschmetter" durch den Stubendienst, der den Gummiknüppel für
diejenigen in der Hand hat, die versucht sein könnten, dies in die Länge zu
ziehen — Toilette im Laufschritt, Verteilung der Lebensmittel für den Tag (250 g
Brot, 20 g Margarine, 50 g Wurst oder Weißkäse oder Mar-
-62-
melade, ein halber Liter
Kaffee-Ersatz, nicht gezuckert), Appell um fünf Uhr dreißig, der bis sechs Uhr
dreißig oder sieben Uhr dauert. Von sieben bis acht Uhr Arbeitsdienst,
Revierreinigen. Gegen elf Uhr erhalten wir einen Liter Suppe aus Steckrüben und
gegen sechzehn Uhr heißt es Kaffeetrinken. Um achtzehn Uhr neuer Appell, der bis
einundzwanzig Uhr dauern kann, selten weniger, gewöhnlich aber bis zwanzig Uhr.
Dann Schlafengehen. In der Zwischenzeit sind wir uns selbst überlassen, können
an den Tischen sitzen und, unter der Bedingung, daß es nicht zu hitzig zugeht,
uns unsere kleinen Geschichten, unseren Kleinmut, unsere Befürchtungen, unsere
Ahnungen und unsere Hoffnungen mitteilen. Tatsächlich dreht sich die
Unterhaltung vom Morgen bis zum Abend um das Datum der etwaigen Beendigung der
Feindseligkeiten und die Art, wie sie zu Ende gehen: die allgemeine Meinung ist,
daß in zwei Monaten alles zu Ende sein wird, da einer von uns allen Ernstes
verkündete, er habe eine geheime Mitteilung aus London erhalten, nach welcher
ihm der Märzanfang als bestimmter Zeitpunkt für die Landung bezeichnet worden
sei.
Schrittweise werden
Fernand und ich mit unserer Umgebung bekannt, wobei wir jedoch auf Abstand
halten und reserviert bleiben. Nach zwei Tagen haben wir Gewißheit erlangt, daß
mindestens die Hälfte unserer Gefährten im Unglück nicht aus den Gründen hier
sind, die sie angeben, und daß auf jeden Fall diese Gründe nur ganz entfernt mit
der Widerstandsbewegung verwandt sind; uns scheint, daß die größte Zahl der
Opfer vom schwarzen Markt kommt.
Verwickelter ist es schon,
den Rhythmus des Lebenskreises zu erfassen, in den wir eingetreten sind. Über
einen eingeschalteten Luxemburger, der kaum Französisch versteht, hält uns der
Blockälteste jeden Abend beim Appell lange aufklärende Reden, aber ... Dieser
Blockälteste ist der Sohn eines ehemaligen kommunistischen
Reichstagsabgeordneten, der von den Nazis ermordet wurde. Er ist Kommunist, er
verheimlicht dies nicht — was mich erstaunt — und das Wesentliche seiner
Quatschereien besteht in der immer wiederholten Behauptung, die Franzosen seien
schmutzig, schwatzhaft wie die Elstern und faul; sie verstünden nicht, sich zu
waschen und alle seine Zuhörer hätten das doppelte Glück, gerade in dem
Augenblick gekommen zu sein, in dem das Lager ein Sanatorium geworden sei, und
sie einem Block zugeteilt wurden, dessen Leiter ein "Politischer" an Stelle
eines "Kriminellen" sei. Man kann nicht sagen, er sei ein schlechter Bursche:
seit elf Jahren ist er eingesperrt und hat die Umgangsformen des Hauses
angenommen. Er schlägt selten;
seine Machtäußerungen
bestehen im allgemeinen in einem strengen "Ruhe!", das er in unser Schwätzen
wirft und dem Verwünschungen
-63-
folgen, in denen stets vom
Krematorium die Rede ist. Wir fürchten ihn, aber noch mehr fürchten wir seine
russischen und polnischen Stubendienste.
Von dem übrigen Lager
wissen wir nichts oder fast nichts, da das Feld unserer Forschung auf die vier
Flügel des Blocks beschränkt ist. Wir ahnen aber, daß um uns herum gearbeitet
wird, daß die Arbeit hart ist, aber wir haben keinen Lautsprecher, der uns über
ihre Natur Aufklärung gibt. Dagegen kennen wir sehr rasch alle Ecken und
Schlupfwinkel unseres Blocks und seiner Bewohner. In ihm ist alles vorhanden:
Abenteurer, Leute von schlecht nachweisbarer Herkunft und Stellung, echte
Widerstandskämpfer, ernste Leute, solche wie Cremieux, der General-Prokurator
des Königs der Belgier usw. ... Unnütz zu sagen, daß Fernand und ich nicht den
Wunsch haben, uns irgendeiner der Gruppengemeinschaften anzuschließen, die sich
gebildet haben.
Die erste Woche ist
besonders hart gewesen.
Unter uns befinden sich
Verstümmelte, Beschädigte, denen ein Bein oder beide fehlen, Leute mit
angeborener Lähmung, die ihre Stöcke, ihre Krücken oder ihre künstlichen Beine
mit ihren Brieftaschen oder ihren Wertsachen am Eingang zurücklassen mußten: sie
schleppen sich jämmerlich dahin, man hilft ihnen oder trägt sie. Es sind auch
Schwerkranke vorhanden, denen man die unentbehrlichen Medikamente, die sie stets
bei sich trugen, abgenommen hat: da sie nicht in der Lage sind, sich zu
ernähren, sterben sie langsam. Und dann folgt eine große Revolution in den
Organismen, die durch den jähen Wechsel in der Ernährung und ihre tragische
Unzulänglichkeit hervorgerufen wird: alle Körper beginnen zu eitern, bald ist
der Block eine große Eiterbeule, welche improvisierte Ärzte, aber ohne Mittel,
pflegen oder zu pflegen scheinen. Schließlich machen unerwartete Vorfälle auf
moralischem Gebiet das uns auferlegte Zusammenhausen noch unerträglicher: der
Wirtschaftsverwalter im Range eines Obersten wird gefaßt, als er einem Kranken,
dessen Pfleger er sein wollte, das Brot weggenommen hatte; ein heftiger Streit
ist zwischen dem General-Prokurator des Königs der Belgier und einem Doktor
wegen der Brotverteilung ausgebrochen; ein Dritter, der von Gruppe zu Gruppe
ging und dabei seine Eignung für den Posten eines Präfekten nach der Befreiung
anpries, wurde überrascht, als er im Begriff war, etwas von der gemeinsamen
Zuteilung wegzunehmen, als diese gerade zum Block gekommen war usw. ... Wir
befinden uns in einem Hof der Wunder1).
1) Hof der Wunder '-
Freistätte der Pariser Gauner und Bettler (der Übers.).
-64-
Dies alles rüttelt die
Philanthropen wach: ohne Philanthropen gibt es keinen Hof der Wunder, und das
auf diesem Gebiet reiche Frankreich hat viele von ihnen hierher exportiert, die
nur darauf ausgehen, ihre deutlich erkennbare und wenn möglich einträgliche
Ergebenheit kundzutun. Eines Tages werfen sie einen Blick herablassenden
Mitleids auf diese Masse von Männern in Lumpen, die allen geistigen
Veranlagungen preisgegeben und mögliche Opfer aller Entartungen sind. Unser
moralisches Niveau erscheint ihnen gefährdet und so eilen sie ihm zu Hilfe, denn
in einem Abenteuer wie diesem ist der moralische Faktor ausschlaggebend. So ist
es im Leben: es gibt Leute, die den einen wegen des Brotes, den anderen wegen
ihrer Freiheit und wieder anderen wegen ihrer Moral böse sind.
Ein Lyoner, der sich
Chefredakteur des "Effort" nannte — sehen Sie einmal, diese Empfehlung! —, ein
Oberst, wenn ich mich noch recht erinnere, ein hoher Beamter der
Lebensmittelverteilung und ein kleiner Hinkefuß, der sich als Kommunist
bezeichnete, den aber alle Toulouser beschuldigen, sie bei seiner Vernehmung der
Gestapo überliefert zu haben, stellen ein Programm für die Reihenfolge der
Lieder und Vorträge über die verschiedenartigsten Gegenstände auf. Bis zum
Sonntag hören wir einen Bericht über die Syphilis bei Hunden, einen anderen über
die Erdölförderung in der Welt nach dem Kriege, einen dritten, in welchem die
Organisation der Arbeit in Rußland und Amerika verglichen wurden: diese Reden
finden bei uns aber kein Verständnis.
Am Sonntag ein
fortlaufendes Programm von drei bis sechs Uhr mit einem Regisseur. Ein Dutzend
Freiwillige, von denen jeder "das Seine" beiträgt; die verschiedensten Gefühle
sind aus dem Grunde der Seelen aufgestiegen, die verschiedensten
Persönlichkeiten haben sich betätigt:
von der "Zerbrochenen
Violine" bis zum "Elsässischen Soldaten" über "G. D. V."2), "Margot
bleibt im Dorfe" und "Herz im Flieder". Die gewagtesten derben Spaße, auch die
drolligsten Monologe. Diese Hanswurstiaden stehen in schreiendem Widerspruch zu
dem Ort und dem Publikum, zu der Lage, in der wir uns befinden und zu den
Sorgen, die wir eigentlich haben sollten: die Franzosen verdienen entschieden
den Ruf des Leichtsinns, den ihnen die Welt verliehen hat.
Schließlich singt ein
intelligenter, hübscher Junge von zwanzig Jahren mit warmer Stimme "Die kleine
Kirche" von Jean Lumiere und führt alle in einem gemeinsamen Heimweh zueinander:
"Ich weiß eine kleine
Kirche in einem kleinen Dörfchen ..."
Allen steigen die Tränen in
die Augen, die Mienen bekommen wieder den Ausdruck des Menschlichen, diese aus
der Bahn Geworfenen werden
2) "G. D. V." =
"Gueules des Vaches" = Großschnauzen (der Obers.).
-65-
wieder zu Menschen. Ich
mache mir klar, daß "Der langsame Galoubet von Bertrandou, die alte
Hirtenflöte", für die Jungen aus der Gascogne von Cyrano und Bergerac gedacht
waren. Ich verzeihe den Philanthropen und vom Lager aus gelobe ich Jean Lumiere
ein ewiges Gedenken.
*
* *
In der zweiten Woche
Wechsel in der Ausschmückung: es sind noch Formalitäten zu erfüllen. Am
Montagmorgen dringen die Krankenpfleger in den Block ein, in der Hand die
Lanzette: die Pockenimpfung. Alles mit nacktem Oberkörper in den Schlafraum; bei
der Rückkehr wird man im Vorbeigehen zusammengenommen und in der Reihe geimpft.
Der Vorgang wiederholt sich mit einigen Tagen Unterbrechung drei- oder viermal.
Am Nachmittag sucht die politische Abteilung uns heim und nimmt eine eingehende
Untersuchung über Zivilstand, Beruf, politische Einstellung, Gründe der
Verhaftung und der Verschickung vor: dies sind drei oder vier schwere Tage nach
den Impfungen und dem Sch . .. dienst.
Der Sch ... dienst: ach!
meine Freunde. Alle Fäkalien der etwa dreißig- bis vierzigtausend Lagerinsassen
laufen in einem Bassin zusammen, das als Sammelbecken für alle Entleerungen
dient. Da nichts verloren" gehen darf, schüttet täglich ein Sonderkommando die
kostbaren Produkte in die dem Lager unterstehenden Gärten, die das Gemüse für
die SS züchten. Seitdem ständig Zugang an Transporten von Ausländern
stattfindet, setzen die deutschen Häftlinge, die die verwaltungsmäßige Leitung
des Lagers in der Hand haben, sich in den Kopf, diese Arbeit von den
Neuangekommenen ausführen zu lassen; für sie ist es dasselbe wie der alte
traditionelle Spaß, den man mit den Rekruten in den französischen Kasernen
macht, und dies belustigt sie ungeheuer. Dieser Dienst ist einer der härtesten:
die Häftlinge, die zu zweien an eine "Trage" (ein Holzgefäß in Form eines
Pyramidenstammes mit viereckiger Basis) gestellt werden, die die Sache enthält,
laufen wie Zirkuspferde in der Runde vom Bassin zu den Gärten, vierzehn Stunden
hintereinander in Kälte und Schnee und kommen abends steif und stinkend zum
Block zurück.
Eines Tages kündigt man uns
an, daß unser Block, ohne einem Kommando zugeteilt worden zu sein, während der
restlichen Quarantänezeit jeden Vor- und Nachmittag eine Arbeitsabteilung für
Steine zu stellen hat. Der Blockälteste hat entschieden, daß es für uns leichter
wäre, wenn wir alle, das heißt die vierhundert, gingen und für jeden Dienst nur
zwei Stunden draußen blieben, als Gruppen von je hundert Mann zu
-66-
bilden, die einander
ablösen und zwölf Stunden geschliffen würden. Jedermann ist einverstanden.
Von diesem Tage an
marschieren wir jeden Morgen und jeden Nachmittag durch das Lager, um uns zum
Steinbruch zu begeben, wo wir einen Stein aufnehmen, der unserer Kraft
angemessen ist: wir bringen sie ins Lager zu Arbeitsrotten, die sie zum
Straßenbau zerkleinern, und kehren zum Block zurück. Diese Arbeit ist leicht,
vor allem im Vergleich zu derjenigen der Steinbrucharbeiter, die unter den
Flüchen und Schlägen der Kapos (K.A.Po. = Abkürzung für
Konzentrationslager-Arbeitspolizei oder Polizei zur Arbeitskontrolle) die Steine
brechen. Viermal täglich kommen wir ganz nahe an Villen vorbei, von denen
gerüchteweise verlautet, dort seien Leon Blum, Daladier, Reynaud, Gamelin und
die Tochter des Königs von Italien, Mafalda, unter Bewachung. Wir sind alle auf
das Los dieser Bevorrechtigten neidisch. Bei jedem Vorbeikommen höre ich
Bemerkungen:
"Die Wölfe fressen einander
nicht!"
"Je nachdem du mächtig oder
elend bist..."
"Die Großen, mein Lieber,
du kannst dir für sie die Haut abschinden und sie sagen sich Artigkeiten!"
"Hitlers Rassegesetze
gelten für alle Juden, einen ausgenommen."
Usw. ... usw. ...
In unseren Reihen befindet
sich ein ehemaliger Premierminister von Belgien und ein ehemaliger französischer
Minister und weitere mehr oder minder angesehene Persönlichkeiten. Diese sind
noch mehr gekränkt als wir über die Behandlung, die die Bewohner dieser Villen
genießen. Man erzählt, jeder hätte zwei Zimmer, Radio, deutsche und ausländische
Zeitungen, sie erhielten drei Mahlzeiten täglich. Und für uns steht fest, daß
sie nicht arbeiten.
Besonders beneidet wird
Leon Blum. Der Zufall hat es gewollt, daß Fernand und ich, die sich nie
verließen, uns bei einem Gang neben dem französischen Minister befanden:
"Warum Leon Blum und nicht
ich?" sagte er zu mir.
Aus seinem Stimmfall hatten
wir das Gefühl, daß er es nicht einmal seltsam fand, daß wir zu diesen niedrigen
Sklavenarbeiten bestimmt wurden; aber er, da haben wir es. Er, der einstige
Minister!
Fernand zuckte die Achseln.
Ich war bestürzt.
An einem anderen Tage führt
man uns anstatt zum Steintransport zur Dienststelle der Anthropometrie, wo man
uns photographiert (von vom und von der Seite) und unsere Fingerabdrücke
abnimmt. Dicke und fette Menschen, gut herausgefüttert, Häftlinge wie wir, die
aber
-67-
am Arm das Abzeichen
irgendeiner Dienststelle und in der Hand den Gummiknüppel tragen, brüllen uns in
die Ohren. Vor mir marschieren Dr. X. ... und der kleine hinkende Kommunist, der
sich des Wohlwollens des Blockältesten erfreut. Dr. X. ..., von dem jedermann
weiß, daß er in seinem Departement mehrfach Kandidat der U. N. R.3)
für den Generalrat oder bei anderen Wahlen gewesen ist, erklärt dem kleinen
Hinkefuß, daß er kein Kommunist, aber auch kein Antikommunist sei, ganz im
Gegenteil: der Krieg habe ihm die Augen geöffnet und vielleicht, wenn er einmal
Zeit haben wird, sich dessen Doktrin angleichen will ... Seit zwei Tagen spricht
man von einem möglichen Abtransport nach Dora und Dr. X ... beginnt,
Vorkehrungen zu treffen, um in Buchenwald zu bleiben. Ein Elend!
Plötzlich erhalte ich einen
fürchterlichen Faustschlag: von meinen aus dieser Unterhaltung hervorgegangenen
Gedanken beansprucht, bin ich etwas aus der Reihe geraten. Ich wende mich um,
und über mich ergeht eine Lawine von deutschen Schimpfwörtern, von denen ich
unterscheide:
"Hier ist Buchenwald, du
Lump. Schau mal, dort ist das Krematorium!" Dies ist alles, was ich über den
Grund des Faustschlages erfahre. Dagegen wendet der kleine Hinkefuß sich zu mir,
und als ob er mir erklären wolle, wie sehr dies gerechtfertigt war, sagt er:
"Du konntest doch
aufpassen: das ist Thälmann!"
Wir kommen zum Eingang des
Untersuchungsgebäudes. Eine andere Person mit Gummiknüppel und Armbinde stößt
uns roh in Reihen gegen die Wand. Diesmal erhält der kleine Hinkefuß einen
Faustschlag und wird mit Beleidigungen überschüttet. Nachdem sich das Gewitter
verzogen hat, wendet er sich zu mir:
"Von dem da erstaunt es
mich nicht: das ist Breitscheid." Ich empfinde nicht das mindeste Bedürfnis, die
Identität dieser beiden Kerle zu untersuchen. Ich beschränke mich darauf, bei
dem Gedanken zu lächeln, daß sie endlich die Aktionseinheit hergestellt haben,
von der sie vor dem Kriege so viel sprachen, und diesen feinen Sinn für
Sprachunterschiede zu bewundern, den der kleine Hinkefuß bei seinen
Gedankengängen besitzt.
Ich bin ein Pessimist,
zumindest stehe ich im Ruf, es zu sein. Zuerst weigere ich mich, die
optimistischen Neuigkeiten, die Jonny jeden Abend im Block berichtet, für bare
Münze zu nehmen. Jonny ist
3) U. N. R. — Union
Nationale Republicaine — Republikanische Nationale Union.
-68-
ein Neger. Zum ersten Male
habe ich ihn in Compiegne gesehen, wo ich ihn mit stark amerikanisch gefärbter
Sprache erzählen hörte, er sei Captain einer fliegenden Festung gewesen; bei
einem Angriff auf Weimar sei sein Apparat getroffen worden und er hätte mit dem
Fallschirm abspringen müssen. In Buchenwald angekommen, hat er begonnen, das
Französische fließend sprechen zu lernen und hat sich als Arzt ausgegeben. Er
spricht zwei weitere Sprachen beinahe so gut wie französisch:
deutsch und englisch. Dank
dieser Überlegenheit gelang es ihm, sich als Arzt dem Revier zuteilen zu lassen,
noch ehe die Quarantäne zu Ende war. Die Franzosen sind überzeugt, daß er
ebensowenig Arzt wie Captain einer fliegenden Festung war, aber sie beugen sich
vor der Meisterschaft, mit der er sich einzuführen verstanden hat. Jeden Abend
wird er von allen Seiten umringt: das Revier gilt als der einzige Ort, an den
sichere Nachrichten gelangen können. Daher wird Jonny trotz seines Rufes als
Aufschneider von allen ernst genommen, wenn er von den Kriegsereignissen
spricht. An einem Abend kommt er mit der Revolution in Berlin zurück, an einem
anderen mit einer Meuterei der Truppen an der Ostfront, am dritten mit der
Landung der Alliierten in Ostende, am vierten mit der Übernahme der
Konzentrationslager durch das Internationale Rote Kreuz usw. ... Jonny ist nie
um gute Nachrichten verlegen, und dies führt dazu, daß im Februar 1944 jeden
Abend nach seiner Rückkehr in den Block die allgemeine Meinung dahin geht, daß
der Krieg in weniger als zwei Monaten zu Ende sein wird. Er ist mir lästig, die
anderen mit ihrer Gutgläubigkeit sind es auch. Denjenigen, die mir mit den
Gewißheiten kommen, die ihnen Jonny einredet, erwidere ich gewohnheitsmäßig, daß
ich für meinen Teil überzeugt bin, daß der Krieg nicht vor zwei Jahren zu Ende
geht. Da ich übrigens zu den ganz Seltenen gehöre, die an den Fall von
Stalingrad sozusagen erst glaubten, als sie es schwarz auf weiß sahen, und dies
auch hinterher zugegeben habe, hat man mich sofort eingestuft.
Tatsächlich nehme ich alles
mit einer unerschütterlichen Skepsis entgegen, die raffiniertesten Greuel, die
man uns aus der Vergangenheit der Lager erzählt, die optimistischen Annahmen
über das künftige Verhalten der SS, die, wie man sagt, den Wind der Niederlage
über Deutschland wehen fühlt und sich in den Augen der künftigen Sieger
loskaufen will, die beruhigenden Gerüchte über unsere anderweitige Verwendung.
Ich stelle sogar in Abrede, was offenbar zu sein scheint, z.B. die vielberufene
Inschrift, die sich auf dem schmiedeeisernen Tor befindet, das den Zugang zum
Lager abschließt. Als wir zum Steinetragen gingen, las ich dort eines Tages:
"Jedem das Seine", und die Anfangsgründe des Deutschen, über die ich verfüge,
ließen mich es so übersetzen: "Jedem
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sein Los." Alle Franzosen
sind überzeugt, daß es die Übersetzung des berühmten Hinweises sei, den Dante an
die Pforte zur Hölle setzt: "Die Ihr hier eintretet, lasset alle Hoffnung
fahren"4).
Dies ist der Gipfel, und
ich bin ein Ungläubiger.
*
* *
Der Block ist in zwei
Stämme eingeteilt: auf der einen Seite die Neuankömmlinge, auf der anderen die
elf Personen, Blockältester, Schreiber, Friseur und Stubendienst, Deutsche oder
Slawen, die seinen Verwaltungsapparat darstellen, und eine Art
Zusammengehörigkeit, die mit allen Widerständen, allen Stellungs- und
Meinungsverschiedenheiten reinen Tisch macht, eint sie auch in der Verworfenheit
gegen die anderen. Sie, die Häftlinge sind wie wir, nur länger, die alle
Gaunereien des Sträflingslebens durch und durch kennen, benehmen sich, als wären
sie unsere wirklichen Herren und regieren uns mit Ungerechtigkeit, Drohung und
Prügeln. Wir vermögen sie nur als "agents provocateurs" oder Spitzel der SS
anzusehen. Mir wird es ein für allemal klar, daß sie "Tschauschs" sind, jene
Gefängniswärter und Vertrauensmänner der Zuchthäuser, welche die französische
Literatur über Gefängnisse aller Arten erwähnt. Vom Morgen bis zum Abend rühmen
sich die Unseren mit geschwellter Brust der Macht, die sie haben, uns bei der
geringsten Aufsässigkeit oder einem einzigen Wort ins Krematorium zu schicken.
Und vom Morgen bis zum Abend essen und rauchen sie auch, was sie vor aller Augen
und mit aller Wissen unverschämterweise von unseren Rationen stehlen: Suppe
literweise. Margarinebrote, mit Zwiebeln und Paprika geröstete Kartoffeln. Sie
arbeiten nicht, sie sind fett, sie sind uns zuwider.
In diesem Milieu lernte ich
Jircszah kennen.
Jircszah ist Tscheche. Er
ist Rechtsanwalt. Vor dem Kriege war er Beigeordneter des Bürgermeisters von
Prag. Das erste, was die Deutschen taten, als sie die Tschechoslowakei in Besitz
nahmen, war, ihn festzunehmen und zu verschicken. Seit vier Jahren lebt er in
den Lagern. Er kennt sie alle: Auschwitz, Mauthausen, Dachau, Oranienburg ...
Ein alltäglicher Zufall hat ihn vor zwei Jahren gerettet und in einem
Krankentransport nach Buchenwald geführt. Bei seiner Ankunft hat einer seiner
Landsleute für ihn die Stelle eines allgemeinen Dolmetschers für die Slawen
gefunden. Er hofft, sie bis zum Kriegsende behalten zu können,
4) Sofort nach meiner
Befreiung im Mal 1945, als ich noch in Deutschland und auf dem Heimwege war,
habe ich am Radio eine Plauderei eines Verschickten — Gandrey Retty, wenn
ich nicht irre — gehört, der ihr diese Auslegung gab. So kommen die dummen
und verlogenen Reden auf.
-70-
das er nicht als nahe
bevorstehend ansieht, schließlich aber kommen fühlt. Er lebt bei den Tschauschs
des Blocks 48, die ihn als einen der Ihren ansehen, aber er gibt uns sofort
Sicherheiten, die dazu führen, daß wir ihn als einen der Unseren betrachten:
seine Rationen, die er verteilt, Bücher, die er sich verschafft und uns leiht.
Jircszah kommt zum ersten
Male mit Franzosen in Fühlung. Er betrachtet sie mit Neugier. Auch mit Mitleid:
sind das die Franzosen? Ist dies die französische Kultur, von der man ihm in
seiner Studentenzeit soviel erzählt hat? Er ist enttäuscht, er kommt nicht
wieder darauf zurück.
Meine Skepsis und die Art,
mit der ich mich fast systematisch von dem lauten Leben des Blocks fernhalte,
bringen ihn mir näher. "Ist das die Widerstandsbewegung?"
Ich antwortete nicht. Um
ihn aber mit Frankreich auszusöhnen, stelle ich ihm Cremieux vor.
Er billigt bestimmt nicht
das Verhalten der Tschauschs, aber er nimmt keinen Anstoß mehr daran und
verachtet sie auch nicht:
"Ich habe Schlimmeres
gesehen", sagt er ... "Man soll von den Menschen nicht allzuviel
Vorstellungskraft auf dem Wege des Guten verlangen. Wenn ein Sklave am Nehmen
ist, ohne aus seiner Stellung zu fliegen, ist er ein größerer Tyrann als seine
eigenen Tyrannen." Er erzählt mir die Geschichte von Buchenwald und den Lagern.
"Es ist viel Wahres an allem, was man von den Schrecken erzählt, deren
Schauplatz sie sind, aber es wird auch viel übertrieben. Man muß mit dem Komplex
der Lüge des Odysseus rechnen, den alle Menschen haben und infolgedessen auch
die Internierten. Die Menschheit braucht das Wunderbare, im Bösen wie im Guten,
im Häßlichen wie im Schönen. Jeder hofft und wünscht, aus dem Abenteuer mit der
Gloriole des Heiligen, des Helden oder des Märtyrers hervorzugehen, und jeder
schmückt seine eigene Odyssee noch aus, ohne sich darüber Rechenschaft zu geben,
daß die Wirklichkeit schon weitgehend für sich selbst genügt."
Er hat keinen Haß gegen die
Deutschen. Für ihn sind die Konzentrationslager nicht spezifisch deutsch und
lassen keine Instinkte hervortreten, die dem Deutschen Volke eigen sein könnten.
"Die Lager sind eine
historische und soziale Erscheinung, die alle Völker durchmachen, wenn sie zu
dem Begriff Nation und Staat kommen. Lager hat es im Altertum, im Mittelalter
und in der Neuzeit gegeben;
warum möchten Sie, daß
unser Zeitalter eine Ausnahme mache? Schon lange vor Jesus Christus fanden die
Ägypter nur dieses Mittel, um für ihr Gedeihen die Juden unschädlich zu machen,
und Babylon erlebte seinen wunderbaren Aufstieg nur dank den Zusammenlegungen in
-7l-
Lagern. Auch die Engländer
griffen mit den unglücklichen Buren auf sie zurück, nach Napoleon, der Lambessa
erfand5). Heute gibt es Lager in Rußland, die denjenigen der
Deutschen in nichts nachstehen, es gibt Lager in Spanien, in Italien und auch in
Frankreich: Sie werden hier Spanier treffen und werden sehen, daß sie Ihnen
beispielsweise vom Lager Gurs in Frankreich erzählen, wo man sie nach dem Siege
Francos einpferchte."
Ich wage eine Bemerkung:
"Trotzdem hat man in
Frankreich die spanischen Republikaner aus Menschlichkeit zusammengefaßt und mir
ist nicht bekannt, daß sie schlecht behandelt wurden."
"In Deutschland geschieht
dies auch aus Menschlichkeit. Wenn die Deutschen von dieser Einrichtung
sprechen, gebrauchen sie das Wort «Schutzhaftlager», das soll heißen, ein Lager
für zu schützende Häftlinge. Im Augenblick seiner Machtübernahme hat der
Nationalsozialismus in einer Geste der Milde seine Gegner außerstande setzen
wollen, ihm zu schaden, sie aber auch gegen den Zorn der Öffentlichkeit schützen
wollen, um mit den Morden an den Straßenecken Schluß zu machen, um die
irregeleiteten Schafe sittlich zu erneuern und sie zu der gesünderen Vorstellung
von der deutschen Volksgemeinschaft, ihrer Bestimmung und der Aufgabe jedes
Einzelnen in ihr zurückzuführen. Aber der National-Sozialismus ist von den
Ereignissen überholt worden, vor allem von seinen Beamten. Es ist beinahe so wie
die Geschichte von der Mondfinsternis, die man in den Kasernen erzählt. Der
Oberst sagt eines Tages zum Major, daß eine Mondfinsternis stattfinden wird, und
daß die Vorgesetzten diese Erscheinung von allen Soldaten beobachten lassen und
sie ihnen erklären sollen. Der Major gibt es an den Hauptmann weiter und dann
gelangt die Mitteilung durch den Gefreiten in folgender Form an die Soldaten:
«Auf Befehl des Herrn Obersten findet heute abend um 23 Uhr eine Mondfinsternis
statt; alle, die nicht an ihr teilnehmen, werden vier Tage Arrest erhalten.» So
ist es auch mit den Konzentrationslagern;
der nationalsozialistische
Stab hat sie erdacht, hat ihre innere Ordnung geregelt, die alte, unausgebildete
Arbeitslose durch Tschauschs anwenden lassen, die unter uns ausgesucht werden.
In Frankreich hatte die demokratische Regierung Daladier das Lager Gurs erdacht
und seine Lagerordnung bestimmt: die Anwendung dieser Lagerordnung wurde
Gendarmen und Mobilgardisten anvertraut, deren Auslegungsfähigkeiten sehr
begrenzt waren."
"Das Christentum hat in das
römische Recht den menschlichen Charakter gebracht, der der Strafe zugebilligt
wird, und hat als erstes zu
5) Lambessa in
Algerien: Strafkolonie unter Napoleon III. (der Obers.).
-72-
erreichendes Ziel die
sittliche Erneuerung des Missetäters bezeichnet. Aber das Christentum hat nicht
mit der menschlichen Natur gerechnet, die zum Selbstbewußtsein nur auf einem
Boden der Verderbtheit: gelangen kann. Glauben Sie mir, es gibt drei Arten von
Menschen, von denen jede in allen Zeitaltern der Geschichte und unter allen
Breitengraden in ihrer Art die gleiche bleibt: Polizisten, Priester und
Soldaten. Hier haben wir es mit den Polizisten zu tun."
Offenbar haben wir es hier
mit den Polizisten zu tun. Ich habe zwar nur mit den deutschen Polizisten ein
Hühnchen zu rupfen gehabt, aber ich habe oft gelesen und erzählen gehört, daß
die französischen Polizisten sich nicht durch besondere Sanftmut auszeichneten.
Ich erinnere mich, daß mir bei den Worten Jircszahs die Affäre Almazian einfiel.
Aber Almazian war ein Verbrecher nach dem gemeinen Recht und wir sind
"Politische". Die Deutschen scheinen keinen Unterschied zwischen dem gemeinen
und dem politischen Recht zu machen und diese Zusammenlegung der beiden in den
Lagern . . .
"Genug, genug", sagt
Jircszah zu mir, "Sie scheinen zu vergessen, daß ein Franzose, ein
Intellektueller, auf den Frankreich stolz ist, ein wissenschaftlich Gebildeter,
ein großer Philosoph, nämlich Anatole France, eines Tages geschrieben hat: «Ich
bin Anhänger der Abschaffung der Todesstrafe in Angelegenheiten des gemeinen
Rechts und für ihre Wiedereinführung in Angelegenheiten des politischen Rechts.»
Da sich die SS niemals in
das eigentliche Lagerleben einmischte, das so sich selbst überlassen und eigener
Herr seiner Gesetze und Verordnungen zu sein schien, war ich vor dem Ende der
Quarantäne überzeugt, daß Jircszah großenteils Recht hatte: der
Nationalsozialismus, die SS, waren auf dieses klassische Zwangsmittel verfallen,
und die Häftlinge selbst hatten es noch schlimmer gestaltet.
Wir haben miteinander auch
andere Probleme behandelt, hauptsächlich den Krieg und die Nachkriegszeit.
Jircszah war ein demokratischer und pazifistischer Bürger:
"Der erste Weltkrieg hat
die Welt in drei rivalisierende Blocks geteilt", sagte er zu mir, "die
Angelsachsen als traditionelle Kapitalisten, die Sowjets und Deutschland, wobei
letzteres sich auf Japan und Italien stützte: einer von ihnen zwar zuviel. Die
Nachkriegszeit wird nur eine zweigeteilte Welt kennen, die Demokratie der Völker
wird dabei nichts gewinnen und der Frieden wird genau so unsicher sein. Sie
glauben, sie kämpften für die Freiheit und aus der Asche Hitlers würde das
Goldene Zeitalter erstehen. Es wird nachher schrecklich sein: dieselben Probleme
werden vor zweien anstatt vor dreien in einer Welt auftauchen, die
-73-
materiell und moralisch
ruiniert ist. Bertrand Russel hatte in der Zeit seiner mutigen Jugend recht:
«Keines der Übel, das man angeblich durch den Krieg vermeidet, ist so groß wie
der Krieg selbst.»
Ich teilte diese Meinung
und überbot sie sogar. In der Folgezeit habe ich oft an Jircszah gedacht.
*
* *
10. März, fünfzehn Uhr: ein
Offizier der SS betritt den Block. Antreten im Hof.
"Raus, los! Raus, raus!"
Wir sollen fortkommen, und
die Formalitäten beginnen jetzt. Seit etwa acht Tagen lief das Gespräch von
diesem Transport schon um, und die Vermutungen hatten freien Lauf: nach Dora,
sagten die einen, nach Köln, zum Aufräumen der Ruinen und um zu retten, was noch
zu retten, um wiederherzustellen, was noch zu gebrauchen ist, sagten die
anderen. Diese letztere Vermutung trug bei der Meinung den Sieg davon: die gut
informierten Leute behaupteten, die nationalsozialistische Führung fühle nun,
daß die Partie verloren sei und ließe deshalb das Kommando in Dora, das als die
Hölle von Buchenwald angesehen wird, fallen und schicke niemanden mehr hin. Sie
fügen hinzu, daß wir nun zu gefährlichen Aufräumungsarbeiten verwendet und
deshalb gut behandelt würden. Jeden Augenblick bestehe die Gefahr, daß eine
Bombe explodiere, aber man bekäme ausreichend zu essen, zuerst die
Lagerzuteilung und dann das, was man in den Kellern finden werde, die gewiß
voller eßbarer Dinge seien.
Wir wissen nicht, was Dora
ist, keiner von denen, die bisher hingeschickt worden sind, ist zurückgekommen.
Man sagt, es sei eine unterirdische Fabrik im Zustand ewigen Aufbaus, in welcher
Geheimwaffen hergestellt würden. Man lebt, ißt und schläft in ihr und arbeitet
auch dort, ohne je ans Tageslicht zu kommen. Täglich bringen vollbeladene
Lastwagen Leichen zum Verbrennen nach Buchenwald, und aus diesen Leichen
schließt man auf die Schrecken des Lagers. Glücklicherweise kommen wir nicht
dort hinunter.
Sechzehn Uhr: wir befinden
uns noch immer vor dem Block in der Haltung "Stillgestanden!" unter den Augen
der SS. Der Blockälteste geht durch die Reihen und läßt einen Greis oder einen
Beschädigten sowie die Juden heraustreten. Cremieux, der allein diese dreifache
Bedingung erfüllt, ist unter ihnen. Auch der kleine Hinkefuß und einige andere
Gesichter, die weder Greisen noch Beschädigten noch Juden angehören,
-74-
von denen wir alle aber
wissen, daß ihre Eigentümer sich als Kommunisten ausgegeben haben oder wirklich
welche sind und das Wohlwollen des Blockältesten genießen.
Sechzehn Uhr dreißig:
Richtung Krankenbaracke zur Gesundheitsbesichtigung — Gesundheitsbesichtigung,
auch eine Art etwas so zu nennen. Ein SS-Arzt raucht eine ungeheure Zigarre und
hat es sich in einem Sessel bequem gemacht; wir gehen in Reihe hintereinander an
ihm vorbei und er schaut uns überhaupt nicht an.
Siebzehn Uhr dreißig:
Richtung Effektenkammer: man kleidet uns neu ein, gestreifte Hosen, Jacke und
Mantel, zweckentsprechend bestimmtes Schuhwerk (aus Leder mit Holzsohlen), als
Ersatz für die zur Arbeit ungeeigneten Holzsohlen.
Achtzehn Uhr dreißig:
Appell, der bis einundzwanzig Uhr dauert. Vor dem Schlafengehen müssen wir noch
unsere Nummern auf die soeben empfangenen Bekleidungsstücke nähen, bei der Jacke
und dem Mantel in Höhe der linken Brust, an der Hose unter der rechten Tasche.
11. März, vier Uhr dreißig:
Wecken.
Fünf Uhr dreißig: Appell
bis gegen zehn Uhr. 0, diese Appelle! Im März, in der Kälte, ob es regnet oder
windig ist. Stunden um Stunden stehen zu bleiben, gezählt und wieder gezählt zu
werden! Diesmal ist es ein Generalappell für alle, die zum Transport bestimmt
sind, zu welchem Block sie auch gehören; er findet auf dem Appellplatz vor dem
Turm statt.
Um elf Uhr die Suppe.
Um vierzehn Uhr neuer
Appell, der bis achtzehn oder neunzehn Uhr dauert: wir haben den Begriff für die
Dauer verloren.
12. März: Wecken wie
üblich, Appell fünf Uhr dreißig bis zehn Uhr. Appell und immer Appell. Sie
wollen uns verrückt machen. Um fünfzehn Uhr verlassen wir endgültig den Block
48, und nach einem Aufenthalt von einigen Stunden auf dem Platz werden wir zum
Kino-Block geleitet, in dem wir die Nacht verbringen, die Begünstigteren
sitzend, der größte Teil stehend.
Am anderen Morgen Wecken um
drei Uhr dreißig, eine Stunde früher als gewöhnlich. Man führt uns unter den
Turm, wo wir stehend auf die Verladung warten, in der Nacht, in der Kälte, seit
dem Vortage elf Uhr nichts mehr im Leibe. Zwischen sieben und acht Uhr klettern
wir in die Waggons.
Reise ohne Geschichte: wir
haben es uns bequem gemacht und schwatzen. Thema: wohin kommen wir? Der Zug
schlägt die Richtung nach Westen ein, dort liegt Köln, tatsächlich, wir haben
gewonnen! Gegen sechzehn Uhr hält er auf freiem Feld an einer Art Verladebahnhof
an, wo abgezehrte, schmutzige Unglückliche in gestreiften Lumpen in derselben
Art wie unsere neue Bekleidung, im Schnee, im Dreck watend, Waggons
-75-
entladen, Kanalisation
graben und die ausgeworfene Erde abfahren. Leute mit Armband und Nummern, gut
gekleidet, voller Gesundheit, muntern sie mit Drohungen, Beschimpfungen und dem
Gummiknüppel auf. Verbot, sie anzusprechen. Als wir an ihnen vorbeikommen, sind
sie zufällig außerhalb der Hörweite der Überwachung, wir wagen sie so leise wie
nur möglich zu fragen:
"Sagt, wo sind wir hier?"
"In Dora, mein Lieber, du
hast nicht aufgehört, drauf zu sch . . .!" Fernand und ich, die
wir uns an der Hand gehalten hatten, sehen uns an. Wir hatten nur schwer an das
optimistische Gerede von Köln geglaubt. Eine große Entmutigung überfällt uns,
die Arme fallen uns von den Schultern, wir fühlen, wie der Schrecken des Todes
über uns hinwegstreicht.
-76-
KAPITEL II
Die Kreise der Hölle
Am 50. Juni 1957 war
Buchenwald noch das, was sein Name besagt:
die Ortsbezeichnung für
einen Buchenhain auf dem Gipfel eines Hügels in den Ausläufern des Harzes, neun
Kilometer von Weimar entfernt. Man gelangte auf einem felsigen und sich
schlängelnden Pfad dorthin. Eines Tages kamen Männer in einem Wagen bis an den
Fuß des Hügels. Sie erstiegen den Gipfel zu Fuß wie auf einem Ausfluge. Sie
haben den Ort genau besichtigt. Einer von ihnen hat eine Lichtung bezeichnet,
dann sind sie wieder zurückgefahren, nachdem sie auf der Rückfahrt durch Weimar
ein gutes Frühstück eingenommen hatten. "Unser Führer wird zufrieden sein",
haben sie erklärt. Einige Zeit später sind andere gekommen. Sie waren zu fünfen
aneinander gekettet und bestanden aus einer Abteilung von hundert Mann, umgeben
von etwa zwanzig SS-Männern mit der Waffe in der Faust: in den deutschen
Gefängnissen war kein Platz mehr. Sie haben den Pfad unter Beschimpfungen und
Schlägen erklommen so gut sie konnten. Entkräftet auf dem Gipfel angelangt,
wurden sie ohne Übergang zur Arbeit eingesetzt. Eine Gruppe von fünfzig Mann hat
Zelte für die SS aufgeschlagen, während die andere einen Stacheldrahtkreis, drei
Stufen hoch, von etwa hundert Meter Durchmesser aufgestellt hat. Dies war alles,
was am ersten Tage getan werden konnte. In Eile, fast ohne die Arbeit zu
unterbrechen, hat man ein mageres Brotstückchen gegessen und spät am Abend ist
man auf demselben Boden eingeschlafen, in eine winzige Decke eingerollt. Am
anderen Tage hat die erste Gruppe von fünfzig Mann den ganzen Tag über
Baumaterial, die Holzteile der Baracken abgeladen, nachdem es schweren Traktoren
gelungen war, sie bis zur halben Höhe des Hügels hinaufzubringen; weiter hinauf
haben sie sie dann auf dem Menschenrücken bis zum Gipfel innerhalb des
Stacheldrahtes gebracht. Die zweite Gruppe hat Bäume gefällt, um freien Raum zu
schaffen. An diesem Tage gab es nichts zu essen, denn man
-77-
hatte nur für einen Tag
Lebensmittel mitgenommen, aber in der Nacht hat man unter den Reisern zwischen
den Bretterstapeln besser geschlafen.
Vom dritten Tage an kamen
die Barackenteile in beschleunigterem Tempo an und häuften sich auf der Mitte
des Hanges. Darunter befanden sich auch eine Kücheneinrichtung, zahlreiche
gestreifte Anzüge, Werkzeuge und einige Lebensmittel. In ihrer täglichen Meldung
hatte die SS hervorgehoben, daß es mit hundert Mann nicht gelingen werde, das
ankommende Material Zug um Zug zu entladen: es wurden weitere geschickt. Die
Lebensmittel haben nicht mehr ausgereicht. Am Ende der Woche plagten sich
fünfzig SS-Männer mit einem guten Tausend Häftlingen ab, die sie für die Nacht
nicht unterzubringen wußten, die sie kaum beköstigen konnten und deren Zahl
ihnen bei der Organisation der Arbeit über die Köpfe wuchs. Sie hatten mehrere
Gruppen oder Kommandos gebildet und jedem eine besondere Aufgabe zugewiesen:
zuerst die Küche für die SS
und die Unterhaltung ihres Lagers, die Küche für die Häftlinge, das Aufschlagen
der Baracken, den Transport des Materials, die innere Einrichtung und die
Buchhaltung. Dies alles hieß SS-Küche, Häftlingsküche, Barackenkommando,
Bauleitung, Arbeitsstatistik usw. . . . und, zu Papier gebracht und nach den
Berichten, bedeutete es eine klare und methodische Organisation. Tatsächlich
aber war es ein großes Durcheinander, ein schreckliches Gewimmel von Menschen,
die zum Scheine aßen, umsonst arbeiteten und kaum zugedeckt in einem Stapel von
Brettern und Reisig schliefen. Da sie bei der Arbeit leichter zu übersehen waren
als im Schlafe, währte die Arbeitszeit zwölf, vierzehn und sechzehn Stunden.
Weil die Bewachungsmannschaften nicht ausreichten, mußten sie sich durch
ausgewählte Hilfskräfte vervollständigen, die sie aus der Häftlingsmasse je nach
ihrer Haltung heraussuchten: und da sie sich innerlich bedrückt fühlten, ließen
sie den Terror als Entschuldigung und Rechtfertigung herrschen. Es regnete
Schläge und nicht nur Beschimpfungen und Drohungen.
Die schlechte Behandlung,
die schlechte und unzureichende Ernährung, die übermenschliche Arbeit, das
Fehlen von Medikamenten, die Lungenentzündung führten dazu, daß diese Gemeinde
in erschreckendem und für die Gesundheitspflege gefährlichem Rhythmus zu sterben
begann. Es mußte daran gedacht werden, die Leichen auf andere Weise
fortzuschaffen als durch Beerdigung, die zuviel Zeit in Anspruch nahm und zu oft
wiederholt werden mußte: man griff auf die raschere und den germanischen
Traditionen angemessenere Einäscherung zurück. Damit wurde ein neues Kommando
unentbehrlich, das "Totenkommando" und die Aufstellung eines Einäscherungsofens
für Leichen stand auf der Liste der Arbeiten, die vordringlich auszuführen
waren, weil die Verhältnisse es
-78-
bedingten: so kam es, daß
man den Ort, an dem die Menschen sterben sollten, vor demjenigen erbaute, den
man für ihr Leben vorgesehen hatte. Alles ist ineinander verkettet: das Böse
ruft das Böse hervor und wenn man einmal in das Triebwerk der bösen Kräfte
geraten ist...
Überdies war das Lager von
der nationalsozialistischen Führung nicht nur als Lager gedacht, sondern als
eine Gemeinschaft, die unter Überwachung für den Aufbau des III. Reiches genau
so arbeiten sollte, wie die übrigen Angehörigen der deutschen Volksgemeinschaft,
die in der bekannten relativen Freiheit geblieben waren: nach dem Krematorium
die Fabrik, die Gustloffwerke. Hieraus ist zu ersehen, daß die Dringlichkeit in
der Ordnung aller Einrichtungen zuerst von der Sorge um gute Bewachung geleitet
war, dann von der Hygiene und an dritter Stelle von den Erfordernissen der
gewinnbringenden Arbeit. An letzter Stelle schließlich von den "verjährbaren"
Rechten der menschlichen Person: dem Wächter, dem Krematorium, der Fabrik, der
Küche . . . Alles ist dem gemeinsamen Interesse untergeordnet, das den Einzelnen
mit Füßen tritt und ihn vernichtet.
Buchenwald war also während
der Periode der ersten Einrichtungen ein "Straflager", in das nur diejenigen
Insassen von Gefängnissen geschickt wurden, die als Unverbesserliche galten,
dann, als mit der Zeit die Fabrik, die Gustloffwerke, betriebsbereit war, ein
"Arbeitslager", das Strafkommandos hatte, und schließlich ein
"Konzentrationslager", also das, was es war, als wir es kennenlernten, ein
organisiertes Lager, in welchem alle Dienststellen eingerichtet waren, in das
jedermann ohne Unterschied verschickt wurde. Von diesem Zeitpunkt an hatte es
Unterlager oder Außenkommandos, die ihm unterstanden, und die es mit
Menschenmaterial oder kurz mit allem versah. Alle Lager haben diese drei
aufeinanderfolgenden Etappen durchlaufen. Da der Krieg unvermutet ausgebrochen
war, hat dies leider mit sich gebracht, daß Häftlinge jeglicher Herkunft und
jeglichen Berufes, aller Gesetzesübertretungen und aller Disziplinarstrafen auf
gut Glück je nach der Laune des dafür Zuständigen oder der Unordnung in den
Verhältnissen unterschiedslos in ein Straflager, Arbeitslager oder
Konzentrationslager eingewiesen wurden. Daraus entstand ein erschreckendes
Gemisch verschiedenartigster Menschentypen, das unter dem Zeichen des
Gummiknüppels einem gigantischen Krabbenkorb glich, über den der
Nationalsozialismus, der doch so selbstherrlich, in seinen Offenbarungen so
methodisch war, der aber von den Ereignissen, die ihn zu beherrschen begannen,
allseitig überflutet wurde, einen nicht weniger ungeheuren und gigantischen
Mantel des Verdeckens warf.
Dora entstand unter der
Patenschaft von Buchenwald und unter den gleichen Bedingungen. Es wuchs und
gedieh nach demselben Verfahren.
-79-
Im Jahre 1905 hatten
deutsche Ingenieure und Chemiker festgestellt, daß an dieser Stelle das Gestein
des Harzes reich an Ammoniak war. Da kein Privatunternehmen Kapital für dessen
Gewinnung wagen wollte, übernahm der Staat diese Aufgabe. Der deutsche Staat
besaß keine Kolonien, die in der Lage gewesen wären, ihm ein Cayenne oder Numea
zur Verfügung zu stellen: er war also genötigt, seine Strafgefangenen im Innern
zu behalten und sie an bestimmten Orten zusammenzupferchen, wo er sie zu
unergiebigen Arbeiten verwendete. Unter diesen Verhältnissen kam dann in Dora
ein Gefängnis zustande, das allen Gefängnissen der Welt glich, in manchen Dingen
nicht besser oder nicht schlimmer. Man weiß nicht genau warum, wahrscheinlich
aber, weil der Ertrag an Ammoniak viel geringer war, als man gerechnet hatte,
wurde 1910 die Gewinnung aus dem Gestein eingestellt. Während des ersten
Weltkrieges wurde sie in der Form eines Vergeltungslagers für Kriegsgefangene in
einem Augenblick wieder aufgenommen, in welchem Deutschland schon daran dachte,
sich einzugraben, um die Schäden von Bombenangriffen zu begrenzen. Durch den
Waffenstillstand wurde sie von neuem unterbrochen. In der Zeit zwischen den
beiden Kriegen vergaß man Dora vollkommen: eine in Unordnung geratene Vegetation
verhüllte den Eingang dieses Beginns der Unterwelt, und rings umher gediehen
ungeheure Rübenfelder, die die Zuckerraffinerie in dem sechs Kilometer
entfernten Nordhausen versorgten.
In diesen Rübenfeldern
tauchte am i. September 1945 ein erstes Kommando von 200 Männern unter starker
Bewachung auf: Deutschland empfand aufs neue das Bedürfnis, unter die Erde zu
gehen, wenigstens seine Kriegsindustrie einzugraben, und hatte den Plan von 1915
wieder aufgegriffen. Bau des SS-Lagers, des Krematoriums, Ausbau der
unterirdischen Gänge zur Fabrik, Küchen, Duschen, Arbeitsstatistik, Revier oder
Krankenbau an letzter Stelle. Da dieses unterirdische Gewölbe vorhanden war,
schlief man dort solange wie möglich, schob die unproduktive Arbeit des Aufbaues
von Blocks für die Häftlinge immer wieder hinaus und zog dem die stetig vorwärts
getriebene Bohrung des Tunnelganges vor, um den Unterschlupf für Fabriken zu
ermöglichen, die unter freiem Himmel in stets größer werdender Zahl bedroht
waren.
Als wir in Dora ankamen,
befand sich das Lager noch im Stadium des Straflagers; wir machten ein
Arbeitslager aus ihm. Als wir es mit seinen 170 Blocks, seinem Revier, seinem
Theater, seinem Bordell und seinen voll tätigen Dienststellen verließen, war es
soweit, ein Konzentrationslager zu werden. Schon war am äußersten Ende des
Doppeltunnels ein weiteres Lager, Ellrich, unter seiner Patenschaft entstanden
und befand sich im Stadium des Straflagers. Denn es konnte keine stetige Lösung
für das nach unten führende menschliche Elend geben.
-80-
Die Anglo-Amerikaner und
Russen hatten es jedoch anders beschlossen, sie trafen am 11. April 1945 ein und
befreiten uns.
Seitdem ist Dora wie
Buchenwald in den Händen der Russen, die nicht das geringste an ihm geändert
haben. In wessen Händen mag es wohl morgen sein ...
Denn es darf in der
Geschichte keine Unterbrechung im Zusammenhang geben.
*
* *
Wenn ein
Konzentrationslager fertig ausgebaut ist, ist es ein wirkliches Gemeinwesen, das
von der Außenwelt, die es erdacht hat, durch eine Einfriedung von elektrisch
geladenem Stacheldraht in fünffacher Höhe isoliert ist, längs deren ungefähr
alle fünfhundert Meter Beobachtungsstände einen bis an die Zähne bewaffneten
Wachtposten beherbergen. Damit die Schranke zwischen ihm und draußen noch
unüberbrückbarer ist, wird auch noch ein SS-Lager dazwischen geschoben und bis
auf fünf oder sechs Kilometer im Umkreis werden unsichtbare Wachen auf die
Peripherie verteilt; wer da zu fliehen versuchte, hätte nacheinander eine
bestimmte Zahl von Hindernissen zu überwinden, und es darf ruhig gesagt werden,
daß jeder Versuch materiell zum sicheren Scheitern verurteilt ist. Dieses
Gemeinwesen hat seine eigenen Gesetze, seine besonderen sozialen Erscheinungen.
Die Gedanken, die dort in der Isolierung oder als Strömungen zutage treten,
gehen an den Stacheldrähten zugrunde; die Außenwelt ahnt von ihnen nichts.
Ebenso ist alles, was draußen vorgeht, im Innern unbekannt, jedes Durchsickern
wird durch die Schranke unmöglich gemacht, in der keine Masche zum
Durchschlüpfen vorhanden ist1). Zeitungen kommen: sie sind ausgesucht
und bringen nur Wahrheiten, die für die Insassen der Konzentrationslager
besonders gedruckt werden. In der Kriegszeit ist es vorgekommen, daß die
Wahrheiten für die Lagerinsassen dieselben waren, wie jene, auf die die
Deutschen sich ihren Vers machen mußten, und deshalb waren die Zeitungen für
beide gemeinsam, aber dies ist reiner Zufall. Rundfunk wird durch die
Lagerleitung übermittelt. Daraus ergibt sich, daß das auf anderen moralischen
und soziologischen Grundsätzen beruhende Lagerleben in eine ganz andere Richtung
geht als das normale Leben, daß seine
1) Man hat gesagt, daß
fast ganz Deutschland nicht wußte, was in den Lagern vorging, und ich glaube
es: die an Ort und Stelle lebenden SS-Männer wußten einen großen Teil nicht
oder hörten von gewissen Vorkommnissen erst lange nachdem sie sich ereignet
hatten. Wer aber kennt andererseits in Frankreich die Einzelheiten aus dem
Leben der Häftlinge in Carrere, La Noe und anderen Orten? (Vgl. Seite 157 im
Anhang zu Kap. II, die Beschreibung des Pierre Bemard vom Zentralgefängnis
in Riom und die Meinung von E. Kogon, Seite 214).
- 8l-
Kundgebungen eine
Gestaltung annehmen, die nicht nach den allen Menschen gemeinsamen Maßstäben
beurteilt werden kann. Aber es ist ein Gemeinwesen, ein Gemeinwesen von Männern.
Im Inneren — oder im
Äußeren — ist aber die Nähe einer Fabrik die Lebensgrundlage und das
Existenzmittel des Lagers: in Buchenwald die Gustloffwerke, in Dora der Tunnel.
Diese Fabrik ist der Schlüssel für alles, für das gesamte Bauwerk, und ihre
Bedürfnisse, die befriedigt werden wollen, sind seine ehernen Gesetze. Das Lager
ist also für die Fabrik und nicht die Fabrik zur Beschäftigung des Lagers
errichtet.
Die oberste Dienststelle
ist die "Arbeitsstatistik", die über alle Lagerinsassen genau Buch führt und
ihnen in allen Einzelheiten und für jeden Tag in ihrer Arbeit nachgeht; bei der
Arbeitsstatistik kann man in jedem Augenblick des Tages angeben, womit jeder
Häftling beschäftigt ist und den genauen Ort bezeichnen, an welchem er sich
befindet. Diese Dienststelle wird, wie übrigens alle anderen auch, von
Häftlingen verwaltet und beschäftigt ein zahlreiches, relativ bevorrechtigtes
Personal.
Dann folgt die "Politische
Abteilung", die die politische Verantwortung für das Lager trägt und imstande
ist, über jeden Häftling jedwede Auskunft, sei es über sein früheres Leben oder
seine Moral oder über die Gründe seiner Festnahme usw. ... zu geben. Sie ist die
Anthropometrie2) des Lagers, sein "Sicherheitsdienst", der nur
Personen beschäftigt, die das Vertrauen der SS besitzen. Ebenfalls
Bevorrechtigte.
Dann die "Verwaltung", die
die allgemeine Buchführung über alles hat, was in das Lager kommt: Lebensmittel,
Material, Kleider usw. ... Sie ist die Intendantur des Lagers, sein
Kompaniefeldwebel. Das mit Büroarbeit beschäftigte Personal ist stets
bevorrechtigt.
Diese drei großen
Dienststellen geben dem Lager seine Form. An ihrer Spitze steht ein Kapo, der
unter der Aufsicht eines SS-Unteroffiziers oder "Rapportführers" für den Betrieb
verantwortlich ist. Ein Rapportführer ist für alle Schlüsseldienststellen
vorhanden, und jeder von ihnen macht jeden Abend seine Meldung an den
Hauptrapportführer des Lagers, einen SS-Offizier, gewöhnlich im Range eines
Oberleutnants. Dieser Hauptrapportführer verkehrt mit dem Häftlingslager über
seine Untergebenen und den "Lagerältesten", der die Gesamtverantwortung für das
Lager hat und für seinen guten Betrieb mit allem, einschließlich seines Lebens,
haftet.
Parallel hierzu laufen die
zweitrangigen Dienststellen: der "Sanitätsdienst", der die Ärzte, die
Krankenpfleger, den Desinfektionsdienst, das Revier und das Krematorium umfaßt;
die "Lagerschutzpolizei", die
2) Anthropometrie "°
Menschenerfassung (der Obers.).
-82-
"Feuerwehr", der "Bunker"
oder das Gefängnis für Häftlinge, die beim Begehen einer Übertretung der
Lagerordnung gefaßt werden, das "Kinotheater" und das Bordell.
Dann gibt es noch die
"Küche", die "Effektenkammer", das heißt das Bekleidungslager, das der
Verwaltung angeschlossen ist; die "Häftlingskantine", die den Häftlingen
zusätzliche Lebensmittel und Getränke gegen klingende Münze liefert, und die
"Bank", das Ausgabeinstitut für das Sondergeld, das nur innerhalb des Lagers
gültig ist.
Alsdann die Masse der
Arbeitenden ...
Sie ist auf die Blocks
verteilt, die nach demselben Muster erstellt sind wie Buchenwald 48, aber in
Holz und nur ein Erdgeschoß enthalten. In ihnen lebt sie nur während der Nacht.
Sie kommt am Abend nach dem Appell gegen 21 Uhr hinein und verläßt sie jeden
Morgen vor der Dämmerung um vier Uhr dreißig. Ihr Stammpersonal sind die
Blockältesten mit ihren Schreibern, Friseuren, Stubendiensten, die wahrhafte
Satrapen sind. Der Blockälteste beaufsichtigt das Leben im Block unter
Überwachung eines SS-Mannes oder "Blockführers", der dem Hauptrapportführer
verantwortlich ist. Die Blockführer sind nur höchst selten zu sehen: im
allgemeinen beschränken sie sich darauf, dem Blockältesten einen
Freundschaftsbesuch im Laufe des Tages zu machen, das heißt also in Abwesenheit
der Häftlinge, so daß in letzter Instanz der Blockälteste alleiniger Richter und
gegen seine Übergriffe praktisch keine Beschwerde möglich ist.
Während des Tages, das
heißt während der Arbeit, werden die Häftlinge in das Netz einer anderen
Umrahmung genommen. Jeden Morgen werden alle, die nur tagsüber arbeiten, auf
Kommandos verteilt, an deren Spitze ein Kapo steht, dem ein oder mehrere
Vorarbeiter zugeteilt sind. Jeden Tag finden sich die Kapos und die Vorarbeiter
um vier Uhr dreißig auf dem Appellplatz an einer — und zwar immer derselben —
Stelle ein und stellen ihre entsprechenden Kommandos zusammen, die sie dann im
Gleichschritt an die Arbeitsstelle führen, wo ein ziviler Werkmeister oder
Werkführer sie mit der Aufgabe bekannt macht, die ihre Männer während des Tages
ausführen sollen. Die von der Fabrik beschäftigten Kommandos arbeiten zweimal je
zwölf Stunden und nicht dreimal acht. Sie sind in Schichten eingeteilt: die
"Tagschicht", die sich bei den Kapos und Vorarbeitern um 9 Uhr morgens
einstellt, und die Nachtschicht um 9 Uhr abends. Die beiden Schichten wechseln
sich ab, eine Woche Tags und eine Woche Nachtschicht.
So war Buchenwald, wie wir
es kennengelernt haben. Das Leben war für die dem Lager endgültig zugewiesenen
Häftlinge erträglich, ein wenig härter für die Durchzügler, die sich nur während
der Quarantänezeit darin aufhalten sollten. In allen Lagern hätte es ebenso sein
können. Das
-83-
Unglück wollte, daß es im
Zeitpunkt der Massenverschickungen von Ausländern nach Deutschland außer
Buchenwald, Dachau und Auschwitz nur wenige ausgebaute Lager gab und fast alle
Verschickten nur Lager in der Aufbauperiode, Straflager und Arbeitslager und
kein Konzentrationslager kennenlernten. Das Unglück wollte, daß auch in den
ausgebauten Lagern, um die Beziehungen zwischen den "Leuten" der Häftlinge und
denen der Führung zu erleichtern, die ganze Verantwortung zuerst Deutschen
anvertraut wurde, die aus Straflagern und Arbeitslagern zurückgeholt waren, und
denen das "Kazett", wie sie es nannten, nicht ohne die Schrecken denkbar war,
die sie selbst durchmachen mußten, und die weit mehr als die SS Hindernisse für
ihre menschliche Gestaltung bildeten. Das "was du nicht willst, das man dir tu',
das füg auch keinem anderen zu", ist ein Begriff aus einer anderen Welt, der in
dieser hier nicht gilt. "Tu' dem anderen, was man dir getan hat", ist die Devise
aller dieser Kapos, die Jahre um Jahre in Straflagern und Arbeitslagern
verbracht haben, und in deren Denken die von ihnen durchlebten Schrecken eine
Tradition geformt haben, die sie in einer ganz begreiflichen Verdorbenheit
glauben, als ihre Aufgabe verewigen zu müssen.
Und wenn die SS zufällig
vergißt, uns schlecht zu behandeln, so übernehmen diese Häftlinge die Aufgabe,
das Vergessene nachzuholen.
*
* *
Die Insassen des Lagers,
ihre soziale Stellung und Herkunft, sind ebenfalls ein Element, das einer
menschlichen Gestaltung entgegensteht. Ich habe schon bemerkt, daß der
Nationalsozialismus keinen Unterschied zwischen dem politischen Delikt und dem
nach dem gemeinen Recht machte, und daß infolgedessen in Deutschland zwischen
Recht und politischem Regime kein Unterschied gemacht wurde. Wie bei den meisten
zivilisierten Nationen ist in den Lagern also alles vorhanden — alles und noch
mehr. Alle Häftlinge, welcher Kategorie der Vergehen sie auch zugehören mögen,
leben zusammen und sind derselben Ordnung unterwerfen. Voneinander zu
unterscheiden sind sie nur durch das farbige Dreieck, dem Abzeichen für ihr
Vergehen.
Die Politischen tragen das
rote Dreieck.
Die Kriminellen das grüne:
kahl für die einfachen Verbrecher; mit einem "S" "verziert" für die
Schwerverbrecher und einem "K" für die Kriegsverbrecher. So sind die Delikte
nach dem gemeinen Recht vom einfachen Dieb bis zum Mörder und zum Plünderer von
Lebensmittels oder Waffenlagern stufenweise gekennzeichnet.
Zwischen diesen beiden eine
Reihe dazwischenliegender Delikte: das schwarze Dreieck (Saboteure, berufsmäßige
Arbeitsscheue), das rosa
-84-
Dreieck (Päderasten), das
gelbe Dreieck über dem roten in solcher Form befestigt, daß sie einen Stern
bilden (Juden); das violette Dreieck (Kriegsdienstverweigerer).
Diejenigen Leute, die nach
Beendung einer bestimmten Strafverbüßungszeit dann noch etwas zu erfüllen haben,
was wir "doublage" nennen, das heißt Verweisung auf Zeit oder lebenslänglich,
tragen an Stelle des Dreiecks einen schwarzen Kreis auf weißem Grund mit einem
großen "Z" in der Mitte: es sind die aus dem Zuchthaus Entlassenen.
Andere schließlich, die das
rote Dreieck mit der Spitze nach oben tragen: die bei der Armee begangenen
kleinen Delikte, für die eine Verurteilung von einem Kriegsgericht ausgesprochen
wurde.
Hinzuzufügen wären noch
einige Besonderheiten in der Beschilderung der Häftlinge: das von einem
Querbalken überdeckte rote Dreieck tragen diejenigen, welche zum zweiten oder
dritten Male ins "Kazett" geschickt wurden, die drei schwarzen Punkte, die die
Blinden usw. ... auf der gelben oder weißen Armbinde tragen. Schließlich jene
Leute, die man einst Wifos nannte: denselben Kreis wie die Zuchthäusler, in
dessen Innern das "Z" aber durch ein "W" ersetzt war. Diese letzteren waren
ursprünglich freiwillige Arbeiter. Sie waren bei der Firma Wifo beschäftigt, die
als erste die Ausführung des "Vergeltungsfeuers", der berühmten V l, V 2 usw....
mit allen Kräften aufgenommen hatte. Eines schönen Tages, und anscheinend ohne
besonderen Grund, trugen sie die gestreifte Kleidung und wurden ins
Konzentrationslager gesteckt. Da das Geheimnis der V 1 und V 2 aus dem
Versuchsstadium herausgekommen und auf den Weg der intensiven Produktion gelangt
war, sollte es auch in der deutschen Öffentlichkeit nicht frei kursieren:
deshalb wurden sie aus Gründen der Staatssicherheit interniert. Die Wifos waren
die bedauernswertesten Insassen des Lagers: sie bezogen ihren Lohn weiter,
dessen Hälfte ihnen vom Lager ausbezahlt wurde, während ihre Familien den Rest
erhielten. Sie hatten das Recht, lange Haare zu behalten, zu schreiben, wann es
ihnen beliebte, aber unter der Bedingung, daß sie nichts über das ihnen
bereitete Los verlauten ließen, und, als wären sie die Glücklichsten, führten
sie den schwarzen Markt in den Lagern ein und brachten die Preise zum Steigen.
In bezug auf ihre Insassen
sind die Konzentrationslager also wahrhafte babylonische Türme, in denen die
Persönlichkeiten infolge ihrer verschiedenartigen Herkunft, Verurteilung und
ihrer früheren Verhältnisse aufeinanderprallen. Die Kriminellen hassen die
Politischen, die sie nicht verstehen, und diese vergelten es ihnen wieder. Die
Intellektuellen sehen auf die Handarbeiter herab, und diese freuen sich, wenn
sie sie "endlich einmal arbeiten" sehen. Die Russen umgeben den ganzen Westen
mit gleicher eiserner Verachtung. Die Polen und Tschechen kön-
-85-
nen wegen München usw....
die Franzosen nicht leiden. Auf dem Gebiet der Nationalitäten bestehen
Berührungspunkte zwischen Slawen und Germanen, zwischen Germanen und Italienern,
zwischen Holländern und Belgiern oder zwischen Holländern und Deutschen. Die
Franzosen, die als letzte kamen und nun die herrlichsten Lebensmittelpakete
erhalten, werden von allen außer den sanften, offenen und guten Belgiern
verachtet. Man hält Frankreich für ein Schlaraffenland und seine Einwohner für
degenerierte Sybariten3), die nicht arbeiten können, gut essen und
als einzige Beschäftigung nur die Liebe kennen. Diesen Vorwürfen fügen die
Spanier noch die Konzentrationslager Daladiers hinzu. Ich erinnere mich, in Dora
im Block 24 mit folgenden scharfen Worten empfangen worden zu sein:
"Aha, die Franzosen; jetzt
wißt Ihr, was ein Lager ist. Schadet nichts, das wird es Euch beibringen!"
Es waren drei Spanier (im
ganzen waren 26 in Dora), die 1958 in Gurs interniert, 1959 in Arbeitskompanien
eingeteilt und nach der Schlacht von Rethel 1940 nach Buchenwald geschickt
worden waren. Sie behaupteten, zwischen den französischen und den deutschen
Lagern sei nur bei der Arbeit ein Unterschied, hinsichtlich der anderen
Behandlung seien sie sich in fast allen Punkten ähnlich. Sie fügten sogar hinzu,
die französischen Lager seien schmutziger.
O, Jircszah!
Die SS lebt in einem
Parallellager. Meist ist es eine Kompanie. Im Anfang war es eine
Ausbildungskompanie für junge Rekruten und es befanden sich nur Deutsche in ihr.
Später war auch alles bei der SS:
Italiener, Polen,
Tschechen, Bulgaren, Rumänen, Griechen usw.... Da der Kriegsbedarf schließlich
die Abgabe junger Rekruten mit nur beschränkter militärischer Ausbildung, ja
sogar ohne besondere Ausbildung, an die Front nötig machte, wurden die Jungen
durch Ältere ersetzt, durch Leute, die schon den Krieg von 1914—1918 mitgemacht
hatten und auf die der Nationalsozialismus kaum einen Einfluß ausgeübt hatte.
Diese waren entgegenkommender. In den letzten beiden Kriegsjahren, als die SS
nicht mehr ausreichte, wurden Untaugliche der Wehrmacht und Luftwaffe, die für
nichts anderes mehr zu gebrauchen waren, zur Lagerbewachung eingesetzt.
Alle Dienststellen des
Lagers finden ihre Verlängerung im SS-Lager, in welchem alles zentralisiert ist
und von wo aus die Tages- oder
5) Sybariten ==
Schlemmer (der Obers.).
-86-
Wochenberichte unmittelbar
an die Dienststellen Himmlers abgehen. Das SS-Lager ist also tatsächlich die
Verwaltungsstelle für das andere. In der Anfangszeit der Lager, also während der
Aufbauperiode, verwaltete sie unmittelbar; in der Folgezeit, und zwar sobald es
angängig war, verwaltete sie nur noch über die dazwischengeschalteten Häftlinge.
Man könnte glauben, dies sei aus Sadismus geschehen und hat auch später nicht
unterlassen, dies zu behaupten. Es geschah aber zur Personalersparnis, wie es
aus demselben Grunde bei allen Gefängnissen, allen Zuchthäusern aller anderen
Nationen auch geschieht. Die SS verwaltete und regelte die innere Ordnung nur
dann unmittelbar, wenn es nicht anders möglich war. Wir haben nur die
Selbstverwaltung der Lager kennengelernt. Alle alten Häftlinge, die beide Arten
erlebt haben, erkennen einstimmig an, die erstere Art sei grundsätzlich besser
und menschlicher gewesen, und wenn es in Wirklichkeit nicht dazu gekommen sei,
habe es nur an den Umständen gelegen, weil die Notwendigkeit eines raschen
Handelns und die sich überstürzenden Ereignisse es nicht mehr zuließen. Ich
glaube das auch: es ist besser, mit Gott zu tun zu haben als mit seinen
Heiligen.
Die SS stellt also nur die
äußere Bewachung sicher und man sieht sie sozusagen niemals innerhalb des
Lagers, wo sie sich darauf beschränkt, beim Vorbeigehen den Gruß der Häftlinge,
das bekannte "Mützen ab" zu fordern. Bei dieser Bewachung wird sie durch eine
große Meute von Hunden unterstützt, die, wunderbar dressiert, immer bereit sind,
zu beißen und fähig sind, einen etwa entflohenen Häftling noch in zehn Kilometer
Entfernung zu stellen. Jeden Morgen werden die Kommandos, die zur Arbeit nach
draußen gehen, oft fünf bis sechs Kilometer zu Fuß — wenn es noch weiter geht,
benutzt man den Lastwagen oder den Zug — je nach ihrer Größe von zwei oder vier
bewaffneten SS-Männern begleitet, von denen jeder einen Hund mit Maulkorb an der
Leine führt. Diese Sonderwache, die die Umrahmung durch die Kapos
vervollständigt, beschränkt sich auf die Überwachung, in die Arbeit greift sie
nur selten selbst und nur dann ein, wenn es einer starken Hand bedarf.
Wenn am Abend alles
blockweise zum Appell angetreten ist, erfolgt ein Pfiff, und alle Blockführer
gehen zu dem Block, für den sie verantwortlich sind, zählen die Anwesenden und
gehen zur Meldung zurück. Während dieses Vorgangs streifen Unteroffiziere
zwischen den Blocks umher und achten auf Ruhe und Bewegungslosigkeit. Die Kapos,
Blockältesten und der Lagerschutz4) erleichtern ihnen weitgehend ihre
Aufgabe in diesem Sinne. Von Zeit zu Zeit zeichnet sich ein SS-Mann durch seine
Roheit vor anderen aus, aber dies geschieht nur selten und auf jeden Fall tritt
er nicht unmenschlicher auf als die vorher Genannten.
4) Polizisten, die von
den Häftlingen gestellt werden.
87
Das Problem der
Häftlingsführung, also der Leitung des Lagers durch die Häftlinge selbst,
beherrscht das Leben der Konzentrationslager, und die Art, wie es gelöst wird,
bedingt ihre Entwicklung entweder zum Schlimmsten oder zum Menschlichen.
Bei Beginn jedes Lagers
besteht keine Häftlingsführung: es ist nur der erste Transport vorhanden, der in
der Natur unter SS-Begleitung ein" trifft, die selbst alle Verantwortungen
unmittelbar und im einzelnen zu tragen hat. So ist es auch beim zweiten, dritten
oder vierten Transport. Dies kann sechs Wochen, zwei Monate, sechs Monate, ein
Jahr dauern. Sobald aber das Lager eine gewisse Ausdehnung bekommen hat und die
Zahl der ihm zugeteilten SS-Männer nicht ins Unendliche ausgedehnt werden kann,
ist die SS genötigt, das zusätzlich notwendig werdende Personal für die
Überwachung und Organisation aus den Häftlingen zu wählen.
Man muß das Leben in den
Lagern mitgemacht und ihre Geschichte in sich aufgenommen haben, um ihre
Erscheinung und das Aussehen, das sie in der Praxis angenommen haben, zu
begreifen.
Als 1933 die Lager
entstehen, ist der Geisteszustand Deutschlands derart, daß die Gegner des
Nationalsozialismus als die schlimmsten Banditen angesehen werden. Den neuen
Herren fällt es daher nicht schwer, die Zustimmung zu erhalten, wenn sie sagen,
es gäbe keine Delikte oder Verbrechen nach dem gemeinen Recht und keine nach dem
politischen Recht, sondern nur Verbrechen und Vergehen kurzerhand. Sie waren
einander sogar so gleich, daß es in gewissen Fällen leicht war, in den Augen
einer fanatisierten Jugend, die der SS beitrat, und der die Verwirklichung des
Vorhabens anvertraut wurde, die zweiten noch widerwärtiger zu machen als die
ersteren! Man versetze sich nun an die Stelle der fünfzig SS-Männer von
Buchenwald, und zwar an jenem Tag, an dem sie von einem Tausend Häftlingen und
der ungeheuren Masse an Material überflutet wurden und das erste
Verwaltungspersonal aus ihren Opfern bilden und den ersten Lagerältesten
bestimmen mußten. Zwischen einem Thälmann oder einem Breitscheid, die ihrer
Aufmerksamkeit besonders anempfohlen waren, und dem ersten besten Verbrecher,
der seine Schwiegermutter ermordet oder seine Schwester geschändet hatte, aber
unterwürfig und willig war, haben sie sich nicht lange besonnen, sie haben den
zweiten gewählt. Dieser hat dann von sich aus die Kapos und Blockältesten
bestimmt und sie gezwungenermaßen aus seiner Welt, das heißt aus den Kriminellen
gewählt.
Erst als die Lager eine
gewisse Entwicklung durchgemacht hatten, sind sie zu wahren ethnographischen und
individuellen Zentren geworden und brauchten Männer von einer gewissen
sittlichen und geistigen Qualität, um der SS-Führung wirksame Hilfe leisten zu
können. Letztere hatte
-88-
inzwischen schon
festgestellt, daß die Kriminellen der Abschaum der Bevölkerung im Lager wie
anderwärts waren, und daß sie bei weitem nicht der Aufgabe gewachsen waren, die
von ihnen verlangt wurde. Darauf hat die SS auf die Politischen zurückgegriffen.
Eines Tages mußte man einen grünen Lagerältesten durch einen roten ersetzen, der
sofort damit begann, auf allen Posten die Grünen zugunsten der Roten zu
liquidieren. So entstand der Kampf zwischen den Grünen und den Roten, der rasch
den Charakter eines Dauerzustandes annahm. Auf diese Weise wird es auch
erklärlich, weshalb die alten Lager Buchenwald und Dachau sich in den Händen der
Politischen befanden, als wir sie kennenlernten, während die jungen, noch im
Stadium des Straflagers oder Arbeitslagers befindlichen, abgesehen von
wunderlichen Zufällen, stets in Händen der Grünen waren.
Man hat zu behaupten
versucht, dieser Kampf zwischen den Grünen und den Roten, der übrigens erst sehr
spät in das deutsche Kontingent unter den Insassen der Lager einbrach, sei das
Ergebnis einer Koordination der Anstrengungen der zweiten gegen die ersteren
gewesen: dies ist unrichtig. Die alleinstehenden Politischen, die sich
gegenseitig nicht trauten, hatten unter sich nur ein sehr unbestimmtes und sehr
schwaches Zusammengehörigkeitsgefühl. Auf der Seite der Grünen dagegen war dies
ganz anders: sie bildeten einen zusammenhängenden Block, der innerlich stark
gefestigt wurde durch das instinktive Vertrauen, das stets zwischen Menschen
gleichen Milieus, den Stammgästen der Gefängnisse oder den Galgenvögeln besteht.
Ein Sieg der Roten war nur dem Zufall, der Unfähigkeit der Grünen oder der
Einwirkung der SS zu verdanken.
Man hat auch behauptet, die
Politischen — und vor allem die deutschen Politischen — hätten revolutionäre
Ausschüsse gebildet, die in den Lagern Versammlungen abgehalten, Waffen in ihnen
gelagert und sogar heimlich mit der Außenwelt oder von einem zum anderen Lager
in Briefs Wechsel gestanden hätten: dies ist eine Legende. Es mag sein,
daß durch glückliche Mithilfe von Umständen es durch Zufall einmal einem
einzelnen möglich war, mit der Außenwelt oder einem Unglückskameraden in einem
anderen Lager hinter dem Rücken der SS-Führung zu korrespondieren: nämlich durch
einen Freigelassenen, der mit viel Vorsicht Nachrichten eines Häftlings an seine
Familie oder einen politischen Freund bei sich trägt, oder einem Neuankömmling,
der das umgekehrte Verfahren einschlägt, ein Transport, der Nachrichten von
einem Lager in das andere befördert. Aber es war außerordentlich selten,
wenigstens während des Krieges, daß ein Häftling freigelassen wurde, und was die
Transporte betrifft, so wußte niemand im Lager, selbst die einfachen SS-Männer
nicht, wohin sie gingen, bevor sie übergeben wurden. Man erfuhr im allgemeinen
erst einige Wochen oder einige Monate später, daß
-89-
ein erfolgter Transport
nach Dora oder Ellrich gekommen war, und zwar durch Kranke, die ausnahmsweise
zum Lager zurückgekommen waren, durch Tote, die man dem Lager zur Einäscherung
zurückgeschickt hatte und auf deren Brust man Nummer und Herkunft lesen konnte.
Aber behaupten zu wollen, diese Verbindungen seien mit Vorbedacht organisiert
und betrieben worden, gehört in das Gebiet höchster Phantasie. Übergehen wir die
Lagerung von Waffen: in den letzten Tagen von Buchenwald konnten dank der
Unordnung Häftlinge einzelne nicht zusammengehörende Waffenteile und sogar
vollständige Waffen aus der laufenden Fabrikation entwenden; aber von da bis zur
Behauptung, es hätte sich um eine systematische Praxis gehandelt, liegt eine
Welt, die die Vernunft von der Lächerlichkeit trennt. Übergehen wir ebenfalls
die Revolutionsausschüsse und die von ihnen abgehaltenen Versammlungen: bei der
Befreiung habe ich laut gelacht, als ich von dem Ausschuß für französische
Interessen im Lager Buchenwald sprechen hörte. Drei oder vier großmäulige
Kommunisten: Marcel Paul5) und der bekannte Oberst Manhes an der
Spitze, denen es gelungen war, dem Räumungstransport zu entgehen, ließen nach
dem Weggang der SS und vor Ankunft der Amerikaner diesen Ausschuß aus dem Nichts
entstehen. Es ist ihnen auch gelungen, die anderen in den Glauben zu wiegen, es
handele sich um einen schon lange bestehenden Ausschuß6), aber dies
ist ein reiner Witz, und die Amerikaner haben es auch nicht ernst genommen. Ihre
erste Arbeit beim Betreten des Lagers war, diese Unruhestifter zu bitten, sich
ruhig zu verhalten, und die Masse, die sich anschickte, sie anzuhören, sich
folgsam in die Blocks zurückzubegeben, und alle, sich von vornherein einer
Disziplin zu fügen, deren Herren sie allein zu bilden wünschten. Danach haben
sie sich mit den Kranken, der Lebensmittelverteilung und der Organisation der
Rückführung in die Heimatländer beschäftigt, ohne auch nur Kenntnis von den
Ratschlägen und Vorstellungen zu nehmen, die einige Wichtigtuer in letzter
Stunde vergeblich versuchten, bis an sie heranzutragen. Übrigens war dies auch
gut: es hat nur eine für Marcel Paul demütigende Lehre gekostet, eine gewisse
Zahl von Menschenleben konnten aber gerettet werden.
Schließlich hat man
behauptet, die Politischen seien menschlicher gewesen als die anderen, wenn sie
in der Häftlingsführung die Oberhand hatten. Um dies zu stützen, beruft man sich
auf Buchenwald: dies ist
5) Stubendienst in
Block 56, dann im Block 24, wo die Pakete ankamen (s. S. 183).
6) In Wahrheit bestand
ein Ausschuß schon lange, und zwar gab es ihn in allen Lagern:
nämlich eine
Vereinigung von Dieben und Plünderern, grünen und roten, denen von der SS
überdies noch die Kommandogewalt überlassen wurde. Bei ihrer Befreiung haben
sie diese Irreführung versucht, und es muß zugegeben werden, daß sie
damit ansehnlichen Erfolg hatten.
-90-
richtig7),
Buchenwald war bei unserer Ankunft ein ganz erträgliches Lager für jene seiner
Insassen, die endgültig der Drohung eines Transportes entzogen waren. Aber es
verdankte dies mehr der Tatsache, daß es am Ende seiner Entwicklung angelangt
war als dem Vorhandensein einer aus Politischen bestehenden Häftlingsführung. In
den anderen Lagern, die noch rückständiger waren als es, war ein Unterschied
zwischen Roten und Grünen nicht zu merken. Es hätte sein können, daß die
Berührung mit den Politischen die Kriminellen moralisch gebessert hätte: aber
das Gegenteil ist eingetreten, und die Kriminellen haben die Politischen vom
rechten Wege abgebracht.
7) Ebenso, daß
Veranlassung vorliege, diesem Lager die vielberufenen "Lampenschirme aus
Menschenhäuten" zuzuschreiben, für die Ilse Koch, die Hündin von Buchenwald
genannt, heute allein mit der schrecklichen Verantwortung belastet wird ..;
Ging die Frau des Lagerkommandanten im Lager spazieren und hat sie dort nach
schönen Tätowierungen gesucht, deren unglückliche Eigentümer sie selbst für
den Tod bestimmte, Ich kann dies weder bestätigen noch entkräften. Ich kann
aber genau angeben, daß im Februar, März 1944 das Gerücht im
Konzentrationslager die beiden Kapos des Steinbruchs und der Gärtnerei
dieses Verbrechens beschuldigte, das einst von ihnen unter Beihilfe fast
aller ihrer "Kollegen verübt worden sei. Die beiden Komplizen hätten den Tod
von tätowierten Häftlingen betrieben, deren Häute sie gegen ein kleines
Trinkgeld an Ilse Koch und andere durch Vermittlung des Kapos und des
SS-Mannes im Krematoriumsdienst verkauft hatten Auf diese Weise wäre die
These der Beschuldigung, falls sie begründet war. doch recht schwach. (Vgl.
S. 151 und 152).
-91-
KAPITEL III
Charons1) Fähre
Unsere Übernahme in Dora
vollzog sich unter den in diesem Milieu üblichen Regeln.
Aussteigen aus den Waggons,
gehetzter Lauf durch die Materialstapel im Schmutz bis zu den Knöcheln und bei
schmelzendem Schnee unter dem Gebrüll von Beschimpfungen und Drohungen,
Hundegebell und Schlägen.
Quer durch das SS-Lager:
etwa fünfzig eingerichtete Blocks, keine Wege, um von einem zum anderen zu
gelangen — schmutzige Pfade über Felder.
Am Eingang zum
Häftlingslager: zwei Blocks aus Holz (alles besteht aus Holz), auf jeder Seite
ein spanischer Reiter, der sich vor uns öffnet. Man zählt uns.
"Zu fünfen! Zu fünfen!
Mensch, blöder Hund!" Peng, ein Faustschlag. Peng, ein Fußtritt.
Auf der anderen Seite der
spanischen Reiter das Lager. Etwa zehn verstreute Blocks, höchstens ein Dutzend,
auf gut Glück einfach hingestellt, anscheinend ohne Jede ordnende Absicht. Im
Vorbeikommen können wir von weitem die Nummern an den Blocks lesen: 4, 55,
24,104, 17.
"Wo sind die
dazwischenliegenden Blocks,"
Eine durch viele
Fußabdrücke gekennzeichnete Spur beginnt am Eingang und steigt den Hügel hinauf,
ohne daß man sagen könnte, wohin sie eigentlich führt: wir müssen sie gehen und
kommen zum "Gemeindeabort", wo wir halten und Befehle abwarten. Der
Gemeindeabort ist ein Block, der nur Sitze, Pissoirs und Waschbecken enthält. Es
ist nicht möglich, sich zu setzen oder auszustrecken, heraustreten ist verboten.
Wir sind erschöpft. Auch ausgehungert. Gegen achtzehn Uhr eine Suppe, 300 g
Brot, ein Stäbchen Margarine, eine Scheibe Wurst. Wir stellen fest, daß die
Rationen größer sind wie in Buchenwald. Ein Hauch von Optimismus weht über uns
hin:
1) Charon (oder Caron)
= der Schiffer der Hölle In Dantes "Göttlicher Komödie"
-92-
"Man wird arbeiten,
zumindest aber auch essen", vertraut man sich flüsternd an.
Die Leute mit den Armbinden
erscheinen um zwanzig Uhr: ein Tisch wird aufgeschlagen, ein Schreiber läßt sich
nieder. Nacheinander treten wir an den Tisch, an dem wir unsere
Stammrollennummern, Namen, Vornamen und Berufe angeben. Die Leute mit den
Armbinden sind Tschechen und Polen, die wegen verschiedenster Delikte interniert
sind:
sie haben eine schwere
Hand, die durch den Gummiknüppel, von dem sie
freigebig Gebrauch machen,
noch schwerer sind.
"Hier ist Dora! Mensch!
Blöder Hund!" und peng, peng.
Um Mitternacht sind die
Geschäfte beendet. Alles ist draußen. Wir gehen den Weg wieder zurück, diesmal
in der Nacht und stets von Kapos und SS umringt. Plötzlich stehen wir vor einer
ungeheuren Aushöhlung, deren Öffnung auf dem Abhang des Hügels liegt: der
Tunnel. Die beiden riesigen eisernen Torflügel öffnen sich: das also ist es, wir
sollen vergraben werden, denn keiner kommt auf den Gedanken, daß die Eisentüren
sich vor uns noch einmal vor der Befreiung öffnen könnten. Das Entsetzliche, das
wir in Buchenwald über diese "Unterwelt" gehört haben, zermartert uns den Kopf.
Wir treten auf ebener Erde
ein. Eine Vision im Stile Dantes: draußen die Dunkelheit — im Innern alles in
strahlendem Licht. Zwei Eisenbahngleise nebeneinander mit einem Meter Abstand:
die Züge fahren also im Leib des Ungeheuers hin und her. Eine Reihe beladener
und mit Planen bedeckter Waggons: die Torpedos, die berühmten V l und V 2 —
ungeheure Granaten, länger als die Waggons, die sie tragen. Man sagt, sie seien
15 m lang und ihr Durchmesser überschreite schätzungsweise die Höhe eines
Menschen.
"Das mag eine schöne Arbeit
geben, wo das hinfällt!"
Es entspinnt sich eine
Diskussion über den Mechanismus und die Art des Abschusses der V1 und V 2, von
denen wir schon erzählen hörten, die wir aber jetzt zum erstenmal sehen. Zu
meiner großen Überraschung bemerke ich, daß bei uns sehr unterrichtete Leute
sind, die über die fraglichen Geräte mit ernstester Miene ganz genaue
Einzelheiten von sich geben, die sich in der Folgezeit aber als die
phantastischsten Schwatzereien herausstellen.
Wir dringen in das Innere
ein. Auf jeder Seite Büros, Vertiefungen, die zu Werkstätten ausgebaut sind. Wir
gelangen in den Teil des Tunnels, der noch im Entstehen begriffen ist: Gerüste,
blasse, abgemagerte und durchsichtige Männer (Schatten), fast überall etwas
erhöht an den Wänden hängend wie Fledermäuse, bohren in den Felsen. Auf dem
Erdboden gehen SS-Männer mit der Waffe in der Hand hin und her, Kapos brüllen
-93-
im Kommen und Gehen auf
Jede Weise die Unglücklichen an, die Säcke tragen oder Schubkarren mit Erdaushub
fahren. Der Lärm der Maschinen — Leichen, auf die Unterseite gelegt.
Eine Vertiefung ist als
Wohnblock eingerichtet: Halt! Am Eingang zwei Aborteimer und etwa fünfzehn
Leichen. Im Innern Männer, die wie verrückt laufen, Lärm einzelner oder aller
zwischen den Reihen der Bettgestelle zu drei, vier oder fünf Etagen. Unter
ihnen, ernst und gewichtig, die Stubendienste, die vergeblich versuchen, die
Ordnung wieder herzustellen. Hier sollen wir die Nacht verbringen. Die
Stubendienste unterbrechen ihre Aufgabe, um sich mit uns zu befassen.
"Los! Los! Mensch! Hier ist
Dora!"
Die Gummiknüppel beginnen
zu tanzen oder vielmehr, sie wechseln nur die Zielscheibe. Der Blockälteste, ein
großer Deutscher, sieht ebenso belustigt wie spöttisch und drohend dem Treiben
zu. Wir werden uns rasch darüber klar, daß dieser Block von Russen bewohnt wird,
deren Tagschicht bei der Ruhe ist. Vollkommen angekleidet werfen wir uns auf die
Strohsäcke, die man uns zeigt. Endlich! Am Morgen erwachen wir:
alle Schuhe und alles, was
uns von der Lebensmittelverteilung vom Abend vorher noch geblieben war, ist
verschwunden. Selbst unsere Taschen sind geleert: wir bewundern die
Fingerfertigkeit der Russen, denen diese allgemeine Ausplünderung gelungen ist,
ohne uns aufzuwecken. Und wenn auch zwei oder drei auf frischer Tat ertappt
wurden:
die Opfer, die sie zum
Blockältesten geführt haben, sind von den Stubendiensten, die mit ihnen im
Komplott stehen, mit Knüppelhieben zu ihren Strohsäcken zurückgetrieben worden.
"Hier ist Dora, mein
Lieber!"
Es ist ganz sicher, hier
sind wir in eine Räuberhöhle gefallen, in der das Gesetz des Dschungels gilt.
Nach dem Wecken sind wir
wieder ans Tageslicht gekommen. Wir atmen auf: wir sind also noch nicht
endgültig begraben. Den Morgen verbringen wir stehend vor der Arbeitsstatistik,
in Dreck und Schnee trampelnd; wir sind durchfroren und haben von neuem Hunger.
Am Nachmittag verteilt man uns auf Kommandos: Fernand und ich landen beim
Straßenbaukommando 52. Sofort schickt man uns an die Arbeit:
bis zum Appell
transportieren wir im Galopp Fichten vom Lager zum Bahnhof.
Um achtzehn Uhr Appell: er
sollte bis einundzwanzig Uhr dauern.
Einundzwanzig Uhr: Richtung
Block 35. Diesmal haben wir die Gewißheit, daß wir nicht im Tunnel begraben
werden, aber wir hören, daß nicht wenige von uns phantastische Berufe angegeben
haben, um in
-94-
der Küche beschäftigt zu
werden und dorthin geschickt wurden und aller Wahrscheinlichkeit nach vor der
Befreiung nicht mehr zurückkommen werden.
Der Blockälteste von Block
55 ist Tscheche, die Stubendienste sind es folglich auch. Der Block selbst ist
noch kahl: wir schlafen eng aneinander auf dem Boden, ohne Decken, vollkommen
angekleidet. Vorher verabfolgt man uns in einem unbeschreiblichen Durcheinander
einen Liter Rübensuppe, den wir stehend essen: dies ist alles, was wir an diesem
Tage gegessen haben.
Um zweiundzwanzig Uhr
können wir endlich einschlafen, aber mit der weiteren Gewißheit, daß wir nun ein
fester Bestandteil des Lagers Dora geworden sind.
Dora! . . .
*
* *
Der erste Arbeitstag . ..
Vier Uhr dreißig, ein
Gongschlag hallt viermal durch diesen Embryo eines Lagers, die Lichter im Block
gehen an, die Stubendienste kommen mit dem Gummiknüppel in der Hand in den
Schlafsaal.
"Aufstehen! Aufstehen! Los!
Waschen!"
Die zweihundert Menschen
springen wie ein Mann auf, laufen wirr durch den Eßraum, nackt bis zum Gürtel
und kommen zugleich mit den zweihundert des anderen Flügels im Zwischenraum an
die Tür zum Waschraum. Der Waschraum kann nur zwanzig Personen fassen. Am
Eingang stoppen zwei Stubendienste, den Wasserschlauch in der Hand, diese
Invasion:
"Langsam, langsam . ..
Langsam, Lumpen!"
Und gleichzeitig tritt der
Wasserstrahl in Tätigkeit. Die Unglücklichen weichen zurück . . . Indessen
drängen zwei andere Stubendienste, die den Stoß vorausgesehen haben, ihrerseits
sie wieder vor:
"Los! Los! Schnell, Mensch!
Ich sage waschen!"
Und unbarmherzig sausen die
Gummiknüppel auf die nackten und mageren Schultern.
Jeden Morgen spielt sich
dieselbe Tragikomödie ab. Aber dabei bleibt es nicht. Nach der Toilette kommt
die Verteilung der Lebensmittel für den Tag: man steht Schlange, hält die
Abreißmarke in der Hand, die man am Morgen im Waschraum empfangen hat (man kann
sein Essen also erst erhalten, nachdem man nachgewiesen hat, daß man gewaschen
ist), und die man einem Stubendienst abgeben muß. Neues und ganz ebenso
-95-
unsagbares Durcheinander.
Die für die Durchführung dieser doppelten Formalitäten nach der Lagerordnung
bewilligte Stunde ist rasch vergangen.
Fünf Uhr dreißig: die warm
eingemummten Kapos sind auf dem Appellplatz und erwarten dort das Herankommen
der Menschenmasse. Aus allen Blocks stürzt sie in den eisigen Morgen, sich im
Laufen noch ankleidend und den letzten Bissen im Mund von dem kärglichen, für
das Frühstück bestimmten Teil der Tagesration hinunterschluckend, auf sie zu.
Die Kapos schreiten zum Sammeln der Kommandos, sie rufen ihre Männer auf: es
regnet Schläge und Schimpfworte. Nach beendigtem Appell setzen sich die
Kommandos in Marsch und zwar in einer nach der Entfernung der Arbeitsstellen
festgelegten Reihenfolge. Es gibt Kommandos, die sechs bis acht Kilometer zu
gehen haben: diese marschieren als erste ab. Dann kommen die mit nur einer
Stunde Marsch, dann diejenigen, die nur eine halbe Stunde brauchen. Das Kommando
52 hat nur 20 Minuten Weg: es geht also um sechs Uhr vierzig ab. Punkt sieben
Uhr ist alles an seiner Arbeitsstelle. Die Tunnelkommandos sind nach einem
anderen Stundenplan geregelt: Wecken um sieben Uhr morgens für die Tagschicht,
um sieben Uhr abends für die Nachtschicht und alles weitere findet vor der
Arbeit im Tunnel selbst statt.
Sieben Uhr: Kommando 52 ist
nun am Ort seiner Erdarbeiten nach dem Waschen und der Lebensmittelverteilung
angelangt, nachdem es zähneklappernd, die Füße in zwanzig Zentimeter tiefem
Dreck unter Stillgestanden eine Stunde und zehn Minuten gewartet und alsdann im
Gleichschritt die etwa zwei Kilometer zurückgelegt hat, die es vom Lager
trennen, und ist bereits ermüdet, bevor es die Arbeit beginnt.
Die Arbeit: Bau einer
Straße, die vom Bahnhof zum Lager führt, wozu man sich der Seite des Hügels
bedient. Ein schmalspuriges Eisenbahngleis in Form einer Ellipse, deren
Längsdurchmesser etwa 800 Meter beträgt, ist bergab gelegt. Zwei Züge zu Je acht
Loren, die von einer Öllokomotive gezogen werden, vollführen eine Art ewiger
Rundfahrt auf den Gleisen. Während 52 Mann — vier je Lore — die auf dem Gipfel
befindliche Zugreihe beladen, entladen 52 andere diejenige, die sich am Fuße
befindet, wobei sie darauf achten müssen, daß die Erdmassen planiert werden.
Wenn der Zug wieder leer zum Gipfel kommt, muß der andere beladen abfahren: alle
zwanzig Minuten. Gewöhnlich ist die erste Abfahrt im vorgeschriebenen Tempo
sicher. Bei der zweiten gibt es schon Verspätungen, die bei Meister, Kapo und
Vorarbeitern ein Murren hervorrufen. Bei der dritten ist der Leerzug schon seit
fünf Minuten da und es sind noch weitere fünf Minuten nötig, bevor er abfahren
kann: der Meister lächelt ironisch und zuckt die Achseln, der Kapo brüllt und
die Vorarbeiter fallen über uns her. Keiner kommt um seine Tracht Prügel herum.
Die Verspä-
-96-
tung vergrößert sich mit
der Zeit, so daß drei Leute notwendig werden, um zweiunddreißig zu verhauen und
von diesem Augenblick an ist die verlorene Zeit nicht mehr einzuholen; für den
Rest des Tages ist der Betrieb in Unordnung.
Bei der vierten Fahrt neuer
Aufenthalt, neue Hiebe. Bei der fünften begreifen Kapo und Vorarbeiter, daß
nichts mehr zu machen ist und werden des Prügelns überdrüssig. Am Abend ist man
statt der vorgesehenen 56 Fahrten — drei Fahrten pro Stunde — auf höchstens
insgesamt fünfzehn oder zwanzig gekommen.
Zwölf Uhr: ein halber Liter
heißer Kaffee wird an der Arbeitsstelle ausgegeben. Man trinkt ihn im Stehen und
ißt dazu den Rest des Brotes, der Margarine und der Wurst, die am Morgen
verteilt wurden. Zwölf Uhr zwanzig: Wiederaufnahme der Arbeit.
Am Nachmittag zieht sich
die Arbeit in die Länge. Die ausgemergelten und durchfrorenen Männer haben nicht
mehr die Kraft, sich aufrecht zu halten. Der Kapo verschwindet, die Vorarbeiter
werden weich und der Meister sieht auch so aus, als begreife er, daß aus diesen
menschlichen Ruinen, die wir darstellen, nichts mehr herauszuholen ist und läßt
alles laufen. Man tut so, als arbeite man: auch dies ist sehr hart, denn man muß
die Hände reiben und mit den Füßen trampeln, um sich gegen die Kälte zu wehren.
Von Zeit zu Zeit kommt ein SS-Mann vorbei: die auf der Lauer liegenden
Vorarbeiter sehen ihn von weitem kommen und künden ihn an: wenn er auf die Höhe
des Kommandos kommt, ist alles tatsächlich an der Arbeit. Er spricht ein Wort
mit dem Meister:
"Wie geht's,"
Ein entmutigtes
Achselzucken gibt ihm Antwort:
"Langsam, langsam. Sehr
langsam! Schauen Sie mal diese Lumpen:
was soll man mit ihnen
machen,"
Der SS-Mann zuckt auch mit
den Schultern, brummt und geht weiter oder ergeht sich je nach Laune in
Beschimpfungen, verteilt gelegentlich auch einige Faustschläge, droht mit seinem
Revolver und verläßt den Ort. Wenn er außer Sichtweite ist, erholt sich das
Kommando von neuem.
"Aufpassen! Aufpassen!"
sagt der Meister fast väterlich.
So wird es achtzehn Uhr
abends bei allgemeiner Abspannung.
"Feierabend", sagt der
Meister.
Der seit einigen Minuten
wieder erschienene Kapo faßt seine Leute zum Zusammentragen der Werkzeuge
zusammen, stößt einige Schreie aus, die die Vorarbeiter anstacheln, verteilt
einige Schläge: Rückkehr zur
Disziplin durch den Terror.
Sechs Uhr vierzig: das
Kommando marschiert in Fünferreihen im Gleichschritt Richtung Lager. Um sieben
Uhr wird blockweise und nicht
-97-
nach Kommandos angetreten,
dann warten wir erneut zähneklappernd, mit den Füßen im Dreck, daß diese Herren
mit unserer Zählung endlich fertig werden: das nimmt zwei oder drei Stunden in
Anspruch.
Zwischen acht und neun Uhr
kommen wir in den Block. Ein Stubendienst, den Gummiknüppel in der Hand, steht
am Eingang: es heißt Schuhe ausziehen, die Holzschuhe waschen und sie in der
Hand haltend eintreten und auch nur dann, wenn sie als sauber befunden worden
sind. Beim Durchgang in den Eßraum müssen sie in Reihen abgestellt werden, dann
hält man sein Kochgeschirr einem anderen Stubendienst hin, der theoretisch einen
Liter Suppe hineingießt, man ißt stehend und in einem unbeschreiblichen
Durcheinander. Sind die vorgeschriebenen Formalitäten erfüllt, so erlaubt ein
dritter Stubendienst den Zutritt zum Schlafsaal, wo man sich zu Haufen in etwas
Stroh fallen läßt, das während des Tages gebracht worden ist. Es ist zehn Uhr
dreißig. Wir haben siebzehn Stunden gestanden ohne die geringste Möglichkeit,
uns setzen zu können, wir sind steif, wir haben Hunger und frieren. Und beim
Einschlafen denken wir, daß die uns aufgezwungene Arbeit doch recht wenig mit
unserer Müdigkeit zu tun hat.
Am folgenden Morgen beginnt
dasselbe wieder ab vier Uhr dreißig. Während der Nacht haben die Russen die
Holzschuhe gestohlen, die wir so sorgfältig im Eßraum auf Anordnung des
Stubendienstes abgestellt hatten: nun heißt es, außer der Toilette und der
Lebensmittelverteilung sich ein anderes Paar zu "organisieren", bevor man sich
ans Laufen gibt, sich fertig ankleidet und den letzten Bissen des kärglichen
Frühstücks in der Nacht und der Kälte hinunterwürgt, um den Appellplatz zu
erreichen, wo die Kapos schon warten.
So am anderen Morgen und
alle Tage: am Wochenende sind wir zu Schatten unserer selbst geworden.
*
* *
Es gibt schlechtere
Kommandos als das unsere: das Ellrichkommando, das Transportkommando eins und
alle Transportkommandos, der Steinbruch, die Gärtnerei. . .
Am anderen Ende des Tunnels
baut man das Lager Ellrich auf. Ein sehr großes Kommando, etwa tausend Mann,
fährt jeden Morgen mit einem Güterzug hin, der den Bahnhof Dora um vier Uhr
dreißig verläßt: es sind fünf Kilometer zu fahren. Zu Fuß würde es genügen, um
fünf Uhr dreißig abzumarschieren, damit man um sieben an der Arbeit ist. Aber
dies wäre zu einfach: die SS hat beschlossen, sich menschlich zu zeigen und dem
Kommando die Ermüdung durch den Marsch zu ersparen, da es möglich ist, einen Zug
hierfür zu benutzen. Das Ellrichkommando
-98-
wird also um drei Uhr
dreißig geweckt, macht seine Toilette, empfängt seine Rationen und steht um vier
Uhr auf dem Appellplatz. Abmarsch zum Bahnhof. Der Zug, der um vier Uhr dreißig
vorbeikommen soll, hat niemals weniger als eine Stunde Verspätung: warten.
Frühestens um sechs Uhr, spätestens sechs Uhr dreißig, Ankunft in Ellrich. Den
ganzen Tag über Erdarbeiten. Um achtzehn Uhr Feierabend. Theoretisch sollte man
den Rückzug um achtzehn Uhr dreißig nehmen, aber wie am Morgen, hat auch dieser
nie weniger als eine Stunde Verspätung: wieder warten. Gegen zwanzig Uhr dreißig
bestenfalls, häufig aber einundzwanzig, ja sogar zweiundzwanzig Uhr, Rückkunft
in Dora. Formalitäten am Blockeingang, Schuhewaschen, Verteilen der Suppe. Gegen
dreiundzwanzig Uhr können die Ellrichleute sich endlich ausstrecken und
schlafen. Fünf Stunden Schlaf und erneutes Wecken, Antreten, Abmarsch, Warten.
Der Tageslauf ist unerbittlich, das Maß an Menschlichkeit, das die SS glaubte,
oder so tat als glaubte sie, ergriffen zu haben, erwies sich als zusätzliche
Tortur: man wird vom Herumstehen zu Tode gequält, bevor man an der Arbeit ist...
Dem ist noch hinzuzufügen, daß die Kapos des Ellrichkommandos die rohesten aller
Rohlinge sind, daß es Schläge dichter regnet als irgendwo anders, daß die Arbeit
übertrieben ist und scharf kontrolliert wird: dies ist das Todeskommando und
jeden Abend bringt es Leichen zurück.
Im Lager selbst besteht das
Transportkommando eins. Die Leute von Transport eins beginnen den Tag in
derselben Form und zu derselben Zeit wie alle anderen: sie entladen Waggons und
tragen die schweren Materialien auf dem Rücken vom Bahnhof zum Tunnel oder vom
Bahnhof zum Lager. Man sieht sie vom Morgen bis zum Abend beim Transport von
breiten Holzwänden wie Zirkuspferde zu vieren oder in Gruppen zu zweien mit
Eisenbahnschwellen, in Reihen zu acht oder zehn mit Eisenbahnschienen oder
einzeln mit einem Sack Zement hin und herlaufen. Sie gehen langsam, langsam
unter der Bürde gebeugt, ohne Unterlaß: hin und her. Ihr Kapo ist ein Pole mit
rotem Dreieck, fluchend, drohend und schlagend geht er von einem zum anderen.
Die Gärtnerei oder das
Gartenkommando: Zirkuspferde wie die Leute von Transport eins, aber sie fahren
Exkremente an Stelle von Material. Der Kapo ist ein Grüner mit derselben Methode
wie der Pole von Transport eins und denselben Ergebnissen.
Der Steinbruch, der
berühmte Steinbruch aller Lager: man bricht die Steine, legt sie auf Waggons und
zieht oder schiebt sie nach den Orten, an denen sie zerkleinert werden, um als
Unterbau für die Lagerstraßen zu dienen. Die Leute vom Steinbruchkommando haben
das zusätzliche Pech, am Rande des Abhangs im weiten Steinbruch arbeiten zu
müssen:
der geringste Vorfall trägt
ihnen eine Ohrfeige ein, die sie in die Tiefe
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stürzt, wo sie zu Tode
kommen. Jeden Tag bringen sie Tote zum Appellplatz mit: vier von ihnen tragen
die Leiche, jeder an einem Arm oder Fuß. Eins, zwei, drei, vier, sagt an der
Spitze der Kapo, der den Marsch des Kommandos im Takt hält, hopp, hopp, hopp,
schlägt am Ende der Kopf der Leiche gegen den Boden. Von Zeit zu Zeit hört man
im Lager erzählen, ein Unglücklicher vom Steinbruch hätte einen Faustschlag
bekommen, sei ausgeglitten und in die Schrotmühle oder Betonmischmaschine
gefallen, die man nicht mehr habe abstellen können.
Es gibt auch bessere
Kommandos: alle, aus denen sich die Lagerverwaltung zusammensetzt, das
Lagerkommando, der Holzhof, die Bauleitung, die Leute vom "Schwung" (Putzer).
In der Effektenkammer wird
Buch über die Kleider geführt, die den Häftlingen bei ihrem Eintritt ins Lager
abgenommen werden und die man sauber hält: sie ist nur Erholung. Außerdem ist
sie einträglich: von Zeit zu Zeit kann man eine Hose, eine Uhr, einen
Füllfederhalter stehlen, die wertvolle Tauschmittel gegen Lebensmittel sind. In
der Wäscherei wird die Wäsche gewaschen, die die Häftlinge wechseln, in der
Theorie alle vierzehn Tage. Man steht unter Dach, im Warmen und kann sich sehr
leicht etwas zum Essen verschaffen. In der Schusterei werden die Schuhe, in der
Schneiderei die Kleider und schadhafte Wäsche repariert und in der Küche . . .
Das beste Kommando ist
unbestritten die Küche. Man feilscht nicht um das Futter bei denen, die dazu
gehören, und die Arbeit ist nicht schwer. Sie haben zunächst die Zuteilung wie
jedermann, die sie vom Block erhalten, ehe sie zur Arbeit gehen. An der
Arbeitsstelle beziehen sie offiziell eine Zusatzration. Dann können sie
jedesmal, wenn sie zwischendurch Hunger haben, von den Lebensmitteln, die sie
verarbeiten, nehmen und essen. Schließlich stehlen sie, um sich Tabak,
Schuhwerk, Kleider oder Gegenleistungen zu verschärfen. Überdies sind sie vom
Appell ausgenommen. Sie haben ein Leben wie die Regimentsköche. Man braucht eine
gewisse Empfehlung, um es soweit zu bringen, dem Küchenkommando zugeteilt zu
werden: die Franzosen haben dort keinen Zutritt, da die Plätze den Deutschen,
Tschechen und Polen vorbehalten sind.
In dieselbe Klasse fallen
die Arbeitsstatistik und die Leute vom Revier. Weder die einen noch die anderen
brauchen am Appell teilzunehmen. Schläge sind nicht üblich. Bei der
Arbeitsstatistik macht man Büroarbeit, man ißt, wenn man Hunger hat, weil
diejenigen, die man untergebracht hat, in natura bezahlen; aus demselben Grunde
ist man gut gekleidet, man hat Tabak, soviel man will. Ich habe zwei Franzosen
gekannt, denen es gelungen war, zur Arbeitsstatistik zu kommen, alle anderen
waren Deutsche, Tschechen und Polen, wie in der Küche.
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Im Revier sind Ärzte,
Pfleger und Kalfaktoren vorhanden; die ersteren stellen Diagnosen, die zweiten
haben die Pflege und die anderen halten das Revier rein. Zusätzlich essen dort
noch ein Haufen Schreiber, im allgemeinen ehemalige Kranke, wenn sie hungrig
sind, arbeiten sozusagen nicht und werden nicht geschlagen.
Dann kommt das
"Lagerkommando", das Kommando zur Unterhaltung des Lagers. Ihm werden alle Leute
zugewiesen, deren Gesundheitszustand als schwächlich anerkannt ist: dem
Grundsatz nach. In Wirklichkeit aber sind es alles Schützlinge, Lieblinge der
Kapos und des Lagerschutzes, die einen einflußreichen Freund im Revier oder in
der Küche haben, diejenigen, die schöne Pakete erhalten. Das Lagerkommando
stellt alle Arbeitskräfte zum Auflesen von Papier, zum Aufs kehren,
Schälkommandos für die Küchen der SS, der Häftlinge und der freien Arbeiter aus
der Umgebung, unterhält die "Altverwertung", die Abteilung zur Wiederverwertung
alter Sachen. Im Anfang, als das Lager noch klein war und die Kommandos
dementsprechend, war es ein sehr gesuchter Unterschlupf. In der Folgezeit war
die Beschäftigung bei ihm nur noch für die Schützlinge allein möglich, weil das
Lagerkommando nun Hunderte und aber Hunderte von Menschen umfaßte, das man
abschöpfte, um die Fehlstellen an Menschenmaterial in den Kommandos auszufüllen.
Zwei andere Kommandos sind
noch gesucht: für die Tabakfabrik und die Zuckerfabrik. Beide gehen nach
Nordhausen zur Arbeit, wohin sie mit Lastwagen transportiert werden. Am Abend
kommen sie zurück, die Leute vom ersteren mit Taschen voll Tabak, den sie gegen
Brot oder Suppen vertauschen und die vom zweiten, vollgepfropft mit Zucker.
Später wurde noch ein drittes Kommando für das Schlachthaus in Nordhausen
gestellt, das den Fleischhandel im Lager einführte.
Ob man ein gutes oder
schlechtes Kommando hat, ist eine Glücksfrage, für welche Verbindungen zur
Arbeitsstatistik sehr günstig sind: die Jagd nach einem guten Kommando ist die
Sorge aller Häftlinge und wird ständig unter Benutzung von Waffen und Mitteln
ausgeübt, die mit der menschlichen Würde höchst unvereinbar sind.
*
* *
Die Kommandos im Tunnel
werden sowohl für die besten, als auch für die schlimmsten gehalten. Sie sind zu
einem Einheitskommando zusammengefaßt: Zavatzky, nach dem Leiter des
Unternehmens benannt, das den Tunnel betreibt.
An ihrer Spitze steht ein
Generalkapo — der große Georg —, unter dessen Befehl eine ganze Mannschaft von
Kapos steht, die die besonderen
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Häftlingskommandos führen.
Einem Kommando zugeteilt zu werden, das in einer der zehn oder fünfzehn im
Tunnel verborgenen Fabriken arbeitet, bedeutet die Sicherheit, eine leichte
Arbeit zu haben und vor Wind, Regen und Kälte geschützt zu sein. Dies ist sehr
schätzenswert. Es ist auch die Gewißheit, um die Appelle herumzukommen: für die
Leute im Tunnel gibt es keinen Appell. Aber es ist auch das Kommando, das
niemals an das Tageslicht kommt, das in den schlecht oder gar nicht gelüfteten
Galerien Krankheitsstoffe aller Art, Staub von Monaten und Monaten einatmet, und
das Gefahr läuft, noch vor der Befreiung zu sterben. Während man bei der
Erdarbeit bei jedem Wetter arbeitet; ob es regnet, schneit, ob es windig ist,
unter bleierner Sonne wie bei Gewitter, niemals wird die Arbeit eingestellt.
Mehr noch: auch die Appelle werden nicht abgeblasen oder abgekürzt. In
Regenzeiten ist es bei uns vorgekommen, daß wir vierzehn Tage oder drei Wochen
lang die uns als Kleider dienenden Lumpen nicht trocknen konnten: wenn wir
abends zum Block zurückkamen, legte man sie unter das Stroh oder den Strohsack
in der Hoffnung, die Körperwärme werde die Feuchtigkeit vertreiben, und am
anderen Morgen nahm man sie warm, aber feucht, wieder heraus und versank aufs
neue im Regen. Einfache oder doppelte Lungenentzündung herrschte ständig bei den
Leuten des Erdarbeitenkommandos und brachten viele ins Krematorium, aber man
lebte wenigstens in frischer Luft. Und während der schönen Jahreszeit . . . Die
Meinung ist geteilt zwischen dem Wunsche, im Tunnel zu arbeiten und dem, bei der
Erdarbeit zu bleiben.
"Man müßte im Winter in den
Tunnel kommen und im Sommer wieder heraus", sagte Fernand zu mir.
Das war allerdings
unmöglich, und ich war nicht sicher, ob es gegebenenfalls eine gute Lösung
gewesen wäre.
Was man als Tunnel
bezeichnete, war ein System von zwei parallelen Gängen, die den Hügel von der
einen bis auf die andere Seite durchzogen. Am einen Ende lag Dora und am anderen
seine Hölle, EIlrich. Diese beiden Hauptgänge, von denen jeder 4 bis 5 Kilometer
lang war, waren durch etwa fünfzig Quergänge oder Hallen von etwa 200 Meter
Länge, zu acht auf acht Meter abgeteilt, verbunden. Jede dieser Hallen
beherbergte eine Werkstatt. Im April 1945 war der Tunnel so weit fertiggestellt,
daß er den Höchstertrag hätte leisten können, wenn die Sabotage nicht gewesen
wäre. Man schätzt, daß er in diesem Zeitpunkt im ganzen 15 bis 15 km
ausgehobener und ausgebauter Gänge hatte, gegenüber 7 bis 8, die im August 1945
bestanden, als Dora geschaffen wurde: diese beiden Zahlen bezeichnen das Maß an
Anstrengungen, das den Häftlingen auferlegt war. Außerdem muß man
berücksichtigen, daß die beiden Lager Dora und EIlrich zusammen niemals einen
größeren Bestand als
-102-
15 000 Mann für die Arbeit
einsetzen konnten, wobei diese außerdem die Baracken aufstellen und jedes eine
festgesetzte Zahl von V1 und V 2, von Flugzeugmotoren und Waffen zweiten Ranges
herstellen mußten. Wollte man übrigens den Gestehungspreis dieser Arbeit
errechnen, so müßte man den Francs oder Mark noch die 20 000 bis 25 000
Menschenleben hinzurechnen, die dies zumindest in zwei Jahren gekostet hat.
Die Kommandos des Tunnels,
die in den Gängen oder den zu Blocks ausgebauten Gangteilen schlafen, werden
täglich zweimal, um 7 Uhr morgens und um 7 Uhr abends je zur Hälfte geweckt. Sie
verfügen über wenig Wasser und deshalb ist die Hygiene mangelhaft. Flöhe und
Läuse gedeihen prächtig.
Um 9 Uhr morgens und um 9
Uhr abends, je nach der Schicht, der sie angehören, gehen sie zur Arbeit.
Auch schlechte Kommandos
gibt es im Tunnel: die Leute, welche die Gänge bohren, sind für den Transport
des Materials und des Schuttes bestimmt. Sie sind wahre Galeerensklaven, die wie
die Fliegen an Lungenvergiftung durch Ammoniakstaub oder als Opfer der
Tuberkulose sterben. Aber die meisten Kommandos sind gut. Die Taylorisierung ist
bis zum äußersten getrieben: ein Kommando verbringt seine Zeit sitzend vor
Bohrmaschinen und hält die Stücke nacheinander unter den Bohrer;
ein anderes prüft Gyroskope2),
ein drittes elektrische Kontakte; ein viertes poliert Eisenbleche; ein fünftes
besteht aus Drehern oder Feinmechanikern. Schließlich gibt es auch Kommandos,
die weder gut noch schlecht sind: die Männer, die die V 1 und V 2 montieren. Im
allgemeinen gesehen ist der Ausstoß schwach: man verwendet zehn Männer, die
unfreiwillig arbeiten, wo einer oder zwei gutwillige genügen würden. Das
härteste ist, daß man immer so tun muß, als arbeite man, daß man fortgesetzt
stehen, sich das Aussehen eines vielbeschäftigten Menschen geben und vor allem
in diesem Lärm, in den Krankheitsstoffen leben muß und die Außenluft nur
spärlich durch schlechte und viel zu geringe Lüftungswege erhält.
Gegen Mitte März begann man
auf Ersuchen von Zavatzky, der eine der nach seiner Meinung wesentlichsten
Ursachen des schlechten Ausstoßes beseitigen wollte, die Kommandos im Tunnel am
Tage nach oben gegen zu lassen, damit sie ihre Suppe im Lager einnehmen konnten,
anstatt sie hinabzubringen. Ende April, Anfang Mai hatte das Erdarbeitenkommando
beinahe alle vorgesehenen Blocks bis zu Nummer 132 fertiggestellt: man entschloß
sich, von nun an niemand mehr im Tunnel schlafen zu lassen und alle Kommandos
nur noch zur Arbeit hinunter und heraufsteigen zu lassen, das heißt also für 12
Stunden täglich.
2) Gyroskop =
Kreiselvorrichtung zum Nachweis der Achsendrehung der Erde (der Übers.).
-103-
Um erschöpfend zu sein, muß
noch gesagt werden, daß in den verschiedenen Fabriken des Tunnels auch
Zivilarbeiter beschäftigt werden. Im April 1945 sind es sechs» bis
siebentausend: Deutsche, die Meister sind, S. T. 0. oder Freiwillige, die aus
allen Nationen Europas gekommen sind. Auch sie sind zu Kommandos zusammengefaßt
und leben in einem 2 km von Dora entfernten Lager, sie arbeiten zehn Stunden am
Tag, sie erhalten hohe Löhne und eine wenig abwechslungsreiche, aber gesunde und
reichliche Kost.
Schließlich sind sie in
einem Umkreis von 30 km frei: darüber hinaus benötigen sie eine
Sondergenehmigung. Unter ihnen befinden sich viele Franzosen, die sich aber von
uns entfernt halten, und in deren Augen ständig die Furcht zu lesen ist, sie
könnten eines Tages unser Los teilen.
*
* *
31. März 1944. Seit etwa
acht Tagen sind die Kapos, der Lagerschutz und die Blockältesten besonders
nervös. Mehrere Häftlinge sind an den Schlägen gestorben: man hat nicht nur im
Tunnel, sondern auch bei den Außenkommandos Läuse gefunden und die SS-Führung
hat die Häftlingsführung für diesen Zustand verantwortlich gemacht. Zum Überfluß
ist den ganzen Tag ein entsetzliches Wetter gewesen: die Kälte ist viel strenger
wie gewöhnlich, und ein mit Graupeln untermischter Eisregen ist unaufhörlich
gefallen. Am Abend kommen wir derart erfroren, durchnäßt und ausgehungert zum
Appellplatz, daß man sagen mußte: wenn nur dieser Appell nicht zu lange dauert!
Unglück: um 10 Uhr abends stehen wir noch immer in den Graupelschauern und
warten, bis uns das "Abtreten" befreien wird. Endlich ist es soweit, es ist zu
Ende, wir werden jetzt in Eile die Suppe essen und uns dann auf das Stroh fallen
lassen können. Wir kommen zum Block: Reinigen der Schuhe, dann bleiben wir auf
ein Zeichen des Blockältesten draußen, der, im Türrahmen stehend, uns eine Rede
hält. Er verkündet uns, daß Läuse gefunden wurden, daß das ganze Lager nun
desinfiziert werden soll ... Es beginnt diesen Abend: fünf Blocks, unter denen
auch 35 bezeichnet ist, sollen heute Abend durch die Entlausung gehen.
Infolgedessen werden wir die Suppe erst nach der Durchführung essen. Er erklärt
uns die Formalitäten, denen wir unterzogen werden und geht zur Ausführung über.
"Alles da drin!" Wir
betreten den Eßraum mit unseren Schuhen in der Hand.
"Ausziehen!" Wir entkleiden
uns, legen unsere Kleidungsstücke zu einem Paket zusammen, so daß die Nummer
sichtbar ist.
"Zu fünf!" Wir sind
entsetzt.
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"Zu fünf!" Wir führen es
aus. Die Stubendienste tragen unsere Kleider in Decken, umgeben uns, und ganz
nackt schlagen wir in der Kälte, unter Regen und Schnee die Richtung nach dem
Gebäude ein, in welchem wir desinfiziert werden sollen. Ungefähr achthundert
Meter haben wir zurückzulegen.
Wir kommen an. Die vier
anderen Blocks, nackt wie wir, drängen sich bereits vor dem Eingang zusammen:
wir fühlen, wie der Tod unter uns tritt. Wie lange wird dies dauern? Zu etwa
einem Tausend stehen wir da, alle nackt in der nassen Nachtkälte, die bis auf
die Knochen durchgeht, schlotternd an die Türen gedrängt. Keine Möglichkeit,
hineinzukommen. Entsetzliche Szenen spielen sich ab. Zuerst versucht man, den
Eintritt zu erzwingen: die Leute von der Entlausung halten uns mit einem
Wasserstrahl zurück. Dann will man zum Block zurück, um dort zu warten, bis man
an der Reihe ist: unmöglich, der Lagerschutz, mit Gummiknüppeln in den Händen,
hat uns umzingelt. Man muß bleiben, zwischen Wasserstrahl und Gummiknüppeln
eingekeilt, naßgespritzt und geschlagen. Wir drücken uns eng aneinander. Alle
zehn Minuten werden vierzig Mann in einem schrecklichen Durcheinander, einem
wahrhaften Kampf mit dem Tode, eingelassen. Man gebraucht die Ellbogen, man
schlägt sich, die Schwächsten werden unbarmherzig zu Boden getreten, beim
Tagesgrauen findet man ihre Leichen. Gegen zwei Uhr morgens gelingt es mir, ins
Innere zu kommen. Fernand hinter mir auf dem Wege, den ich erkämpft habe:
Friseur, Kresol, Dusche. Am Ausgang gibt man uns ein Hemd und eine Unterhose, in
denen wir in der Nacht den Weg zum Block zurücklegen. Ich habe den Eindruck,
eine wahrhaft heroische Tat vollbracht zu haben. Wir kommen zum Block in den
Eßraum, in welchem ein Stubendienst uns unsere Kleider gibt, die vor uns von der
Desinfizierung gekommen sind. Die Suppe steht am Bett.
Beim Wecken ist die
unheilvolle Komödie gerade zu Ende. Mindestens die Hälfte des Blocks ist gerade
noch zurecht gekommen, um die Suppe zu essen, die Tagesration in Empfang zu
nehmen und zum Appellplatz zu springen, um an die Arbeit zu gehen. Es fehlen
einige: diejenigen, die während des Verlaufs dieses üblen Streiches gestorben
sind. Andere haben ihn um einige Stunden oder zwei bis drei Tage überlebt und
sind von der fast unvermeidlich folgenden Lungenentzündung dahingerafft worden:
das Unternehmen hat wahrscheinlich ebenso viele Menschen wie Läuse getötet.
Und was ist vorgegangen?
Die SS-Führung hatte
lediglich die Desinfektion für täglich fünf Blocks angeordnet und die
Häftlingsführung in der Durchführung völlig selbständig schalten und walten
lassen. Sie hätte sich die Mühe machen können, einen Stundenplan für jeden Block
der Reihe nach aufzustellen:
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um 11 Uhr Block 35, um
Mitternacht Block 24, um 1 Uhr Block 32 usw.... Im Rahmen dieses Stundenplanes
hätten die Blockältesten uns z. B. in Zehnergruppen mit je zwanzig Minuten
Abstand angekleidet hinschicken können, was nach dem Arbeitstag ohnehin schon
recht anstrengend gewesen wäre. Aber nein, dies wäre doch zu einfach gewesen.
Statt dessen ...
Die Ereignisse der Nacht
vom 31. März waren der SS-Führung zu Ohren gekommen; diese stellte von sich aus
einen genauen Stundenplan für die noch zu desinfizierenden Blocks auf.
*
* *
2. April 1944: Ostern. Die
SS- Führung hat eine Ruhepause von 24 Stunden bestimmt, die nur von einem
Generalappell unterbrochen sein soll, das heißt, an dem der Tunnel wie die
Erdarbeitenkommandos teilnehmen sollen. Das Wetter ist herrlich: eine strahlende
Sonne an einem klaren und heiteren Himmel. Freude: die Götter sind mit uns!
Aufstehen um 6 Uhr anstatt
4 Uhr 50: Toilette, Verteilung der Lebensmittel, gemächlich, Ruhe.
9 Uhr: Alle Kommandos
befinden sich unter "Stillgestanden" auf dem Platz. Der Lagerschutz geht
zwischen den Gruppen umher, die Blockältesten sind an ihren Plätzen. Der
Lagerälteste schwatzt vertraut mit dem Rapportführer. Er hat ein Papier in der
Hand: den von der Arbeitsstatistik aufgestellten Einzelplan der Lagerbestände.
Etwa 30 SS-Männer mit Helmen, die Pistole im Etui, stehen am Lagereingang
zusammen: die Blockführer. Alles scheint sich gut anzulassen.
Ein Pfeifsignal: die
Blockführer gehen auseinander, jeder zu dem Block, den er kontrollieren soll.
Jeder zählt und vergleicht das von ihm festgestellte Ergebnis mit der
Bestandsangabe des Blocks, die ihm nach dem Zählen der Blockälteste überreicht.
"Richtig!"
Nacheinander melden die
Blockführer dem Rapportführer, der mit dem Bleistift in der Hand wartet und die
Ergebnisse, je nachdem sie an ihn kommen, aufschreibt.
Nichts Abweichendes
festzustellen, es wird nicht lange dauern: die SS-Männer wollen diesen Sonntag
ausnutzen und beeilen sich. Wir frohlocken: ein Ruhetag, nichts zu tun, die
Suppe essen und sich dann in der Sonne ausstrecken.
Minuten später: das vom
Rapportführer errechnete Gesamtergebnis stimmt mit der von der Arbeitsstatistik
gelieferten Zahl nicht überein; es sind 27 Männer weniger auf dem Appellplatz
als auf dem Papier. Problem: Wo sind sie geblieben?
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Der Kapo von der
Arbeitsstatistik wird eilends herbeigeholt. Er wird gebeten, den Gesamtbestand
des Lagers nochmals zu errechnen. Eine Stunde später kommt er zurück: er hat
dieselbe Zahl neu errechnet.
Vielleicht haben sich die
SS-Männer geirrt: man zählt erneut und der Rapportführer kommt wieder auf
dieselbe Zahl.
Man durchsucht die Blocks,
man durchsucht den Tunnel: man findet nichts.
Es ist 12 Uhr. Die einige
zehntausend Häftlinge stehen noch immer auf dem Platz und warten, ob die
Arbeitsstatistik und die SS-Führung einig werden. Man beginnt, die Zeit lang zu
finden, die einen werden ohnmächtig, die zum Sterben an der Reihe sind, fallen
hin, um nicht wieder aufzustehen, die an Durchfall Erkrankten machen in die
Hosen, die Leute vom Lagerschutz fühlen, wie die Kräfte allmählich nachlassen
und beginnen zu schlagen. Die SS-Männer, denen der Sonntag verdorben ist, sind
wütend: Sie benutzen die Zeit, um essen zu gehen, aber wir müssen dableiben. Um
14 Uhr kommen sie zurück.
Plötzlich kommt der Kapo
von der Arbeitsstatistik angerannt: er hat eine neue Zahl gefunden. Ein Murmeln
der Hoffnung durchläuft unsere Reihen. Der Rapportführer beschäftigt sich mit
der neuen Zahl und gerät in heftigen Zorn: jetzt fehlen noch acht Mann. Der Kapo
von der Arbeitsstatistik geht wieder fort. Um 16 Uhr kommt er wieder: es fehlen
nur noch fünf Mann. Um zwanzig Uhr fehlt nur noch einer und wir stehen immer
noch da, nach elfstündigem Stehen mit dem leeren Magen, blaß, aufgelöst und
erschöpft: die SS-Männer beschließen, uns zum Essen zu schicken. Wir treten ab:
hinter uns sammelt das Totenkommando etwa dreißig Leichen auf.
Um 21 Uhr beginnt man
wieder, um den noch Fehlenden zu finden: um 25 Uhr 45 wird nach verschiedenen
Unternehmungen dieser Fehlende endlich gefunden: SS-Führung und Arbeitsstatistik
stimmen überein. Wir kehren zum Block zurück und können uns schlafen legen,
nachdem wir nochmals einige zehn Tote zurückgelassen haben.
Und nun die Erklärung für
die Länge der Appelle: die bei der Arbeitsstatistik beschäftigten Leute sind
nahezu oder völlig Analphabeten und sind nur durch Begünstigung Rechnungsführer
geworden; sie sind unfähig, den genauen Effektivbestand auf den ersten Hieb zu
errechnen. Das Konzentrationslager ist eine Welt, in welcher der Platz jedes
Einzelnen von seiner Gewandtheit und nicht von seinen Fähigkeiten bestimmt wird:
die Rechnungsführer werden als Maurer beschäftigt, die Zimmerleute sind
Rechnungsführer, die Wagner Mediziner und die Mediziner Mechaniker, Elektriker
oder Erdarbeiter.
*
* *
-107-
Jeden Tag kam ein Waggon
von zehn Tonnen, beladen mit Paketen aus allen Nationen, außer Spanien und
Portugal, am Bahnhof von Dora an:
abgesehen von seltenen
Ausnahmen waren sie alle unversehrt. Bei der Auslieferung an den Empfänger
dagegen waren sie gänzlich oder zu drei Vierteln ausgeraubt. In zahlreichen
Fällen erhielt man nur die Aufschrift, die von dem Inhaltsverzeichnis, einem
Stück Rasierseife, einem Seifenstückchen oder einem Kamm usw.... begleitet war.
Ein Kommando von Tschechen und Russen war mit der Entladung des Waggons betraut.
Von dort aus brachte man die Pakete zur Poststelle, wohin die Schreiber und
Stubendienste Jedes Blocks kamen, um die Lieferungen in Empfang zu nehmen. Dann
händigte der Blockälteste sie selbst dem Empfänger aus. Aber auch auf diesem
begrenzten Wege wurden sie beraubt.
Der Vorgang bei der
Beraubung war einfach. Zuerst mußten die französischen Pakete, die für die
Reichhaltigkeit ihres Inhalts bekannt waren, herhalten. Am Entladungsort wurde
der Waggon von dem Kapo des Kommandos unter den Augen eines SS-Mannes, der mit
der Aufsicht beauftragt war, geöffnet. Das Paket durchlief drei Hände: aus dem
Waggon warf ein Tscheche es einem Russen am Boden zu, der es im Fluge auffangen
und einem anderen Russen oder Tschechen weitergeben sollte, der den Auftrag
hatte, es auf den Wagen zu legen. Von Zeit zu Zeit sagte der Russe des Waggons
"Franzus" und der Tscheche hielt die Hände weg: das Paket fiel zu Boden, wo es
auseinanderbrach, sein Inhalt sich über den Boden verstreute, und Russen wie
Tschechen füllten sich die Taschen oder Brotbeutel. Wenn irgendein Gegenstand
des ausgeraubten Pakets ihm gefiel, streckte der SS-Mann die Hand aus und auf
diese Weise wurde seine Mittäterschaft erkauft.
Der vollbeladene, von sechs
Männern gezogene Wagen setzte sich nach der Poststelle in Bewegung: auf dieser
ersten Fahrt verschwanden zahlreiche Pakete oder wurden ausgeraubt.
Die Lagerordnung schrieb
vor, daß die Pakete bei der Poststelle genauestens durchsucht und Medikamente,
Wein, Alkohol, Waffen oder verschiedene Gegenstände, die als Waffen verwendet
werden könnten, einbehalten werden sollten. Diese amtliche Durchsuchung wurde
von einer Schar von Häftlingen, Deutschen oder Slawen, unter Aufsicht von zwei
oder drei SS-Männern vorgenommen: neue Entnahmen. Die SS-Männer ließen sich
durch ein Stück Speck, eine Tafel Schokolade, nach der ihre kleine Freundin
Verlangen hatte, ein Päckchen Zigaretten, ein Feuerzeug verlocken: sie sicherten
sich das Schweigen der Häftlinge, indem sie die Augen vor den unter ihren Augen
begangenen Diebereien schlossen.
Von der Poststelle bis zum
Block verständigten sich die Schreiber und Stubendienste, um eine dritte
Entnahme durchzuführen, und am Ende
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des Geschäftsganges stand
dann noch der Blockälteste, der die vierte und letzte vornahm, worauf er das
Übriggebliebene dem Empfänger aushändigte.
Das Verfahren der
Aushändigung an den Empfänger hatte etwas Unnatürliches an sich. Der Häftling
wurde mit seiner Nummer gerufen und aufgefordert, zum Blockältesten zu kommen.
Auf dessen Schreibtisch lag sein Paket offen mit einem aufgenommenen
Inhaltsverzeichnis. Am Fuße des Schreibtisches stand ein großer Korb mit der
Aufschrift "Solidarität". Jeder Häftling war moralisch verpflichtet, etwas von
dem, was er erhalten hatte, für diejenigen hineinfallen zu lassen, die niemals
etwas bekamen, hauptsächlich die Russen und Spanier, die Kinder, die Enterbten
aller Nationen, die keine Eltern mehr hatten oder deren Eltern die Anschrift
nicht wußten usw.... So sollte es theoretisch sein, in der Praxis aber eignete
sich einzig und allein der Blockälteste das an, was in den Korb gefallen war und
teilte es mit seinem Schreiber und den Stubendiensten.
Nach jedem Eingang waren
die SS-Männer, die Kapos, die vom Lagerschütz, die Blockältesten und alle, die
irgendwie einen Dienstgrad in der SS-Führung hatten, reichlich mit französischen
Erzeugnissen versehen, was mich zu der Überzeugung brachte, daß diese
Beraubungen die Handlungsweise einer organisierten Bande waren.
Ich erhielt mein erstes
Paket am 5. April 1944; es fehlte die gesamte Wäsche, eine Tafel Schokolade, ich
glaube eine Büchse Konserven, aber es blieben drei Päckchen Zigaretten, ein
gutes Kilo Speck, eine Butterdose und verschiedene andere kleine Eßwaren. Wir
hatten am Abend vorher den Block gewechselt, wir lagen nun in Block 11 und unser
Blockältester war ein Deutscher mit schwarzem Schildchen. Ich fragte ihn, was
ihm gefallen würde:
"Nichts, geh' mal."
Entschlossen reichte ich
ihm ein Päckchen Zigaretten, dann befragte ich ihn mit den Augen, indem ich auf
den Korb mit der Inschrift "Solidarität" deutete:
"Brauch' nicht!
Geh' mal, blöder Kerl!"
Ich hatte richtig getippt.
Am übernächsten Tag wurde ich wieder gerufen:
diesmal waren es drei
Pakete. Von einem war nur noch die Aufschrift da, aber die beiden anderen waren
fast unberührt, in einem von ihnen befand sich ein riesiges Stück Speck.
"Dein Messer", sage ich zum
Blockältesten.
Ich schneide gut die Hälfte
ab, die ich ihm hinreiche, dann frage ich mich, ob ich noch etwas der
"Solidarität" dalassen soll. Er sieht mir, als
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ich weggehe, mit
aufgerissenen Augen nach: die Franzosen standen ja in dem übrigens
gerechtfertigten Ruf, sehr auf ihre Pakete bedacht und wenig gebefreudig zu
sein. Plötzlich ruft er mich zurück:
"Deine Nummer?"
Er schreibt sie auf, dann:
"Hör' mal, Kamerad, deine
Pakete werden nie mehr bestohlen werden", sagte er zu mir. "Das sage ich. Geh'
mal jetzt!"
In der Tat, von diesem Tage
an wurden mir alle meine Pakete fast unversehrt ausgeliefert: der Blockälteste
hatte meine Nummer an die verschiedenen Stadien der Ausplünderung mit dem Befehl
durchgegeben "nicht anrühren". Dem verdanke ich, daß ich mein Leben gerettet
habe, denn die aus Frankreich gekommenen Pakete waren außer dem Zuschuß, den sie
zur Lagerbeköstigung leisteten, ein wertvolles Tauschmittel, mit dem man sich
Arbeitsbefreiungen, zusätzliche Bekleidungsstücke und Druckposten verschaffen
konnte. Sie haben mir ermöglicht, etwa acht Monate im Revier zu verbringen,
während andere, genauso Kranke, Leibesübungen machen mußten, an denen sie
gestorben sind ...
Bei den Paketen hat sich
noch eine andere tragische Erscheinung herausgestellt: die meisten Franzosen,
auch aus recht wohlhabenden Familien, erhielten ein Paket, das bis zu drei
Vierteln beraubt war, und dann nichts mehr. Bei der Befreiung bekam ich dann die
Erklärung dafür: bei der Ankunft im Lager schrieben die Häftlinge einmal ihrer
Familie und benachrichtigten sie dabei, daß sie monatlich zweimal schreiben
dürften. Die Familie schickte ein Paket, und da dieses das erste war, wartete
sie mit der Absendung des zweiten bis zur Bestätigung des ersten, die aber
niemals kam, denn mit Ausnahme des ersten Briefes erreichte von zehn Briefen,
die wir schrieben, nur einer seinen Bestimmungsort. Im Lager fragte sich der
regelmäßig schreibende Häftling, was los sei, und während er an Entkräftung
starb, war seine Familie in Frankreich überzeugt, es sei nicht nötig, ihm ein
zweites Paket zu schicken, da er den Erhalt des ersten nicht bestätigt hatte,
sicher sei er tot. Meine Frau, die mir jeden Tag regelmäßig ein Paket schickte,
sagte mir, daß sie dies nur zur Beruhigung ihres Gewissens getan habe und zwar
entgegen jeder Hoffnung, da es meiner Mutter mit dieser Erwägung gelungen war,
sie zu überzeugen, sie schicke sie an einen Toten ab, und außer dem gewissen
Schmerz sei dies noch verlorenes Geld.
Am 1. Juni 1944 ist das
Lager nicht mehr zu erkennen. Seit dem 15. März sind unaufhörlich ein- oder
zweimal wöchentlich Transporte (von 800, 1000, 1500) gekommen, und die Belegung
ist auf
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etwa 15 000 Köpfe
gestiegen. Daß sie diese Zahl nicht überschritt, ist dem Umstand zuzuschreiben,
daß der Tod in einem der Gesamtzahl der Zugange angepaßten Verhältnis seine
Sensenarbeit getan hat: jeden Tag nahmen fünfzig bis achtzig Leichen den Weg zum
Krematorium. Die Häftlingsführung umfaßt allein ein Zehntel der Belegschaft des
Lagers:
vierzehn» bis
achtzehnhundert allmächtige und ihrer Bedeutung bewußte Nichtstuer regieren über
das niedere Volk, indem sie nach Beheben Zigaretten rauchen, Suppen essen und
Bier trinken.
Man ist dabei, den Block
141 aufzubauen, der bestimmt ist, Theaterkino zu werden; und das Bordell ist
bereit, Frauen aufzunehmen. Alle Blocks sind geometrisch und angenehm auf dem
Hügel verteilt und durch betonierte Straßen miteinander verbunden. Zementtreppen
mit Geländern führen zu den höchstgelegenen Blocks. Vor jedem eine Pergola mit
Schlingpflanzen, kleine Gärtchen mit Blumenrasen, hier und da kleine Rondells
mit Springbrunnen oder kleinen Statuen. Der Appellplatz, etwa einen halben
Quadratkilometer groß, vollkommen gepflastert und so sauber, daß man keine
Stecknadel verlieren kann.
Ein zentral gelegener
Fischteich mit Tauchbecken, ein Sportgelände, kühle Schattenanlagen, wie man sie
nur wünschen kann, ein wahres Lager für Ferienkolonien; und irgendein Passant,
der während der Abwesenheit der Häftlinge zur Besichtigung zugelassen würde,
verließe es in der Überzeugung, daß man dort ein angenehmes und beneidenswertes
Leben voller Waldpoesie führt, das auf alle Fälle außerhalb jedes alltäglichen
Vergleiches mit den Beschwernissen des Krieges liegt, die das Los der freien
Menschen sind. Die SS hat die Bildung einer Musikkapelle gestattet. Jeden Morgen
und jeden Abend begleitet eine Kapelle von etwa dreißig Blasinstrumenten, einer
großen Pauke und Schallbecken den Schritt der Kommandos, die zur Arbeit gehen
oder von ihr zurückkommen. Tagsüber übt sie und erfüllt das Lager mit den
ungewöhnlichsten Akkorden. Am Sonntagnachmittag gibt sie bei allgemeiner
Gleichgültigkeit Konzerte, während die Gefangenen Fußball spielen oder
Kunststücke am Tauchbecken machen.
Das äußere Aussehen hat
sich geändert, die Wirklichkeit aber ist dieselbe geblieben. Die
Häftlingsführung ist noch immer, was sie war: die Politischen sind in
ansehnlicher Zahl in sie hineingelangt und anstatt von Kriminellen werden die
Häftlinge nun von Kommunisten oder solchen, die es sein wollen, mißhandelt.
Jeder einzelne erhält regelmäßig einen Lohn: zwei bis fünf Mark pro Woche.
Dieser Lohn wird von der Häftlingsführung einkassiert, die ihn allgemein
samstags auf dem Platz der Arbeitsstatistik verteilt, was sie jedoch in der Form
eines von ihr organisierten solchen Gewühles tut, daß seine Forderung
gleichbedeutend mit einer Kandidatur für das Krematorium wäre. Nur sehr wenige
Mutige
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finden sich ein. Die Kapos,
Blockältesten und der Lagerschutz teilen sich, was sie nicht zu verteilen
brauchen. Es werden auch Zigaretten verteilt — zwölf Zigaretten für zehn Tage —,
die achtzig Pfennige kosten. Geld zum Bezahlen hat man nicht, und die mit der
Verteilung beauftragten Blockältesten fordern von denen, die welches haben,
solche Tugenden an Hygiene und Haltung, daß es fast unmöglich ist, in den Besitz
der Zuteilung zu kommen. Schließlich wird auch Bier verteilt: grundsätzlich an
jeden. Aber auch hier muß man bezahlen können. Die Familien der Häftlinge haben
die Erlaubnis, ihnen monatlich 50 Mark zu schicken, die sie aus denselben
Gründen ebensowenig erhalten, wie ihren Wochenlohn oder die Zigaretten. Und
dementsprechend haben eines Tages die Leute von der Häftlingsführung
beschlossen, sich unsere Kleider und die sonstigen Dinge zu teilen, die uns bei
unserer Ankunft in Buchenwald abgenommen wurden.
Hierzu ist noch zu sagen,
daß Tausende und Abertausende von Häftlingen in das Krematorium gewandert sind,
entweder weil sie auf ganz natürliche Weise infolge des Lebens, das sie führen
mußten, dorthin gekommen sind, oder weil man sie aus den verschiedensten Gründen
dorthin geschickt hatte, hauptsächlich wegen Sabotage, indem man sich des Weges
der Strafkommandos, des Bunkers und des Galgens bediente. Von März 1944 bis
April 1945 ist keine Woche vergangen, in der nicht drei oder vier wegen Sabotage
aufgehängt wurden. Am Ende wurden sie zu zehn und zwanzig vor aller Augen
aufgehängt. Die Vollstreckung fand auf dem Appellplatz in Gegenwart aller statt.
Der Galgen wurde aufgestellt, die armen Sünder kamen mit einem Holzknebel in
Form des Gebisses im Mund, die Hände auf dem Rücken, an. Sie stiegen auf einen
Schemel und legten den Kopf in den Henkerknoten. Mit einem Fußtritt stieß der
Lagerschutz vom Dienst den Schemel um. Die Unglücklichen waren nicht sofort tot:
sie brauchten vier, fünf, sechs Minuten, um zu sterben. Ein SS-Mann oder zwei
hatten die Überwachung. Wenn alles beendet war, ging die ganze Lagerbesatzung an
den am Strick hängenden Leichen vorüber.
Am 28. Februar 1945 wurden
50 aufgehängt, die zu zehn den Galgen bestiegen. Die ersten zehn legten ihre
Köpfe in die Henkerknoten, die zehn folgenden warteten bei den Schemeln unter
Stillgestanden, die letzten zehn standen fünf Schritte zurück um zu warten, bis
sie an der Reihe waren. Am folgenden 8. März wurden 19 aufgehängt: diesmal fand
die Hinrichtung im Tunnel statt und es waren nur die Kommandos im Tunnel Zeuge.
Die 19 armen Sünder wurden in einer Reihe gegenüber der Halle 52 aufgestellt.
Ein großer Kran, an welchem 19 Stricke befestigt waren, wurde langsam über ihre
Köpfe herabgelassen. Der Lagerschutz legte die 19 Henkerknoten um, dann wurde
der Kran langsam, langsam
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wieder gehoben: o die
größer werdenden Augen der Unglücklichen, und die Füße, die suchten, Berührung
mit dem Boden zu halten. Am Palmsonntag wurden 57 gehängt, acht Tage vor der
Befreiung, während wir schon den Kanonendonner der Alliierten ganz nahe hörten
und der Kriegsausgang für die SS nicht mehr zweifelhaft sein konnte3).
Der Sachverhalt ist
folgender: die SS entdeckte selbst eine gewisse Zahl von Sabotageakten (1945 und
seit Mitte 1944 konnte keiner mehr innerhalb wie außerhalb des Lagers leben,
ohne zu sabotieren), aber die Häftlingsführung meldete ihr unbarmherzig eine
noch größere Zahl. Den richtigen Begriff, was diese Häftlingsführung
überhaupt war, bekommt man erst, wenn man erfährt, daß im Augenblick der
Räumungstransporte bei der Befreiung alle zu ihr gehörenden Deutschen, Rote wie
Grüne, uns mit weißen Armbinden und einem geladenen Gewehr unter dem Arm
umstellten. Alle Deutschen sage ich, die von den anderen, den Russen, Polen und
Tschechen, deren Dienste nun zu Ende waren, mit neiderfüllten Augen betrachtet
wurden.
Es ist unnütz, sich über
die Kosten des Unternehmens an Menschenleben zu verbreiten! Am 1. Juni 1944
bestand die Belegschaft des Lagers fast ausschließlich aus Leuten, die im März
oder später gekommen waren. Man konnte noch sieben Häftlinge antreffen, deren
Nummern zwischen 15 000 und 15 000 lagen: sie waren mit 800 Mann am 28. Juli
1945 gekommen. Dann waren noch etwa ein Dutzend von den zwischen 20 000 und 21
000 liegenden Nummern vorhanden: sie gehörten zu den 1500 Mann, die im Oktober
gekommen waren. Von den 800 in Betracht kommenden der Nummern 50 000 bis 51 000,
die im Dezember« Januar gekommen waren, blieben etwa 55, von den 1200 der
Nummern 50 000 bis 40 000, die im Februar-März gekommen waren, blieben etwa 500
oder 400 am Leben. Die im Laufe des Mai Gekommenen mit den Nummern 45 000 bis 50
000 waren noch fast vollzählig vorhanden: aber nicht für lange.
3) s. weiter hinten,
Seite 152.
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KAPITEL IV
Im Rettungshafen, dem Vorzimmer des
Todes
Als am 28. Juli 1945 der
erste Transport am Tunneleingang in den Rübenfeldern ankam, war von einem
Krankenbau noch keine Rede. Man hatte von Buchenwald nur Häftlinge geschickt,
die als vollauf gesund bekannt waren; es war nicht vorgesehen, daß sie sofort
krank werden könnten: falls diese Möglichkeit trotzdem eintreten sollte, hatte
die SS Befehl, nur auf die schweren Fälle Rücksicht zu nehmen, sie durch Boten
zu melden und die Entscheidung abzuwarten. Natürlich entdeckten die SS-Männer
niemals schwere Krankheiten: wer Soldat war, wird dies leicht begreifen.
Es war in diesem Jahre ein
Hundewetter. Es regnete und regnete. Lungenentzündung und Rippenfellentzündung
stellten sich ein: bei diesen geschwächten Mißhandelten, die tagsüber durchnäßt
wurden und nachts in den feuchten Gesteinsmulden schliefen, hatten sie leichtes
Spiel. Innerhalb von acht Tagen wurden die Unglücklichen von einem Unwohlsein
erfaßt, das die SS-Männer für ein leichtes Fieber hielten, das am Ende schwierig
wurde, ohne daß sie wußten, warum. In der Lagerordnung war vorgesehen, daß man
unter 39,5 Grad nicht krank war, ein Fall, in welchem man "Schonung" oder
Arbeitsbefreiung genießen konnte: solange man diese Temperatur nicht erreichte,
war man arbeitsfähig und dies bedeutete den Tod.
Dazu kam, was wir
Dysenterie (Ruhr) nannten, das aber in Wirklichkeit nur ein nicht einzuhaltender
Durchfall war. Ohne wahrnehmbaren Grund wurde man eines Tages von
Verdauungsstörungen befallen, die sich rasch in eine völlige Unverträglichkeit
verwandelten: die Nahrung (ständig gargedämpfte Rüben, Brot von schlechter
Beschaffenheit) und die Unbilden der Witterung (ein Regen oder eine Erkältung im
Verlauf der Verdauungsstörungen). Heilmittel waren keine vorhanden: man mußte
abwarten, bis es aufhörte — ohne zu essen. Dies dauerte acht, zehn, vierzehn
Tage, je nach Widerstandsfähigkeit des Kranken, der
-114-
immer schwächer wurde,
schließlich umfiel und nicht mehr die Kraft hatte, sich zu bewegen, auch nicht
für seine Bedürfnisse und dann durch ein damit verbundenes Fieber hinweggerafft
wurde. Diese glücklicherweise leichter festzustellende Krankheit als die Lungen»
oder die Rippenfellentzündung veranlaßte die SS, mit den vorhandenen Mitteln
Maßnahmen zu treffen, um ihr Einhalt zu gebieten: sie befahl den Bau einer
"Bude", zu welcher die Durchfallkranken in einem besonderen Raum ohne Forderung
nach Temperatur je nach Maßgabe der verfügbaren Plätze zugelassen wurden.
Die "Bude" konnte etwa
dreißig Personen aufnehmen: rasch waren es fünfzig, hundert Anwärter und mehr,
ihre Zahl vermehrte sich unaufhörlich in dem Maße, in welchem Transporte von
Buchenwald ankamen und das Lager an Ausdehnung zunahm. Für gewöhnlich wurden die
Durchfallkranken im letzten Stadium hingeschickt und mußten dort sterben. Sie
wurden auch auf dem Boden zusammengepfercht, einer neben dem anderen, sich
untereinander vergessend: es war eine Pest. Dies ging so weit, daß die SS aus
Gründen der Hygiene die erste Häftlingsführung beauftragte, einen Pfleger zu
bestimmen, um die Kranken in Zucht und Ordnung zu halten. Der Posten wurde —
natürlich! — einem Grünen anvertraut, der von Beruf Schreiner und wegen Mordes
zum Tode verurteilt war: es wurde eine schöne Arbeit! . . .
Nach Tagen stand man am
Eingang der "Bude" Schlange: der Pfleger beruhigte die Ungeduldigen mit dem
Gummiknüppel in der Hand. Von Zeit zu Zeit wurde eine Leiche aus dem Gestank
herausgetragen und machte einen Platz frei, der im Sturm genommen wurde. Die
Zahl der Durchfallkranken wuchs weiter: da die SS festgestellt hatte, daß der
Pfleger seiner Aufgabe nicht gewachsen war, und dieser geltend machte, es sei
zuviel Arbeit für einen Einzelnen, teilte man ihm einen Helfer zu, von dem die
SS verlangte, daß er an der Pflege teilnehmen sollte. Der Posten fiel einem
holländischen Arzt zu, der bis dahin beim Materialtransport vom Bahnhof zum
Tunnel beschäftigt gewesen war. Von diesem Augenblick an wurde die "Bude"
menschlicher. Der Pfleger wurde Kapo, der Holländer arbeitete unter seinem
Befehl und leistete diplomatische Wunderdinge: es gelang ihm, einen
Durchfallkranken zu retten, dessen Genesung er verheimlichte, um ihn als
Krankenpfleger zur Hand zu haben. Mit einem großen Aufwand an Holzkohle wurde
der Durchfall eingedämmt, die SS erklärte sich zufriedengestellt, die "Bude"
konnte anderen Zwecken dienen: das erste Revier war geboren.
Der Holländer erreichte
tatsächlich, daß in dem Maße, in dem von Durchfallkranken verlassene Plätze
verfügbar wurden, man in der "Bude" festgestellte Lungen- und
Rippenfellentzündungen von 58 Grad Temperatur an zuließ: nachdem es zwischen ihm
und dem Kapo einige
-115-
Auseinandersetzungen
gegeben hatte! Ja, er behauptete, mit der Kohle sei es möglich, die
Durchfallkranken wirksam ohne Krankenhausbehandlung zu pflegen, wenn sie
beizeiten behandelt würden, und daß man auf diese Weise Platz für die Lungen-
und Rippenfellentzündungen schaffen könne. Das Duell wurde homerisch. Ein dem
Lager zugeteilter SS-Arzt, der im November als Begleiter eines Transports
gekommen und bei diesem Konflikt, der ihn belustigte, lange gleichgültig
geblieben war, gab schließlich dem Holländer recht: man machte sich an den Bau
eines Blocks, da die "Bude" sich rasch als viel zu klein herausstellte.
Dann kamen die
Nierenentzündungen an die Reihe. Die Nierenentzündung war vom Lagerleben nicht
zu trennen: die Unterernährung, die allzu langen Aufenthalte im Stehen, die
Folgen der Unbilden der Witterung, die Lungenentzündungen, die
Rippenfellentzündungen, das Steinsalz — das einzige, was in Deutschland
vorhanden war —, von dem die Köche übermäßigen Gebrauch machten, und das
anscheinend schädlich war, weil es kein Jod enthält. Der Ödeme war Legion,
jedermann hatte mehr oder weniger angeschwollene Beine.
"Das geht vorbei", sagte
man, "das kommt vom Salz."
Und man achtete nicht
besonders darauf. Wenn es sich um ein alltägliches Ödem handelte, kam es vor,
daß es vorüberging. War das Ödem aber die Folge einer Nierenentzündung, so wurde
man eines Tages von einer Urämiekrise hinweggerafft.
Der Holländer erreichte,
daß die Nierenkranken ebenfalls in das Revier aufgenommen wurden: es mußte ein
weiterer Block gebaut werden.
Dann kamen die
Tuberkulosekranken an die Reihe, und so weiter.
Und immer so weiter, bis
das Revier am l. Juni 1944 die auf dem Hügel in einer Gruppe liegenden Blocks
16,17, 58, 39, 126,127 und 128 umfaßt. In ihnen können 1500 Kranke, wenn jeder
sein Bett hat, untergebracht werden, das heißt, ein Zehntel der Lagerinsassen.
Jeder Block ist in Säle unterteilt, in denen verwandte Krankheiten
zusammengefaßt sind.
Block 16 ist das
Verwaltungszentrum des ganzen Baukomplexes. Der Holländer ist zum Chefarzt
ernannt worden. Inzwischen hat die SS den grünen Lagerältesten durch einen roten
ersetzt und in der Häftlingsführung hat ein großer Kampf stattgefunden. Der Kapo
des Reviers ist das erste Opfer des neuen Lagerältesten gewesen: man hat sich
verabredet, ihn zu überraschen, als er im Begriff war, die Nahrung seiner
Kranken zu stehlen und hat ihn zur Strafe nach Ellrich geschickt und durch Pröll
ersetzt.
*
* *
-116-
Pröll ist ein junger
Deutscher von 27 bis 28 Jahren. Im Jahre 1954 hat er sich entschlossen,
Mediziner zu werden. Als Sohn eines Kommunisten, und da er selbst Kommunist war,
wurde er festgenommen, als er fast noch ein Kind war. Er hat zehn Jahre in
verschiedenen Lagern hinter sich.
Zuerst wurde er nach Dachau
geschickt, und nur seinem jugendlichen Alter verdankte er, daß er die Härten des
werdenden Lagers überlebte:
die SS wie auch die
Häftlinge verfolgten im allgemeinen die Jugendlichen nicht, die ersteren aus
einer gewissen Art Scheu vor der Unschuld, die zweiten aus einer besonderen
Zärtlichkeit, die in ihnen die Hoffnung nährte, zu sehen, daß sie Lustknaben
wurden. Dank dieses doppelten Umstandes gelang es Pröll, als Pfleger ins Revier
zu kommen, dort einige Jahre zu bleiben und dann in dieser Eigenschaft nach
Mauthausen geschickt zu werden. Die grüne Häftlingsführung von Mauthausen
entledigte sich seiner zum Nutzen von Auschwitz, das ihn im ersten nach
Natzweiler abgehenden Transport mitschickte. In Natzweiler hatte er seinen
längsten Aufenthalt: er wurde Kapo des Lagerkommandos und Vertreter des
Lagerältesten. Die wahrlich nur wenigen Häftlinge, die dieses Lager
kennengelernt haben, erklärten übereinstimmend, daß sie niemals einen ähnlichen
Rohling gesehen hätten. Eine Palastrevolution in der Häftlingsführung von
Natzweiler veranlaßte seine Versendung nach Buchenwald, von wo er als
Vertrauensmann der Kommunisten und Kapo des Reviers nach Dora geschickt wurde.
In Dora beträgt Pröll sich
wie die anderen Kapos — nicht besser und nicht schlimmer. Da er intelligent ist,
organisiert er das Revier, das aus dem Apostolat des Holländers hervorgegangen
ist, der ihn trotz allem als wertvolle Hilfe ansieht, weil er etwas versteht.
Allerdings folgt er nicht immer den sittlichen Geboten der Medizin: er ist
brutal und bei der Zusammensetzung der Armee von Pflegern, die er braucht, um
den Betrieb des Unternehmens sicherzustellen, läßt er die politischen
Empfehlungen den beruflichen vorgehen. So hatte auch der Schmied Heinz, der
Kommunist war, und dem es schon unter dem Regiment des grünen Kapos gelungen
war, als Oberpfleger in das Revier zu kommen, stets sein volles Vertrauen,
entgegen der Meinung aller Ärzte. So kommt es, daß er einem Medizinstudenten,
von dem er weiß, daß dessen politische Meinung sich nicht mit der seinen
verträgt, stets irgendeinen deutschen, tschechischen, russischen oder polnischen
Schläger vorzieht. Er hat große Bewunderung für die Russen und eine Schwäche für
die Tschechen, die in seiften Augen von den Angelsachsen und den Franzosen, die
er verachtet, Hitler preisgegeben wurden. Aber er ist ein erstklassiger
Organisator.
In weniger als einem Monat
wird das Revier auf die Grundsätze der großen Krankenhäuser ausgerichtet: im
Block 16 befinden sich die Ver-
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waltung, die Aufnahmen und
die dringenden Fälle; in den Blöcken 17 und 39 die allgemeine Medizin,
Nierenentzündungen, Nervenentzündungen; im Block 38 die Chirurgie; in 126 die
Lungen- und Rippenfellentzündungen und in 127 und 128 die Tuberkulösen. In jedem
Block ist ein verantwortlicher Arzt vorhanden, dem ein Oberpfleger behilflich
ist; in jedem Saal ein Pfleger zur Pflege der Kranken und ein Kalfaktor für die
verschiedenen Arbeiten. Für die Kranken Betten in nur zwei Etagen, mit Strohsack
in Holzspänen, Bettlaken und Decken. Drei Verpflegungsarten, die "Hauskost",
eine Ernährung, die in allen Punkten der des Lagers gleicht, für diejenigen
Kranken, deren Verdauungswege nicht angegriffen sind; die "Schleimkost" oder
magere Grießsuppe (kein Brot, keine Margarine, keine Wurst) für diejenigen,
deren Zustand Übergang zur Diät erfordert; die "Diätkost", die jeden Tag aus
zwei Suppen, darunter einer gezuckerten, in Weißbrot, Margarine und Marmelade
besteht, für diejenigen, die eine Kräftigung nötig haben.
Man kann nicht sagen, daß
man im Revier sehr gut gepflegt wird: die SS-Führung bewilligt nur sehr wenig
Medikamente, und Pröll nimmt von der Zuteilung alles für die Häftlingsführung
Notwendige vorweg und läßt an die Kranken nur das kommen, was die
Häftlingsführung nicht braucht. Aber man schläft sauber, hat Ruhe, und wenn
einmal die Verpflegungsration von keiner besseren Beschaffenheit wie im Lager
ist, so ist sie doch immer ausreichend. Pröll selbst beschränkt die Erfüllung
seiner Dienstpflicht als Kapo auf täglich eine Visite, die von einigem Gebrüll
und einigen edelmütigen Schlägen begleitet ist, die auf Personal und Kranke
verteilt werden, wenn er sie bei Übertretungen der Revierordnung ertappt. Das
Leben, das man im Revier führt, würde von dem Regime abstechen, das im übrigen
Lager herrscht, wenn Pfleger und Kalfaktoren nicht aus ebenso großem Eifer wie
aus Traditionstreue und aus Furcht vor dem Kapo alles an den Versuch setzen
würden, es unerträglich zu machen.
*
* *
Jeden Abend nach dem Appell
bildet sich eine Ansammlung am Eingang zu Block 16. Der Block enthält außer dem
Verwaltungsapparat des Reviers eine "Äußere Ambulanz" und eine "Innere
Ambulanz". Die erstere leistet allen Kranken oder Verunglückten, die nicht die
Bedingungen für die Aufnahme in das Revier erfüllen, sofortige Hilfe, die zweite
entscheidet nach Untersuchung über die Aufnahme oder Nichtaufnahme der anderen.
Außer den Leuten der
Häftlingsführung sind alle Lagerinsassen krank und würden in der normalen Welt
ohne Ausnahme und ohne weiteres in
-118-
ein Krankenhaus
eingewiesen, und wäre es auch nur wegen allgemeiner Körperschwäche. Im Lager
wird dies ganz anders gehandhabt, die allgemeine Körperschwäche zählt nicht. Man
behandelt nur, was darüber hinausgeht, und dies nur unter gewissen
extratherapeutischen Bedingungen oder wenn man keine Mittel hat, es anders zu
machen. Jeder Häftling ist also ein Patient, den das Revier mehr oder weniger
anzieht:
man mußte eine Reihenfolge
aufstellen, die im Durchschnitt auf vier Tage kommt.
Da sind zuerst die
Furunkel: das ganze Lager eitert, die Furunkulose, die Folge des Mangels an
Fleisch und Rohkost in der Verpflegung, wütet im endemischen Stadium genau wie
die alltäglichen Ödeme und die Nierenleiden. Infolgedessen gibt es Wunden an
Händen und Füßen oder an beiden. Die Holzschuhe reiben, und mit den Händen,
deren Haut so leicht aufspringt, müssen oft unerwartete Arbeiten getan werden!
Dann kommen noch abgeschnittene Finger oder gebrochene Arme oder Beine usw. ...
vor. Dies alles bildet die Praxis der Äußeren Ambulanz, und vom i. Juni 1944 an
taucht der Neger Jonny wieder auf, dessen Tätigkeit als Arzt im Revier von
Buchenwald schließlich so umstritten war, daß er trotz der von ihm gegebenen
politischen Garantien') uns mit einem Transport zugeschickt wurde. Als Arzt
natürlich, aber von einer Mitteilung begleitet, in welcher genau gesagt war, es
sei vorteilhafter, ihn als Pfleger zu verwenden. Pröll war der Meinung, sein
Platz sei natürlich in der Äußeren Ambulanz gegeben und übertrug ihm hierfür die
Verantwortung.
Jonny untersteht eine ganze
Kompanie deutscher, polnischer, tschechischer oder russischer Pfleger, die von
der Arbeit, mit der man sie beauftragt hatte, nichts verstehen, die auf gut
Glück Verbände anlegen, abmachen und von neuem anlegen. Ob Furunkel oder Wunden,
es gibt nur ein Heilmittel: die Salbe. Diese Herren haben Töpfe voll Salbe in
allen Farben vor sich stehen: für denselben Fall verabfolgen sie an einem Tag
die schwarze, an einem anderen die gelbe oder rote, ohne daß man den inneren
Grund erraten könnte, der ihre Wahl bestimmt hat. Wir haben außerordentliches
Glück, daß alle Salben antiseptisch sind!
In der Inneren Ambulanz
stellen sich die Leute vor, die die Hoffnung haben, in das Revier eingewiesen zu
werden. Jeden Abend sind es fünf- bis sechshundert, von denen die einen genau so
krank wie die anderen sind. Manchmal sind zehn oder fünfzehn Betten verfügbar:
versetzen Sie sich nun an die Stelle des Arztes, der die zehn oder fünfzehn
Auserlesenen herauszusuchen hat ... Die anderen werden mit oder ohne
1) Später habe ich
erfahren, daß Jonny schlau genug gewesen war, zugleich den Schutz von
Katzenellenbogen zu erhalten, dieses Häftlings, der von amerikanischer
Herkunft zu sein behauptete und Generalarzt des Lagers war, und der genug
Ausschreitungen verübte, um deswegen bei der Befreiung als Kriegsverbrecher
angesehen zu werden.
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Schonung zurückgeschickt;
sie stellen sich am nächsten Tage und alle anderen Tage wieder vor, bis sie das
Glück haben, aufgenommen zu werden: diejenigen, welche sterben, bevor man ihren
Fall in dem von ihnen gewünschten Sinne befunden hatte, werden nicht gezählt.
Ich habe Häftlinge gekannt,
die sich nie zu den Duschen vorstellten, weil sie Angst hatten, die Apparate
könnten Gas2) anstatt Wasser ausströmen; eines Tages haben die
Krankenpfleger bei der wöchentlichen Visite des Blocks Läuse bei ihnen gefunden
... Nun ließ man ihnen auf dem Wege der Desinfektion eine solche Behandlung
angedeihen, daß sie daran starben. Ebenso habe ich welche gekannt, die sich nie
im Revier vorstellten: sie hatten Angst, sie könnten als Meerschweinchen
verwendet werden oder eine Spritze bekommen. Sie widerstrebten, widerstrebten
und widerstrebten entgegen jedermann und entgegen allen Ratschlagen, und eines
Abends brachte ihr Kommando ihre Leiche zum Appellplatz mit.
In Dora bestand kein
Meerschweinchenblock und Einspritzungen fanden nicht statt. Im allgemeinen
wurden Spritzen in allen Lagern übrigens nicht bei den gewöhnlichen Häftlingen
angewandt, sondern von einem der beiden Stämme der Häftlingsführung gegen den
anderen: die Grünen gebrauchten dieses Mittel, um sich auf geschmeidige Art von
einem Roten zu befreien, dessen Stern sie am SS-Himmel aufsteigen fühlten oder
umgekehrt.
Ein glückliches
Zusammentreffen von Umständen führte dazu, daß es mir gelang, am 8. April 1944
in das Revier zu kommen: seit gut vierzehn Tagen schleppte ich einen fiebernden
Körper durch das Lager, der sich zusehends aufblähte.
Die Geschwulst hatte an den
Knöcheln begonnen:
"Ich auch, blöder Hund!"
hatte mein Kapo erklärt.
Es blieb mir nichts anderes
übrig, als weiterhin die Loren vom Straßenbaukommando zu beladen. Eines Morgens
mußte ich mich auf dem Appellplatz mit der Hose über dem Arm vorstellen, weil es
mir nicht gelungen war, sie anzuziehen:
"Blöder Hund!" erklärte
mein Kapo, "du bist verrückt! Geh' mal zum Revier!"
2) Die Gaskammern, die
gewisse SS-Angehörige leugneten, die andere mit den Begründungen der Mme
Simone de Beauvoir rechtfertigten, bestanden in Dora nicht. Sie bestanden
auch in Buchenwald nicht. Nur nebenbei stellte ich fest, daß es unter allen,
die die Schrecken dieser Art Todesstrafe so genau beschrieben haben, und die
in den Vereinigten Staaten übrigens gesetzlich ist, es meines Wissens keinen
Augenzeugen gibt. (Vgl. auch S. 186 u. f.).
-120-
Und er unterstrich diesen
Befehl mit einigen nachdrücklichen Faustschlägen. Das geschah am 3. April.
Vor dem Revier befand ich
mich im Gewühl. Nach einer Stunde Wartens kam ich zur Vorstellung vor den Arzt:
"Du hast nur 37,8, es ist
unmöglich, dich im Revier aufzunehmen: drei Tage Schonung. Bleibe im Block mit
den Beinen in der Luft liegen, dann vergeht es. Wenn es nicht vergeht, komme
wieder."
An Stelle der Ruhe wurde
ich von den mitleidlosen Stubendiensten während der drei Tage mit
Reinigungsarbeiten im Block beschäftigt. Nach Ablauf der Frist stellte ich mich
in einem sichtbar verschlimmerten Zustand wieder vor.
"Natürlich mußt du im
Revier aufgenommen werden", sagte der Arzt zu mir, "aber es sind nur drei Plätze
frei und ihr seid mindestens vierhundert Anwärter, unter denen sich welche
befinden, deren Zustand schlimmer ist als deiner. Nochmals drei Tage Schonung,
dann kommst du wieder ..."
Ich fühlte, wie die
Gewißheit des Krematoriums in mir aufstieg. Niedergeschlagen ging ich zum Block
zurück, wo mein erstes Paket auf mich wartete, dank dem ich von den
Stubendiensten erreichen konnte, daß sie mich ausgestreckt auf meinem Bett
liegen ließen, anstatt mich mit Arbeiten zu beschäftigen.
Am 8. April, als ich wieder
an der Reihe war, mich vorzustellen, reihte ein Paket aus guter alter Zeit mich
unter die drei oder vier Auserlesenen ein. Das Schlimme an meinem Fall ist, daß
ich diese Tatsache nicht anormal fand.
Bevor ich das mir
zugeteilte Bett beziehen konnte, mußte ich am Eingang noch meine Kleider und
Schuhe abgeben, die während meines Aufenthaltes natürlich gestohlen wurden, und
eine einzelne Dusche nehmen, die ein polnischer Kalfaktor so kalt verabfolgte
wie er nur konnte.
Die Dusche war die letzte
noch zu erfüllende Formalität. Sie war warm vorgesehen, aber wenn es sich nicht
um einen Tschechen oder einen Polen oder einen Deutschen handelte, schwor der
Kalfaktor bei allen Göttern, daß der Apparat in Unordnung sei. Die Zahl der mit
Lungen- oder Rippenfellentzündung aufgenommenen Kranken, die hieran gestorben
sind, ist nicht zu errechnen.
Ich hatte sechs Aufenthalte
im Revier: vom 8. bis 27. April, vom 5. Mai bis 50. August, vom 7. September bis
2. Oktober, vom 10. Oktober bis 3. November, vom 6. November bis 23. Dezember
und vom
-121-
10. März 1945 bis zur
Befreiung. Vom ersten an habe ich Fernand aus den Augen verloren, der mit einem
Transport nach Ellrich geschickt wurde, wo er gestorben ist...
Ich war krank, das ist
selbstverständlich, schwer krank sogar, denn ich bin es jetzt noch, aber ...
*
* *
Das Leben im Revier ist bis
ins kleinste geregelt.
Täglich Wecken um fünf Uhr
dreißig, eine Stunde nach dem Wecken im Lager. Toilette: welcher Krankengruppe
man auch angehört, ob mit 40 Grad oder mit 37, man muß aufstehen, zum Waschraum
gehen und bei der Rückkehr sein Bett machen. Grundsätzlich sind Pfleger und
Kalfaktor dafür da, denjenigen zu helfen, die dies nicht können, aber von
seltenen Ausnahmen abgesehen beschränken sie sich unter Androhung von Schlägen
darauf, die Kranken aufzufordern, diese Besorgungen selbst vorzunehmen.
Wenn die erste Arbeit getan
ist, nimmt der Pfleger die Temperatur, während der Kalfaktor den Saal mit viel
Wasser reinigt. Gegen sieben Uhr geht der Blockarzt zwischen den Betten
hindurch, betrachtet die Temperaturblätter, hört die Bemerkungen des Pflegers,
die Beschwerden der Kranken an, sagt einem jeden ein Wort, verordnet
Sonderbehandlungen oder während des Tages einzunehmende Medikamente. Ist der
Arzt weder Pole noch Deutscher noch Tscheche, so ist er im allgemeinen ein guter
und verständnisvoller Mensch. Vielleicht vertraut er dem Pfleger etwas zu sehr,
der von sich aus die Kranken nach ihren politischen Meinungen, nach ihrer
Nationalität, ihren Berufen oder den Paketen, die sie empfangen, bewertet, aber
er läßt sich trotzdem selten von ihm im schlechten Sinne beeinflussen, dagegen
stets im guten. Ein Schwerkranker wagt manchmal eine Frage:
"Krematorium?" "Ja, sicher
... Drei, vier Tage!"
Man lacht. Er geht, ohne
sich um die Wirkung zu bekümmern, die seine Antwort auf den Frager ausgeübt hat.
Er kommt beim letzten Bett an, verläßt den Saal, dies ist vorbei, man wird ihn
den ganzen Tag nicht wiedersehen: bis morgen.
Um 9 Uhr Verteilung der
Medikamente. Dies geht sehr rasch: Medikamente sind Ruhe oder Diät — von Zeit zu
Zeit eine Tablette Aspirin oder Pyramiden, die sehr sparsam verschrieben werden.
Um 11 Uhr die Suppe:
Pfleger und Kalfaktor essen reichlich, bedienen sich von jeder Speiseform und
verteilen den Rest an die Kranken. Dies
-122-
ist nicht ernst, denn es
bleibt genug, um jedem eine anständige regelmäßige Portion zu sichern, ja
Freunden noch einen kleinen Zusatz zu geben.
Am Nachmittag ruht man bis
16 Uhr, worauf die Unterhaltungen in Gang kommen, bis zum Messen der Temperatur
und dem Verlöschen der Lampen. Sie werden nur unterbrochen, wenn unsere
Aufmerksamkeit in besonderem Maße von langen Reihen von Leichen in Anspruch
genommen wird, die von den Leuten des Totenkommandos unter unseren Fenstern
vorbei nach dem Krematorium getragen werden.
Einige Begünstigte, zu
denen auch ich gehöre, erhalten Pakete: sie sind etwas mehr ausgeraubt als im
Lager, weil sie noch eine Station mehr zu durchlaufen haben, bevor sie an den
Empfänger gelangen. Der Tabak, den sie enthalten, wird nicht ausgehändigt: er
wird am Eingang beim Pfleger verwahrt, aber die Pfleger sind Leute, mit denen
sich über ein anständiges Honorar auskommen läßt, eine gerechte Teilung, und man
kann auch seinen Tabak bekommen und die Erlaubnis, verstohlenerweise zu rauchen.
Durch dasselbe Verfahren, indem der Rest geteilt wird, erreicht man bei dem
Pfleger, daß dieser bei den Temperaturen schwindelt und man seinen Aufenthalt im
Revier verlängert.
Im Sommer findet die
Nachmittagsruhe in frischer Luft unter den Buchen statt: die Kommandos, die im
Innern des Lagers arbeiten, betrachten uns mit Neid, und wir scheuen um so mehr
die Stunde der Genesung, die uns zu ihnen zurückführt.
*
* *
Im Oktober 1944 nimmt man
nur noch sehr selten Durchfallkranke im Revier auf: jeden Abend stellen sie sich
bei Block 16 vor. Man füttert sie mit Holzkohle und schickt sie wieder zurück.
Es kommt vor, daß das Übel vergeht. Es kommt aber auch vor, daß es länger
andauert als die in Rechnung gestellten acht Tage, daß es durch irgendein Fieber
verschlimmert wird, und dann werden sie in dem Maße aufgenommen, in welchem die
Vermutungen jeglicher Art es zulassen.
Sie sind im Block 17, Saal
8, zusammengelegt, dessen Pfleger der Russe Iwan ist, der sich als "Dozent" der
Medizinischen Fakultät in Charkow bezeichnet, und dessen Kalfaktor der Pole
Stadtjeck ist. Saal 8 ist die Hölle des Reviers: jeden Tag liefert er zwei, drei
oder vier Leichen an das Krematorium.
Für jeden aufgenommenen
Durchfallkranken verordnet der Arzt außer der Kohle eine zu überwachende
Diätkost: sehr wenig zu essen, soweit überhaupt möglich keinerlei Getränk. Er
rät Iwan, am ersten Tag nichts zu geben und am folgenden Tage einen Liter Suppe
auf zwei- oder drei-
-123-
mal zu verteilen und so
schrittweise zur vollständigen Ration zurückzukehren, die vom Verschwinden der
Krankheit bestimmt wird. Aber Iwan ist der Meinung, daß er Pfleger ist, um sich
und nicht die Kranken zu pflegen: die ärztlichen Ratschläge zu befolgen ist eine
schwere Arbeit für ihn und auf jeden Fall in einem Konzentrationslager nicht
üblich; er hält es für einfacher, die absolute Diät anzuwenden und die Rationen
der Kranken mit Stadjeck zu teilen, sich von ihnen reichlich zu ernähren und mit
dem Übriggebliebenen noch Geschäfte zu machen. Die Unglücklichen essen also
nichts, absolut nichts: am dritten Tag sind sie mit wenigen Ausnahmen in einem
solchen Zustand, daß sie nicht mehr aufstehen können und alles unter sich gehen
lassen, denn Stadjeck hat anderes zu tun, als ihnen die Bettpfannen zu bringen,
wenn sie darum bitten. Von nun an sind sie zum Tod verurteilt...
Stadjeck beschäftigt sich
damit, das Bett des Unglücklichen, dem er soeben die Bettpfanne verweigert hat,
ganz besonders zu überwachen. Plötzlich bemerkt er den Geruch und gerät in Wut.
Er beginnt, dem Übeltäter eine tüchtige Tracht Prügel zu verabreichen, dann holt
er ihn aus dem Bett und stößt ihn in den Waschraum, und dort erhält dieser eine
recht kalte Dusche, denn das Revier muß sauber bleiben, und wenn die Kranken
sich nicht waschen wollen, muß man sie eben waschen . . . Dann ergeht sich
Stadjeck in Verwünschungen, nimmt Laken und Decke des Bettes ab und wechselt den
Strohsack aus; kaum hat sich der Kranke wieder ausgestreckt, wird er erneut von
Koliken erfaßt, verlangt wieder die Bettpfanne, die ihm verweigert wird, läßt
alles unter sich gehen und muß erneut unter die kalte Dusche und so fort.
Vierundzwanzig Stunden später ist er im allgemeinen tot.
Vom Morgen bis zum Abend
hört man die Schreie und das Flehen der Unglücklichen, die von dem Polen
Stadjeck unter die kalte Dusche gesteckt werden. Zwei oder dreimal sind auch der
Kapo oder ein Arzt während des Vorfalls vorbeigekommen. Sie haben die Türe
aufgemacht. Stadjeck hat erklärt:
"Er hat sein Bett ganz
besch . . . Dieser blöde Hund ist so faul. . . habe kein warmes Wasser."
Der Kapo oder der Arzt
haben die Türe wieder zugemacht und sind weggegangen, ohne etwas zu sagen.
Denn die Erklärung war
natürlich unangreifbar: er mußte ja die Kranken waschen, die unfähig waren, es
selbst zu tun, und wenn man kein warmes Wasser hat...
*
* *
-124-
Im Revier ist man über die
Kriegsereignisse ziemlich auf dem laufenden. Die deutschen Zeitungen, besonders
der "Völkische Beobachter", kommen herein und das gesamte Personal hört
regelmäßig den Rundfunk. Natürlich hat man nur die amtlichen Nachrichten, aber
man hat sie rasch und das ist schon etwas.
Man wird auch über das auf
dem laufenden gehalten, was in den anderen Lagern vorgeht: die Unglücklichen,
die zwei oder drei Lager hinter sich haben, bevor sie in Dora stranden, erzählen
während des Tages das Leben, das sie dort durchgemacht haben. So lernt man die
Schrecken von Sachsenhausen, Auschwitz, Mauthausen, Oranienburg usw.... kennen.
Man erfährt aber auch, daß es sehr menschliche Lager gibt.
Im August war der Deutsche
Hellmuth etwa zehn Tage lang mein Bettnachbar. Er kam geradewegs aus
Lichterfelde bei Berlin. In diesem Lager befanden sich 900 Mann, die von der
Wehrmacht bewacht wurden. Sie waren mit den Aufräumungsarbeiten der zerstörten
Vorstädte beschäftigt: zwölf Stunden Arbeitszeit wie überall, aber drei
Mahlzeiten täglich und alle drei reichlich (Suppe, Fleisch, Gemüse, oftmals
Wein), keine Kapos, keine Häftlingsführung, demzufolge auch keine Schläge. Ein
hartes Leben, aber doch zum Aushalten. Eines Tages wurden Facharbeiter verlangt:
Hellmuth war Feinmechaniker, er hat sich gemeldet, man hat ihn in den Tunnel von
Dora geschickt und gab ihm einen Preßluftbohrer in die Hand. Acht Tage später
spuckte er Blut.
Vorher hatte ein Häftling
neben mir gelegen, der einen Monat in Wieda zugebracht hatte; er hatte mir
erzählt, daß die 1500 Insassen dieses Lagers nicht allzu unglücklich waren.
Natürlich mußte man arbeiten und bekam auch wenig zu essen, aber man lebte wie
in einer Familie: am Sonntagnachmittag kamen die Dorfbewohner zum Tanz außerhalb
des Lagers beim Klang der Akkordeons der Häftlinge, wechselten freundschaftliche
Gespräche mit ihnen und brachten ihnen Lebensmittel. Anscheinend war dies aber
nicht von Dauer, die SS bemerkte es, und in weniger als zwei Monaten ist Wieda
ebenso hart und unmenschlich geworden wie Dora.
Aber die meisten der von
außerhalb gekommenen Leute erzählen nur schreckliche Dinge und unter diesen sind
jene von Ellrich die schrecklichsten. Sie kommen in einem unvorstellbaren
Zustand an, und man braucht sie nur anzusehen, um überzeugt zu sein, daß sie
nichts erfinden. Wenn man von den Konzentrationslagern spricht, erwähnt man
Buchenwald, Dachau, Auschwitz und dies ist ungerecht: 1944—45 war Ellrich an der
Reihe, das schlimmste zu sein. Man wurde dort nicht untergebracht, nicht
eingekleidet, nicht ernährt, es war kein Revier vorhanden, und man
-125-
wurde nur mit Erdarbeiten
unter Überwachung des Abschaumes der Grünen und Roten und der SS beschäftigt.
Im Revier lernte ich
Jacques Gallier, genannt Jacky, einen Clown aus Medrano, kennen. Er war ein
Harter unter den Harten. Wenn man sich über die Härten des Lagerlebens beklagte,
antwortete er stets gleichbleibend:
"Ich, verstehst du, habe
zwei und ein halbes Jahr in Calvi3) abgemacht:
seitdem bin ich daran
gewöhnt."
Und fügte hinzu:
"Mein Alter, in Calvi war
es genauso: dieselbe Arbeit, dieselbe ungenügende Ernährung, nur Schläge gab es
weniger, aber es waren Eisen und "Le mitar"4) vorhanden, na und . . ,,
Der Matrose vom Schwarzen
Meer, Champale, der fünf Jahre in Clairvaux abgesessen hatte, bestritt es kaum
und ich, der einst Zeuge des Lebens der "Lustigen" in Afrika gewesen war, fragte
mich, ob sie nicht Recht hätten5).
*
* *
Am 25. Dezember bin ich aus
dem Revier mit der festen Absicht weggegangen, keinen Fuß mehr hineinzusetzen.
Verschiedene Vorkommnisse hatten dies bewirkt.
Im Juli hatte Pröll sich
selbst eine Spritze mit Zyankali verabreicht. Warum, hat man nie erfahren: am
Vorabend ging das Gerücht, er solle wegen eines Komplotts verhaftet und
aufgehängt werden. Er wurde durch Heinz, den kommunistischen Schmied, ersetzt.
Heinz war ein Rohling.
Eines Tages überraschte er einen Fieberkranken, dem das Wasser verboten war, wie
er sich die Lippen anfeuchtete und schlug ihn so lange, bis der Tod eintrat. Man
sagte, er sei zu allem fähig: im Chirurgieblock befaßte er sich mit
Blinddarmoperationen — ohne Wissen des verantwortlichen Chirurgen, des Tschechen
Cespiva. Man erzählte, er hätte in der ersten Zeit des Reviers unter der
Herrschaft eines grünen Kapos einen Algerier gepflegt, der im Tunnel zwischen
zwei Waggons den Arm gebrochen hatte: er hätte das Schultergelenk ausgebeint,
wie ein Metzger dies bei einem Schinken getan hätte
3) Calvi: französische
Strafanstalt auf Korsika (der Obers.).
4) Mitar =
Spezialausdruck in französischen Gefängnissen für Strafbunker.
5) In seinem Buche:
»Der Abschaum der Erde" zeichnet Arthur Koestler vom Leben in den
französischen Konzentrationslagern ein Bild, das später meinen Standpunkt
noch bestätigt hat. Wie übrigens auch das Buch von Julien Blanc: »Lustiger,
mach' deinen Kram." (Ein »Lustiger" ist in Frankreich ein Soldat aus einer
Strafkompanie.)
-126-
und, anstatt sein Opfer in
Narkose zu versetzen, hätte er es vorher mit Faustschlägen betäubt... Ein Jahr
später hallte das ganze Revier von den Schreien der Unglücklichen wider.
Man erzählte auch noch
viele andere Dinge. Fest steht, daß die Kranken sich bei ihm nicht sicher
fühlten. Bei mir kam er eines Tages gegen Ende September mit Cespiva an meinem
Bett vorbei und bestimmte, es sei zu meiner Genesung nötig, mir die rechte Niere
herauszunehmen: ich hatte sofort einen meiner Kameraden, der von einer anderen
Krankheit befallen war, gebeten, an meiner Stelle Urin zu lassen und damit eine
negative Analyse erzielt, die mir wunschgemäß dazu verhalf, wieder zum Kommando
zurückgeschickt zu werden. Da ich die Kraft zur Arbeit nicht aufbringen konnte,
hatte ich mich einige Tage später wieder beim Revier vorgestellt — gerade mit
dem Abstand, das Gewitter vorübergehen zu lassen — und wurde leicht wieder
aufgenommen.
Alles war bis zum Dezember
gut verlaufen, dem Zeitpunkt, an welchem Heinz seinerseits wie sein Vorgänger
wegen eines Komplotts verhaftet und durch einen Polen ersetzt wurde. Bei dieser
Aktion der SS wurden gleichzeitig auch Cespiva und eine ganze Anzahl von
Pflegern, darunter auch der Rechtsanwalt Boyer aus Marseille und verschiedene
andere Persönlichkeiten des Lagers, festgenommen. Man hat auch nie erfahren
weshalb, wahrscheinlich ist aber, daß es geschah, weil sie über den Krieg
Nachrichten in Umlauf gebracht hatten, die sie insgeheim von ausländischen
Sendern gehört haben wollten, was die SS als Umsturzbewegung beurteilte.
Mit dem neuen Kapo zogen
die Polen in das Revier ein und neue Ärzte wurden an die Spitze der Blocks
gestellt: unserer war ein unwissender Pole. Bei seinem Antritt behauptete er,
die Nierenentzündung sei eine Folge schlechter Zähne und ordnete an, allen an
Nierenentzündung Erkrankten die Zähne auszuziehen. Der Dentist wurde eiligst
angefordert und begann seine Tätigkeit, ohne zu wissen warum, aber unter
Erstaunen und Protest. Um meine Zähne zu retten, richtete ich es von neuem ein,
daß ich das Revier mit einer Bescheinigung für "leichte Arbeit" verlassen
konnte.
Der Zufall ausnahmsweise
günstiger Umstände fügte es, daß ich als "Schwung" (Ordonnanz) dem
SS-Oberscharführer zugeteilt wurde, der die Hundestaffel befehligte.
Bei meiner Rückkehr in das
Alltagsleben fand ich das Lager sehr verändert vor.
*
* *
-127-
KAPITEL V
Schiffbruch
Was sich daraufhin zutrug,
ist nicht von großem Interesse. Im Dezember 1944 ist Dora ein großes Lager. Es
untersteht Buchenwald nicht mehr, sondern Ellrich, Osterode, Harzungen, Ilfeld
usw. . . ., die noch im Aufbau begriffen sind, hängen von ihm ab1). Die
Transporte kommen hier jetzt unmittelbar an wie früher in Buchenwald, werden
hier desinfiziert, in die Stammrollen eingetragen und auf die Unterlager
verteilt. Man ist jetzt bei Stammrollennummern über 100 000. Jeden Abend bringen
die Lastwagen Leichen aus den Unterlagern zurück, damit sie im Krematorium
verbrannt werden. Das Rad dreht sich .. .
Man vollendet den Block
172: das Theater-Kino und eine Bibliothek sind für die Leute der
Häftlingsführung und ihre Schützlinge in Betrieb, die im Bordell seit einigen
Monaten wohnenden Frauen stehen für die Bedürfnisse derselben Kundschaft zur
Verfügung. Die Blocks sind gemütlich: sie haben Wasser, auch Rundfunk, die
Betten sind an Ort und Stelle, ohne Laken, aber mit Strohsack und Decke. Die
Periode der Bedrängnis ist vorüber, die SS stellt geringere Anforderungen, ihr
Ziel, die Fertigstellung des Lagers, ist erreicht, aber sie widmet dem
politischen Leben mehr Aufmerksamkeit und versteift sich auf eingebildete
Komplotte und ist auf der Jagd nach Sabotageakten, die tatsächlich vorkommen und
zahlreich sind.
Alle diese materiellen
Verbesserungen bringen jedoch der Masse der Häftlinge nicht das Wohlbehagen, das
sie versprechen: die Mentalität der Leute von der Häftlingsführung hat sich
nicht geändert, und da es Männer aus Räuberhöhlen sind, die uns in den Gebäuden
dasselbe Leben bereiten möchten, das sie unter den Zuständen ihrer Zeit erlebt
haben,
1) Die Häftlingsführung
dieser Unterlager ist In Händen der Grünen, welche die rote Häftlingsführung
von Dora dorthin verschickt hat, um sich ihrer zu entledigen und um ihrer
Rückkehr an die Macht zuvorzukommen.
-128-
versteifen sie sich darauf,
unser Leben soweit als möglich dem Leben anzugleichen, das sie in der
Anfangszeit der Lager kennengelernt haben. So ist der Lauf der Welt.
In der Nacht vom 23. zum
24. Dezember hat ein Kommando unter dem Gummiknüppel auf dem Appellplatz eine
riesige Weihnachtstanne aufs gerichtet, die am anderen Morgen um 5 Uhr 30 beim
Sammeln zum Abmarsch an die Arbeit in vielfarbigem Lichterglanz erstrahlte. Von
diesem Tage bis zum Epiphaniastage haben wir jeden Abend beim Appell das vom
Musikkommando gespielte "O Tannenbaum" anhören müssen, bevor wir wegtraten . . .
Dies mit Andacht anzuhören, war eine Verpflichtung, der man nur nachkommen
konnte, wenn man dabei Schläge in Kauf nehmen wollte.
In bezug auf das
Wohlbefinden treten zwei unerwartete Elemente in Tätigkeit: das gleichzeitige
Vorrücken der Russen und Anglo-Amerikaner machte die Evakuierung der Lager des
Ostens wie des Westens nach Dora erforderlich, und zum anderen verhindern die
immer intensiver werdenden Bombenangriffe eine normale Lebensmittelzuteilung.
Von Januar an kamen
Transporte mit Evakuierten unaufhörlich in einem unbeschreiblichen Zustand an2).
Das für eine Belegschaft von ungefähr 15 000 Personen gedachte Lager erreichte
manchmal 50 000 und mehr. Man schläft zu zweien oder dreien in einem Bett. Man
erhält kein Brot mehr, weil das Mehl nicht herankommt: statt dessen empfängt man
zwei oder drei kleine Kartoffeln. Die Zuteilung von Margarine und Wurst wird auf
die Hälfte herabgesetzt. Die Lebensmittellager leeren sich in dem Umfange, in
welchem sich die Zahl der Insassen vermehrt; es wird davon gesprochen, nur noch
einen halben Liter Suppe anstatt eines ganzen zu verteilen. Keine Kleider mehr,
um die unbrauchbar gewordenen zu ersetzen: Berlin schickt keine mehr. Mehr
Schuhe: man macht aus den alten das bestmögliche. Und alles im Verhältnis zum
Vorhandenen.
Auf dem Gebiet der Arbeit
ist das Lager ein wirkliches Sabotageunternehmen geworden. Im Tunnel kommt kein
Rohmaterial mehr an. Man arbeitet langsamer. Es ist Winter. Es ist aussichtslos,
Scheiben anzufordern, um die zerbrochenen zu ersetzen: es gibt keine mehr, aber
irgendein Häftling verschafft sich heimlich eine im Tunnel. Es gibt auch keine
Farbe mehr, um Ausbesserungsarbeiten in den Blocks zu machen: der Blockälteste,
der sie nötig hat, läßt sie von einem seiner Schützlinge in einem Lagerhaus von
Zavatzky stehlen. Eines Tages fehlt elektrischer Draht für den Bau der V1 und V
2: alle Häftlinge des Tunnels haben jeder einen Meter gestohlen, um sich
Schnürriemen für die Schuhe zu machen. An einem anderen Tage soll ein
zusätzliches Eisenbahngleis
2) Siehe im Prolog die
Erzählung von einem Evakuierungstransport, den der Verfasser selbst erlebt
hat.
-129-
gelegt werden. Seit
mindestens einem Jahre waren die notwendigen Schwellen am Zugang zum Bahnhof
aufgestapelt. Dort glaubt sie die SS-Führung noch immer und befiehlt, nun
endlich das Gleis zu legen, da man nichts anderes zu tun hat: nun bemerkt man,
daß die Schwellen verschwunden sind und eine Untersuchung ergibt, daß die
Zivilisten bei Eintritt des Winters sie nach und nach von den Häftlingen
zersägen ließen und sie in kleinen Stücken im Rucksack mitgenommen haben, um die
mangelhaften Zuteilungen an Heizmaterial, die nicht mehr verteilt werden, weil
sie nicht ankommen, auszugleichen. Man ergreift einige Strafmaßnahmen, man
fordert Schwellen an und erhält nach einigen Tagen Gyroskope.
Im Tunnel sind die
Sabotageakte nicht mehr zu zählen: die SS hat Monate zu der Feststellung
gebraucht, daß die Russen eine große Zahl von V l und V 2 dadurch unbrauchbar
gemacht haben, daß sie in den radio-elektrischen Apparat urinierten. Die Russen,
die im Stehlen Meister sind, sind auch Meister in der Sabotage und sind auch
starrköpfig: nichts kann sie hindern, daher stellen sie das größte Kontingent an
Aufgehängten. Sie stellen es auch aus einem zusätzlichen Grunde: sie glauben,
daß es ihnen gelungen ist, eine Technik zur Flucht gefunden zu haben . .. !
Sehr wenige Häftlinge sind
auf den Gedanken gekommen, aus Dora zu entfliehen, und diejenigen, welche es
versucht haben, sind alle von den Hunden wieder gefunden worden. Bei ihrer
Rückkunft ins Lager wurden sie allgemein gehängt, nicht nur wegen des
Fluchtversuchs, sondern auch wegen Kriegsverbrechen, denn es war sehr selten,
daß man ihnen nicht irgendeinen Diebstahl zuschreiben konnte, der an den Orten
begangen worden war, an denen sie vorbeigekommen waren . .
Die Sabotage scheint bis in
die höchsten Kreise gegangen zu sein: die V 1 und V 2 müssen vor der Verwendung
ausprobiert werden, und die "Versager" werden nach Harzungen geschickt, wo sie
auseinandergenommen und untersucht werden. Man legt die verschiedenen Teile in
eine hierfür bestimmte Verpackung und schickt sie nach Dora zurück, wo sie in
derselben Weise wieder zusammengesetzt werden. So gibt es etwa dreißig V l und V
2, die ständig montiert und wieder auseinandergenommen werden und zwischen
Harzungen, Dora und dem Versuchsort hin und her pendeln.
Die Leitung von Dora ist
sowohl überlastet wie verwirrt. Am Eingang zum Tunnel von Dora befindet sich
eine Art Magazin, in welchem die unbrauchbaren Gegenstände gesammelt werden:
Schraubenmuttern, Bolzen, Blechplatten, Schrauben aller Arten usw. . . . Ein
Sonderkommando, das als leichte Arbeit bekannt ist, hat den Auftrag, alle diese
Gegenstände zu sortieren und sie nach Arten zu ordnen: in eine
-130-
Kiste legt man die Bolzen,
in eine andere die Schrauben und in eine dritte die Blechplatten. Wenn alle
Kisten voll sind, gibt der Kapo den Befehl, sie alle bunt durcheinander in einen
Waggon zu entleeren. Wenn der Waggon voll ist, wird er einem Zug angehängt und
geht an einen unbekannten Bestimmungsort; zwei Tage später landet er dann am
Tunneleingang von Ellrich, wohin man ihn geschickt hat, damit er entladen und
sortiert werde. Das Kommando, das mit dieser Arbeit beauftragt ist, bringt die
Teile, die es sortiert hat, mit Schubkarren bis ins Magazin von Dora und
entleert sie dort bunt durcheinander. So wird also mit allem Ernst unaufhörlich
auch ein Teil Ausschuß an beiden Tunnel" enden sortiert.
Auf diese Weise gelangen
wir von Zwischenfall zu Zwischenfall, von Bombenangriffen über die Herabsetzung
der Ernährung, von unbekannten Komplotten über Sabotagen und Erhängungen zur
Befreiung.
Diese ganze Periode habe
ich als "Schwung" des Oberscharführers, des Führers der Hundestaffel, erlebt:
eine leichte Arbeit, die darin besteht, seine Stiefel zu reinigen, seine Kleider
auszubürsten, sein Zimmer und seinen Schreibtisch peinlich sauber zu halten und
seine Mahlzeiten aus der SS-Kantine zu holen. Jeden Morgen gegen acht Uhr ist
mein Tagewerk getan. Den Rest verbringe ich unter Schwatzen nach rechts und
links, mich in der Ofenecke zu wärmen, Zeitungen zu lesen, Rundfunk zu hören.
Bei jeder Mahlzeit gibt mir der SS-Koch, der mir die Suppe für meinen Herrn
aushändigt, verstohlen ebensoviel für mich. Überdies beschäftigen mich die
dreißig SS-Männer, die den Block bewohnen, von Zeit zu Zeit mit kleinen
Arbeiten, lassen ihre Kochgeschirre von mir waschen, ihre Stiefel putzen, ihre
Zimmer ausfegen usw.. . . Dafür geben sie mir ihre Reste, die ich jeden Abend
für die Kameraden hinaufbringe. Ein schönes Leben.
Die unmittelbare Berührung
mit der SS bringt es mit sich, daß ich sie in einem ganz anderen Lichte sehe als
unter dem, in welchem sie im Lager erscheint. Es ist kein Vergleich möglich: in
der Öffentlichkeit sind sie Rohlinge, einzeln gesehen, sind sie Lämmer. Sie
betrachten mich neugierig, fragen mich, sprechen ungezwungen mit mir, wollen
meine Meinung über den Ausgang des Krieges hören, ziehen sie in Erwägung: es
sind alles Leute — ehemalige Bergarbeiter, ehemalige Fabrikarbeiter, ehemalige
Tüncher — die 1955 arbeitslos waren, und die das Regime aus der Not
herausgeführt hat, indem es für sie etwas tat, das sie als goldene Brücke
ansehen. Sie sind einfach, ihr geistiges Niveau ist außergewöhnlich niedrig: für
die Wohltaten, die ihnen das Regime erwiesen hat, führen sie dessen niedrige
Geschäfte aus und glauben, mit ihrem Gewissen, der Moral, dem deutschen
Vaterland und der Menschlichkeit im reinen zu sein. Sie haben zwar viel
Verständnis für den bösen Schicksalsschlag,
-131-
der mich dadurch getroffen
hat, daß ich nach Dora verschickt wurde, unter den anderen Häftlingen aber,
deren Bewachung ihnen übertragen ist, tragen sie den Kopf hoch, stolz, unnahbar
und unbarmherzig: nicht ein« mal kommt ihnen der Gedanke, daß dies Menschen sind
wie sie oder auch . . . wie ich!
Die Regelwidrigkeiten des
Lagerregimes kommen ihnen nicht zum Bewußtsein und wenn sie sie durch Zufall
bemerken, machen sie dafür in allem Ernst die Häftlingsführung3) oder
die Masse der Häftlinge verantwortlich. Sie begreifen nicht, daß wir abgemagert,
schwach und schmutzig sind und in Lumpen gehen. Das III. Reich liefert uns doch
alles, was wir brauchen: Ernährung, Mittel für eine tadellose Hygiene, eine
gemütliche Behausung in einem soweit als möglich modernisierten Lager, gesunde
Ablenkung, Musik, Lektüre, Sport, einen Weihnachtsbaum usw.... Dies ist doch der
Beweis, daß, von wenigen Ausnahmen abgesehen, Hitler recht hat, daß wir einer
physisch und moralisch minderwertigeren Menschheit angehören! Sind sie einzeln
für das Böse verantwortlich, das unter ihren Augen, unter ihrem Mitwissen oder
ihrer Mitarbeit, die zugleich unbewußt und unüberlegt ist, geschieht? Sicherlich
nicht: Opfer ihrer Umwelt, in welcher alle Völker ohne Unterschied des Regimes
und der Nationalität periodisch auf ihre Weise an den gefährlichen Scheidewegen
ihrer Geschichte scheitern, weil sie der Kontrolle des einzelnen entgehen und
kollektiv mit den Traditionen brechen.
Am 10. März ist ein
Transport von Bibelforscherfrauen in Dora angekommen; ihm folgte eine Anordnung
von Berlin, daß diese Frauen — es waren 24 — zu leichten Arbeiten verwendet
werden sollten. Von nun an wurde die Tätigkeit des "Schwungs" von ihnen
ausgeübt. Ich wurde abgelöst und zum Lager zurückgeschickt. Um einem schlechten
Kommando zu entgehen, hielt ich es für vorsichtiger, meinen Gesundheitszustand
auszunützen und mich in das Revier aufnehmen zu lassen, von dessen Fenstern ich
die Bombenangriffe auf Nordhausen am 3. und 5. April — drei Wochen später —
beobachtete, genau zwei Tage, bevor ich in den Evakuierungstransport aufgenommen
wurde, dessen Bericht der Prolog ist.
3) Auch die große Masse
der Häftlinge ist der Meinung, daß die Häftlingsführung für die Art des
Lebens, die man sie führen ließ, viel mehr verantwortlich ist als die SS.
-132-
ZWEITER TEIL
Erleben der Anderen
Geist erforderte das und
Verschlagenheit, Dich an Erfindung jeglicher Art zu besiegen, und kam auch einer
der Götter ! Überlistiger Schalk voll unergründlicher Ränke, also gebrauchst Du
noch selbst im Vaterlande Verstellung und erdichtete Worte, die Du als Knabe
schon liebtest ?
Athene zu Odysseus (Homer,
"Odyssee", 13. Gesang, 290)
-133-
KAPITEL I
Die Literatur über die
Konzentrationslager
In der Politik gehören die
Konzentrationslager der Vergangenheit an. In der Literatur sind sie
"verbraucht". Wie unter einem dunklen Befehl und mit einem kühnen Sprung über
die Etappen beschäftigt sich die öffentliche Meinung nun mit den russischen
Lagern.
In voller Erkenntnis dieses
Sachverhaltes habe ich trotzdem vor einiger Zeit eine Aussage über das Regime
der Konzentrationslager unter Hitler veröffentlicht, die streng auf mein eigenes
Erleben begrenzt ist. Allerdings war ich damit etwas im Rückstand und gerade
dies hat man besonders hervorgehoben. Heute werde ich in einer anderen Form
rückfällig. Man wird es nicht versäumen, mir zu sagen, ich setze mir
unüberlegter» weise und der Strömung entgegen etwas in den Kopf. Deshalb geziemt
es sich wohl, daß ich mich zunächst entschuldige.
Soweit die wenigen
Augenblicke der Ruhe uns dies erlaubten, drehten sich im Lager alle
Unterhaltungen um drei Themen: das wahrscheinliche Datum der Einstellung der
Feindseligkeiten und unsere Aussichten für den einzelnen wie die Gesamtheit,
diese zu erleben, um die Küchenzettel für die nächsten Tage und um das, was man
auch mit "Lagergeschwätz" bezeichnen könnte, wenn dieses Wort einen Vergleich
mit der tragischen Wirklichkeit zuließe, die es bezeichnet. Keines dieser drei
Themen bot uns große Möglichkeiten, unserer augenblicklichen Lage aus dem Wege
zu gehen. Je nach der Zeit, die uns zu einer Rundschau in unserer engen Welt
blieb, reduzierten wir alle drei getrennt oder gemeinsam stets auf einen Ausruf:
"Wenn man das erzählen wird" ... das in einem Ton gesagt und von derart
funkelnden Blicken unterstrichen wurde, daß ich entsetzt war. Da ich mir
irgendwie meines Unvermögens bewußt war, derart rasche Gemütserregungen über die
Umwelt stellen zu können, zog ich mich auf mich selbst zurück und verwandelte
mich in einen hartnäckig schweigenden Zeugen.
-135-
Rein instinktmäßig sah ich
mich in die Zeit nach dem ersten Weltkrieg zurückversetzt, zu den einstigen
Frontkämpfern, ihren Erzählungen und ihrer Literatur. Es konnte keinem Zweifel
unterliegen, daß die nun kommende Nachkriegszeit noch mehr ehemalige
Kriegsgefangene und Verschickte haben würde, die mit noch schrecklicheren
Erinnerungen in ihre Heimat zurückkehren würden. Mir schien, als sei der Weg für
Verfluchungen und den Geist der Rache frei. Je mehr es mir gelang, mein
persönliches Schicksal von dem großen Drama zu lösen, begannen vor meinen Augen
alle aus unserer Geschichte bekannten Capulets, Armagnaken und Burgunder unter
Wiederaufnahme ihrer einstigen Streitigkeiten eine zügellose Sarabande auf einer
dem Maßstabe Europas entsprechenden Bühne zu tanzen. Ich konnte mir nicht
vorstellen, wie die Haßtradition, die sich vor meinen Augen zu entwickeln
begann, eingedämmt werden könnte, gleichwie auch der Ausgang des Konflikts sein
mochte.
Wenn ich versuchte, mir
deren Folgen klar zu machen, genügte der Gedanke an meinen kleinen Jungen, um
mich nicht nur zu fragen, ob es nicht besser wäre, wenn keiner von uns mehr
zurückkäme, sondern auch zu hoffen, die höheren Instanzen des III. Reiches
möchten baldigst erkennen, daß sie nur dann auf Gnade rechnen könnten, wenn sie
in einem ungeheuren und entsetzlichen Sühneopfer, um sich von soviel Bösem
loszukaufen, das anbieten würden, was von den Insassen der Lager noch verblieben
wäre. In dieser geistigen Einstellung hatte ich beschlossen, falls ich
zurückkäme, mit gutem Beispiel voranzugehen und geschworen, mein Abenteuer
niemals auch nur im geringsten zu erwähnen.
Eine Zeit hindurch, die mir
sehr lange vorkam, auch als es zu spät war, habe ich Wort gehalten, und dies war
nicht leicht.
Zuerst hatte ich mit mir
selbst zu kämpfen. Hierbei werde ich nie eine Kundgebung vergessen, die die
Verschickten in der ersten Zeit in Belfort organisiert hatten, um ihre Rückkehr
anzuzeigen. Die ganze Stadt hatte sich bemüht und war erschienen, um sie zu
hören und ihre Botschaft entgegenzunehmen. Der riesige Saal des Volkshauses war
zum Bersten gefüllt, der Platz vor dem Hause war schwarz von Menschen. Man hatte
Lautsprecher bis auf die Straße legen müssen. Da mein Gesundheitszustand mir
weder als Redner noch als Zuhörer an dieser Kundgebung teilzunehmen erlaubte,
war mein Kummer groß. Noch größer aber wurde er am folgenden Tage, als die
Lokalzeitungen mir den Beweis erbrachten, daß aus allem Gesagten keine
annehmbare Botschaft zu konstruieren war. Meine Besorgnisse aus dem Lager hatten
sich bewahrheitet. Die Menge war übrigens nicht der Hereingefallene, denn in der
Folgezeit konnte man sie nie mehr für denselben Zweck zusammenbekommen.
-136-
Man mußte daher mit den
anderen kämpfen. Wohin ich auch ging, stets fand sich während des Essens oder
vor der Tasse Tee ein mit selten schlechten Gemütsbewegungen ausgezeichnetes
Papageienweibchen oder ein wohlwollender Freund, die glaubten, mir einen Dienst
zu erweisen, wenn sie die Aufmerksamkeit auf mich lenkten, um die Unterhaltung
auf diesen Gegenstand zu bringen: "Ist es wahr, daß? ..." "Glauben Sie, daß?
..." "Was denken Sie über das Buch von? ..."
Soweit sie nicht Ausfluß
einer unangebrachten Neugier waren, verrieten alle diese Fragen sichtbar den
Zweifel und den dringenden Wunsch nach einer Gegenüberstellung. Mir waren sie
lästig. Systematisch brach ich kurz ab, was nicht ohne Verärgerung oder
unliebsame Urteile abging.
Darüber machte ich mir
Gedanken, und wenn es vorkam, daß ich irgendeinen Groll empfand, machte ich
dafür meine Kameraden im Unglück verantwortlich, die gleich mir davongekommen
waren, aber unentwegt und oft phantastische Erzählungen veröffentlichten, in
welchen sie sich gerne den Anschein von Heiligen, Helden oder Märtyrern gaben.
Ihre Schriften türmten sich auf meinem Tisch wie ebenso viele Bittgesuche. In
der Überzeugung, daß die Zeit näherrücke, ich der ich genötigt sein würde, aus
meiner Reserve herauszutreten und meinen Erinnerungen damit ihre Eigenschaft als
einem der Öffentlichkeit verbotenen Heiligtum zu nehmen, habe ich mich mehr als
einmal bei dem Gedanken an ein Wort überrascht, das Riera1) zugeschrieben wird,
nämlich, daß es nach jedem Kriege notwendig sei, alle ehemaligen Frontkämpfer
unbarmherzig zu töten, und daß dieses Wort doch mehr und besseres verdiente als
nur für eine Marotte gehalten zu werden.
Eines Tages habe ich
festgestellt, daß die Öffentlichkeit sich von den deutschen Lagern eine falsche
Vorstellung gemacht hatte, daß trotz allem Gesagten das Problem der
Konzentrationslager bestehen geblieben war, und daß die Verschickten, wenn sie
auch keinerlei Kredit mehr besaßen, doch stark dazu beigetragen hatten, die
internationale Politik auf gefährliche Wege zu drängen. Die Angelegenheit wuchs
über den Rahmen der Salons hinaus. Ich hatte mit einem Male das Gefühl, mich der
Mittäterschaft bei einer üblen Handlungsweise schuldig zu machen, wenn ich mich
auf meine ursprüngliche Absicht versteifen wollte. Und so schrieb ich ohne
jegliche literarische Befangenheit in einem Zuge mein Buch "Eigenes Erleben" in
einer möglichst einfachen Form, um die Dinge ins rechte Licht zu rücken und zu
versuchen, die Leute sowohl zu objektivem Denken als auch zu einer vernünftigen
Auffassung von der Ehrlichkeit zurückzuführen.
l) Sehr bekannter,
zeitgenössischer französischer Humorist.
-137-
Heute führen dieselben
Männer, die der Öffentlichkeit die deutschen Konzentrationslager geschildert
haben, ihr die russischen Lager vor und locken sie in dieselben Fallen. Aus
diesem Unternehmen ist bereits ein Streit zwischen David Rousset einerseits und
Jean»Paul Sartre sowie Merleau-Ponty andererseits entstanden, in dem alles nur
verkehrt sein konnte, weil er im Wesentlichen auf einen Vergleich zwischen den
vielleicht — ich sage vielleicht — unangreifbaren Aussagen der Davongekommenen
aus den russischen Lagern und denjenigen beruht, die dies nicht sind, nämlich
der Davongekommenen aus den deutschen Lagern . . . Natürlich besteht keine
Möglichkeit, diesen Streit auf Wege zu bringen, die er von vornherein hätte
einschlagen müssen. Die Standpunkte sind bezogen; die Widersacher folgen weitaus
kategorischeren Imperativen, als es die Natur der Dinge tut, um die sie sich
streiten.
Trotzdem darf man der
Meinung sein, die künftigen Auseinandersetzungen um das Problem der
Konzentrationslager würden gewinnen, wenn sie unter Berücksichtigung der Menge
der von ihnen hervorgerufenen Zeugenaussagen ihren Ausgang von einer allgemeinen
neuen Betrachtung der Ereignisse nehmen würden, deren Schauplatz die deutschen
Konzentrationslager waren. Als dieser Gedanke zur Überzeugung geworden war,
erwuchs mir aus ihm die Verpflichtung, die Urbegriffe dieser neuen Betrachtung
zusammenzustellen und zu veröffentlichen. Damit wird diese "Schau über die
Konzentrationslager-Literatur" erklärt und gerechtfertigt.
Jetzt wird der Leser wohl
verstehen, warum ich solange zu sprechen zögerte und nun, während jedermann
schweigt und es so aussieht, als habe niemand mehr etwas zu sagen, noch
versuche, einem Gegenstand ein neues Gesicht zu geben, der nach meiner Meinung
vorzeitig veraltet ist. Ich glaube im Recht zu sein, wenn es meine erste Sorge
ist, daß ich ihn um Zubilligung mildernder Umstände bitte.
*
* *
Die Erfahrung der einstigen
Frontkämpfer, die noch zu wohlerhalten ist, um verflogen zu sein, bietet jedoch
die Möglichkeit zu einer Gegenüberstellung, die ich für beweiskräftig halte.
Sie waren damals mit einem
festen Willen zum Frieden zurückgekommen und schworen bei allen Heiligen, alles
daranzusetzen, daß dieser Krieg der allerletzte gewesen sei. Dafür wußte man
ihnen Dank und erzeigte ihnen eine Dankbarkeit, der es nicht an Bewunderung
fehlte. In der Freude und der Hoffnung, der Begeisterung, bereitete ihnen eine
ganze Nation einen herzlichen und vertrauensvollen Empfang.
-138-
Am Vorabend des zweiten
Weltkrieges waren sie jedoch stark umstritten. Ihre Berichte waren reichlich
nach den verschiedensten Richtungen kommentiert worden, und das Mindeste, was
man dazu sagen kann, ist, daß die Meinung ihnen nicht gewogen war, so wenig sie
dies auch einsahen oder sich etwas daraus machten. Oft war sie auch ungerecht.
Sie machte zwar einen Unterschied zwischen ihren Reden und ihren Beschreibungen,
sprach aber endgültige Urteile über beide aus, die sich in ihrer Zwanglosigkeit
wieder vereinigten. Sie grinste bei den ersteren, ob es sich nun um einen
unvermeidlichen Faselhans — dieses Wort wurde gebraucht — handelte, der seine
Erinnerungen in alle Unterhaltungen einflocht, oder um die Führer der regionalen
oder nationalen Vereinigungen, deren Aufgabe auf die sonntäglichen Forderungen
beschränkt zu sein schien. Bei den zweiten verhielt sie sich ebenso entschieden
und erkannte nur ein Buch über den Krieg an: "Le Feu" — "Das Feuer" — von
Barbusse. Wenn sie in ihren seltenen Augenblicken des Wohlwollens eine Ausnahme
machte, so tat sie es bei den Schriften von Galtier-Boissiere und Dorgeles, aber
in einer anderen Hinsicht: bei dem einen wegen seines spöttelnden und
hartnäckigen Pazifismus für das, was sie bei dem anderen für Realismus hielt.
Wer vermag die wahren
Gründe für diese Umkehr zu sagen? Nach meiner Ansicht liegen sie alle im Rahmen
folgender allgemeinen Wahrheit: die Menschen sind weitaus mehr mit der Zukunft
beschäftigt, die sie anlockt, als mit der Vergangenheit, von der sie nichts mehr
zu erwarten haben; es ist daher unmöglich, das Leben der Völker bei einem so
ungewöhnlichen Ereignis für dauernd anzuhalten, wie es beispielsweise ein Krieg
ist, eine Erscheinung, die sich zu verallgemeinern sucht und die auf jeden Fall
ganz rasch in den ihr eigenen Merkmalen aus der Mode kommt.
Vor dem ersten Weltkrieg
erzählte mein Großvater, der den Krieg von 1870 noch nicht verdaut hatte, ihn
jeden Sonntag meinem Vater, der vor Langeweile gähnte. Vor 1939 war mein Vater
mit den Erzählungen von dem seinigen noch nicht fertig geworden, und um nicht im
Rückstand zu bleiben, konnte ich jedesmal, wenn er ihn behandelte, nicht den
Gedanken unterlassen, daß Du Guesdin2), wenn er jetzt mit dem Stolz
auf seine mit der Armbrust verrichteten Heldentaten auftreten würde, nicht
lächerlicher wirken könnte.
So stehen sich die
Generationen in ihren Auffassungen gegenüber. Auch in ihren Interessen. Dies
veranlaßt mich, als Einzelfall zu erwähnen, daß in der Zeit zwischen den beiden
Kriegen alle zu einer Beförderung
2) Du Guesdin,
Bertrand, berühmter französischer Feldherr, 1520-1380 (d. Obers.).
-139-
Heranstehenden das Gefühl
hatten, nicht den geringsten Anlauf zur Verwirklichung ihrer Absicht unternehmen
zu können, ohne auf den ehemaligen Frontkämpfer und dessen besondere Rechte zu
stoßen. Man hatte ihm "Vorzugsrechte" zuerkannt. Er benutzte sie, um
unaufhörlich neue zu fordern. Nun ist es aber doch so, daß die Tatsache, einen
langen Krieg mitgemacht und gewonnen zu haben, noch nicht das Recht verleiht,
einen Frieden zu gestalten oder das bescheidenere, daß das Verdienst vorgeht,
wenn es sich um einen Tabakladen, eine Beschäftigung als Feldhüter oder eine
Aufnahmeprüfung für Studienräte handelt.
Die Zwietracht fand ihren
Höhepunkt in den dreißiger Jahren bei der Wirtschaftskrise ohne Hoffnung auf
eine Wendung. Um 1955 wurde sie noch größer, weil die einen infolge der
außerordentlichen Leichtfertigkeit, mit der sie die Möglichkeit eines neuen
Krieges hinnahmen, ihre Eide von der Rückkehr vergaßen, sowie durch den
Friedenswillen der anderen. Es ist noch immer ein Gesetz der historischen
Entwicklung, daß die jungen Generationen friedliebend sind, daß im Laufe der
Jahrhunderte die Menschheit auf der Suche nach dem allgemeinen Frieden in ihr
ihre Stärke findet, und daß der Krieg in gewissem Maße durch die Herrschaft der
älteren ausgelöst wird.
Obschon dies mit der
gehörigen Zurückhaltung vorgebracht wird, scheint es jedoch, daß die ehemaligen
Frontkämpfer einen optischen Irrtum begangen haben, der durch einen
psychologischen Fehler verdoppelt wurde. Auf jeden Fall blieben die Probleme
Krieg und Frieden, die nach fünfundzwanzig Jahren einer hartnäckigen und
ununterbrochenen Agitation kaum gestreift worden waren, völlig offen. Eine
Gerechtigkeit muß man ihnen jedoch widerfahren lassen: sie haben ihren Krieg so
erzählt, wie er war. Kein Wort, von dem man las oder erzählen hörte, war so, daß
man nicht zutiefst gefühlt hätte, es sei wahr oder zumindest wahrscheinlich.
Soviel läßt sich aber von den Verschickten nicht sagen.
Die Verschickten kamen mit
Haß und Groll auf der Zunge und in der Feder zurück. Sie begingen bestimmt
denselben Irrtum in der Optik und denselben psychologischen Fehler wie die
ehemaligen Soldaten. Darüber hinaus waren sie aber vom Krieg nicht geheilt,
sondern forderten Rache. Da sie an einem Minderwertigkeitskomplex litten — denn
um zu vierzig Millionen Landsleuten zu sprechen zählten sie nur knapp 50 000 und
in welchem Zustand! — unternahmen sie es, um sicherer Mitleid und Anerkennung zu
erwecken, sich mit einer wahren Lust in Entsetzlichkeiten vor einer
Öffentlichkeit zu ergehen, die Oradour erlebt hatte und stets weitere
Sensationen wünschte.
Da einer den anderen
anregte, schien es, als seien sie in ein Triebwerk geraten, das sie schrittweise
— bei manchen unbewußt, bei der größten Zahl aber wissentlich — dazu führte, das
Bild noch schwärzer zu malen.
-140-
So wie es auch bei Odysseus
war, der Wunder vollbrachte und im Verlauf seiner Fahrt an jedem Tag seine
Odyssee um ein neues Abenteuer erweiterte, wohl mehr, um der Vorliebe der
Öffentlichkeit jener Zeit gerecht zu werden, als seine lange Abwesenheit vor
seinen Angehörigen zu rechtfertigen. Während es aber Odysseus gelang, seine
eigene Legende zu ersinnen und die Aufmerksamkeit von fünfundzwanzig
Jahrhunderten der Geschichte auf sie zu lenken, ist die Behauptung wohl nicht
übertrieben, daß die Verschickten dabei einen Fehlschlag erlitten.
In der ersten Zeit nach der
Befreiung ging alles gut. Man konnte ihre Aussagen nicht bestreiten, ohne Gefahr
zu laufen, verdächtigt zu werden, und wenn man es gekonnt hätte, hätte man dazu
keine Lust verspürt. Aber langsam und gleich einer stillschweigenden
Verschwörung nahm die Wahrheit ihre Rache. Mit Hilfe der Zeit und der Wiederkehr
der Meinungsfreiheit kam sie unter immer normaler werdenden Lebensbedingungen
ans Tageslicht. Mit der Gewißheit, das allgemeine Unbehagen zu erklären und
keine Irreführung zu begehen, konnte man schreiben:
"Wer weit her kommt, hat
gut lügen ... Ich habe zahlreiche Berichte von Verschickten gelesen: immer habe
ich ein absichtliches Verschweigen oder den Faustschlag herausgefühlt. Selbst
David Rousset führt uns zeitweise in die Irre: er erklärt zuviel."
Abbe Marius Perrin
Professor an der katholischen Fakultät in Lyon.
(in der Zeitung: "Le Pays
Roannais", 27. Oktober 1949)
oder auch:
"«Die letzte Etappe» ist
ein dummer Film oder ein Versager."
Robert Pernot
(Paroles francaises", 27.
November 1949)
alles Dinge, die nie jemand
von "Le Feu", "Les Croix de Bois", "La Grande Illusion", "Im Westen nichts
Neues" oder den "Vier von der Infanterie" zu denken gewagt hätte.
Bei den ehemaligen
Frontsoldaten waren vierzehn Jahre erforderlich, bevor sie ihr Ansehen bei der
öffentlichen Meinung verloren hatten: die Verschickten, die doch bessere Warfen
in der Hand hatten, brauchten nur vier, um alle ihre Schiffe zu verbrennen.
Dies ist die Bedeutung der
Wahrheit in der Geschichte.
*
* *
-141-
Ich möchte noch eine kleine
persönliche Anekdote berichten, die für den völlig relativen Wert typisch ist,
der Zeugenaussagen im allgemeinen beigelegt werden muß.
Die Szene spielt vor einem
Gericht im Herbst 1945. Eine Frau sitzt auf der Anklagebank. Der
Widerstandsbewegung, die sie der Kollaboration bezichtigte, war es nicht
gelungen, sie noch vor der Ankunft der Amerikaner niederzuschießen, aber ihr
Ehemann ist an einem Abend im Winter 1944,45 einem Feuerstoß aus einer
Maschinenpistole an der Ecke einer dunklen Straße zum Opfer gefallen. Ich habe
niemals erfahren, was das Ehepaar angestellt hatte, von dem ich schon vor meiner
Verhaftung die unwahrscheinlichsten Geschichten gehört hatte. Um Klarheit zu
bekommen, habe ich mich nach meiner Rückkehr in den Gerichtssaal begeben.
In der Anklageschrift steht
nicht viel. Dafür sind die Zeugen um so zahlreicher und unbarmherziger. Der
wichtigste von ihnen ist ein Verschickter, der ehemalige Führer der örtlichen
Widerstandsgruppe — wie er sagt! Die Richter sind durch die vor den Schranken
des Gerichts erhobenen Anschuldigungen, deren Stichhaltigkeit ihnen sehr
fragwürdig erscheint, sichtlich in Verlegenheit gebracht.
Der Anwalt der Verteidigung
sucht nach einem schwachen Punkt in den Aussagen.
Der Hauptzeuge erscheint.
Er erklärt, daß Mitglieder seiner Gruppe den Deutschen denunziert worden sind,
und daß dies nur von der Angeklagten und ihrem Ehemann, die in vertrautem
Verhältnis zu ihnen standen und ihre Tätigkeit kannten, geschehen sein kann. Er
fügt hinzu, daß er selbst die Angeklagte in liebenswürdiger und vielleicht
verliebter Unterredung mit einem Offizier der Kommandantur gesehen hat, der auf
einem Hofe hinter dem Laden seiner Eltern wohnte, daß sie Papiere austauschten
usw. ...
Der Verteidiger: "Sie
besuchten den Laden also öfters?"
Zeuge: "Ja, gerade um
diesen Verkehr zu überwachen."
Verteidiger: "Können Sie
dies beschreiben?"
(Der Zeuge geht
bereitwillig darauf ein. Er beschreibt das Büro, seine Maße, das Fenster im
Hintergrund, nennt die Entfernungen schätzungsweise usw. ... alles Dinge, die
keinen Einwand hervorrufen.)
Verteidiger: "Sie haben
also durch das Fenster im Hintergrund, das auf den Hof geht, gesehen, wie die
Angeklagte und der Offizier Papiere austauschten."
Zeuge: "Genau das."
Verteidiger: "Sie können
also genau angeben, wo diese sich auf dem Hofe und wo Sie sich im Laden
befanden?"
-142-
Zeuge: "Die beiden
Komplizen standen am Fuße einer Treppe, die zum Zimmer des Offiziers führt, die
Angeklagte stützte sich mit dem Ellbogen auf das Treppengeländer, ihr
Gesprächspartner stand sehr nahe bei ihr, was zu denken gibt. . ."
Verteidiger: "Dies genügt
mir." (Er wendet sich an den Gerichtshof und überreicht ein Papier): "Meine
Herren, es gibt keine Stelle, von der aus man die fragliche Treppe sehen könnte.
Hier ein Plan der Örtlichkeit, der von einem fachkundigen Geometer hergestellt
ist."
(Sensation. Der Präsident
prüft das Dokument, gibt es an seine Beisitzer weiter, erkennt die Echtheit an,
dann zum Zeugen:)
"Sie erhalten Ihre Aussage
aufrecht?"
Zeuge: "Das heißt, daß ...
Ich war es nicht, der es gesehen hat... Es war einer meiner Agenten, der mir auf
mein Ersuchen einen Bericht abgegeben hat... Ich ..."
Der Präsident (frostig):
"Sie können abtreten."
Das Folgende in der
Angelegenheit hat keinerlei Bedeutung, da der Zeuge nicht mitten in der
Verhandlung wegen Richterbeleidigung oder falscher Aussage festgenommen wurde;
und weil die Angeklagte zugegeben hatte, an den Lehrgängen des
deutsch-französischen Institutes teilgenommen zu haben, was, wie sie sagte, zu
einer gewissen Zahl freundschaftlicher Beziehungen zwischen ihr und gewissen
Offizieren der Kommandantur geführt hatte, erhielt sie schließlich eine
Gefängnisstrafe für eine Reihe von Umständen, die für sie nach Lage der Sache
erdrückend waren.
Hätte man den Zeugen aber
in die Enge getrieben, so wäre wahrscheinlich festgestellt worden, daß der
Agent, von dem er angeblich einen Bericht gefordert hatte, gar nicht vorhanden
war, und daß seine Aussage nur eine Sammlung dieser "man sagt" war, die das
Klima der kleinen Städte, in denen alle sich kannten, vergifteten.
Es liegt mir fern, alle
über die deutschen Konzentrationslager erschienenen Aussagen der vorstehenden
gleichzustellen. Meine Absicht ist allein auf die Feststellung gerichtet, daß es
Aussagen gab, die dieser in nichts nachstehen, auch von Leuten, die bei der
öffentlichen Meinung in hohem Ansehen standen. Und daß es, abgesehen von der
Ehrlichkeit oder Unehrlichkeit, so viele Unwägbarkeiten gibt, die auf den
Vortragenden wirken, daß man der erzählten Geschichte stets mißtrauen muß,
besonders wenn sie ein heißes Eisen ist. "Die Tage unseres Sterbens", — die das
blendende Talent David Roussets bestätigen, sind vom Anfang bis zum Ende bei den
meisten Geschehnissen, auf die sich der Verfasser bezieht, wenn nicht eine
Sammlung dieser "man sagt", die in allen
-143-
Lagern umliefen, und die an
Ort und Stelle nie auf Echtheit zu prüfen waren, so doch mindestens eine
Reihenfolge von Aussagen aus zweiter Hand, die — wie man anerkennen muß,
harmonisch — in der Absicht aneinandergereiht wurden, als besondere
Interpretation zu dienen.
In diesem Werke, in welchem
von der Wahrheit und nicht von der Kunstfertigkeit die Rede ist, wird keinerlei
Zusammenstellung zu finden sein.
*
* *
Die von mir zitierten
Stellen sind wörtlich übertragen. Meist geht ihnen ein persönlicher Kommentar
voraus oder folgt ihnen.
Um einen Vergleich bequemer
zu machen, habe ich die Verfasser in drei Gruppen eingeteilt: diejenigen, bei
welchen keine Veranlassung vorlag, zuverlässige Zeugen zu sein, und die ich —
natürlich ohne herabsetzende Absicht — minderwichtige Zeugen nenne; die
Psychologen, die Opfer eines etwas zu betonten Hanges für das subjektive
Argument; und die Soziologen, oder Leute, die für solche angesehen werden.
Ich bin auch bei mir selbst
vorsichtig, und um nicht beschuldigt zu werden, ich redete von Dingen, die etwas
zu sehr außerhalb meines eigenen Erlebens lägen, um nicht in die Mängel zu
verfallen, die ich anderen vorhalte und meinerseits etwa eine Verdrehung der
Regeln geistiger Rechtschaffenheit zu riskieren, habe ich freiwillig darauf
verzichtet, ein vollständiges Bild der Literatur über die Konzentrationslager
vorzulegen. Es handelt sich nur um eine "Betrachtung", dies möchte ich nochmals
hervorheben, und sie bezieht sich nur auf Tatsachen oder Argumente, über die ich
mir selbst ein Urteil zu bilden vermochte.
Die Zahl der hier
behandelten Autoren ist also zwangsläufig in jeder Gruppe wie im ganzen
beschränkt: es sind drei minderwichtige Zeugen3) (der Abbe Robert
Ploton, Bruder Birin von der christlichen Schule in Epernay, Abbe Jean-Paul
Renard), ein Psychologe (David Rousset), ein Soziologe (Eugen Kogon). Nicht
eingruppiert: Martin-Chauffier. Ein günstiger Zufall hat gefügt, daß sie die
repräsentativsten sind, wodurch die Darlegung an Klarheit gewinnt und die Wege
zu einer erneuten Beurteilung des Konzentrationslagerproblems besser aufgezeigt
werden können.
Der Leser wird natürlich
versucht sein, diese Stellungnahmen zu dem großen Drama der Verschickung in
Anbetracht ihrer tragischen Gesamtfolgen auf die Ebene des Menschlichen zu
verlagern und aus ihnen vielleicht zu folgern, ich hielte mich zuviel mit
Einzelheiten auf. Wenn ich
3) Ich bitte, in der
Tatsache, daß es drei Priester sind, keine bösartige antiklerikale Absicht
zu erblicken.
-144-
feststelle, daß die
Transporte von Frankreich nach Deutschland mit hundert Mann in Waggons
stattfanden, die für höchstens vierzig Personen bestimmt waren und nicht mit
hundertfünfundzwanzig, wie gewisse Leute geschrieben haben, so kann man
einwenden, dies ändere die allgemeinen Reiseverhältnisse nicht merklich. Wenn
ich erläutere, daß ein Lager den Namen Bergen-Belsen trug und nicht
Belsen-Bergen, so ändere ich damit bestimmt nichts an dem Schicksal derer, die
man dort internierte. Ob das Wort Kapo aus den Anfangsbuchstaben der deutschen
Bezeichnung "Konzentrationslager-Arbeits-Polizei" gebildet wurde oder ob es von
dem italienischen Ausdruck "II Capo" abgeleitet wurde, ist an sich
bedeutungslos. Und die Mißhandlungen, der Hunger, die Folter usw...., ob sie in
dem einen oder anderen Lager stattgefunden haben, ob derjenige, welcher sie
berichtet, sie auch gesehen hat oder nicht, ob sie unmittelbare Handlungen der
SS waren oder durch die eingeschalteten ausgesuchten Häftlinge begangen wurden:
sie bleiben doch stets schlechte Behandlung.
Meinerseits möchte ich
bemerken, daß ein Ganzes aus Einzelheiten zusammengesetzt ist, und daß ein
Irrtum im einzelnen, ob gutgläubig oder absichtlich, nicht nur geeignet ist, die
Auslegung durch den Beobachter zu verfälschen, sondern ihn auch logischerweise
dazu führen muß, an allem zu zweifeln, wenn er ihn entdeckt. Insofern es sich um
einen Irrtum handelt nur zu zweifeln, wenn es aber mehrere sind ...
Man wird mich besser
verstehen, wenn man sich an eine andere Sache erinnert, die vor einigen Jahren
die Zeitgeschichte belustigte. Kurz vor dem zweiten Weltkriege benutzte ein
ausländischer Student eine augenblickliche Unachtsamkeit des Aufsehers, um aus
dem Louvre4) ein Gemälde von Watteau zu entwenden, das unter dem
Namen "Der Gleichgültige" bekannt ist. Einige Tage später brachte er es zurück,
oder es wurde bei ihm gefunden; aber er hatte eine kleine Veränderung an ihm
vorgenommen: ihm war die Hand lästig gewesen, die sich in einer Geste erhob, von
der alle Fachleute sagten, sie sei unvollendet; sei es, daß der Meister selbst
es so gewollt oder es unterlassen hatte, und deshalb hatte er sie nun auf einen
Stock gestützt. Dieser Stock änderte an der Persönlichkeit nichts. Im Gegenteil,
er stimmte mit der ganzen Art und Weise wunderbar überein. Aber er präzisierte
den Sinn ihrer Gleichgültigkeit und veränderte merklich die Erklärung, die man
von ihr als Zweck oder Absicht geben konnte. Ja, man konnte behaupten, diese
Erklärung wäre ganz anders ausgefallen, wenn man anstatt eines Stockes ein Paar
Handschuhe in die Hand gelegt oder sie nachlässig über einen Blumenstrauß hätte
gleiten lassen.
4) Louvre = Als
Residenz der französischen Könige im XIII. Jahrhundert begonnen, dient heute
als Museum.
-145-
Trotzdem man nicht
beschwören kann, ob Watteau, wenn schon kein Stock auf dem Bilde existierte,
nicht doch ein Paar Handschuhe oder einen Blumenstrauß beabsichtigt hatte,
entfernte man den Stock und hing das Bild wieder an seinen Platz. Hätte man ihn
gelassen, so hätte niemals jemand einen Mißton, weder an dem Gemälde selbst noch
am Gesamtbild des Louvre bemerkt. Hätte unser Student aber, anstatt sich auf die
Berichtigung des "Gleichgültigen" zu beschränken, sich die Aufgabe gestellt, die
Rätsel aller Bilder zu lösen, hätte er über das Lächeln der "Jokonda" eine
Samtmaske, in die ausgestreckten Hände aller Jesuskinder, die erstaunt auf den
Knien oder in den Armen der hegenden Madonnen ausruhen. Kinderklappern oder
"Erasmus" eine Brille gemalt usw... . hätte man dies alles bestehen lassen, dann
stelle man sich vor, welches Aussehen der Louvre bekommen hätte!
Die Irrtümer, die man in
den Aussagen von Verschickten feststellen kann, sind von derselben Art, wie der
Stock des "Gleichgültigen" oder eine etwaige Maske auf dem Antlitz der
"Jokonda": ohne das Bild der Lager wesentlich zu verändern, haben sie doch den
Sinn der Geschichte verfälscht.
Wenn der ehrliche
Verschickte vom einen zum anderen übergeht und sie vereinigt, dann hat er
denselben Eindruck, als gehe er durch die Galerien des Louvre voller
Häßlichkeiten, die durchgesehen und verbessert sind.
So ist es auch mit dem
Leser, wenn er vor Abgabe seines Urteils über Jeden der zitierten Texte sich,
abgesehen von allen anderen Erwägungen fragt, ob ihr Verfasser sie vor einem
regelrecht zusammengesetzten Gericht, das zudem noch peinlich genau wäre,
vollständig aufrechterhalten könnte.
*
* *
-146-
KAPITEL II
Die minderwichtigen
Zeugen
Diese Zeugen berichten nur,
was sie gesehen oder angeblich gesehen haben, ohne viel zu erläutern; die Kritik
richtet sich bei ihnen nur auf meist geringfügige Einzelheiten. Der Leser wolle
entschuldigen: die großen Rätsel des Konzentrationslagerproblems können zwar nur
mit wichtigeren Zeugen erörtert werden, aber die anderen dürfen dabei nicht
vergessen werden.
I. Bruder BIRIN
(mit wahrem Namen:
Alfred UNTEREINER)
Veröffentlichte einen
chronologischen Bericht von seinem Wege nach Buchenwald und Dora.
Titel: "16 Monate
Gefängnis."
Erschienen bei Matot-Braine
in Reims am 20. Juni 1946.
Vorwort von Emile Bollaert.
Im Prolog die Umstände, die
zu seiner Festnahme und Verschickung führten.
Im Anhang ein Gedicht in
freien Versen des Abbe Jean-Paul Renard:
"J’ai vu, j’ai vu, et j’ai
vecu . .." 1).
Und im Nachwort zwei
Erwähnungen ehrenhalber, eine zur Verleihung des Kriegskreuzes, die andere bei
der Aufnahme in den Orden der Ehrenlegion sowie ein Auszug aus der Rede, die
Emile Bollaert, damaliger Kommissar der Republik in Straßburg, anläßlich der
Verleihung des letzteren hielt.
Er wurde im Dezember 1945
verhaftet, am 27. Januar 1944 nach Buchenwald und am folgenden 15. März nach
Dora verschickt.
[1])
"Ich habe gesehen, ich habe gesehen, und ich habe erlebt . . ." (d. Übers.).
-147-
Wir haben bei der
Verschickung und dem Transport von einem Lager zum anderen an demselben
Transport teilgenommen. Unsere Stammrollennummern lagen auch ganz nahe
beieinander: er hatte 45652, ich 44564.
Wir sind auch zusammen
befreit worden. Innerhalb des Lagers aber liefen unsere Schicksale auseinander:
dank der vollkommenen Beherrschung der deutschen Sprache, die er seiner
elsässischen Herkunft verdankt, gelang es ihm, sich als Schreiber der
"Arbeitsstatistik" zuteilen zu lassen, einem im wahrsten Sinne des Wortes
bevorrechtigten Posten, während ich das allgemeine Schicksal teilte, das nur
durch die Krankheit unterbrochen wurde.
Als Schreiber der
"Arbeitsstatistik" leistete er einer ansehnlichen Zahl von Häftlingen,
insbesondere Franzosen, unzählige Dienste. Seine Aufopferung war grenzenlos. In
ein Komplott verwickelt, das ich stets für möglich gehalten hatte, war er
während der letzten vier oder fünf Monate seiner Verschickung im Lagergefängnis
eingekerkert.
Unterrichtet gegenwärtig —
Irrtum vorbehalten — an der christlichen Schule in Epernay.
"16 Monate Gefängnis"
behauptet, eine getreue Beschreibung zu sein. "Ich will aber nur das berichten,
was ich gesehen habe", schreibt der Verfasser (Seite 58). Vielleicht glaubt er
dies auch ganz aufrichtig.
Darüber mag man urteilen.
Die Abfahrt nach
Deutschland (vom Bahnhof in Compiegne).
"Man läßt uns in einen
Wagen steigen «8 Pferde, 40 Mann» . . .aber wir sind. 125." (Seite 28.)
In Wirklichkeit hatte man
uns beim Abmarsch aus dem Lager Royallieu in einer Kolonne mit Fünferreihen und
in Abteilungen zu je hundert Mann aufgestellt, wobei jede Abteilung für einen
Waggon bestimmt war. Etwa fünfzehn bis zwanzig Kranke waren in Wagen an den
Bahnhof gebracht worden und hatten den Vorteil eines Waggons für sich allein.
Die letzte Abteilung der langen Kolonne, die an diesem Morgen durch die Straßen
von Compiegne zwischen deutschen Soldaten marschierte, die bis an die Zähne
bewaffnet waren, war nicht vollzählig. sie umfaßte etwa vierzig Personen, die am
Ende der Verladung auf alle Waggons verteilt wurden. Wir erhielten in unserem
Waggon drei, wodurch unsere Zahl auf einhundertdrei gesteigert wurde. Ich
bezweifle, ob besondere Gründe vorlagen, daß der letzte Waggon, in welchem
Bruder Birin sich befand, fünfundzwanzig bekam. selbst wenn es sich so verhalten
hätte, wäre es auf jeden Fall notwendig gewesen, diesen Umstand als Ausnahme
ehrlich zu erwähnen.
-148-
Die Ankunft in
Buchenwald.
"Jeder Ankömmling muß die
Desinfektion durchlaufen. Zunächst zur allgemeinen Schur, wo grinsende
Stegreifbarbiere sich über unsere Bestürzung und die Schnitte lustig machen, mit
denen sie aus Hast oder Ungeschicklichkeit ihre Kunden bespicken. Wie eine
Hammelherde, die man ihrer Wolle beraubt hat, werden die Häftlinge bunt
durcheinander in ein großes Becken mit stark dosiertem Kresolwasser getrieben.
Dieses mit Blut beschmutzte und mit Unreinlichkeiten besudelte Becken dient der
ganzen Abteilung. Von Gummiknüppeln gequält, sind die Köpfe gezwungen, unter
Wasser zu tauchen. Nach dem Ende der Behandlung werden Ertrunkene aus diesem
gemeinen Becken herausgezogen." {Seite 35.}
Der unvoreingenommene Leser
glaubt natürlich ohne weiteres, daß die kichernden und schabenden
Stegreifbarbiere SS-Männer sind, und daß die auf die Köpfe niedersausenden
Knüppel von ihnen geschwungen werden. Mitnichten! Häftlinge sind es. Und da die
SS-Männer bei dieser Zeremonie gar nicht zugegen sind, sondern sie nur aus der
Ferne überwachen, zwingt sie kein Mensch, sich derart zu benehmen. Diese genaue
Angabe wird aber unterlassen, und so fällt die Verantwortung für alles auf die
SS.
Diese Irreführung, die ich
nun nicht mehr aufzeichnen werde, wird durch das ganze Buch in derselben Weise
beibehalten.
Die Lagerordnung.
"Sehr frühes Aufstehen,
erkennbar ungenügende Ernährung für zwölf Arbeitsstunden: ein Liter Suppe,
zweihundert bis zweihundertfünfzig Gramm Brot, zwanzig Gramm Margarine." (Seite
40.)
Warum, zum Teufel, wird die
Erwähnung des halben Liters Kaffee am Morgen und am Abend sowie die Scheibe
Wurst oder der Löffel voll Käse oder Marmelade unterlassen, welche die zwanzig
Gramm Margarine regelmäßig begleiteten? Der unzureichende Charakter der
täglichen
Verpflegung wird darum
nicht weniger gekennzeichnet, aber die Aufrichtigkeit der Berichterstattung
hätte weniger gelitten.
"Im März wurden
zwölfhundert Franzosen, zu denen ich gehörte, für einen unbekannten Zweck
bestimmt. Vor der Abfahrt erhielten wir Sträflingskleidung mit blauen und weißen
Streifen: n u r Jacke und Hose, die uns vor der Kälte nicht schützen konnten."
(Seite 41.)
Ich befand mich bei diesem
Transport. Wir alle hatten außerdem einen Regenmantel mit Kapuze. Wenn diese
Bekleidung uns vor der Kälte
-149-
nicht
schützen konnte, so war es nicht wegen der Zahl der Stücke, aus denen sie
bestand, sondern weil die Stücke aus Kunstleinen waren.
In
Dora.
"Mit der Einrichtung des
Lagers Dora war im November 1943 begonnen worden ..." (Seite 46.)
Genauer: der erste
Transport kam dort am 28. August 1945 an.
"Dort, wie in Buchenwald,
erwartete uns die SS beim Verlassen der Waggons ... Ein ausgefahrener Weg mit
Rinnen voller Wasser führte zum Lager. Er wurde im Laufschritt durchmessen. Die
mit hohen Stiefeln bekleideten Nazis verfolgten uns und h e t z t e n ihre
Hunde auf uns... Diese Stierjagd neuen Stiles war von zahlreichen Gewehrschüssen
und unmenschlichem Gebrüll begleitet. . ." (Seiten 43—44.)
Ich kann mich nicht
erinnern, daß Hunde auf uns gehetzt wurden, auch nicht, daß Gewehrschüsse
abgegeben wurden. Dagegen erinnere ich mich sehr gut, daß die Kapos und der
Lagerschutz, die uns übernahmen, viel angriffslustiger und roher als die
SS-Männer waren, die uns begleitet hatten.
Bevor ich zu
schwerwiegenderen Irrtümern übergehe, möchte ich noch zwei anrühren, die es
weniger sind, aber die Leichtfertigkeit der Aussage kenntlich machen, vor allem,
wenn man weiß, daß ihr Verfasser infolge seiner Tätigkeit im Lager die
vorhandenen Bestände an Häftlingen wußte, was ihm jede Entschuldigung versagt:
"Ich erwähne nur den guten
Doktor Mathon, der den Beinamen Papa Girard hatte . .," (Seite 81.)
"Sechs Monate lang habe ich
immer die Heilige Reserve bei mir getragen. Priester, die sich ständig der
Todesgefahr aussetzten, haben mich immer wieder mit ihr versehen. Ich muß hier
den Abbe Bourgois, den Trappistenpater Renard und den lieben Abbe Amyot d’Invill
nennen . . . (Seite 87.)
Einmal gab es in Dora einen
Doktor Mathon und einen Doktor Girard. Der zweite war sehr alt und ihm hatten
wir den Beinamen guter Papa Girard gegeben. Zum anderen ist der Abbe Bourgois im
zweiten Monat nach seiner Ankunft in Dora zwischen dem 10. und 50. April
1944, vor dem Abgang eines Krankentransportes, zu dem er bestimmt war,
verstorben. Er hat Bruder Birin also nicht sechs Monate lang versorgen können.
Man könnte noch folgendes hinzufügen: wenn die Priester aus denselben Gründen
wie die anderen Häftlinge und obendrein noch wegen ihrer religiösen
Zugehörigkeit mißhandelt wurden, so setzten sie sich doch nicht dem Tode aus,
weil sie die Heilige Reserve bei sich trugen.
-150-
Schwerwiegende Irrtümer.
"Die SS-Frauen bestimmten
auch ihre Opfer und mit noch größerem Zynismus als ihre Männer. Was sie
wünschten, waren schöne, kunstvoll tätowierte Menschenhäute. Um ihnen gefällig
zu sein, wurde ein Antreten auf dem Appellplatz angeordnet, bei dem das
Adamskostüm vorgeschrieben war. Dann gingen die Damen durch die Reihen und
trafen ihre Auswahl wie vor dem Schaufenster einer Modistin . . . (Seiten
73—74.)
Es ist nicht richtig, daß
etwas Derartiges sich in Dora abgespielt hat. Es gab eine Affäre mit einem
Lampenschirm aus tätowierten Menschenhäuten in Buchenwald. Sie erscheint in den
Akten der Ilse Koch, genannt "die Hündin von Buchenwald". Aber auch in
Buchenwald konnte Bruder Birin der Auswahl der Opfer nicht beigewohnt haben, wie
es seine von Seite 58 bereits zitierte Erklärung behauptet, weil die
inkriminierten Handlungen vor unserer Ankunft lagen — insofern sie überhaupt
stattgefunden haben.
Übrig bleibt, daß er dieser
Auswahl von Opfern einen Charakter beilegt, der zur Gewohnheit geworden und
allgemein gewesen sei, und daß er von ihr eine Beschreibung mit bemerkenswerter
Genauigkeit gibt. Wenn nun derjenige, welcher das Vorkommnis über das fragliche
Delikt (die Lampenschirme) nach Buchenwald verlegt hat, nach dem gleichen
Verfahren vorgegangen sein sollte, muß man sich dann nicht fragen, ob die in
dieser Hinsicht auf Ilse Koch lastende Beschuldigung sehr fragwürdig ist? 2).
Um mit diesem Gegenstand zu
Ende zu kommen, kann ich mit Bestimmtheit sagen, daß im Februar-März 1944 das
Gerücht im Konzentrationslager Buchenwald dieses Verbrechen zwei Kapos aus dem
Steinbruch und der Gärtnerei zuschob, das seinerzeit von ihnen unter der
Mittäterschaft fast aller ihrer Kollegen begangen worden sei. Die beiden
Spießgesellen hätten — so sagte man — aus dem Tod tätowierter Häftlinge ein
Gewerbe gemacht und deren Häute gegen kleine Vergünstigungen an Ilse Koch und
andere durch Vermittlung des Kapos und des SS-Mannes vom Krematorium verkauft.
Aber gingen denn die Frau
des Lagerkommandanten und die anderen Offiziersfrauen auf der Suche nach schönen
Tätowierungen, deren Träger sie selbst zum Tode bestimmten, im Lager spazieren?
Organisierte man Appelle im Adamskostüm, um ihnen diese Suche zu erleichtern?
Ich kann es weder bestätigen noch entkräften. Alles, was ich sagen kann,
2) So
fragwürdig, daß selbst das Schwurgericht in Augsburg, das sie kennen müßte,
gegen die Angeklagte nicht an ihr festhielt . . . mangels Beweises l
(Fußnote zur zweiten französischen Auflage).
-151-
ist, daß entgegen dem, was
Bruder Birin behauptet, dies sich weder in Dora noch in Buchenwald während
unserer gemeinsamen Internierung, zugetragen hat.
"Wenn die Sabotage sicher
zu sein schien, wurde das Erhängen grausamer gestaltet. Die Todeskandidaten
wurden durch Anziehen einer elektrisch angetriebenen Welle von der Erde
abgehoben, die sie sanft vom Boden loslöste. Da sie nicht den verhängnisvollen
Stoß hielten, der den armen Sünder tötet und ihm oft das Genick bricht, machten
die Unglücklichen alle Grauen des Todeskampfes durch.
Bei anderen Gelegenheiten
wurde ein Schlächterhaken unter den Kiefer des Verurteilten gelegt, der mit
diesem barbarischen Mittel aufgehängt wurde." (Seite 76.)
Es ist richtig, daß zum
Kriegsende, Ende 1944 bis Anfang 1945, die Sabotageakte so zahlreich geworden
waren, daß die Erhängungen gruppenweise erfolgten. Es wurde üblich, sie im
Tunnel selbst mit Hilfe einer auf einer Welle laufenden Winde auszuführen und
nicht mehr allein auf dem Appellplatz mit jenen Vollstreckungshölzern, die
solchen auf einem Fußballplatz glichen. Am 8. März 1945 wurden 19 arme Sünder
auf diese Weise gehängt, und am Palmsonntag, acht Tage vor der Befreiung, als
wir den Kanonendonner der Alliierten schon ganz nahe hörten und der Ausgang des
Krieges der SS nicht mehr zweifelhaft sein konnte, siebenundfünfzig!
Aber die Geschichte mit dem
Schlächterhaken, die uns von Buchenwald erzählt wurde, wo ein solches Instrument
im Krematoriumsofen aufgefunden wurde, hat in bezug auf Dora alle Aussicht,
falsch zu sein. Auf Jeden Fall habe ich niemals vom Ort des Gebrauchs sprechen
gehört; sie stimmt auch nicht mit den im Lager üblichen Gepflogenheiten überein.
"Auf Betreiben des
berüchtigten SS-Oberscharführers Sanders, mit welchem ich zu tun hatte, wurden
für die Saboteure andere Exekutionsformen angewendet.
Die Unglücklichen wurden
verurteilt, enge Gräben auszuheben, in denen ihre Kameraden sie bis zum Hals
einschaufeln mußten. In dieser Stellung blieben sie eine gewisse Zeit. Dann
schnitt ihnen ein SS-Mann, der eine Axt mit langem Stil trug, die Köpfe ab.
Aber der Sadismus gewisser
SS Angehöriger ließ sie eine noch grausamere Todesart finden. Sie befahlen den
anderen Häftlingen. mit Schubkarren voll Sand über diese armen Köpfe zu fahren.
-152-
Ich bin von diesen
Anblicken noch wie besessen, daß usw. . . ."(Seite 77.)
Auch dies hat sich in Dora
nie ereignet. Aber die Geschichte ist mir fast in denselben Worten im Lager von
Häftlingen erzählt worden, die in Transporten aus verschiedenen Lagern kamen und
alle behaupteten, dieser Szene beigewohnt zu haben: Mauthausen, Birkenau,
Flossenbürg, Neuengamme usw. . . Als ich nach Frankreich zurückgekehrt war, habe
ich sie bei verschiedenen Verfassern wiedergefunden: es lag kein Interesse vor,
sie in einer schriftlichen Aussage irgendeinem Lager zuzuschreiben, in welchem
sie nicht stattgefunden hat. Ertappt die französische Meinung einen Autor bei
einem Irrtum, so bezweifelt sie es für alle Lager und die deutsche Meinung
schließt darauf auf eine Lüge.
Das Los der
Verschickten.
"Als Geheimnisträger (der V
1 und V 2) war uns bekannt, daß wir zum Tode verurteilt und dazu bestimmt waren,
bei der Annäherung der Alliierten niedergemacht zu werden." (Seite 97.)
Hier handelt es sich nicht
um eine Tatsache, sondern um eine Vermutung. Sie ist von allen Autoren bis und
einschließlich Leon Blum in "Le dernier Mois" — "Der letzte Monat" — gebracht
worden. Den Schein einer Berechtigung hat sie durch die Ertränkungen von
Häftlingen im Baltikum gefunden, die kurze Zeit vor der Befreiung auf Schiffe
verladen wurden, die in das offene Meer fuhren, und die man versenkte3),
wie auch das Vorliegen von Geheimbefehlen in diesem Sinne von einem SS-Arzt von
Dora bestätigt wurde, der sich damit das Leben gerettet hatte. Was aber die
Ertränkungen im Baltikum betrifft, so scheint die deutsche These ebenso
wahrscheinlich, wie die französische, dies bezeugt die Aufnahme, die sie in der
Öffentlichkeit gefunden hat. Auf jeden Fall sind die Geheimnisträger von Dora
nicht umgebracht worden. Auch nicht der Transport, in dem sich Leon Blum befand.
II. Abbe Jean-Paul RENARD
Verschickter unter der
Stammrollennummer 39 727. Ist einige Wochen früher als Bruder Birin und ich nach
Buchenwald und dann nach Dora gekommen, wo wir ihn wiedergefunden haben.
Veröffentlichte eine
Sammlung inspirierter Gedichte von einem manchmal bewegenden Mystizismus unter
dem Titel "Chaines et Lumieres"
3) Siehe,
Vorwort des Verfassers für diese Ausgabe Seite 21, These des M. Sabille und
Fußnote 17). Über die Ertränkungen im Baltikum gibt es eine von der ganzen
Welt anerkannte These, daß die "Arcona", jenes Schiff, das die Verschickten
nach Schweden transportieren sollte, von den alliierten Marinefliegern
versenkt worden ist, die den Konvoi angriffen, ohne seine Eigenschaft zu
kennen. Das Feuer der Küstenbatterien der deutschen Luftabwehr sei die
Ursache der Verwirrung, weil die in Schrecken versetzten Zeugen geglaubt
hatten, diese beschössen die "Arcona", während es auf die alliierten
Flugzeuge gerichtet war.
-153-
– "Ketten und Lichter" —.
Diese Gedichte sind weitaus mehr eine Folge geistiger Reaktionen als ein Essay
mit einer objektiven Aussage.
Eines von ihnen zählt
jedoch Tatsachen auf: "J’ai vu, j’ai vu, et j’ai vecu .. ." Bruder Birin
veröffentlicht es im Anhang zu seiner eigenen Aussage, wie ich dies schon an
anderer stelle sagte.
In ihm ist zu lesen:
"Ich habe Tausende und aber
Tausende in die Duschen gehen sehen, aus denen anstelle des Wassers
Erstickungsgase sich ergossen."
"Ich habe gesehen, wie die
Arbeitsunfähigen Herzspritzen erhielten."
In Wirklichkeit hat der
Abbe Jean-Paul Renard von allem dem nichts gesehen, da Gaskammern weder in
Buchenwald noch in Dora vorhanden waren. In Dora wurden auch keine Spritzen
verabreicht, man tat es auch nicht mehr in Buchenwald zu der Zeit, in welcher er
dort war.
Als ich ihn Anfang 1947
darauf aufmerksam machte, antwortete er mir:
"Einverstanden, aber
dies ist doch nur eine literarische Wendung, und da diese Dinge doch irgendwo
vorgekommen sind, ist es kaum von Bedeutung."
Ich fand diese
Begründung köstlich. Für den Augenblick wagte ich nicht, zurückzugeben, die
Schlacht von Fontenoy4) sei ebenfalls eine geschichtliche
Wirklichkeit, aber dies könne kein Grund sein, selbst bei "literarischen
Wendungen" zu sagen, er hätte sie mitgemacht. Oder, wenn achtundzwanzigtausend
Davongekommene aus den Nazilagern behaupten wollten, sie hätten alle Schrecken
miterlebt, die in sämtlichen Aussagen niedergelegt sind, würden die Lager vor
der Geschichte ein ganz anderes Aussehen bekommen, als wenn jeder von ihnen sich
darauf beschränkte, nur das zu sagen, was er gesehen hatte. Oder auch, es liege
doch ein Interesse vor, daß keiner von uns bei einer Lüge oder einer
Übertreibung ertappt werde.
Später erschien "J’ai vu,
j’ai vu, j’ai vecu . . ." im Juli 1947 in "Ketten und Lichter". Mit
Genugtuung konnte ich feststellen, daß der Autor zwar seine Aussage über die
Spritzen unverändert fortbestehen ließ, daß er aber derjenigen über die
Gaskammern ehrlich einen Hinweis angefügt hatte, der die Verantwortlichkeit
dafür einem anderen Verschickten zuschob.
4)
Fontenoy in Belgien, wo der französische Feldherr, Marschall von Sachsen,
die Holländer und Engländer am 11. Mai 1745 schlug (d. Übers.).
-154-
III. Abbe Robert PLOTON
War Pfarrer der "Nativite"
("Christi-Geburt"-Kirche) in St. Etienne. Heute Pfarrer in Firminy.
Nach Buchenwald unter der
Stammrollennummer 44 015 im Januar 1944 mit demselben Transport wie ich
verschickt. Wir strandeten zusammen im Block 48, den wir auch zusammen
verließen, um nach Dora zu gehen.
Veröffentlichte "Von
Montluc nach Dora" im März 1946 in St. Etienne bei Dumas.
Eine anspruchslose Aussage, die 90 Seiten umfaßt. Abbe Robert Ploton erzählt die
Dinge einfach, wie er sie gesehen hat, ohne etwas zu untersuchen und häufig,
ohne auf sich selbst zu achten. Offenbar ist er aufrichtig, und wenn er einen
Fehler begeht, so geschieht es durch eine natürliche oberflächliche
Empfänglichkeit, die durch den Eifer, mit dem er seine Erlebnisse erzählen will,
erschwert wird.
Im Zeitpunkt des deutschen Zusammenbruchs wurde er nach
Bergen-Belsen geleitet: er
schreibt das ganze Kapitel hindurch, das über dieses Ereignis berichtet,
Belsen-Bergen, was zu dem Gedanken Anlaß gibt, daß es sich nicht um einen
Druckfehler handelt.
Im Block 48 zu Buchenwald
hat er sagen gehört:
"Wir stehen unter dem
Befehl eines deutschen Häftlings, der ehemals kommunistischer
Reichstagsabgeordneter war." (Seite 26.)
Und hat es geglaubt. In
Wirklichkeit war Erich, der Blockälteste, nur der Sohn eines kommunistischen
Abgeordneten.
"Grundsätzlich umfaßte das
Tagesmenu einen Liter Suppe, 400 Gramm eines sehr schweren Brotes, 20 Gramm
Margarine, die aus Kohle hergestellt war, und einen veränderlichen Nachtisch:
bald einen Löffel Marmelade, bald Weißkäse oder auch einen Wurstersatz, (Seiten
63—64.)
So viele Leute haben
gesagt, die Margarine sei aus Kohle hergestellt worden, so viele Zeitungen haben
es geschrieben, ohne Lügen gestraft zu werden, so daß sich die Frage nach der
genauen Herkunft dieses Erzeugnisses erhob. Nach allem hat Louis
Martin-Chauffier das beste dazu beigetragen, als er schrieb:
"Es scheint, daß ihr (der
SS) nichts gefällt, was nicht künstlich ist: und die Margarine, die sie uns so
knauserig zuteilt, bekam für sie erst ihren vollen Geschmack, weil sie ein
Produkt aus Kohle ist."
(Der Karton trug die
Aufschrift; "Garantiert ohne Fettstoffe.")
Aus seinem Buche "L’Homme
et la Bete" — Der Mensch und das Tier (Seite 95).
-155-
Wenn Abbe Ploton von den
Abzeichen der Häftlinge spricht, findet er acht Kategorien, ohne sich darüber
klar zu sein, daß es tatsächlich etwa dreißig waren, und daß er unvollständig
berichtet.
Wenn er von der
Lagerordnung erzählt, schreibt er:
"Eines der wirksamsten und
niedrigsten Mittel der moralischen Herabsetzung das den Geist der Ratschläge aus
«Mein Kampf» atmet, besteht darin, daß man einigen, fast ausschließlich unter
den Deutschen ausgesuchten Häftlingen die Lagerpolizei anvertraut hat." (Seite
28.)
Denn er weiß nicht, daß von
diesem niedrigen Verfahren, gerade weil es wirksam ist, in allen Gefängnissen
der Welt Gebrauch gemacht wird, und daß es schon lange bestand, bevor Hitler
"Mein Kampf" schrieb 5''). Muß daran erinnert werden, daß das Buch "Dante hat
nichts gesehen" von Albert Londres den Anteil Frankreichs bei seiner Anwendung
in
seinen Gefängnissen und
Strafanstalten genau darlegt?
Für die Länge der Appelle,
die alle Häftlinge traf, gibt er folgende Erklärung:
"Wir warten, daß die Zahlen
nachgeprüft werden, ein mühseliges Geschäft, dessen Dauer von der Laune des
SS-Rapportführers abhängt." (Seite 59.)
Nun, wenn die Länge der
Appelle wohl auch von der Laune des SS -Rapportführers abhing, so war sie aber
genauso von den Fähigkeiten der Leute abhängig, die beauftragt waren, täglich
den Effektivbestand festzustellen. Unter ihnen befanden sich SS-Männer, die im
allgemeinen rechnen konnten, aber es gab auch, und hauptsächlich unter den
Häftlingen, Leute, die beinahe oder gänzlich Analphabeten waren und nur aus
Gunst Schreiber oder Rechnungsführer für die Arbeitsstatistik geworden waren. Es
darf nicht vergessen werden, daß die Verwendung jedes einzelnen Häftlings in
einem Konzentrationslager von seiner Anpassungsfähigkeit und nicht von seinem
Können abhängig war. Wie überall, so stellte sich auch in Dora heraus, daß
Maurer als Rechnungsführer und Rechnungsführer als Maurer oder Zimmerleute sowie
Wagner als Ärzte oder Chirurgen verwendet wurden. Ja, es konnte sogar vorkommen,
daß ein Arzt oder Chirurg als Feinmechaniker, Elektriker oder Erdarbeiter
eingesetzt wurde6).
In bezug auf die Spritzen
schließt sich Abbe Ploton der allgemeinen Meinung an:
5) Siehe
im Anhang zu diesem Kapitel: "Die Disziplin im Zentralgefängnis zu Riom
1939" von Pierre Bernard, der dort interniert war, und "In den Gefängnissen
der Liberation", eine Aussage, die von A. Paraz mitgeteilt wird.
6) Vgl.
I. Teil, Seite 106 und 107.
-156-
"Indessen mußte das Revier
erweitert werden und seine Baracken auf der Seite des Hügels vermehren. Die
unheilbaren Tuberkulosekranken beendeten in ihnen ihr armseliges Dasein unter
der Wirkung einer todbringenden Spritze." (Seite 67.)
was unzutreffend ist7).
Von diesen Bemerkungen
abgesehen ist dieser improvisierte Zeuge nicht dem Übertreibungswahn verfallen.
Er ist lediglich von einem Erleben niedergedrückt, dem er nicht gewachsen ist.
Und die Ungenauigkeiten, deren er sich schuldig gemacht hat, sind nur von
minderer Bedeutung im Vergleich zu jenen des Bruders Birin: sie lassen auch
weniger Folgerungen zu.
Die Sorge um Objektivität
machte jedoch erforderlich, sie zu verzeichnen.
ANHANG ZU KAPITEL II
Die Disziplin im Zentralgefängnis zu
Riom 1959
"In bezug auf die Mittel
der Disziplin müssen drei merkwürdige Elemente festgehalten werden.
Das erste ist die
Einrichtung einer inneren Hierarchie von Gefangenen, die neben den Wärtern zur
Aufrechterhaltung einer guten Ordnung beitragen. Ich habe oft gehört, daß
Franzosen über die Einrichtung dieser Sklavenbewacher in den Strafanstalten der
Nazis entrüstet waren: es sind dieselben, die nicht zulassen wollen, daß die
Deutschen nicht wußten, was auf ihrem Boden vorging, die selbst aber nicht
wissen, was sich in Frankreich zuträgt. Für die Kapos, die Schreiber, die
Vorarbeiter, die Stubendienste usw. .....bestehen aber Präzedenzfälle. Die
Buchhalter in den Werkstätten, die Werkmeister (obwohl auch Zivilisten unter
ihnen sind), alle in der Verwaltung, werden unter den Häftlingen ausgewählt und
erfreuen sich offenbar gewisser Vorteile. Die bestehen aber Präzedenzfälle. Die
Buchhalter in den Werkstätten, die Werkmeister (obwohl auch Zivilisten unter
ihnen sind), alle in der Verwaltung, werden unter den Häftlingen ausgewählt und
erfreuen sich offenbar gewisser Vorteile. Die Gefängniswärter, die ausdrücklich
mit der Wahrung der Ordnung beauftragt sind, müssen unbeachtet bleiben. Dies
beginnt bei dem Aufseher des Schlafraumes, der unmittelbar neben seinem Bett
einen Alarmknopf hat, der die Wärter aufweckt, wenn sich etwas Anormales
(Rauchen, Lesen, Unterhaltungen usw. .. .) ereignet, ihn aber glücklicherweise
wenig benutzt — und geht bis zum amtlichen Quälgeist, dem Aufseher des
«Quartiers».
-157-
Hier muß ich nun sagen, was
das Quartier ist: das Sondergefängnis im Inneren des Gefängnisses, in
Wirklichkeit aber die Folterkammer (ich versichere, daß das Wort nicht
übertrieben ist). Dieses zweite Element der Disziplin erstreckt sich wie Dantes
"Hölle* auf verschiedene Bereiche. Es beginnt mit dem Disziplinarraum, in
welchem man sich grundsätzlich darauf beschränkt, die Verurteilten mit ganz
kurzen Pausen im Kreise nach einem Rhythmus marschieren zu lassen, der durch
eine besondere Portion für den Antreiber unterstützt wird — während für die
anderen Kürzungen in der Ernährung die Regel sind; in der Tat, es regnet
Schläge. Ich hatte das Glück, dem zu entgehen, aber ich bestätige, daß ich
häufig die armen Kerle mit Spuren von gerade erhaltenen Schlägen aus dem «Saal»
zurückkommen sah. Und dies geht bis zur Zelle — gewöhnlich bis zu 90 aufeinander
folgenden Tagen, was praktisch der Todesstrafe gleichkommt — mit einer Schüssel
Suppe alle vier Tage und so raffinierten Grausamkeiten, daß es hierfür keinen
Ausdruck gibt. Ich bestätige im besonderen, daß die Folterung, "camisole»
genannt, eine Zwangsjacke, bei der die Arme auf dem Rücken vereinigt und sehr
oft bis zum Hals geführt werden, häufig angewendet worden ist. Ich versichere,
daß nach zahllosen übereinstimmenden Aussagen gewisse Wärter — mit besonderer
Unterstützung durch den Aufseher — mit bestimmten Instrumenten, einschließlich
Schürhaken, manchmal so lange schlagen, bis der Tod eintritt. Ich versichere,
daß die Nazis die Kunst, die Menschen langsam zu töten, nur in Einzelheiten noch
vervollkommnet haben.
Als drittes Instrument der
Disziplin dienen aber die "zusätzlichen" Verurteilungen, die manchmal bis zur
Todesstrafe einschließlich reichen und nicht von Gerichten ausgesprochen werden,
die vom Gesetz vorgesehen sind, sondern von einer Gerichtsbarkeit, die dieses
meines Wissens nicht kennt, dem «-Pretoire»"). Es ist dies ein internes
Gefängnisgericht, dessen Vorsitz der Direktor führt, dem ein Unterdirektor (im
Jargon der Strafgefangenen der «sousmac» genannt) und der Oberwärter, der das
Amt des Schriftführers ausübt, zugeteilt sind. Es gibt kein Plädoyer, keine
Verteidigung, nur eine mitunter unverständliche Anklageschrift, keine Antwort,
nur das zum Ritus gehörende «Merci, Monsieur le directeur» ("Danke, Herr
Direktor"), das der Verurteilung folgt. Ich bin meinerseits stets mit einer
einfachen Buße davongekommen, die nur das Recht zu Einkäufen in der Kantine
8)
Pretoire = Standgericht ohne Rechte für die Angeklagten.
-158-
herabsetzte (die Geldmittel
sind auf den Lohn beschränkt oder vielmehr auf einen verfügbaren, sehr geringen
Teil und eine damals stark herabgesetzte äußere Unterstützung; in dieser Zeit
war nur ein Paket mit Körperwäsche zugelassen). Aber es regnet harte
Verurteilungen, selbst für einfache Nichtausführung der vorgeschriebenen
Aufgabe."
Pierre Bernard
"Revolution proletarienne"
— "Die proletarische Revolution", Juni 1949.
In den Gefängnissen der "Liberation"
"Alle Franzosen haben dies
gewollt, sagen unsere «Patrioten»."
"Edouard Gentez,
Buchdrucker in Courbevoie, im Juli 1046 nicht als Verbrecher, sondern als
Drucker verurteilt, wird von Fresnes nach Fontevrault im September 1946 verlegt.
Als Folge von Schlägen, Entziehungen und der Kälte verspürt er Stiche im
Rippenfell, worauf er von der Liste des Transportes nach Fontevrault gestrichen
wird.
Eine stunde vor der Abfahrt
werden die Verurteilten der s. P. A. C.9), die auf der Liste standen,
befehlsgemäß gestrichen; man braucht sie noch. Man ersetzt sie und Gentez
befindet sich unter den neu Hinzugeschriebenen.
Um zweieinhalb Uhr in der
Zentrale angelangt, steht er in praller Sonne, dann wird er acht Stunden in ein
Loch, «mitar»10) genannt, eingeschlossen. Nach dieser Frist wird
Gentez der Krankenstube zugewiesen, wo ein wegen Mordes verurteilter Metzger als
Herr regiert, Ange Soleil, ein Mulatte, der seine Geliebte zerschnitten und
eingemauert hatte, was ihn für das Amt des Aufsehers, Krankenpflegers und
Doktors des Gefängnisses geeignet erscheinen ließ, der mehr Macht besaß, als der
junge Zivilarzt, ein Fant namens Gaultier oder Gautier.
Soleil ließ nach einer
außerordentlich klaren und einfachen Regel die Kranken zur Krankenstube nur zu,
wenn sie zwei Drittel ihrer Pakete mit ihm teilten und schickte diejenigen
zurück, deren Pakete die kleinsten waren.
Gentez, der weder Paket
noch Geldüberweisungen erhält, kann nicht bezahlen und wird trotz seiner
schweren Erkrankung zu den "Unbeschäftigten" versetzt, die alltäglich,
einschließlich der Sonntage,
9)
S.P.A.C. = Section particuliere de l'Administration centrale des prisons =
Sonderabteilung der Gefängnisleitung.
10) Siehe
Seite 126, Fußnote 4).
-159-
vom Morgen bis zum Abend zu
Dreiviertelstunden raschen Marsches, unterbrochen von je einer Viertelstunde
Rast, gezwungen werden.
Da Gentez zu schwach ist,
wird er von dieser Folter befreit, erhält aber doch nicht die Erlaubnis, sich
hinzulegen oder auch nur zu setzen; er muß während des ganzen Marsches
unbeweglich, mit den Händen auf dem Rücken und ohne Überrock, stehen.
Da die Kälte seine
Rippenfellentzündung verschlimmert, geht Gentez jede Woche zur Visite, wo man
ihm Aspirin und Lebertran verabreicht und ihm Schröpfköpfe setzt, ohne ihn je
zur Krankenstube zuzulassen.
Er beklagt sich
unaufhörlich die ganze Nacht hindurch. Die beiden Ärzte, die Häftlinge sind, der
Chirurg Perribert und der Doktor Lejeune horchten ihn am Sonntagmorgen aus und
stellen eine doppelseitige Lungenentzündung fest.
Nachdem Gentez auf dem Hofe
umgefallen ist, sucht der herbeigerufene Krankenwärter den Ange Soleil, der zu
brüllen beginnt, ihn als Simulanten behandelt und Hin in die Arrestzelle sperren
läßt, ebenso den Doktor Perribert, den er beschuldigt, ohne Genehmigung
ausgehorcht zu haben.
Gentez wird zur
Untersuchung ausgezogen und nackt in eine Zelle bei 15 Grad unter Null gesperrt.
Er klopft die ganze Nacht, um jemand herbeizurufen, aber niemand kommt. Am
folgenden Tage, dem 14. Januar 1947, findet man ihn tot auf.
Man transportiert Ihn,
endlich, in die Krankenstube, wo man erklärt, er sei an einer Herzkrise
gestorben. Man beerdigt ihn unter einer einfachen Nummer: 3479.
Aber es war ein lästiger
Zeuge vorhanden, Gentez' Sohn, den ich im Gefängnis kennengelernt, und an
dessen Seite ich die Wechselfälle dieses dunklen Dramas miterlebt habe. Er
setzte eine Untersuchung durch. Diese war korrekt. Ange Soleil wurde nach
Fresnes verlegt, aber infolge von Amnestiemaßnahmen entlassen (sie). Die
Direktoren Dufour, Vessieres und Guillonet wurden abgesetzt.
Infolge dieser tragischen
Affäre hatte Andre Marie versprochen, die Strafe für Gentez Sohn auf drei Jahre
herabzusetzen. Es sind seitdem mehr als drei Jahre vergangen, und wenn ich recht
unterrichtet bin, ist er noch immer in Haft."
Unterzeichnet: Benolt C .
..
"Dies ist einem an mich
aus dem Gefängnis in X . . . irgendwo in Frankreich gerichteten Briefe
entnommen. Meine Diskretion
-160-
erklärt sich aus meiner
Besorgnis, seinen Verfasser nicht jener Rechtsprechung auszusetzen, von der in
dem vorstehenden Dokument die Rede ist.
Benolt C . . . hat "Valsez,
saucisses = Tanzet, Ihr Würstchen" nicht gelesen, aber "Vertiges = Schwindel".
Er unterrichtet mich über
das Verhältnis (10%) der sozialen Helfer, die "Gluckgluck" machen — ich sage
dies keineswegs als Vorwurf — und berichtet mir, ohne sich darüber allzu sehr zu
beklagen, über die eigenartigen Sitten gewisser «Herren des Saint-
Vincent-de-Paul-Werkes, deren Finger mit Siegelringen überladen sind.»
Diese Aussage, die von
jemand stammt, der vom schönen Geschlecht und nicht im geringsten von der
Politik eingenommen ist, wirkt darum um so durchschlagender." (Mitgeteilt von A.
Paraz.)
In Poissy.
"Im Februar -1046 befindet
sich Henri Beraud mit kahl geschorenem Kopf, in Holzschuhen und schlechten
Kleidern im Werkraum 14 in der zweiten Etage des Zentralgefängnisses zu Poissy.
Unter den Augen eines Wächters, der dem «Schweigegesetz» Achtung verschaffen
soll, einem Gesetz, das Tag und Nacht t über dem Gefängnis liegt, verfertigt er
Anhängeschilder mit amerikanischen Knoten oder gedrehten Eisendraht für o Fr 95
c pro Tausend.
Stumpfsinn der
Strafgefangenen: der Leiter am Tisch ist ein berufsmäßiger Zimmerdieb, unter
dessen Befehl außer Beraud noch der General Pinsard, ein Oberst, zwei
Gerichtspräsidenten, ein Generalstaatsanwalt, der Chefredakteur einer Zeitung
in Reuen, ein Universitätsprofessor und Pariser Journalisten stehen.
In seinem Buche "Je sors du
bagne — Ich komme aus dem Gefängnis» berichtet einer seiner Haftkameraden in
Poissy sowie auf der Insel Ree über den Verdienst des Strafgefangenen Beraud
während des Monats April 1945:
«Handarbeit: 15- Fr. Abzug
der Verwaltung der Strafanstalt: 12 Fr. Bleiben 3 Fr. Einbehalten:
1, 50 Fr. Verfügbar für den
Häftling: 1, 50 Fr.»
Es handelt sich um eine
Arbeit von mehr als sieben Stunden täglich." ("La Bataille", 21. September
1949.)
Deutsche Gefangene in Frankreich.
"La Rochelle, 28. Oktober
1948. — Über das skandalöse Treiben unterrichtet, das sich der ehemalige
Offizier Max-Georges Roux, 36 Jahre alt, der Vertreter des Kommandanten des
Lagers
-161-
für deutsche
Kriegsgefangene in Chatelaillon-Plage zuschulden kommen ließ, hat der
Untersuchungsrichter ihn vor das Militärgericht in Bordeaux gestellt, wohin Roux
überführt worden ist. Der ehemalige Offizier verbüßt zur Zeit eine
Gefängnisstrafe von 18 Monaten, die ihm im August des vergangenen Jahres in La
Rochelle wegen Vertrauensbruches und Betrügereien zudiktiert wurde.
Unendlich schwerer sind die
von Roux im Gefangenenlager begangenen Straftaten. Es handelt sich um
nachgewiesene Verbrechen von solchem Umfang, daß es schwer zu begreifen ist, ob
Roux dafür allein die Verantwortung vor den Richtern trägt. In Chalelaillon
hatte dieser gemeine Mensch insbesondere mehrere Kriegsgefangene entkleiden
lassen und sie dann durch Schläge mit einer bleigefüllten Reitpeitsche
niedergeschlagen. Zwei der Unglücklichen starben an diesen
Knockout-Behandlungen.
Eine vernichtende Aussage
machte der deutsche Arzt Klaus Steen, der in Chatelaillon interniert war. Bei
seiner Vernehmung in Kiel, wo er wohnt, hat Steen erklärt, daß er von Mai bis
September 1945 fünfzig Todesfälle bei seinen Landsleuten im
Kriegsgefangenenlager festgestellt hat. Ihr Tod war durch die ungenügende
Ernährung, die harten Arbeiten und die ständige furcht vor Folterungen, in der
die Unglücklichen lebten, herbeigeführt worden.
Die Verpflegung des Lagers,
das unter dem Befehl des Majors Taxier stand, bestand tatsächlich nur aus einem
Teller klarer Suppe mit einem Stück Brot. Der Rest der Zuteilung ging auf den
schwarzen Markt. Es gab eine Zeit, in welcher der stand der Durchfallkranken 80%
erreichte.
Taxier und Roux nebst ihren
Untergebenen nahmen außerdem bei ihren Gefangenen Durchsuchungen vor und nahmen
ihnen dabei alle Wertgegenstände ab. Man beziffert den Betrag dieser Diebstähle
und der von den betreßten Gangstern erzielten Gewinne, die ihr Geschäft so gut
organisiert hatten, daß die Banknoten und Wertsachen im Automobil direkt nach
Belgien gebracht wurden, auf hundert Millionen.
Man darf hoffen, daß mit
Roux auch die anderen schuldigen bald im Fort Ha eingesperrt werden, und daß
eine exemplarische Strafe gegen diese wahren Kriegsverbrecher verhängt wird."
(Die Tageszeitungen am 19.
Oktober 1948.)
*
* *
-162-
KAPITEL III
Louis Martin-Chauffier
Er steht zwischen den
minderwichtigen Zeugen, die er überragt, weil er versucht, der von ihm erlebten
Ereignisse Herr zu werden oder zumindest, sie auf philosophische Weise zu
erklären, und den großen Tenoristen wie David Rousset, dessen Können er in bezug
auf Analyse nicht besitzt, oder wie Eugen Kogon, dessen Genauigkeit und
Kleinlichkeit ihm abgeht. Aus diesem Grunde und in Anbetracht des Platzes, den
er in der Literatur und der Journalistik der Nachkriegszeit einnimmt, konnte er
weder den ersteren noch den zweiten zugerechnet werden.
Er ist von Beruf
Schriftsteller.
Er gehört zu jener
Kategorie von Autoren, die man "verpflichtet" nennt. Er verpflichtet sich und
befreit sich ebenso oft — um sich erneut zu verpflichten, denn die Verpflichtung
gehört bei ihm zur zweiten Natur. Man hat ihn als sympathisierenden der
Kommunisten gekannt — erst spät —, zur Zeit ist er Antikommunist. Wahrscheinlich
aus denselben Gründen und unter denselben Umständen, weil es nämlich zeitgemäß
ist... und der Vorteile wegen!
Er konnte es nicht
unterlassen, über die Konzentrationslager auszusagen. Zunächst einmal, weil es
sein Lebensunterhalt ist, zu schreiben. Dann aber auch, weil er sich selbst eine
Erklärung für das Ereignis geben mußte, das ihn getroffen hatte. Daraus ließ er
die anderen Nutzen ziehen. sicher hat er gar nicht bemerkt, daß er fast ebenso
sprach, wie es alle taten.
Titel der Aussage: "L'Homme
et la Bete"1), 1948, bei Gallimard.
Besonderheit: hat Kartons
gesehen, die — selbstverständlich aus Kohle hergestellte — Margarine enthielten,
die man uns verteilte, und die mit dem Vermerk verpackt war: "Garantiert ohne
Fettgehalt".
2) "Der
Mensch und das Tier".
-163-
Eine Aussage, die eine
lange Betrachtung in bezug auf Geschehnisse ist, die der Verfasser als jeder
moralischen oder sozialen Betrachtung vorausgehend bezeichnet.
Die Art seiner Logik.
Bevor er nach Neuengamme
verschickt wurde, hat Louis Martin Chauffier im Lager Compiegne-Royallieu
geweilt. Dort hat er den Capitaine Douce, der damals Lagerältester war,
kennengelernt. Über ihn gibt er folgendes Urteil ab:
"Capitaine Douce,
Lagerältester und eifriger Diener aller, die ihm diese auserwählte Stellung
anvertraut hatten, nahm, auf einem Tische sitzend, seine Zählung mit lauter
Stimme vor, wobei er unaufhörlich Zigaretten rauchte, die uns entgegen der
Ordnung verweigert wurden."
In Neuengamme hat er Andre,
eine der ersten Lagerpersönlichkeiten, kennengelernt, einen mit Autorität
ausgestatteten Funktionär, der von der SS unter den Häftlingen ausgewählt worden
war. Von ihm zeichnet er folgendes Bild:
"Er wurde von der SS, die
von der mißtrauischsten Sorte war, scharf überwacht. Um die Rolle behalten zu
können, die er gewählt und. nur sehr schwer erhalten hatte, war er genötigt, mit
den Häftlingen in rauhem Ton zu sprechen und sich roll, gefühllos und
unnachgiebig in seinen Worten zu geben. Er wußte, daß die geringste Schwäche
eine Anzeige und seine sofortige Absetzung nach sich ziehen würde. Die meisten
ließen sich von seinem Benehmen irreführen und hielten ihn für einen
Helfershelfer der SS, für ihre Kreatur und unseren Feind. Da er für alle
Verschickungen und Stellenbesetzungen verantwortlich war, legte man ihm alle zur
Last, die er mit scheinbarer Gleichgültigkeit und ohne auf Bitten, Klagen und
Gegenbeschuldigungen einzugehen, auf Kommandos schickte . . . Wenn tausend
Verschickte auf Kommandos gehen sollten und nur 990 in Viehwaggons gezwängt
waren, kann man sich nicht die Listen vorstellen, die Andre gebraucht hatte,
alle Risiken, die er eingegangen war, um zehn Menschen einem wahrscheinlichen
Tode zu entziehen... Er wußte, daß er allgemein verabscheut und verdächtigt
wurde. Er hatte gewählt, dies zu sein, weil er den Dienst vorzog, den er dem
Würdigen erwies, . .
So habe ich Andre gesehen.
Er nahm die drohende Herzlichkeit der SS, die Ergebenheit der Kapos und
Blockältesten und die Feindschaft der Masse mit Gleichmut hin. Ich glaube, er
hatte die Demütigung überwunden und seine eigene Ehrsamkeit durch eine
-164-
Art eisiger Sauberkeit
ersetzt, die ihm selbst fremd war. Er hatte auf sein eigenes Ich zugunsten einer
Pflicht verzichtet, die in seinen Augen die Unterwürfigkeit wert war." (Seiten
167, 168, 169.)
Von zwei Männern, die
dieselben Funktionen erfüllen, gibt der eine also dem Autor das Recht zu
lakonischer strenge und Geringschätzung, während der andere sich nicht nur
seiner beifälligen Nachsicht, sondern auch noch seiner Bewunderung erfreut. Wenn
man genauer untersucht, erfährt man beim Lesen des Werkes, daß der letztere
Martin-Chauffier einen schätzenswerten Dienst unter Verhältnissen erwiesen hat,
der sein Leben in Gefahr brachte. Ich habe den Capitaine Douce in Compiegne
nicht kennengelernt, aber es ist sehr wahrscheinlich, daß sein einziges Unrecht
im Vergleich zu Andre darin bestand, daß er nicht die Gabe hatte, die Leute
auszuwählen, denen er Dienste leistete — denn auch er hatte sicher seine
Schutzbefohlenen —, und daß er zu begrenzte literarische Kenntnisse besaß, um zu
wissen, daß in seinem Wirkungskreis als Lagerältester eine gewisse Zahl von
Martin Chauffiers und Martin Chaurfier selbst vorhanden waren.
Übrigens ist der Zusatz
nicht überflüssig, daß diese Logik zu folgender Behauptung gelangt:
"Ich habe mit etwas
Schrecken und einiger Abneigung stets d i e j e n i g e n bewundert, welche
im Dienste für ihr Vaterland oder eine Sache, die sie für gerecht halten, alle
Folgen aus dem Doppelspiel auf sich nehmen: entweder das verächtliche Mißtrauen
des Gegners, der sie gebraucht oder sein Vertrauen, wenn er sie mißbraucht; und
den Ekel seiner Kampfgefährten, die in ihm einen Verräter sehen; und die
verächtliche Kameradschaft der wahren Verräter oder einfach Gekauften, die ihn,
wenn sie i h n bei derselben Tätigkeit sehen, für einen der ihren halten. Hier
ist ein Verzicht auf sich selbst erforderlich, der über meine Kraft geht, eine
Geschicklichkeit, die mich verwirrt, und die mir wider den Strich geht2).'
(Seite 168.)
2)
Anmerkung des deutschen Herausgebers: Über das vorstehende Zitat ist es zu
einem Meinungsstreit zwischen dem Verfasser dieses Buches, Herrn Rassinier,
und Herrn Martin- Chauffier über die Anwendung der französischen Satzlehre
gekommen. Nach Ansicht des Verfassers hätte Martin-Chauffier anstatt des
vorstehenden Wortlautes folgendes schreiben müssen:
"Ich habe
mit etwas Schrecken und einiger Abneigung stets diejenigen bewundert, welche
im Dienste für ihr Vaterland oder eine Sache, die sie für gerecht halten,
alle Folgen aus dem Doppelspiel auf sich nehmen: entweder das verächtliche
Mißtrauen des Gegners, der sie gebraucht, oder sein Vertrauen, wenn sie ihn
mißbrauchen, und den Ekel ihrer Kampfgefährten, die in ihnen Verräter sehen;
und die verächtliche Kameradschaft der wahren Verräter oder einfach
Gekauften, die sie, wenn sie sie bei derselben Tätigkeit sehen, für die
ihrigen halten. Hier usw. ..."
In
einer Fußnote erklärt der Verfasser hierzu: Dieses Zitat ist nicht
verstümmelt, wenngleich die fehlende Kenntnis der Satzlehre, die durch die
unterstrichenen Worte ins rechte Licht gerückt ist, dies glaubhaft machen
könnte. In "Le Droit de vivre = Das Lebensrecht" vom 15. Dezember 1950 hat
Martin-Chauffier mit nachstehenden Worten erwidert, der Text sei korrekt
geschrieben: "Es ist unnütz hinzuzufügen, daß eine Unkenntnis der Satzlehre
nicht vorliegt — eine Lüge mehr —, aber daß e i n Semikolon, das sich durch
Rassinier anstelle des Doppelpunktes eingeschlichen hat, diejenigen täuschen
können (also erneuter Fehler Martin-Chauffiers, denn es muß hier kann
heißen), die ihrer Grammatik nicht sehr sicher sind." Denn Martin- Chauffier
ist überzeugt, daß ein Keil den anderen treibt. Er ist "seiner Grammatik"
allzu "sicher" (vgl. auch Seite 10, Fußnote 15), als daß man ihm über die
Beziehungen zwischen dem Verb und seinem Subjekt oder dem Pronomen und
seinem analogen Fall leicht etwas erzählen könnte. Moral: ein Herr, der die
schule für das Studium von vorgeschichtlichen Handschriften verläßt, ist
anscheinend nicht verpflichtet, das zu wissen, was man von einem
zehnjährigen Kinde verlangt, um es zur Sexta zuzulassen. Da wir nicht im
geringsten tadelsüchtig sind, haben wir den von Martin-Chauffier geforderten
Doppelpunkt wiederhergestellt, den in der ersten Auflage ein unglücklicher
Druckfehler tatsächlich durch ein Semikolon ersetzt hatte: der Leser, der
feststellen sollte, daß dieser an der Angelegenheit etwas ändert, wird
gebeten, uns zu schreiben (gegen Kostenersatz!).
-165-
Man fragt sich, was die
Rechtsanwälte Petains erwarten, wenn sie sich auf dieses Argument berufen, das
seinen vollen Geschmack erst dadurch bekommt, daß es aus der Feder einer der
schönsten Blüten des unterirdischen Kommunismus herrührt. Wenn die Mode wieder
zum Petainismus zurückkehrt, wird Martin -Chauffiere auf jeden Fall hierauf
ziemlich stolz sein können und daraus vielleicht. . . einigen Nutzen ziehen.
Eine andere Art, Folgerungen zu ziehen.
Im Lager unterhält sich
Martin -Chauffiere mit einem Arzt, der ihm sagt:
"Augenblicklich gibt es im
Lager dreimal mehr Kranke, als ich aufnehmen kann. In spätestens fünf oder sechs
Monaten ist der Krieg zu Ende. Für mich handelt es sich darum, meine Absicht mit
der größtmöglichen Zahl zu erreichen. Ich habe gewählt. Sie und andere erholen
sich wieder langsam. Wenn ich sie in diesem Zustand und in dieser Jahreszeit (es
war Ende Dezember) ins Lager zurückschicke, sind sie in drei Wochen tot. Ich
behalte sie. Und — hören sie mir gut zu — ich nehme diejenigen auf, die nicht
sehr schwer krank sind, und die durch einen Aufenthalt im Revier gerettet werden
können. Diejenigen, welche verloren sind., lehne ich ab 3). Ich kann mir den
Luxus nicht erlauben, sie aufzunehmen, um ihnen einen friedlichen Tod zu
gewähren. Ich sichere die Erhaltung der Lebenden. Die anderen sterben acht Tage
früher: auf jede Weise wären sie zu früh gestorben. Um so schlimmer, ich mache
nicht in Gefühl, ich mache in Wirksamkeit. Dies ist meine Aufgabe. Alle meine
Kollegen sind mit mir einig, daß dies der richtige Weg ist. . . Jedesmal, wenn
ich einem sterbenden die Aufnahme verweigere, der mich erstarrt, erschreckt und
vorwurfsvoll anblickt, möchte ich ihm erklären, daß ich sein Leben gegen ein
Leben austausche, das vielleicht gerettet werden kann. Er würde mich nicht
begreifen, usw. ., ." (Seite 190.)
3) Im
Original unterstrichen.
-166-
An Ort und Stelle hatte ich
schon erfahren, daß man aus Gründen, unter denen die Krankheit oder ihre Schwere
manchmal erst in zweiter Linie ausschlaggebend war, ins Revier kommen und dort —
relativ — gepflegt werden konnte: Gewandtheit, politische Abstempelung oder
Notwendigkeit usw . . . Ich schrieb diese Tatsache den allgemeinen
Lebensverhältnissen zu. Wenn Ärzte, die Häftlinge waren, obendrein zu
Auffassungen kamen, wie sie Martin -Chauffiere diesem unterstellt, dann ist es
angebracht, dies als philosophisches Argument zu verzeichnen und es als
ursächliches Element dem "Sadismus der SS" bei der Erklärung der Zahl der Toten
an die Seite zu stellen. Denn bei einem Arzte bedarf es großen Wissens, großer
Sicherheit und auch Selbstsicherheit, um binnen weniger Minuten zu entscheiden,
wer gerettet werden kann und wer nicht. Und wenn es so gewesen sein sollte,
befürchte ich sehr, ob die Ärzte, die diesen ersten Schritt zu einer neuen
Auffassung über das Verhalten im Beruf getan haben, nicht schrittweise dazu
gekommen sind, auch einen zweiten zu machen und sich auch nicht zu fragen, wer
gerettet werden kann, sondern wer gerettet werden muß und wer nicht gerettet
werden muß und diese Gewissensfrage unter Berücksichtigung außertherapeutischer
Gebote zu lösen.
Die Lagerordnung.
"Die Behandlung, die uns
die SS zuteil werden ließ, war die Durchführung eines an höherer Stelle
abgekarteten Planes. Sie konnte Verfeinerungen, Verschönerungen, Verzierungen
enthalten, die der Initiative, der Phantasie oder dem Geschmack der Lagerführer
überlassen blieben: der Sadismus hat Nuancen. Die allgemeine Absicht stand fest.
Bevor man uns umbrachte oder uns sterben ließ, mußte man uns gesundheitlich
herunterbringen." (Seite 85.)
Während der Besatzungszeit
bestand in Frankreich eine Vereinigung der Familien von Verschickten und
politischen Internierten. Wenn eine Familie sich an sie wandte, um Aufklärung
über das Schicksal ihres Verschickten zu erhalten, bekam sie einen von dieser
"hohen deutschen Stelle" ausgehenden Bericht.
Hier folgt er 4):
"Lager Weimar. — Das Lager
befindet sich 9 km von Weimar entfernt und ist durch eine Eisenbahn mit ihm
verbunden. Es liegt auf 800 m Höhe.
4) Nach
meiner Kenntnis ist er von Jean Puissant in seinem Buche "La colline
sans oiseaux" = "Der Hügel ohne Vögel" zitiert worden. Eine ehrliche und
genaue Beschreibung — die beste Aussage über die Lager.
-167-
Es hat drei kreisförmige
Stacheldrahtumzäunungen. In der ersten Umzäunung liegen die Baracken der
Gefangenen, zwischen der ersten und zweiten die Fabriken und Werkstätten, in
welchen Zubehörteile zu Rundfunkapparaten, mechanische Teile usw. . . .
hergestellt werden.
Zwischen der zweiten und
dritten Umzäunung erstreckt sich ein unbebautes Gelände, dessen Abholzung man
beendet, und auf dem man die Lagerstraßen und die Kleinbahn anlegt.
Die erste
Stacheldrahteinzäunung ist elektrisch geladen und mit zahllosen
Beobachtungstürmen versehen, auf denen sich je drei bewaffnete Männer befinden.
An der zweiten und dritten stehen keine Wachen, aber in der Umfriedung der
Fabriken liegt eine Kaserne der SS; nachts geht die SS Patrouillen mit Hunden,
ebenso in der dritten Umzäunung.
Das Lager erstreckt sich
über 8 km und kann etwa 300 000 lnternierte aufnehmen. Bei Beginn des
nationalsozialistischen Regimes waren dort politische Gegner interniert.
Von den Insassen sind die
Hälfte Franzosen, die Hälfte Fremde, nazifeindliche Deutsche, die aber Deutsche
bleiben und die Mehrzahl der Blockältesten stellen. Außerdem sind Russen
vorhanden, unter ihnen Offiziere der Roten Armee, Ungarn, Polen, Belgier,
Holländer usw. .. .
Die Lagerordnung ist
folgende:
4.30 Uhr: Aufstehen,
Toilette nackt, die überwacht wird, Waschen des Körpers ist Zwang.
5.30 Uhr: 500 ccm Suppe
oder Kaffee mit 450 g Brot (manchmal bekommen sie weniger Brot, aber sie haben
eine reichliche Portion Kartoffeln von guter Beschaffenheit); 30 g Margarine,
eine Scheibe Wurst oder ein Stück Käse.
12 Uhr: einen Kaffee.
18.30 Uhr: einen Liter gute
dicke Suppe.
Um 6 Uhr morgens Abmarsch
zur Arbeit. Das Antreten je nach Beschäftigung, Fabrik, Wegstrecke,
Holzhauerarbeit usw. . . . In jeder Abteilung stellen die Männer sich in
Fünferreihen auf und halten sich. am Arm, damit die Reihen gut ausgerichtet und
voneinander getrennt sind. Dann wird abmarschiert, Musik an der Spitze (aus 70
bis 80 Musizierenden gebildet; Internierten in Uniform: rote Hose, blaues Wams
mit schwarzen Aufschlägen).
Der Gesundheitszustand im
Lager ist sehr gut. An der Spitze stellt Professor Richet, ein Verschickter.
Ärztliche Visite jeden Tag. Es sind zahlreiche Ärzte vorhanden, eine
Krankenstube und ein Krankenhaus, wie bei einem Regiment. Die Internierten tra-
-168-
gen die Kleidung der
deutschen Strafgefangenen in relativ warmem Kunsttuch. Ihre Wäsche ist bei der
Ankunft desinfiziert worden. Sie haben zu je zwei Mann eine Decke.
Im Lager gibt es keine
Kirche. Dennoch sind zahlreiche Priester unter den Internierten, die im
allgemeinen aber ihre Eigenschaft verbergen. Diese Priester versammeln die
Gläubigen zu Plaudereien, zum Beten des Rosenkranzes usw. . . .
Freizeit. — Vollkommene
Freiheit im Lager am Sonntagnachmittag. Der Abend dieses Tages wird durch
Vorstellungen verschönt, die von einer aus Internierten gebildeten Theatergruppe
dargeboten werden. Kino ein- oder zweimal je Woche (deutsche Filme), Rundfunk in
jeder Baracke (deutsche Mitteilungen). Schöne Konzerte, die vom Orchester der
Gefangenen veranstaltet werden.
Alle Gefangenen sind sich
darüber einig, daß sie es in Weimar besser haben, als in Fresnes oder den
anderen französischen Gefängnissen.
Wir teilen den Familien
der Verschicken mit, daß der alliierte Bombenangriff auf die Fabriken von
Weimar, der gegen Ende August stattfand, keine Opfer unter den Verschickten
gefordert hat.
Wir teilen auch mit, daß
die meisten von Compiegne und Fresnes im August 1944 abgegangenen Züge nach
'Weimar geleitet wurden."
Jean Puissant, der diesen
Text zitiert, läßt ihm nachstehendes Werturteil folgen: ein Monument an Betrug
und Lügen.
Offenbar ist er in
günstigem Stil geschrieben. Man sagt nicht, daß die mechanischen Einzelteile,
die man in den Werkstätten von Buchenwald herstellt, Waffen sind. Es wird in ihm
nicht von den Erhängungen wegen Sabotage, den Appellen und Nachappellen, den
Arbeitsverhältnissen, den Körperstrafen gesprochen. Es ist darin auch nicht
erläutert, daß die Freiheit am Sonntagnachmittag durch die Zufälligkeiten des
Lebens in der Unterkunft begrenzt ist, noch daß die Priester, wenn sie die
Gläubigen zu Plaudereien oder Gebeten vereinigen, dies heimlich und unter der
Gefahr unerbittlicher Verdrießlichkeiten tun, daß die Atmosphäre Komplotten
gleichen könnte. Man lügt auch, wenn man behauptet, die Verschickten seien dort
bessergestellt wie in französischen Gefängnissen, daß der Bombenangriff vom
August 1944 keine Opfer unter den Internierten gefordert hätte, oder daß die
meisten Züge aus Fresnes oder Compiegne nach Weimar geleitet worden seien.
Aber wie dem auch sei,
dieses Schreiben kommt der Wahrheit näher als die Aussage des Bruder Birin,
hauptsächlich in bezug auf die Ernäh-
-169-
rung. Und schließlich ist
es eine Zusammenfassung der Lagerordnung, wie sie in den leitenden Kreisen des
Nazismus aufgestellt wurde. Daß sie nicht zur Anwendung kam, ist gewiß. Die
Geschichte wird berichten, warum. Wahrscheinlich wird sie den Krieg als die
Hauptursache herausstellen, die grundsatzmäßige Verwaltung der Lager durch die
Häftlinge selbst und auch die Verschlechterungen, die in einer stufenweise
eingeteilten Verwaltung alle von der Leitung nach unten gehenden Anordnungen
erleiden. Beim Regiment ist es ebenso, die Befehle des Obersten laufen an die
Truppe durch den Adjutanten, und die Verantwortung für die Ausführung obliegt
dem Gefreiten: in einer Kaserne weiß jeder, daß der Gefährliche der Adjutant ist
und nicht der Oberst. Und ebenso ist es in Frankreich mit den Verordnungen der
öffentlichen Verwaltungen, die die Kolonien betreffen: sie sind in einem Geist
abgefaßt, der jenem Lebensbild entspricht, das alle Lehrer aller Dorfschulen
entwerfen; sie heben die zivilisatorische Mission Frankreichs hervor und man muß
nur die Schriften von Louis Ferdinand Celine, Julien Blanc oder Felicien
Challaye lesen, um eine genaue Vorstellung von dem Leben zu bekommen, das die
Militärs unseres Kolonialreiches den eingeborenen Zivilisten auf Rechnung der
Kolonisten bereiten.
Für meinen Teil bin ich
davon überzeugt, daß in den durch den Krieg bedingten Grenzen nichts die uns
verwaltenden und kommandierenden, uns überwachenden und unseren äußeren Rahmen
bildenden Häftlinge daran hätte hindern können, aus dem Leben in einem
Konzentrationslager etwas zu machen, das dem Bilde in etwa gleichkam, welches
die Deutschen durch Zwischenträger den Familien darstellten, die um
Unterrichtung gebeten hatten.
Schlechte Behandlung.
"Ich habe gesehen, wie von
meinen unglücklichen Gefährten solche, deren einzige schuld darin bestand, daß
sie kraftlose Arme hatten, unter den Schlägen starben, die ihnen deutsche
politische Häftlinge verabfolgten, die zu Werkmeistern ernannt und zu
Mitschuldigen ihrer einstigen Gegner geworden waren." (Seite 92.)
Die Erklärung folgt:
"Diese Rohlinge hatten mit
ihren Schlägen zuerst nicht die Absieht, zu töten; sie töteten jedoch in einem
Anfall fröhlicher Wut, mit entzündeten Augen, scharlachrotem Gesicht, Schaum vor
dem Mund, weil sie nicht aufhören konnten: sie mußten mit ihrem Vergnügen bis
zum Äußersten gehen."
Es handelt sich um eine
Begebenheit, die ungewöhnlicherweise ohne unwahre Ausflucht den Häftlingen
zugerechnet wird. Man weiß nie: ist es möglich, daß es Menschen gibt, die "in
einem Anfall fröhlicher Wut" töten, und die kein anderes Ziel haben, als "bis
zum Äußersten in ihrem
-170-
Vergnügen zu gehen". In der
Welt, die, wenn auch nicht normal, so doch zumindest zur Gewohnheit geworden und
traditionsgemäß als gut befunden wird, gibt es Regelwidrigkeiten: also kann es
sie auch in einer Welt geben, in der alles regelwidrig ist. Ich möchte jedoch
vielmehr glauben, wenn ein Kapo, ein Blockältester oder ein Lagerältester sich
so weit gehen ließen, dann gehorchten sie aus Komplexen entstandenen Trieben,
die sie dafür zugänglich machten: dem Bedürfnis, sich zu rächen, dem Bestreben,
den Herren zu gefallen, die ihnen einen gesuchten Posten anvertraut hatten, dem
Wunsch, diesen um jeden Preis zu behalten usw. ... Ich sage weiter noch, daß
sie, wenn sie roh wurden, sich im allgemeinen hüteten, den Tod eines Menschen
herbeizuführen, weil dies geeignet gewesen wäre, ihnen Unannehmlichkeiten mit
der SS zu bereiten, zumindest in Buchenwald und Dora.
Trotz dieser Erklärung muß
man Martin -Chauffiere Nachsicht angedeihen lassen, wenn er noch zwei Dinge
erwähnt, deren verbrecherischer Charakter keinesfalls als Ergebnis der
"Durchführung eines an hoher Stelle abgekarteten Planes" angesehen werden kann:
"Jede Woche machte der Kapo
des Reviers die Visite (er verstand davon nichts), prüfte die Temperaturblätter,
deren Ränder mit Bemerkungen um eine beunruhigende Diagnose bedeckt waren,
betrachtete die Kranken: wenn ihr Kopf ihm nicht gefiel, erklärte er sie ohne
Rücksicht auf ihren Gesundheitszustand als entlassungsreif. Der Arzt versuchte,
seiner Entscheidung zuvorzukommen oder ihn geneigt zu machen, was schwer
vorauszusehen war, denn der Kapo, bei welchem Eindrücke das Wissen vertraten,
hatte außerdem noch Grillen." (Seite 185'.)
Und:
"Der eisige Luftzug, die
Toilette bei zwangsweise nacktem Rumpf, waren Maßnahmen der Gesundheitspflege.
Jedes Vernichtungsverfahren verbarg sich so hinter einer sanitären Heuchelei.
Dies erwies sich als höchst wirksam. Alle, die an irgendeinem Brustleiden
erkrankt waren, wurden binnen weniger Tage hinweggerafft." (Seite 192.)
Nichts verpflichtete den
Kapo zu diesem Verhalten und nichts die Stubendienste, Kalfaktoren und Pfleger
des Reviers, diesen eisigen Luftzug wehen zu lassen, oder die ihnen anvertrauten
Unglücklichen ihre Toilette mit nacktem Rumpf und unterschiedslos in kaltem
Wasser vornehmen zu lassen.
Sie taten es jedoch in der
Absicht, der SS zu gefallen, die dies in den meisten Fällen nicht wußte, und um
ihre stelle zu behalten, die ihnen das Leben rettete.
-171-
Es wäre wünschenswert
gewesen, wenn Martin -Chauffiere seine Anklageschrift gegen die ersteren mit
derselben strenge wie gegen die SS gerichtet oder wenigstens die
Verantwortlichkeiten gleichmäßig verteilt hätte.
Das Schlußwort.
Der Zeitpunkt der
Veröffentlichung dieses Buches in Frankreich hat mir nicht die Möglichkeit
geboten, die von der Hoover-Stiftung gesammelten und viel später
veröffentlichten Aussagen zu verwenden.
Anschließend folgt, was aus
der Feder von Dominique Canavaggio (des ehemaligen Chefredakteur des "Temps de
Paris" und Schwiegersohnes des Pastors Boegner) über Martin -Chauffiere zu lesen
ist:
"Louis Martin-Chauffier —
der später von der Gestapo verhaftet und nach Auschwitz verschickt werden sollte
— war Mitarbeiter bei "Sept jours", einer Wochenzeitung von Jean Prouvost. Eines
Morgens, als ich mich in Lyon befand, kam er mit einem vor Angst entstellten
Gestellt zu mir:
«Meine Tochter hat
Tuberkulose; ihr Zustand ist sehr ernst: ich habe versucht, sie in Frankreich
behandeln zu lassen; es ist unmöglich; man findet hier nirgendwo die
erforderliche Höhe, Behaglichkeit und Verpflegung vereint; nur ein Aufenthalt in
der Schweiz könnte sie retten. Glauben sie, daß sie von Laval einen Reisepaß
erhalten können?»
Ich versprach ihm, sogar
das Unmögliche zu versuchen, und. nach meiner Rückkehr suchte ich gleich den
Regierungschef in Vichy auf. Unmöglich war wohl das richtige Wort, denn seit
November 1942 kontrollierten die Deutschen streng die Ein- und Ausreisen an den
Schweizer Grenzen: sie ließen sozusagen niemand außer einigen offiziellen
Persönlichkeiten durch.
Überdies war der Name
Martin-Chauffier bei ihnen damals schon5) leicht verdächtig und nicht
dazu angetan, die Dinge zu erleichtern. Laval hörte meine Bitte an, ohne mich zu
unterbrechen, dann, als ich geendet hatte:
«Martin-Chauffier? . . .
Das ist wohl der, der zur Zeit von München Artikel geschrieben hat, in denen er
forderte, ich müsse zum Galgen geschickt werden?»
«Ja, Herr Präsident, der
ist es.»
Es war einen Augenblick
still; mein Blick hielt dem seinen stand. Endlich ließ er verlauten:
5)
Dominique Canavaggio sagt mit gutem Recht "schon": er war es nämlich nicht
immer.
-172-
«Sagen sie ihm, daß seine
Tochter nach der Schweiz gehen wird . . .Regeln sie die Formalitäten mit
Bousquet.»
«Danke, Herr Präsident, ich
war sicher, daß sie es tun würden: und ich bin nicht sicher, daß
Martin-Chauffier dankbar sein wird...»
Er hielt mich mit einer
Bewegung zurück:
«Ich verlange keinen Dank;
ich tue es aus menschlichem Pflichtgefühl.»
(Dominique Canavaggio,
Journalist)
Wie man sieht, war
Martin-Chauffier ganz besonders geeignet, einer der denkenden Köpfe der
Widerstandsbewegung in Frankreich zu werden. Er "beehrt" mit seiner
(episodischen) Kollaboration ferner "Le Figaro", "Paris-Presse" und
"Paris-Match". Das biographische Nachschlagewerk "Pharos" schreibt von ihm, daß
er vor dem Kriege seine politischen Meinungen klar zu erkennen gegeben und seine
Sympathien für den Kommunismus während des Bürgerkrieges in Spanien bestätigt
hatte: er war 1937 in die UdSSR gereist. 1945 befand er sich natürlich wieder
auf der Seite der Kommunisten in dem berühmten "comite national des ecrivains"
(dem Nationalausschuß der Schriftsteller) und unter den wütendsten Verfolgern.
Zweifelsohne mußte er
Vergebung für das zu erreichen suchen, was sich zwischen diesen beiden Daten
zugetragen hatte. Denn heute steht Martin-Chauffier -- wie auch Eugen Kogon und
David Rousset -- in kühlem Verhältnis (oder tut so, als stehe er in kühlem
Verhältnis) zu den Kommunisten, deren Spiel er getrieben hat und weiterhin
treibt.
Für wie lange?
*
* *
-175-
KAPITEL IV
Die Psychologen
David Rousset und die
Welt der Konzentrationslager.
Von allen Zeugen erreicht
keiner diese Geschicklichkeit, diese beschwörende Kraft und diese Genauigkeit in
der Wiederherstellung der allgemeinen Atmosphäre in den Lagern, als deren
größter Tenorist er auf weltweiter Ebene anerkannt ist. Aber keiner hat auch
seiner Darstellung eine mehr oder minder romanhafte Form gegeben.
Die Geschichte wird seinen
Namen festhalten: ich befürchte hauptsächlich in seiner Eigenschaft als Literat.
Auf geschichtlichem Boden hat — offen gesagt — die Umhüllung das Erzeugnis
annehmbar gemacht. Er hat es übrigens geahnt und Vorsorge getroffen indem er
schrieb:
"Es hat sich
herausgestellt, daß ich über bestimmte Geschehnisse so berichtet habe, wie sie
in Buchenwald bekannt waren und nicht, wie sie später veröffentlichte Dokumente
darstellen . . . Widerspreche in den Einzelheiten bestehen vor allem nicht nur
zwischen den Aussagen, sondern auch zwischen den Dokumenten. Die meisten der bis
heute veröffentlichten Niederschriften erstrecken sich nur auf ganz äußerliche
Aspekte des Lagerlebens oder sind Entschuldigungen, die mit Anspielungen zu
Werke gehen und mehr die Bestätigung von Grundsätzen als eine Sammlung von
Tatsachen sind. Solche Dokumente sind aber nur unter der Bedingung wertvoll, daß
sie schon genau das kennen, von dem sie sprechen: dann ermöglichen sie oft, ein
noch unbemerktes Bindeglied zu finden. Ich habe mich besonders bemüht, die
Beziehungen zwischen den Gruppen in ihrem wahren Zustand und ihrer Dynamik
wiederzugeben." ("Les jours de notre mort" = "Die Tage unseres Sterbens",
Anhang, Seite 764.)
Diese Logik hat ihm
ermöglicht, diejenigen Dokumente völlig oder fast völlig unbeachtet zu lassen,
welche die Lager des Ostens betreffen, und unter Berufung auf die Tatsache, daß
sie sowohl selten wie dürftig sind, zu erklären:
-174-
"Der Rückgriff auf
unmittelbare Aussagen ist die einzig ernsthafte Methode der Forschung."
(Ebenda.)
und dann unter diesen
unmittelbaren Aussagen diejenigen auszusuchen, die seinem augenblicklichen
Standpunkt am besten dienten.
"Unter diesen Umständen
handelte es sich", so räumt er ein, "um einen beherzten — vielleicht könnte man
sagen gewagten — Versuch, ein Gesamtbild der Welt der Konzentrationslager
anzustreben." (Ebenda.)
Man könnte ihn nicht besser
charakterisieren, als er es selbst tut. Warum hat er aber dann die Lager in
dieser Form dargestellt, die mit kategorischen Behauptungen vorgeht?
"Die Welt der
Konzentrationslager" (Pavois, "1946) hatte einen verdienten Erfolg. In dem
Konzert der minderwichtigen Zeugen, die nach Rache und Tod der besiegten
Deutschen schrien1), versuchte er die Verantwortung auf den Nazismus abzuwälzen
und kennzeichnete damit eine Wendung, eine neue Richtung. Das friedliebende
Frankreich war David Rousset dankbar, daß er mit folgenden Worten schloß:
"Das Vorhandensein der
Lager ist eine Warnung. Die deutsche Gesellschaft hat infolge der Macht der
Wirtschaftsstruktur und der Schwere der Krise, von der sie vernichtet wurde,
einen bisher ausnahmsweisen Zerfall in der gegenwärtigen Weltkonjunktur
kennengelernt. Aber der Nachweis wäre leicht, daß die charakteristischen Züge
der SS-Mentalität und der sozialen Grundlagen sich auf sehr vielen anderen
Sektoren der Gesellschaft der ganzen Welt wiederfinden. Jedoch mit weniger
Anklagen und natürlich ohne einen gemeinsamen Maßstab zu den bekannten
Entwicklungen im Großdeutschen Reich. Aber dies ist nur eine Frage der
Verhältnisse. Es wäre Schwindel und verbrecherisch, wollte man behaupten, es sei
den anderen Völkern nicht möglich, wegen der entgegenstellenden natürlichen
Ursachen eine ähnliche Erfahrung zu machen. Deutschland hat mit der seiner
Geschichte eigenen Besonderheit die Krise ausgelegt, die es zu der Welt der
Konzentrationslager führte. Aber das Vorhandensein und der Verlauf dieser Krise
berühren die wirtschaftlichen und sozialen Grundlagen des Kapitalismus und
Imperialismus. Unter einer neuen Gestaltung können
1) "Die
Franzosen müssen wissen und behalten, daß dieselben Irrtümer auch wieder
dieselben Greuel herbeiführen. Sie müssen vor dem Charakter und den Fehlern
ihrer Nachbarn jenseits des Rheines, vor dieser Rasse von Beherrschern, auf
der Hut bleiben, und deshalb hat Häftling Nummer 47 652 diese Zeilen
geschrieben. Franzosen, seid wachsam und vergeßt nie." (Bruder Birin, "16
Monate Gefängnis", Seite 117.) Übrigens war in aller Munde und mit aller
diesem Worte anhaftenden Bitterkeit, wenn man es richtig ausspricht, der
"Boche" wiedererstanden.
-175-
morgen noch ähnliche
Auswirkungen sichtbar werden). Es handelt sich demzufolge um eine Schlacht, die
mit großer Deutlichkeit zu führen ist." (Seite 187.)
"Die
Tage unseres Sterbens" (1947), welche die Grundgedanken von "Die Welt der
Konzentrationslager" wieder aufgreifen und sie bis in die letzten Winkel der
Spekulation ausdehnen, sind von diesem Glaubensbekenntnis recht weit entfernt,
das übrigens "Le Pitre ne rit pas" ("Der Hanswurst lacht nicht") (1948)
völlig vergißt. Woraus geschlossen werden muß, daß David Rousset seine Meinung
unter dem Deckmantel, genauer zu werden, geändert hat, was schließlich dazu
führte, daß sein Werk in den Augen der Öffentlichkeit einen mehr antideutschen
als antinazistischen Charakter angenommen hat. Diese Entwicklung war um so
bemerkenswerter, als sie mehrere Schwächen für den Bolschewismus enthielt, und
daß sie ihre Schlußfolgerung in einem Antibolschewismus gefunden hat, von dem
man sagen könnte, er würde sich vorbehaltlos in Russenfeindschaft verwandeln,
sobald die Weltkrise sich so beschleunigt, daß sie im Kriege endet.
Das Besondere an "Die Welt
der Konzentrationslager" ist also gewesen, daß dieses Buch bei der Formulierung
der Verantwortlichkeiten zwischen Deutschland und dem Nazismus einen Unterschied
machte. Dieser hat sich durch eine Theorie verdoppelt, die insofern Aufsehen
erregte, als sie das Betragen der mit der Führung der Lagergeschäfte
beauftragten Häftlinge mit der Notwendigkeit rechtfertigte, vor allen Dingen die
Elite der Revolutionäre für die Nachkriegszeit zu retten3). Wenn
Martin-Chauffier den Arzt rechtfertigt, der die größtmögliche Zahl von
Häftlingen dadurch retten will, daß er seine Bemühungen gewissen Kranken zuerst
zukommen läßt, und David Rousset die Politik rechtfertigt, die die Qualität und
nicht die Zahl retten will, aber eine Qualität, die durch gewisse, außerhalb des
Menschlichen liegende Imperative bestimmt wird, dann ergibt dies viele
Argumente, und nicht die Schlechtesten, die auf Kosten der anonymen Masse der
Insassen der Konzentrationslager gehen. Und wenn man bei dem einen oder anderen
Fall eines Tages von philosophischem Betrug spricht, wird darin nichts Er-
2) Der
Beweis — "Während es mehreren hunderttausend erwachsenen «verdrängten
Personen" gelungen ist, die Lager zu verlassen und nach beiden Amerika
auszuwandern, befinden sich Tausende von Kindern und Greisen noch unter der
Kontrolle der I.R.O. in dunklen Baracken Deutschlands, Österreichs und
Italiens. Aber die internationale Flüchtlingsorganisation wird ihre Arbeiten
in einigen Monaten beenden und man fragt sich, welches Schicksal dann die
preisgegebenen Waisen erleiden werden.
Ihre
Lage ist jetzt schon tragisch, denn in gewissen Lagern erhalten sie als
Gesamtverpflegung wertmäßig nur drei- bis vierhundert Kalorien täglich und
niemand weiß, ob diese unzureichende Zuteilung beibehalten werden kann.
Unter diesen Bedingungen übt die Sterblichkeit schreckliche Verheerungen
aus" (Die Zeitung "La Bataille" vom 9. Mai 1950). Die Zeitung berichtet, daß
15 Millionen in einem von Hitler, Mussolini und dem ganzen faschistischen
Übergewicht befreiten Europa so leben müssen. Ich fordere, daß man die
Behandlung, der ihre Bewacher sie unterzogen haben, untersucht. P. R.
3) Diese
Theorie tritt in "Die Tage unseres Sterbens" noch deutlicher zutage.
-176-
staunliches liegen.
Boshafte Geister könnten sogar hinzusetzen, David Rousset sei wahrscheinlich
durch den deutschen kommunistischen Kapo Emil Künder vor dem Tode gerettet
worden, weil dieser ihn als zu jener revolutionären Elite gehörend betrachtete,
die ihm hierfür große Freundschaft erwies und ihn heute verleugnet.
Dies sei unbeschadet
einiger anderer Vorbehalte gesagt.
Das Postulat der Theorie.
"Es ist normal, daß alle
lebendigen Kräfte einer Klasse in der totalitärsten bis jetzt ausgedachten
Schlacht eingesetzt werden, damit die Gegner nicht mehr schaden können und, wenn
notwendig, vernichtet werden." (Seite 107.)
Er ist unangreifbar. seine
ohne Übergang ausgesprochene Folgerung ist es viel weniger:
"Der Zweck der Lager ist
wohl die physische Vernichtung." (Ebenda.)
Man kommt nicht um die
Bemerkung herum, daß in dem Postulat die physische Vernichtung von der
Notwendigkeit abhängig gemacht wird und nicht grundsätzlich befohlen ist: sie
ist nur für den Fall ins Auge gefaßt, in dem die Maßnahme der Internierung
allein nicht ausreichen sollte, um den Einzelnen unschädlich zu machen.
Nach einem großen Sprung
oder einer ungezwungenen Darlegung dieser Formulierung liegt kein Grund mehr
vor, aufzuhören, nun kann man schreiben:
"Der Befehl trägt das
Kennzeichen des Herrn. Der Lagekommandant weiß nichts. Der Blockführer4)
weiß nichts. Der Lagerälteste5) weiß nichts. Die Ausführenden wissen
nichts. Aber der Befehl bestimmt den Tod und die Todesart und die Dauer, die zum
Sterben aufgewendet werden muß. Und in dieser Wüste des Nichtwissens reicht dies
aus." (Seite 100)
was eine Form ist, die
einmal erlaubt, das Bild auszuschmücken, die Verantwortlichkeit
Martin-Chauffiers "hoher Stelle" zuzuschreiben und zugleich den Schluß auf einen
vorgefaßten Plan der Systematisierung des durch eine Philosophie
gerechtfertigten Schreckens zuläßt.
"In der Philosophie der SS
ist die auf geistigem und physischem Weg zum Ausdruck kommende Herrschaft des
Schlechten der Feind. Der Kommunist, der Sozialist, der deutsche Liberale, die
Revolutionäre, die ausländischen Widerstandskämpfer sind aktive Verkörperungen
des Schlechten, Der statische Ausdruck des Schlechten ist aber das objektive
Vorhandensein gewisser Rassen:
4) Der
für das Leben in einem Block verantwortliche SS-Angehörige.
5) Der
von der SS ausgewählte Häftling.
-177-
Juden, Polen, Russen. Es
ist nicht nötig, daß ein Jude, ein Pole, ein Russe gegen den Nationalsozialismus
handelt: sie sind durch Geburt und Vorherbestimmung nicht assimilierbare
Ketzer, die für das apokalyptische Feuer bestimmt sind. Der Tod hat also keinen
vollkommenen Sinn. Allein die Sühne kann für die Herren befriedigend, beruhigend
sein. Die Konzentrationslager sind die erschütternde und verwickelte Maschine
für die. Sühne. Die zum Sterben Bestimmten gehen mit einer berechneten
Langsamkeit in den Tod, damit ihre physische und seelische Entartung, die
stufenweise verwirklicht wird, sie endlich zur Erkenntnis kommen läßt, daß sie
Verfluchte, der Ausdruck des Schlechten und keine Menschen sind. Und der
priesterliche Gerichtsherr empfindet eine Art geheimer Freude, innerer Wonne,
wenn er die Körper vernichten kann." (Seiten 108—109.)
Woraus folgendes zu ersehen
ist: geht man von den Konzentrationslagern als beabsichtigten Mitteln aus, die
Gegner verhindern sollen, schädlich zu werden, so kann man aus ihnen auf leichte
Art grundsätzliche Vernichtungsinstrumente machen und bis ins Unendliche über
den Zweck dieser Vernichtung schreiben. Das Weitere ist dann nur noch eine Frage
der Fähigkeit zu geistigen Konstruktionen und der Kunstfertigkeit. Aber die
literarische Mühe, die solche glücklichen Auswirkungen des Sadismus produziert,
ist völlig unnütz, und es ist gar nicht mehr nötig, das Ereignis selbst erlebt
zu haben, um es so zu schildern: es war nur eine Rückerinnerung an Torquemada6)
und eine Abschrift der Thesen der Inquisition.
Bei dem ersten Teil der
Erklärung, die Russen und Polen in der Vorstellung der leitenden Nazis den Juden
gleichstellt, halte ich mich nicht auf: die Phantasie ist augenfällig.
Die Arbeit
"Die Arbeit ist als
Strafmittel beabsichtigt. Die Arbeitskräfte in den Konzentrationslagern sind von
zweitrangigem Interesse, eine der inneren Natur der Welt der Konzentrationslager
fremde Sorge. Psychologisch hängt sie sich diesem Sadismus an, der die Häftlinge
zwingen will, die Instrumente ihrer Knechtschaft zu sichern. Infolge
6)
Torquemada = durch seine Greuel berüchtigter Inquisitor in Spanien, dessen
Name mit der Erinnerung an die Inquisition unlösbar verbunden ist
(1420—1498).
-178-
geschichtlicher
Nebenumstände sind die Konzentrationslager auch zu Unternehmen für öffentliche
Arbeiten geworden. Da die Ausweitung des Krieges auf die Weltebene eine totale
Beschäftigung aller erforderte, der Lahmen, der Tauben, der Blinden und der
Kriegsgefangenen, teilte die SS mit Peitschenhieben die blinde Meute der
Konzentrationslager-Insassen zu den vernichtendsten Aufgaben ein. Das Hauptziel
der Arbeit der Insassen von Konzentrationslagern war nicht die Verwirklichung
genau festgelegter Aufgaben, sondern die Erhaltung der "geschützten Häftlinge"7)
unter dem engsten, entwürdigendsten Zwang." (Seiten 110, 111, 112.)
Hat man sich einmal dazu
entschieden, der Zweck des Lagers sei die Vernichtung gewesen, dann wird es
offenbar, daß die Arbeit als solche in der Theorie der Mordmystik nur als
minderwichtiger Bestandteil erscheint. Eugen Kogon, von dem im folgenden Kapitel
die Rede sein wird, geht zwar von demselben Grundsatz, aber mit weit weniger
Spitzfindigkeit in der Form aus und schreibt hierüber in "Die organisierte
Hölle"8):
"Ein zweiter,
materialistischer Nebenzweck der Konzentrationslager war die Sammlung und
Verwendung SS-eigener Arbeitssklaven, die nur für den Bedarf ihrer Herren zu
leben hatten, solange sie eben leben durften . . .
Die genannten Nebenzwecke —
Abschreckung der Bevölkerung, Verwendung von Sklavenarbeit und Erhaltung der
Lager als Trainings- und Experimentierfelder der SS — traten daher, was die
Begründung der Einlieferungen in die Konzentrationslager angeht, mehr und mehr
in den Vordergrund, bis der von Hitler entfesselte, von ihm und der SS immer
systematisch ins Auge gefaßte und vorbereitete europäische Krieg den ganz großen
Aufschwung der Lager brachte." (Seiten 27 und 28.)
Aus der
Nebeneinanderstellung dieser beiden Texte geht hervor, daß nach dem ersteren es
der geschichtliche Nebenumstand des Krieges war, der die Verwendung von
Häftlingen als Arbeitskräfte in den Vordergrund der Lager gerückt hat, und auch
sie erst, nachdem er sich auf Weltebene ausgedehnt hatte, während nach dem
zweiten dieses Ergebnis bereits vor dem Kriege erreicht war und dieser ihr nur
größere Bedeutung verlieh.
Ich entscheide mit für den
zweiten: die Einteilung der Lager in Konzentrationslager, Arbeitslager und
Straflager war zur Zeit der Kriegs-
7) In der
deutschen Sprache wurden die Lager Schutzhaftlager genannt, d. h. Lager zu
schützender Häftlinge (gegen die Wut des Volkes).
8) "Die
organisierte Hölle" ist der Titel der französischen Ausgabe von Kogons Buch;
"Der SS-STAAT".
-179-
erklärung eine vollendete
Tatsache. Das Internierungsunternehmen vollzog sich vor und während des Krieges
in zwei Zeitabschnitten: man legte die Eingezogenen in einem für die Arbeit
vorgesehenen oder organisierten Lager zusammen, das dazu noch die Rolle einer
Auslesestelle spielte; von dort leitete man sie je nach den Erfordernissen der
Arbeit nach den anderen. Es gab noch einen dritten Zeitabschnitt für die im
Laufe der Internierung begangenen Delikte: die Versendung als Strafe in ein
Lager, das noch im allgemeinen Aufbau begriffen war und als Straflager angesehen
wurde, das aber im Augenblick seiner Vollendung von selbst zu einem ordentlichen
Lager wurde.
Ich möchte noch hinzufügen,
daß nach meiner Ansicht die Arbeit immer vorgesehen war. Dies gehört zur
internationalen Gesetzgebung über Strafvollzug: in allen Ländern der Erde läßt
der Staat alle, die er gefangensetzt — von einigen Ausnahmen abgesehen
(politisches Regime in den demokratischen Nationen, ehrenhalber Verschickte in
den diktatorischen Regimes) — ihren Lebensunterhalt verdienen und für die
Vergünstigungen schwitzen. Das Gegenteil wäre nicht zu verstehen: eine
Gesellschaft, die sich mit Menschen belastet, die ihre Gesetze übertreten und
sie in ihren Grundlagen untergraben, ist ein Nonsens. Allein die
Arbeitsbedingungen sind unterschiedlich, je nachdem man in Freiheit lebt oder
interniert ist — und auch die freie Zeit, um die Vergünstigungen zu
verwirklichen.
Für Deutschland hat sich
der Sonderfall ergeben, daß es die Lager vom ersten bis zum letzten aufbauen
mußte, und daß überdies der Krieg dazugekommen ist. Während der ganzen
Aufbauperiode konnte man glauben, ihr Zweck sei einzig und allein die
Herbeiführung des Todes: während des Krieges hat man dies beibehalten und, wie
man wohl glauben darf, auch hinterher. Der Betrug ist um so weniger aufzudecken,
als die Aufbauperiode niemals zu Ende ging, da der Krieg eine stets wachsende
Zahl von Lagern nötig gemacht hat und diese beiden Umstände, die sich in ihren
Auswirkungen überlagerten, ermöglichten, den Irrtum mit anscheinend gutem
Vorbedacht aufrechtzuerhalten.
Die Häftlingsführung.
Es ist bekannt, daß die SS
den Häftlingen die Leitung und Verwaltung der Lager übertragen hat. Es gibt also
Kapos (Kommandoführer), Blockälteste (Blockchefs), Lagerschutz (Polizisten),
Lagerälteste usw. . . ., eine ganze Konzentrationslager-Bürokratie, die in
Wirklichkeit die Autorität im Lager ausübt. Dies ist ein Brauch, der bis heute
noch im Strafvollzug aller Länder der Welt besteht. Wenn die Häftlinge, welchen
diese Posten zufallen, nur den leisesten Gemeinschaftsbegriff, den geringsten
Klassengeist besäßen, würde sich diese Maßnahme überall als Straferleichte-
-180-
rungsfaktor für alle
auswirken. Leider besteht davon nicht das mindeste: überall, wo der Häftling den
ihm anvertrauten Posten übernimmt, ändert sich seine innere Einstellung und
Zugehörigkeit. Diese Erscheinung ist zu bekannt, um besonders betont, und zu
allgemein verbreitet, um einzig und allein den Deutschen oder den Nazis
zugeschrieben werden zu können. Jedenfalls ist es ein Irrtum, wenn David Rousset
glaubt oder anderen einreden will, es könnte in einem Konzentrationslager anders
sein, und es sei dort auch tatsächlich anders gewesen — die politischen
Häftlinge seien eine höhere Schicht in der Gemeinschaft der Männer gewesen und
die Gebote, denen sie gehorchten, seien edler gewesen als die Gesetze des
persönlichen Lebenskampfes.
Dies veranlaßt ihn zu der
Behauptung, die Bürokratie der Konzentrationslager hätte das Verdienst gehabt,
weitestgehend die Qualität gerettet zu haben, da sie die Masse nicht retten
konnte:
"Durch enges
Zusammenarbeiten mit einem Kapo konnte man sogar in der Hölle weitaus bessere
Lebensbedingungen schaffen." (Seite 166 als Hinweis.)
Aber
er sagt nicht, wie man zu dieser engen Zusammenarbeit mit einem Kapo gelangen
konnte. Auch nicht, daß diese Zusammenarbeit immer nur im Ausnahmefall, nämlich
wenn dieser Kapo Politischer war, das Stadium persönlicher Beziehungen des
Patriziers zum Plebejer überschritt. Und sagt ferner nicht, daß sie demzufolge
nur einer winzigen Zahl von Häftlingen zugute kommen konnte.
Alles ist miteinander
verkettet:
"Der faktische Besitz
dieser Posten ist also von erheblichem Interesse, denn Leben und Tod vieler
Menschen hängen von ihm ab." (Seite 134.)
Alsdann organisieren sich
diejenigen, welche sie innehaben, alsdann sind die Besten von denen, die sich
organisieren, Kommunisten, dann ziehen sie politische Komplotte gegen die SS
auf, dann stellen sie Aktionsprogramme für die Nachkriegszeit auf. Hier, bunt
durcheinander:
"In Buchenwald umfaßte das
geheime Zentralkomitee der kommunistischen Fraktion Deutsche, Tschechen, einen
Russen und einen Franzosen." (Seite 166.)"
Von 1944 an machten sie
sich über die Zustände Gedanken, die bei der Liquidierung des Krieges geschaffen
würden. sie hatten große Angst, daß die SS sie alle vorher töten würde. Und dies
war keine eingebildete Angst." (Seite 170.)
"In Buchenwald gab es außer
der kommunistischen Organisation, die hier zweifellos einen Grad an
Vollkommenheit und Wirksamkeit erreichte, der in den Annalen der Lager einzig
dasteht, mehr oder weniger regelmäßige Zusammenkünfte unter den politischen
-181-
Elementen, die von den
Sozialisten bis zur äußersten Rechten reichten und den Zweck hatten, ein
gemeinsames Aktionsprogramm für die Rückkehr nach Frankreich aufzustellen."
(Seite 80—81.)
Dies alles ist logisch:
bestreitbar ist nur der als Ausgangspunkt dienende Sachverhalt.
Natürlich gab es in allen
Lagern Zusammenschlüsse von Häftlingen, verschwiegene Gruppenbildungen: durch
gemeinschaftliche Bestrebungen, um das gemeinsame Schicksal besser zu ertragen
(in der Masse), aus Eigennutz, um die Macht zu gewinnen, sie zu erhalten oder
sie besser auszuüben (in der Häftlingsführung).
Bei der Befreiung haben die
Kommunisten — hierin von David Rousset bestärkt — den Glauben erwecken können,
der Kitt ihrer Vereinigung sei ihre Doktrin gewesen, auf die sie ihre Handlungen
ausgerichtet hätten. In Wirklichkeit bestand dieser Kitt im materiellen Gewinn,
den die an der Zusammenarbeit Beteiligten in bezug auf Ernährung wie
Sicherstellung des Lebens aus ihr ziehen konnten. In den beiden Lagern, die ich
kennengelernt habe, ging die allgemeine Auffassung dahin, daß jedes "Komitee" —
ob es nun aus Politischen oder anderen, aus Kommunisten oder keinen bestand —
zunächst den Charakter einer Vereinigung von Lebensmitteldieben hatte, unter
welcher Form es auch immer geschah. Nichts konnte diese Auffassung entkräften.
Im Gegenteil, alles stützte sie: die sich gegenüberstehenden Gruppen von
Kommunisten oder Politischen; die Veränderungen in der Gruppe, welche die Macht
in der Hand hatte, und deren Mitglieder sich im Verlauf von Streitigkeiten über
Verteilung und Anteil am Raub, über die Einteilung der Kommandoposten, die nach
demselben Verfahren vor sich ging, immer einmischten usw. . . . usw. . . .
Während der wenigen Wochen,
die ich in Buchenwald in Block 48 zubrachte, hatte eine neu angekommene Gruppe
von Häftlingen auf Anregung des Blockältesten oder mit seiner Genehmigung
beschlossen, die Moral der Masse in die Hand zu nehmen. Nach und nach hatte sie
eine gewisse Autorität erworben und schließlich waren insbesondere die
Beziehungen zwischen dem Blockältesten und uns so weit gediehen, daß sie sich
nicht mehr über einen Mittelsmann vollzogen. Sie regelte das Leben im Block,
organisierte Vorträge, bestimmte die Arbeitsleistungen, verteilte die Ernährung
usw. ... Es war jämmerlich anzusehen, welche Übereinstimmung in
Speichelleckereien jeder Art von den an ihr Beteiligten gegenüber dem
allmächtigen Blockältesten dabei aufkam. Eines Tages wurde der Hauptanreger
dieser Gruppe von irgendeinem aus der Masse ertappt, wie er mit einem anderen
Kartoffeln teilte, die er aus der gemeinsamen Zuteilung heimlich entwendet hatte
. . .
-182-
Eugen Kogon berichtet, daß
die Franzosen, die als einzige in Buchenwald Pakete vom Roten Kreuz erhielten,
beschlossen hatten, sie gerecht mit dem ganzen Lager zu teilen:
"Als sich die französischen
Kameraden bereit erklärten, einen erheblichen Teil an das ganze Lager, das heißt
blockweise abzugeben, wurde dieser Akt der Solidarität dankbar empfunden. Die
praktische Verteilung war allerdings wochenlang insofern ein Skandal, als zum
Beispiel je zehn Franzosen. . . nur ein einziges Paket erhielten, während die
mit der Verteilung betrauten Häftlinge unter Mitwirkung bestimmter Franzosen9)
ganze Stapel für sich reservierten oder sie für ihre "prominenten Freunde"
verwendeten. ("Die organisierte Hölle", s. 120.)
David Rousset nimmt
übrigens eine bösartige Seite dieses Zustandes wahr, falls er aus ihr nicht eine
aufhebende oder die vornehmste Ursache der Schrecken macht, wenn er schreibt:
"Die Bürokratie dient nicht
allein der Verwaltung der Lager: sie ist mit ihren Spitzen ganz in den Handel
der SS eingebaut, Berlin schickt Kisten voll Zigaretten und Tabak, um die Männer
auszulohnen. Lastwagen mit Lebensmitteln kommen in das Lager. Die Häftlinge
sollen wöchentlich entlohnt werden; man bezahlt sie aber nur alle vierzehn Tage
oder monatlich. Man setzt die Zahl der Zigaretten herab, man stellt Listen von
schlechten Arbeitern auf, die nichts erhalten. Die Männer werden vor Wut
bersten, wenn sie nicht rauchen können. Was tut das? Die Zigaretten gehen auf
den schwarzen Markt. Fleisch? Butter? Zucker? Honig? Konserven? Ein größeres Maß
an Rotkraut, Rote Rüben, Steckrüben, mit etwas Karotten gemischt, tut es auch.
Es ist sogar reine Güte! Milch? Viel geweißtes Wasser tut es vollkommen. Und
alles übrige: Fleisch, Butter, Zucker, Honig, Konserven, Milch, Kartoffeln; auf
den schwarzen Markt für die deutschen Zivilisten, die bezahlen und korrekte
Bürger sind. Die Leute in Berlin werden zufrieden sein, wenn sie hören, daß
alles gut angekommen ist. Es genügt, wenn die Nachweise in Ordnung sind und die
Buchführung stimmt. . .Mehl? Aber wieso denn, man setzt die Brotzuteilung herab.
Ohne sich etwas merken zu lassen. Die Teile werden ein wenig knapper
geschnitten. Mit solchen Dingen beschäftigen sich die Nachweise nicht. Und die
Herren von der SS werden mit den Kaufleuten des Ortes auf bestem Fuße stehen."
(Seiten 145, 146, 147.)
9) An
ihrer Spitze der Leiter der französischen Gruppe im Lager. Diese Eigenschaft
wurde ihm von der herrschenden Clique zuerkannt. Es handelt sich um Marcel
Paul (siehe Seite 90).
-183-
Hier wird also — zumindest
in bezug auf die Ernährung — jene Legende Lügen gestraft, nach welcher "höheren
Orts" ein Plan abgekartet worden sein soll, die Häftlinge verhungern zu lassen.
Entsprechend den Mitteilungen an die Familien schickt Berlin alles
Erforderliche, um uns die vorgesehene Verpflegung zukommen zu lassen, aber ohne
sein Wissen gelangt sie nicht an uns10). Und wer stiehlt sie? Die mit
der Verteilung beauftragten Häftlinge. David Rousset sagt uns, es geschehe auf
Befehl der SS, der sie den Ertrag des Diebstahls auslieferten: nein, sie stehlen
zuerst für sich, tun sich vor unseren Augen an allem gütlich und zahlen der SS
Tribut, um ihre Mitwirkung zu erkaufen.
So beschränkten sich also
diese berühmten revolutionären Komitees zur Verteidigung der Insassen des Lagers
oder zur Vorbereitung politischer Pläne für die Nachkriegszeit auf das
Vorhergesagte und konnten trotzdem die Öffentlichkeit in diesem Punkte
irreführen. Ich überlasse anderen die Aufgabe, nach den Gründen zu suchen, warum
sich dies so verhielt. Ich erlaube mir jedoch den Zusatz, daß diejenigen, denen
es gelungen war, sie zu bilden, an ihnen teilzunehmen oder ihnen die Autorität
zu verschaffen, die sie in allen Lagern hatten, am Geist der Speichelleckerei
festhielten, deren sie sich selbst gegenüber der SS schuldig gemacht hatten.
Über die im Block 48 organisierten Vorträge, auf die vorstehend angespielt ist,
erzählt David Rousset ferner:
10)
Dieselbe Erscheinung ist auch in dem Prozeß aufgedeckt worden, der gegen das
"Mütter- und Kinderwerk" von Versailles durch das Treiben der Oberin Pallu
anhängig gemacht worden war. Die Untersuchung der Angelegenheit hat
folgendes enthüllt:
"Die
Kinder waren schlecht gekleidet und in abstoßender Unsauberkeit in einem
Raum gelassen worden, der von Ungeziefer wimmelte. Die Strohsäcke waren
durch Exkremente und Urin angefault, mitunter wimmelten Würmer in ihnen. Es
war ein einziges Bettlaken, eine Decke vorhanden. Alle Aborte waren
verstopft. Die Kinder verrichteten ihre Notdurft, wo sie sich befanden. sie
waren voller Ausschlag, voller Läuse.
Folgendes
zur Illustration. Dreizehn Kinder sind dort an Hunger gestorben. Trotzdem
erhielt das als von öffentlichem Nutzen anerkannte Werk der Oberin außer den
normalen Sätzen noch zusätzliche Zuteilungen. Von allem dem sahen die Kinder
nichts: die Milch war zur Hälfte mit Wasser durchsetzt, die Fettstoffe
wurden zur Beköstigung des Personals verwendet, der Zucker übermäßig
gekürzt.
«Die
Kinder hatten genug Zucker» hat eine Wärterin gesagt. Die Oberin ließ sich
täglich l-1,2 Liter Milch, Schokolade, Reis, Fleisch — alles von der besten
Qualität — liefern. Die Direktorin, eine kleine braune Frau, schickte ihrer
Familie Pakete von 20 Kilo, «aus ihren persönlichen Rücklagen». Alle waren
gut genährt und staunten nicht über diese auserlesene Ernährung in einer
Zeit, in der es täglich nur Rüben gab. Und die Kinder? 0h, dies war leicht.
sie forderten nichts. . .
«Es waren
also keine Ärzte vorhanden?» »Aber doch. sie begnügten sich vielleicht mit
einem flüchtigen Besuch.»
«Dieser
Fall von Masern?» sagte Dr. Dupont. «Er verlief rasch. Ich habe ihn normal
behandelt. « (Auf einem verfaulten Strohsack mit einer einzigen Decke! ..
Dann kam eine Lungenentzündung und der Tod . .)
Der
Staatsanwalt befragt den anderen Arzt, Dr. Vaslin:
«Sie sind
also herbeigeeilt, als man sie in Kenntnis setzte, daß der Junge Dagorgne in
das Krankenhaus transportiert wurde, wo er am übernächsten Tag starb?»
«Ich
konnte nicht. Es war zur Stunde meines Frühstücks . . . ich wollte sagen,
meiner Sprechstunde.» ("Le Populaire", 16. Mai 1950)."
Diese
Seite ist der besten Berichte über die Konzentrationslager würdig. Das Drama
hat sich in Frankreich zugetragen und die Öffentlichkeit hat nichts davon
gewußt, auch nicht die Verwaltung, von der das "Mütter- und Kinderwerk"
eingerichtet worden war. Die Kinder starben dort wie die Insassen der
Konzentrationslager unter denselben Verhältnissen und aus denselben Gründen
... in einem demokratischen Land jedoch!
-184-
"Ich organisierte also
einen ersten Vortrag; ein russischer Stubendienst von zweiundzwanzig oder
dreiundzwanzig Jahren, Arbeiter im Marty-Werk von Leningrad, setzte uns des
längeren die Lage der Arbeiter in der UDSSR auseinander. Die hierauf folgende
Diskussion dauerte zwei Nachmittage. Der zweite Vortrag wurde von einem
Kolchosen über die landwirtschaftliche Organisation der Sowjets gehalten. Ich
selbst plauderte etwas später über die Sowjetunion von der Revolution bis zum
Kriege . . ." (Seite 77.)
Ich habe an diesem Vortrag
teilgenommen: er war ein Meisterstück von Bolschewikenfreundlichkeit, recht
unerwartet für den, der die frühere trotzkistische Tätigkeit David Roussets
kannte. Aber Erich, unser Blockältester, war Kommunist und hatte großes Ansehen
bei dem "Kern", der im Augenblick den vorherrschenden Einfluß in der
Häftlingsführung; ausübte: es war geschickt, seine Aufmerksamkeit zu erwecken
und für den Tag vorzubauen, an dem er Vergünstigungen zu verteilen haben würde.
"Drei Monate später", fährt
Rousset fort, "hätte ich diesen Versuch bestimmt nicht wieder begonnen. Die
Saite war aufs äußerste gespannt. Damals aber waren wir alle noch sehr
unwissend. Erich, unser Blockältester, brummte vor sich hin, aber widersetzte
sich der Sache nicht..." (Seite 77.)
Ganz sicher. Überdies mußte
Rousset drei Monate später dem Kapo Emil Künder "den Hof machen", um seine Gunst
zu erhalten, und die Zeit der Vorträge war vorüber, das Wort hatten jetzt die
aus Frankreich gekommenen Pakete. Wenn ich "Die Tage unseres Sterbens" richtig
verstanden habe, machte Rousset von ihnen Gebrauch und ich denke nicht daran,
ihm dies vorzuwerfen: ich selbst verdanke ja denen, die ich erhalten habe, daß
ich zurückgekommen bin und habe daraus nie ein Geheimnis gemacht11).
Man kann behaupten — und
vielleicht wird man es mit den Worten derer tun, die diese Tatsache für
unerheblich halten oder sie sogar noch rechtfertigen wollen — es habe nicht
festgestanden, daß die Häftlingsführung uns eine noch viel schrecklichere
Behandlung erleiden ließ, als sie in führenden Nazikreisen für uns vorgesehen
war, und daß nichts sie dazu gezwungen habe. Dem habe ich dann zu entgegnen, daß
es mir unerläßlich erschien, die Ursachen der Greuel in allen ihren Aspekten
genau zu bestimmen und sei es auch nur, um jenes subjektive Argument, von dem
man so reichlich Gebrauch macht, auf seinen richtigen Wert zu-
11) Siehe
erster Teil, Kapitel IV.
-185-
rückzuführen und die
Wißbegier des Lesers ein wenig auf die eigentliche Natur der Dinge in dem Geiste
zu richten, in welchem das Problem bisher nur unvollkommen und unvollständig
gelöst ist.
Die Objektivität.
"Birkenau, die größte
Totenstadt. Bei der Ankunft die Auslesen: wie Karikaturen bauen sich die Zierate
der Zivilisation auf, um zu verdummen und zu versklaven. Die regelmäßigen
Auslesen im Lager jeden Sonntag. Das lange Warten auf die unvermeidlichen
Vernichtungen im Block 7. Das von der Welt völlig abgeschlossene Sonderkommando12),
das dazu verurteilt ist, jede Sekunde seiner Zeit mit gefolterten und
verbrannten Körpern zu verleben. Der Schrecken zerbricht die Nerven so
entscheidend, daß die Todesängste alle Demütigungen und Verrätereien
durchmachen. Und wenn sich die Türen der Gaskammern unvermeidlich schließen,
dann stürzen alle nieder, zerdrücken sich in dem Wahn, noch zu leben, so sehr,
daß die auf den Schienen unentwirrbar durcheinanderliegenden Haufen von Leichen
beim öffnen der Türen einstürzen," (Seite 51.)
In einem Gesamtbild wie es
"Die Tage unseres Sterbens" darstellt, das in der Form eines Romans gehalten und
überdies noch mit Hilfe von Mitteln wiederhergestellt worden ist, deren Naivität
der Verfasser selbst, wenngleich unbewußt, zugibt (vgl. unter dessen Seiten
235—254), würde diese Stelle keinen Anstoß erregen. In "Die Welt der
Konzentrationslager", die in so vielseitiger Weise den Charakter eines
Erlebnisberichtes trägt, scheint sie fehl am Platze zu sein. David Rousset hat
nämlich niemals dieser Todesart zugesehen, die er ebenso genau wie ergreifend
schildert.
Es ist noch verfrüht, um
ein endgültiges Urteil über die Gaskammern abzugeben: Dokumente sind selten, und
die vorhandenen ungenauen, unvollständigen oder verstümmelten sind nicht
unverdächtig. Ich meinerseits bin überzeugt, daß eine ernsthafte Prüfung der
Frage mit dem Material, das man zweifellos noch auffinden wird, sobald bei den
Forschungen die Ehrlichkeit an erster Stelle steht, neue Horizonte über sie
öffnen wird. Dann wird man über die Zahl von Leuten erstaunt sein, die von ihnen
gesprochen, und mit welchen Worten sie dies getan haben.
Von allen Zeugen ist Eugen
Kogon derjenige, welcher sich am eingehendsten mit der Angelegenheit befaßt hat,
und dessen Aussage nach
12) Das
für das Krematorium bestimmte besondere Kommando.
-l86-
meiner Ansicht von größtem
Interesse ist. In seinem schon erwähnten Werk "Die organisierte Hölle" schreibt
er:
"Die wenigsten
Konzentrationslager hatten eigene Vergasungsanlagen." (Seite 166.)
Und dann fährt er in der
Beschreibung des Vorgehens fort13):
"Im Jahre 1941 schickte
Berlin an alle Lager die ersten Befehle14) zur Zusammenstellung von
Sondertransporten zwecks Vernichtung durch Gas. Man suchte in erster Linie
Kriminelle, Sittlichkeitverbrecher und gewisse Politiker aus, die der SS nicht
paßten. Diese Transporte gingen mit unbekanntem Ziel ab. Im Falle von Buchenwald
kamen am nächsten Tage schon die Kleider einschließlich der Tascheninhalte, die
Gebisse usw. . . . zurück. Durch einen Unteroffizier15) der
Begleitung erfuhr man, daß diese Transporte in Pirna und Hohenstein angekommen
waren, und daß die in ihnen befindlichen Männer Versuchen mit einem neuen Gas
unterzogen wurden und gestorben waren . . .
Im Laufe des Winters
1942—1943 hatte man alle Juden auf Arbeitsfähigkeit untersucht. Anstelle der
vorerwähnten Transporte waren es nun die arbeitsunfähigen Juden, die in vier
Gruppen zu 90 Mann denselben Weg gingen, aber in Bernburg bei Köthen landeten.
Der Chefarzt der Heil- und Pflegeanstalt, ein gewisser Doktor Eberl, war das
willfährigere Instrument der SS. In den Akten der SS trug die Aktion die
Bezeichnung «14 F 13-»16). Sie scheint gleichzeitig mit der Vernichtung aller
Kranken der Heil- und Pflegeanstalten geführt worden zu sein, die nach und nach
in Deutschland unter dem Nationalsozialismus allgemein wurde," (Seiten 225,
226.)
Nachdem Eugen Kogon die
Tatsache in einer Form bestätigt hat, die über die Befehle zur Benutzung der
Gaskammern Zweifel aufkommen läßt, besonders insofern, als sie nur Bezug auf
Dokumente nimmt, bei denen man sich fragen kann, ob sie bestehen, zitiert er
jedoch zwei andere, die ihm durchschlagskräftiger erschienen sein mögen:
"Einige erhaltengebliebene
Briefe geben ein Bild von dem Betrieb, der dort herrschte:
13) Das
hier folgende Zitat aus "Die organisierte Hölle", Seite 225—226, befindet
sich in dieser Fassung nicht in der fünften deutschen Auflage von
"Der SS-Staat".
14) Hat
man diese Befehle wiedergefunden? Wenn ja, warum werden sie nicht
veröffentlicht? Wenn nein, dann wird kein Historiker jemals damit
einverstanden sein, daß man sie erwähnt.
15) Wenn
sein Name veröffentlicht würde, könnte man ihn vielleicht vernehmen.
16)
Angegeben, aber nicht veröffentlicht.
-187-
Weimar-Buchenwald,
2. 2. 1942.
K.L. Buchenwald
Der Lagerarzt.
Betrifft:
Nichtarbeitsfähige Juden im K.L. Buchenwald.
Bezug: Persönliche
Unterredung.
Anlagen: 2
An die
Heil- und Pflegeanstalt
Bernburg a. d. Saale.
Postschließfach 263.
Unter Bezugnahme auf
die persönliche Unterredung wird in der Anlage in doppelter Ausführung eine
Zusammenstellung der im K.L. Buchenwald einsitzenden nichtarbeitsfähigen,
kranken Juden zur weiteren Veranlassung überreicht.
Der Lagerarzt K.L.
Buchenwald
(gez.) Hoven
SS Obersturmführer
d. R.
Man wird bemerken, daß die
beiden genannten Anlagen, die der Sendung beigefügt waren, nicht veröffentlicht
sind.
Hier das zweite Dokument:
Bernburg, den 5.
März 1942.
"Heil- und
Pflegeanstalt Bernburg
Gesch.-Z- Be. gs.
pt.
An das
Konzentrationslager Buchenwald
bei Weimar
z. H. des Herrn Lagerkommandanten.
Bezug: Unser
schreiben vom 3. März 1942.
Betreff: 46
Häftlinge, 12. Aufstellung vom 2. Februar 1942.
Mit unserem
Schreiben vom 3. d. M. baten wir Sie, die restlichen 36 Häftlinge uns
anläßlich des letzten Transportes zur Verfügung zu stellen.
Infolge Abwesenheit
unseres Chefarztes, der bei diesen Häftlingen die ärztliche Begutachtung
vorzunehmen hat, bitten wir, dieselben nicht am 18. März 1942, sondern
bereits beim Transport vom 11. März mitzugeben, und zwar mit den Akten, die
am 11. März wieder zurückgegeben werden.
Heil Hitler!
(gez.) Godenschweig"
-188-
Man wird zugestehen, daß
sonderbarerweise die Wortlaute angezogen werden müssen, um aus diesem
Briefwechsel den Beweis zu führen, daß es sich um ein Vernichtungsunternehmen
durch Gaskammern handelt. Selbst wenn man den Briefwechsel durch einen Bericht
vervollständigt, den zu gleicher Zeit der Doktor Hoven an einen seiner
Vorgesetzten richtete und der nach Eugen Kogon folgenden Inhalt hatte:
"Die Verpflichtung von
Vertragsärzten und Verhandlungen mit Friedhofsämtern haben oft zu
unüberwindlichen Schwierigkeiten geführt. . . Daher setzte ich mich sofort mit
dem Chefarzt der Heil- und Pflegeanstalten in Bernburg (Saale), Dr. Eberl,
Postschließfach. 252, Telefon Nummer 3169, in Verbindung. Er ist derselbe Arzt,
der 14 F 13 durchgeführt hat. Dr. Eberl zeigt ein außergewöhnliches Verständnis
und Entgegenkommen. sämtliche anfallenden Häftlingsleichen von Schönebeck
-Wernigerode werden zu Dr. Eberl nach Bernburg transportiert und dort auch ohne
Totenschein sofort verbrannt." (Seite 256.)
Eugen Kogon erwähnt auch
die Gaskammern von Birkenau (Auschwitz). Er erzählt, wie man nach einer
Zeugenaussage bei der Vernichtung durch dieses Mittel vorging:
". . . ein junger Jude aus
Rumänien, Janda Weiß, der 1944 zum Sonderkommando (für das Krematorium und die
Gaskammern) gehörte, von dem die nachfolgenden, durch andere bestätigten
Einzelangaben stammen . . ." (Seite 155.}
Soweit mir bekannt, ist die
einzige Persönlichkeit in der gesamten Literatur über die Konzentrationslager
dieser Janda Weiß, von dem man behauptet, er habe dieser Art der Tötung
beigewohnt, und dessen genaue Anschrift angegeben ist. Und nur Eugen Kogon hat
seine Erklärungen benutzt. Da die historische und moralische Bedeutung der
Benutzung von Gaskammern als Abwehrmaßnahme feststeht, hätte man vielleicht
Vorkehrungen treffen können17), die der Öffentlichkeit die
Möglichkeit geboten hätten, auf andere Weise als durch Zwischenträger seine
Aussage kennenzulernen, wobei man sie in etwas größerem Umfange als dem eines
eingeschalteten Zwischensatzes zu einer Gesamtaussage hätte ausdehnen können.
Ein Unternehmen, das in
allen Lagern regelmäßig wiederkehrend unter dem Namen "Auslese" durchgeführt
wurde, hat in der Öffentlichkeit nicht wenig zur Verbreitung einer Meinung
beigetragen, die in bezug auf die Zahl der Gaskammern und ihrer Opfer sich
schließlich bei ihr durchgesetzt hat.
17) Durch
einen eigentümlichen Zufall befindet er sich in der Ostzone!....
-189-
Eines schönen Tages
erhielten die Sanitätsdienststellen des Lagers den Befehl, die Liste aller
Kranken, die für relativ längere Zeit oder dauernd arbeitsunfähig galten,
aufzustellen und diese in einem besonderen Block zusammenzulegen. Dann kamen
Lastwagen — oder eine Reihe von Waggons —, man verlud sie, und sie fuhren zu
einer unbekannten Bestimmung weg. Im Konzentrationslager ging alsdann das
Gerücht, sie seien geradewegs in die Gaskammern geschickt worden, und in einer
Art grausamen Spottes nannte man die bei diesen Gelegenheiten erfolgten
Zusammenlegungen "Himmelskommandos", was bedeuten sollte, sie seien aus Leuten
zusammengesetzt, die zum Himmel geschickt werden sollten. Natürlich versuchten
alle Kranken, dem zu entgehen.
Ich habe gesehen, daß in
Dora zwei oder drei solcher "Auslesen" vorgenommen wurden: einer von ihnen bin
ich selbst gerade noch entgangen. Dora war ein kleines Lager. Wenn die Zahl der
arbeitsuntauglichen Kranken dort stets größer war, als die zu ihrer Behandlung
zur Verfügung stehenden Mittel, so erreichte sie nur bei sehr seltenen
Gelegenheiten solche Ausmaße, daß die Arbeit gehemmt oder die Verwaltung zu sehr
abgelenkt wurde.
In Birkenau, von dem David
Rousset in dem Auszug spricht, der Gegenstand dieser Richtigstellung ist,
verhielt es sich anders. Das Lager war sehr groß: ein menschlicher
Ameisenhaufen. Die Zahl der Arbeitsunfähigen war beträchtlich. Über die
"Auslesen" wurde im Gegensatz zu Dora, wo sie auf dem bürokratischen Weg und
über die Sanitätsdienststellen stattfanden, erst dann entschieden, wenn die
Lastwagen oder Eisenbahnwaggons ankamen. Sie fanden so oft statt, daß sie sich
beinahe jede Woche wiederholten, und wurden nach dem Aussehen vorgenommen.
Zwischen der SS und der Bürokratie des Konzentrationslagers einerseits und der
Masse der Häftlinge andererseits, die ihr zu entgehen suchte, konnte man also
richtige Szenen einer Menschenjagd in einer Atmosphäre allgemeiner Verwirrung
miterleben. Nach jeder "Auslese" hatten die Zurückgebliebenen das Gefühl, der
Gaskammer einstweilen entronnen zu sein.
Aber nichts beweist
unwiderlegbar, daß die gesamten Arbeitsunfähigen oder die als solche
Bezeichneten, ob sie nun nach dem Verfahren in Dora oder dem von Birkenau
ausgehoben wurden, in die Gaskammern geschickt wurden. Hierzu möchte ich ein
persönliches Erlebnis berichten. Bei der Durchführung jener "Auslese", der ich
in Dora entgehen konnte, hatte einer meiner Kameraden nicht das gleiche Glück
wie ich. Ich sah ihn mitgehen und bedauerte ihn. Im Jahre 1946 glaubte ich immer
noch, er sei mit dem gesamten Transport, an dem er teilnahm, den Erstickungstod
gestorben. Im September desselben Jahres aber trat er zu meinem Erstaunen bei
mir ein, um mich zu einer offiziellen Veranstal-
-190-
tung, deren Zweck mir nicht
mehr in Erinnerung ist, einzuladen. Als ich ihm sagte, welche Gedanken ich mir
über sein Los gemacht hatte, erzählte er mir, der betreffende Transport sei
nicht nach einer Gaskammer, sondern nach Bergen-Belsen geleitet worden, dessen
besondere Aufgabe anscheinend darin bestand, die Verschickten aller Lager zur
Genesung18) aufzunehmen. Die Richtigkeit kann nachgeprüft werden: es
handelt sich um einen Herrn Mullin, der am Bahnhof in Besannen angestellt ist.
Übrigens hatte ich schon im Block 48 einen Tschechen getroffen, der unter
gleichen Umständen von Birkenau zurückgekommen war.
Meine Meinung über die
Gaskammern? Es waren welche vorhanden, aber nicht so viele, wie angenommen wird.
Vernichtungen vermöge dieses Mittels fanden auch statt, doch nicht so viele, wie
gesagt wird. Die Zahl vermindert bestimmt nicht ihre Schreckensnatur, doch die
Tatsache, daß es sich um eine Maßnahme handelt, die von einem Staat im Namen
einer Philosophie oder Doktrin angeordnet wurde, würde diese Natur bedeutend
erhöhen. Muß zugegeben werden, daß es sich so verhielt? Es ist möglich, aber
nicht gewiß. Die Beziehung von Ursache und Wirkung zwischen dem Vorhandensein
von Gaskammern und den Vernichtungen ist durch die von Eugen Kogon
veröffentlichten Texte nicht einwandfrei sicher festgestellt worden19)
, und ich fürchte, daß die weiteren, auf die er sich, ohne sie zu zitieren,
bezieht, sie noch weniger festigen.
Ich wiederhole: Das
Argument, das in dieser Angelegenheit die größte Rolle spielte, scheint das
Unternehmen "Auslese" zu sein, von dem kein Verschickter als Zeuge in dieser
oder jener Form sprechen kann, und der es in erster Linie nur unter dem Eindruck
von allem dem täte, was er hiervon im Augenblick befürchtet hatte. Die Archive
des Nationalsozialismus sind noch nicht völlig durchgesehen. Mit Sicherheit ist
erst weiterzukommen, wenn in ihnen solche Dokumente entdeckt werden, die die
angenommene These entkräften: dies hieße, in die entgegengesetzte Übertreibung
zu verfallen. Wenn sie aber eines Tages ein oder mehrere Originale freigeben,
die den Bau von Gaskammern zu einem ganz anderen Zweck als dem der Vernichtung
anordnen — bei dieser schrecklichen Begabung der Deutschen weiß man das nie —
müßte man wohl zugeben, daß der in gewissen Fällen von ihnen gemachte Gebrauch
auf einen oder zwei Verrückte unter der SS und einer oder zwei Büro-
18) Er
war tatsächlich nach einer Reise unter entsetzlichen Bedingungen in einem
Bergen-Belsen angekommen, in dem aus ganz Deutschland Transporte
Arbeitsunfähiger zusammenliefen, von denen man nicht wußte, wo man sie
unterbringen und wie man sie ernähren sollte, was für die SS Veranlassung
zur Aufregung und für die Kapos zum Gebrauch des Gummiknüppels war. Er
verlebte dort schreckliche Tage und wurde schließlich dem Kreislauf der
Arbeit wieder eingegliedert.
19) Genau
so wenig, wie die vor den Schranken des Nürnberger Gerichts gemachten
Aussagen es sind, wie dies in "Hakenkreuz gegen Äskulapstab" auch gesagt
ist.
-191-
kratien der
Konzentrationslager, die ihnen gefällig sein wollten, zurückfällt oder
umgekehrt, auf eine oder zwei Bürokratien der Konzentrationslager mit der
erkauften oder nicht erkauften Mittäterschaft von einem oder zwei besonders
sadistischen SS-Angehörigen.
Nach dem augenblicklichen
stand der Archäologie der Lager20) läßt nichts diese Erwartung oder
Hoffnung zu, aber nichts gestattet uns auch, sie auszuschließen. Eine
symptomatische Tatsache ist auf jeden Fall sehr wenig hervorgehoben worden: in
den wenigen Lagern, in denen Gaskammern vorgefunden wurden, waren sie eher den
Sanitätsblocks für Desinfektion und Duschen angegliedert, die Wasseranlagen
enthielten, als den Krematoriumsöfen, und die angewendeten Gase waren
Ausdünstungen von Blausäuresalzen, also von Produkten, die Verbindungen mit
Farbstoffen eingehen, hauptsächlich blauen, von denen Deutschland im Kriege so
reichhaltigen Gebrauch machte.
Dies ist natürlich nur eine
Annahme. Aber sind in der Geschichte wie in der Wissenschaft nicht die meisten
Entdeckungen wenn nicht von einer Annahme, so doch zumindest von einem
anregenden Zweifel ausgegangen?
Wenn man einwirft, es liege
kein Interesse vor, auf diese Weise mit dem Nationalsozialismus zu verfahren,
dessen Freveltaten doch gründlich festgelegt seien, wird man mir die Behauptung
erlauben, daß ebenso wenig Interesse vorliegt, eine vielleicht wahre Doktrin
oder Auslegung auf Ungewisse oder unwahre Vorkommnisse zu stützen. Alle großen
Grundsätze der Demokratie sterben nicht an ihrem Inhalt, sondern weil sie allzu
sehr sich eine Blöße durch Einzelheiten geben, die man in ihrer Tragweite ebenso
unbedeutend wie in ihrem Inhalt glaubt, und die Diktaturen siegen allgemein nur
in dem Maße, in welchem man gegen sie schlecht erdachte Argumente ins Feld
führt. Hierzu führt David Rousset eine Tatsache an, die diese Anschauungsweise
meisterhaft illustriert:
"Ich sprach mit einem
deutschen Arzt. . . Dieser war sichtbar kein Nazi. Er war den Krieg leid und
wußte nicht, wo sich seine Frau und seine vier Kinder befanden. sein Wohnort,
Dresden, war in grausamster Weise mit Bomben heimgesucht worden. «sehen sie»,
sagte er zu mir, «ist der Krieg nun für Danzig geführt worden?» Ich antwortete
verneinend. «Dann, sehen sie, ist
20)
Zwei andere Originale werden von David Rousset in "Der Hanswurst lacht
nicht" zitiert. Das erstere ist die Aussage eines gewissen Wolfgang Grosch
in Nürnberg: es bezieht sich auf den Bau von Gaskammern und nicht auf ihre
Benutzung. Das zweite bezieht sich auf die mit Erstickungsmitteln
ausgerüsteten Kraftwagen, die in Rußland benutzt worden sein sollen und
trägt die Unterschrift eines SS-Untersturmführers und ist an einen
Obersturmführer gerichtet. Weder das eine noch das andere lassen die Anklage
gegen die leitenden Persönlichkeiten des Naziregimes zu, Vernichtung durch
Gas befohlen zu haben. Beide sind im Anhang zu diesem Kapitel zu linden.
-192-
die Politik Hitlers in den
Konzentrationslagern ungeheuerlich gewesen (ich verbeugte mich); aber mit allem
übrigen hatte er Recht»." (Seite 176).
Weil man also die Erklärung
für schädlich gehalten hatte, man sei für Danzig in den Krieg gezogen, und weil
sich dies als falsch herausstellte, beurteilte dieser Arzt nach dieser ganz
geringfügigen Einzelheit die ganze Politik Hitlers und billigte sie. Ich frage
mich mit Entsetzen, wie er nun darüber denken muß, wenn er David Rousset gelesen
hat.
Tradutore, traditore . .
. (Übersetzen, täuschen).
Folgendes ist ohne große
Bedeutung:
"Der Ausdruck Kapo ist
wahrscheinlich italienischer Herkunft und bezeichnet das Haupt. Zwei andere
Erklärungen sind möglich: Kapo als Abkürzung von Kaporal oder die
Zusammenziehung des Ausdrucks Kamerad-Polizei, der in den ersten Monaten
Buchenwalds gebraucht wurde." (Seite 131.)
Eugen Kogon ist deutlicher:
"Kapo: vom Italienischen
«capo»: Haupt, Vorstand..." ("Die organisierte Hölle", Seite 59.)
Ich neige zu einer anderen
Erklärung, die das Wort von einem Ausdruck Konzentrationslager - A r b e i t s -
P o l i z e i ableitet, dessen Anfangsbuchstaben zusammengezogen sind, wie
Schupo von Schutz-Polizei und Gestapo von Geheime-Staats-Polizei abgeleitet ist.
Die Neigung David Roussets und Eugen Kogons, mehr zu interpretieren als
gründlich zu analysieren, hat ihnen nicht erlaubt, hieran zu denken.
*
* *
ANHANG ZU KAPITEL IV
Erklärung an Eides Statt
"Ich, der unterzeichnete
Wolfgang Grosch, bescheinige und erkläre folgendes:
Der Bau von Gaskammern und
der Krematoriumsöfen fand unter der Verantwortung der Arbeitsgruppe C statt,
nachdem die Arbeitsgruppe D den Auftrag dazu erteilt hatte. Der Dienstweg war
folgender: Die Arbeitsgruppe D setzte sich mit der Arbeitsgruppe C in
Verbindung. Das Büro C1 stellte die Pläne für diese Anlagen insoweit auf, als es
sich um den Bau handelte, leitete sie dann an das Büro CIII weiter, das sich mit
der technischen Seite
-193-
dieser Bauten befaßte, wie
zum Beispiel der Entlüftung der Gaskammern oder der Apparateanlagen für die
Vergasung. Das Büro CIII vertraute dann die Pläne einem Privatunternehmen an,
das die besonderen Maschinen oder Krematoriumsöfen liefern sollte. Im weiteren
Verlauf des Dienstweges benachrichtigte das Büro CIII das Büro CIV, welches den
Auftrag über die Bauinspektionen West, Nord, Süd und Ost an die Oberbauleitungen
übersandte. Die Oberbauleitung übersandte den Bauauftrag dann an die in Frage
kommenden Direktionen für die Errichtung von Konzentrationslagern, welche die
eigentlichen Bauten durch Häftlinge ausführen ließ, die. das Büro der Gruppe D
III zu ihrer Verfügung stellte. Die Arbeitsgruppe D gab der Arbeitsgruppe C die
Anordnungen und Anweisungen über den Umfang der Bauten und ihren Zweck. Im
Grunde war es die Arbeitsgruppe D, die die Aufträge für die Gaskammern und die
Krematoriumsöfen gab.
Unterzeichnet: "Wolfgang
Grosch"
(Nach David Rousset: "Der
Hanswurst lacht nicht".)
Diese Aussage ist vor dem
Nürnberger Gericht gemacht worden. Falls sie nicht ausschließlich von dem
Unterzeichner selbst gemacht ist, scheint das Kauderwelsch, in dem sie abgefaßt
ist, vom Übersetzer gewissenhaft beachtet worden zu sein, offensichtlich, um die
Verwirrung bestehen zu lassen. Dem Leser kann jedoch nicht entgehen:
1.
daß hier nur die Rede vom Bau der Gaskammern und
weder von ihrer Bestimmung noch ihrer Verwendung die Rede ist;
2.
daß der Zeuge auf Dinge verweist, deren Tatbestand
leicht festzustellen
3.
ist und auf,, Anordnungen", die man veröffentlichen
könnte, was man zu tun aber sorglich vermieden hat, besonders hinsichtlich des
erwähnten Zweckes der Gaskammern;
4.
daß von den gesamten Bauten für die Lager, deren
Ausarbeitung und Ausführung der Arbeitsgruppe D ( Wohnblocks, Reviere, Küchen,
Werkstätten, Fabriken usw. . . .) übertragen war, die Gaskammern und
Krematoriumsöfen abgetrennt und eigenartigerweise in der Absicht verwischt
worden sind, größeren Eindruck auf eine Meinung zu machen, die harmlos gelten
läßt, wenn ihr die Krematoriumsöfen als eigens für die Konzentrationslager
erfundene Folterinstrumente dargestellt werden, weil sie nicht weiß, daß die
Praxis der Leichen -
Verbrennung in ganz Deutschland genauso in ständigem Gebrauch ist wie die
Erdbestattung.
Aus allen diesen Gründen
wird kein Geschichtsschreiber jemals diese Aussage in ihrer Gesamtheit annehmen.
-194-
Der Bericht eines
Untersturmführers an einen Obersturmführer:
Postleitzahl: 32.704
501. P. s.
B. N. 440,42
Kiew, den 16. April 1942
Geheime Reichssache
An
SS-Obersturmführer Rauff
Berlin
Prinz-Albrecht-Straße 8
"Die Überprüfung der
Wagen der Gruppe D und der Gruppe C ist vollständig beendet. Während die
Wagen der ersten Reihe auch bei schlechtem Wetter benutzt werden können
(jedoch nicht allzu häufig), bleiben die Wagen der zweiten Reihe (Saurer)
bei Regenwetter im Morast stecken21). Wenn es z. B. geregnet hat,
ist der Wagen nach einer halben Stunde unbrauchbar, er rutscht einfach weg.
Er ist nur bei ganz trockenem Wetter zu gebrauchen. Die einzige Frage ist,
ob man den Wagen auch am Vollziehungsort in Gebrauch nehmen soll, wenn er
steckenbleibt. Man muß erst den Wagen bis zu dem betreffenden Ort bringen,
was nur bei schönem Wetter möglich ist,
Der Vollziehungsort
liegt gewöhnlich 10 bis 15 km von den Hauptstraßen entfernt und ist schon so
gewählt, daß er ziemlich unzugänglich ist. Er wird vollständig unzugänglich,
sobald das Wetter naß oder regnerisch wird. Wenn man die Personen zu Fuß
oder im Wagen an diesen Vollziehungsort führt, erkennen sie sofort, was
vorgeht und werden unruhig, was tunlichst vermieden werden muß. So bleibt
als einzige Lösung nur, sie auf dem Sammelplatz in die Lastwagen zu verladen
und sie dann an den Vollziehungsort zu bringen.
Ich habe die Wagen
der Gruppe D als Wohnwagen anstreichen lassen und zu diesem Zweck auf jeder
Seite der kleinen Wagen ein kleines Fenster anbringen lassen, wie man sie
oft in unseren Bauernhäusern auf dem Lande sieht, und auf jeder Seite der
großen Wagen zwei von diesen kleinen Fenstern. Diese Wagen waren so rasch
aufgefallen, daß sie den Beinamen "Todeswagen" erhielten. Nicht nur die
Behörden, sondern auch die Zivilbevölkerung bezeichneten sie mit diesem
Spitznamen, sobald sie auftauchten. Nach meiner Meinung wird auch diese
Bemalung nicht lange verhüten können, daß sie erkannt werden.
21) Im
Text unterstrichen.
-195-
Die Bremsen des
Saurerwagens, den ich von Simferopol bis Taganrog fuhr, erwiesen sich
unterwegs als schadhaft. Das S. K. von Mariampol stellte fest, daß der
Bremsgriff für Öl- und Luftdruck kombiniert ist. Durch gutes Zureden und
Bestechung des H, K. P. gelang es, bei beiden eine Form anbringen zu lassen,
nach welcher man zwei Griffe einfügen konnte. Als ich einige Tage später in
Stalino und Gerlowka ankam, klagten die Fahrer der Wagen über denselben
Fehler22). Nach einer Besprechung mit den Führern dieser
Kommandos begab ich mich erneut nach Mariampol, um zwei weitere Griffe an
jedem Wagen anbringen zu lassen. Nach unserer Absprache werden an jedem
Wagen zwei Griffe angebracht und sechs andere bleiben für die Gruppe D in
Mariampol als Reserve; sechs weitere werden noch an SS-Untersturmführer
Ernst für die Wagen der Gruppe C geschickt. Für die Gruppen B und A könnten
uns die Griffe von Berlin zugeschickt werden, denn ihre Überführung von
Mariampol zum Norden ist zu schwierig und würde zu viel Zeit kosten. Kleine
Schäden an den Wagen werden von den Mechanikern der Kommandos oder Gruppen
in ihrer eigenen Werkstätte behoben.
Das holprige Gelände
und die kaum zu beschreibende Verfassung der Wege und Straßen nutzen nach
und nach die Verbindungsstücke und die Dichtungen ab. Man hat mich gefragt,
ob diese Reparatur in Berlin stattfinden sollte. Aber dieses Verfahren würde
viel kosten und viel Brennstoff erfordern. Um diese Ausgaben zu vermeiden,
gab ich Befehl, an Ort und Stelle kleine Lötstellen zu machen und falls sich
dies als unmöglich herausstelle, sofort nach Berlin zu telegraphieren und zu
melden, daß der Wagen P o l Nr. ., . unbrauchbar sei. Dazu befahl ich, daß
alle Männer im Augenblick der Vergasung sich zu entfernen hätten, um ihre
Gesundheit nicht einem etwaigen Entweichen von Gas auszusetzen. Ich möchte
bei dieser Gelegenheit auch noch folgende Beobachtung mitteilen: Mehrere
Kommandos lassen die Wagen nach der Vergasung durch ihre eigenen Männer
entladen. Ich habe die betreffenden S. K. auf die moralischen wie physischen
Schäden hingewiesen, denen diese Männer, wenn nicht gleich, so doch
mindestens kurz darauf ausgesetzt sind. Die Männer klagen nach jedem
Ausladen über Kopfschmerzen bei mir. Dennoch kann man den Befehl23)
nicht ändern, weil man fürchtet, daß die zu die-
22) Im
Text unterstrichen.
23) Es
ist merkwürdig, daß man diesen Bericht des SS-Untersturmführers aufgefunden
hat, aber nicht den Befehl, auf den er sich bezieht —, zumindest, daß man
den einen veröffentlicht und den anderen nicht.
-196-
ser Arbeit
verwendeten Häftlinge24) in einem günstigen Augenblick die Flucht ergreifen
könnten. Um die Männer vor diesen Unannehmlichkeiten zu schützen, bitte ich,
entsprechende Befehle zu erlassen.
Die Vergasung geht
nicht vor sich wie sie sollte. Um diese Tätigkeit so rasch wie möglich zu
beenden, drücken die Fahrer stets den Anlasser durch25). Diese
Menge erstickt die zu exekutierenden Personen, anstatt sie durch
Einschläfern zu töten. Meine Anweisung lautet, die Handgriffe zu öffnen, daß
der Tod ebenso rasch wie friedlich für die Betroffenen ist. Sie haben nicht
mehr diese entstellten Gesichter und gestatten nicht mehr Vernichtungen, als
man bisher leisten konnte.
Heute begebe ich
mich nach den Unterkunftsorten der Gruppe B und etwaige Nachrichten können
mich dort erreichen.
(gez.) Dr. Becker,
SS-Untersturmführer
(Nach David Rousset "Der
Hanswurst lacht nicht".)
Dieser Bericht unterstützt
eine Behauptung Eugen Kogons, der in "Die organisierte Hölle" schreibt:
". . . sie (die SS)
benützte auch fahrbare Gaskammern: dies waren Autos, die im Äußeren den
geschlossenen Polizeiwagen glichen und im Innern entsprechend eingerichtet
waren. In diesen Wagen scheint die Vergasung nicht immer sehr prompt erfolgt zu
sein, denn sie pflegten ziemlich lange herumzufahren, bis sie anhielten und die
Leichen herausschafften." (Seite 154.)
Eugen Kogon, der nicht
sagt, ob man diese Todeswagen wieder aufgefunden hat, zitiert den Bericht von
Dr. Becker nicht.
Wie dem auch sei, man muß
den Übersetzer beglückwünschen, der, wenngleich ihm schon nicht gelungen ist,
gewisse Lücken auszufüllen und gewisse Neugierden zu befriedigen, zumindest doch
der Form eine außergewöhnlich unverständliche Deutung im Ausdruck des Denkens
geben hat.
Und es ist zu bemerken:
1.
daß es den gegenwärtigen Dokumentensuchern leichter
ist, solche über die Vorgänge in Mariampol zu finden, als über das, was sich
in Dachau zutrug;
24)
Welche Häftlinge?
25)
Demnach wäre die Vergasung also durch die Abgase des Brennstoffes geschehen:
das Wort haben nun die Techniker.
-197-
2.
daß man zwar keine von einem Minister herrührende
Verordnung aufweisen kann, dafür aber einen auf diese Frage bezugnehmenden
einfachen Brief eines Untersturmführers an seinen Obersturmführer ans
Tageslicht bringt;
3.
Man hat zwar ein Original aufgefunden, doch scheint
es nicht, als habe man auch den Wagen wiedergefunden — zumindest hätte
das Ereignis nur sehr wenig Gerede veranlaßt, wenn man einen von ihnen
wiedergefunden hätte.
*
* *
-198-
KAPITEL V
Die Soziologen
Eugen Kogon
und
" Die organisierte Hölle. "1)
Ich kenne Eugen Kogon
nicht. Alles was ich von ihm weiß, habe ich anläßlich der Veröffentlichung
seines Werkes durch das erfahren, was er in diesem über sich selbst sagt und was
die Presse berichtete. Unter Vorbehalt: österreichischer Journalist von
christlich-sozialem oder christlich-fortschrittlichem Typus2); beim
Anschluß festgenommen und nach Buchenwald verschickt. Dem französischen Publikum
als Soziologe vorgestellt.
"Die organisierte Hölle"
ist die vollkommenste Aussage und in dieser Form geschrieben. Sie erstreckt sich
auf eine beachtliche Menge meist selbst erlebter Begebenheiten. Da sie weder von
gewissen Naivitäten noch von gewissen Übertreibungen frei ist, ist sie vor allem
in der Erklärung und in der Auslegung falsch. Dies liegt einesteils an der Art
der Berichterstattung des Verfassers, der seine Ausführungen "als Politiker"
macht (Vorwort, Seite 14) und andernteils daran, daß er das Benehmen der
Konzentrationslager-Bürokratie in einer noch kategorischeren und genaueren Form
rechtfertigen wollte als David Rousset.
l) Die
französische Ausgabe des Buches "Der SS-Staat" von Eugen Kogon erschien
unter dem Titel "L'Enfer organise" = "Die organisierte Hölle" im Verlag: "La
Jeune Parque", November 1947.
2) In der
Zeitung "Reichsruf" vom 21. Februar 1959 lesen wir: "In Wien behauptet man
nämlich, Dr. Kogon sehr gut zu kennen. In der Zeit, da Hitler Österreich
angeschlossen hatte, war ein Dr. Eugen Kogon Redakteur des parteiamtlichen
nationalsozialistischen "österreichischen Beobachters". Die Schriftleitung
der vorgenannten Zeitung bestätigte dem Herausgeber dieser Ausgabe von "Die
Lüge des Odysseus" am 3. Juni 1959 schriftlich, daß Dr. Kogon gegen diese
Feststellung keinen Widerspruch erhoben habe. Die "Europa-Korrespondenz"
"Wien", Ausgabe Nr. 49,59 — Februar 1959 — berichtete auf Seite 5 wie folgt:
"Und was den Verfasser Eugen Kogon betrifft, so wird dieser nicht leugnen
können, daß er, noch ehe Adolf Hitler an die Macht gekommen war, in Wien
Redakteur des Kampfblattes der österreichischen Nationalsozialisten
"österreichischer Beobachter" war, wie dies auch im Buche "Presse im Kampf"
von Hanns Schopper, R. M. Rohrer-Verlag, nach 1938, auf Seite 38 vermerkt
ist."
-199-
Im übrigen stellt Eugen
Kogon die Ereignisse, wie er sagt, "schonungslos ... als Mensch und Christ" dar
(Vorwort, Seite 14) und keineswegs in der Absicht, "eine Geschichte der
deutschen Konzentrationslager" und "auch nicht ein Kompendium aller verübten
Grausamkeiten, sondern ein vorwiegend soziologisches Werk zu schreiben, dessen
als wahr festgestellter menschlicher, politischer und moralischer Inhalt
beispielhafte Bedeutung hat". (Einführung, Seite 20.)
Die Absicht war gut.
Er glaubte sich für diese
Aufgabe qualifiziert und vielleicht war er es auch. Er stellt sich vor als:
". . . fünf Jahre Haftzeit
war unser Minimum . . . wir waren von unten aufgestiegen, zum Teil unter
mühseligsten Umständen, allmählich aber in Positionen gelangt, die uns Einblicke
und Einfluß zugleich gebracht hatten . . . da niemand von uns der
Prominentenschicht des Lagers angehört hatte; keiner von uns war korrupt, keiner
mit irgendwelchen Lagerschandtaten befleckt" (Seite 22.)
In der Praxis hatte er erst
ein Jahr lang dem Kommando "Effektenkammer", einer Vorzugsstellung, angehört und
war dann Schreiber des SS-Lagerarztes, Dr. Ding-Schuler, geworden und damit in
eine noch bessere Vorzugsstellung gelangt. In dieser letzteren lernte er alle
Lagerintrigen in den beiden letzten Jahren seiner Internierung bis ins einzelne
kennen.
Als ich das Buch gelesen
hatte, habe ich es zugemacht. Dann habe ich es wieder geöffnet. Und unter die
Wiederholung des Titels auf der ersten Seite als Untertitel geschrieben: oder
"Plädoyer pro domo".
Der Häftling Eugen Kogon.
In Buchenwald bestand eine
"Abteilung für Fleckfieber- und Virusforschung". Sie befand sich in den Blocks
46 und 50. Verantwortlich für sie war der SS-Chefarzt des Lagers, Dr.
Ding-Schuler.
Ihre Tätigkeit wird von
Kogon folgendermaßen geschildert:
"Im Block 46 des
Konzentrationslagers Buchenwald, der übrigens ein Muster von äußerer Sauberkeit
und gut eingerichtet war, wurden nicht nur Menschenexperimente durchgeführt,
sondern auch alle Fleckfiebererkrankten isoliert, die sich im Lager auf
natürliche Weise angesteckt hatten oder mit Fleckfieber in das Lager
eingeliefert wurden. Soweit sie die fürchterliche Krankheit überstanden, wurden
sie dort gesundgepflegt. Die Leitung des
-200-
Blocks hatte von seiten der
Häftlinge Arthur Dietzsch, der sich medizinische Kenntnisse erst durch diese
Praxis erworben hat 3). Dietzsch war Kommunist und befand sich seit
mehr als zwanzig Jahren in Haft 4). Er war eine sehr abgehärtete
Natur und verständlicherweise eine der bestgehaßten und gefürchtetsten Gestalten
von Buchenwald 5).
Da die SS-Lagerführung und
die Scharführer eine heillose Angst vor Ansteckung und Fleckfieber hatten und
glaubten, die Infektion könne auch durch Berührung, durch die Luft oder durch
Anhusten erfolgen, betraten sie den Block 46 nie . . . Von den Häftlingen wurde
das in Zusammenarbeit mit dem Kapo Dietzsch stark ausgenutzt, einerseits, indem
sich die illegale Lagerleitung von Personen, die mit der SS gegen das Lager
zusammenarbeiteten (oder zusammenzuarbeiten schienen oder gar einfach mißliebig
waren!) befreite6), andererseits, indem gefährdete politische
Häftlinge von Bedeutung über Block 46 der SS entzogen wurden, was für Dietzsch
zuweilen sehr schwer und gefährlich war, da er als Kalfaktor und Pfleger fast
nur Grüne im Block hatte . . ." (Seite 162.)
In Block 50 wurde
Fleckfieber-Impfstoff aus Mäuse- und Kaninchenlungen nach dem Verfahren von
Prof. Giroud, Paris, erzeugt. Die Gründung erfolgte im August 1943. Die besten
verfügbaren Fachkräfte des Lagers, darunter Mediziner, Bakteriologen, Serologen,
Chemiker, waren für diese Aufgabe ausgewählt worden usw. . ., (Seite 163.)
Und hier, wie Eugen Kogon
zu seinem Posten kam:
"Eine kluge
Häftlingspolitik hat es von vornherein darauf abgestellt, gefährdete Kameraden
aller Nationen in dieses Kommando zu bringen, vor dem die SS einen ebensolchen
Respekt hatte, wie vor Block 46. sowohl von SS-Sturmbannführer Dr. Ding-Schuler
als auch von den Häftlingen wurde aus verschieden gelagerten Beweggründen diese
Tabu-Angst der SS gefördert
3)
Während dieser Zeit konnte Dr. Seguin niemals erreichen, daß er von der
Häftlingsführung in seiner beruflichen Eigenschaft berücksichtigt wurde. Dr.
Seguin ist der auf S. 68 genannte Dr. X ... Er starb, ohne von den
Kommunisten, die ihn in den Steinbruch geschickt hatten, jemals als Arzt
anerkannt worden zu sein.
4) Der
Nationalsozialismus hatte ihn demzufolge schon von der Weimarer Republik
übernommen. Dieses Ereignis entbehrt nicht des Humors, weil es für ein den
beiden Regimes gemeinsames Ziel charakteristisch ist.
5) Ein
Martin-Chauffier scheint ihm nicht begegnet zu sein.
6) Oder
noch einfacher, die ihr im Wege standen, bei denen drohte, sie könnten zu
wichtigen Posten gelangen. Das Argument der Zusammenarbeit mit der SS ist
übrigens wertlos: diese "illegale Leitung" (sie) arbeitete offen mit der SS,
wie es an anderer Stelle noch nachgewiesen wird.
-201-
(zum Beispiel durch
Warnungstafeln am separaten Umzäunungsdraht des Blocks). Todeskandidaten wie der
holländische Physikprofessor van Lingen, der Architekt Harry Pieck und andere
Niederländer, der polnische Arzt Dr. Marion Ciepielowski, der Produktionsleiter
wurde, Prof. Dr. Balachowski vom Pasteur-Institut in Paris, der Verfasser dieses
Berichts als österreichischer Publizist und sieben jüdische Kameraden fanden
dort mit Wissen und Billigung von Dr. Ding-Schuler Unterschlupf . . ." (Seite
163.)
Es muß zugegeben werden,
daß Eugen Kogon dem "kommunistischen" Kern, der im Lager die Vorherrschaft
ausübte — gegen andere Ablagerungen aus Grünen und Politischen, ja sogar
Kommunisten! — ernsthafte Unterpfänder gegeben hatte, um von ihm für diesen
Vertrauensposten ernannt zu werden. Dieses "mit "Wissen und Billigung des Dr.
Ding-Schuler" muß herausgestellt werden, weil es über die Beziehungen, die
zwischen der Häftlingsführung und der SS bestanden, vielsagend ist.
"Auf Grund entsprechender
Angaben, die von mir jeweils an" geregt, abgefaßt und zur Unterschrift vorgelegt
wurden, fanden sie Deckung gegen unmittelbare Aktionen, Todestransporte usw. .
.." (Seite 163.)
Oder weiter:
".. . in den zwei letzten
Jahren, die ich dort als Arztschreiber zubrachte, habe ich mit Hilfe der
Fachmänner des Blocks
50 mindestens ein halbes Dutzend medizinischer Mitteilungen über das Fleckfieber
abgefaßt, die von Dr. Ding-Schuler unterschrieben waren. . . . Daß ich auch
einen Teil seiner Privatkorrespondenz zu erledigen hatte, einschließlich der
Liebes- und Kondolenzbriefe, sei nur nebenbei erwähnt. Oft las er die Antworten
überhaupt nicht mehr, warf mir nur die Briefe, nachdem er Sie geöffnet hatte, zu
und sagte: «Erledigen sie das, Kogon, Sie wissen schon, was da zu schreiben sein
wird! Irgendeine Witwe will wieder getröstet sein.» (Seite -270.)
Und konnte erklären:
"Dr. Ding-Schuler hatte ich
in der Hand." (Seite 270.)
Und zwar so sehr, daß es
ihn nicht einmal störte, als er "mit dem Kapo des Blocks 46 auf schlechtem
Fuße stand".
Aus allem dem geht hervor,
daß er es verstanden hatte, das Wohlwollen der einflußreichen Clique in der
Häftlingsführung*) auf sich zu lenken und
*) Anm.
d. Verlages: In dem Buch "Über Galgen wächst kein Gras" von Friedrich Oscar,
Erasmus-Verlag, 1950, heißt es auf Seite 91: "so konnte es passieren, daß
diese Zeugen in den verschiedensten Prozessen, in denen sie auftraten, die
widersprechendsten Aussagen machten. Es ist kein Fall bekannt, in dem sie
deswegen zur Rechenschaft gezogen worden; wären. Bemerkenswert mag in
diesem Zusammenhang das Verhalten des Belastungszeugen Dr. E. K., der heute
im Kulturleben der Bundesrepublik eine vielbeachtete Rolle spielt, sein: Dr.
K. stellte offensichtlich als Ergebnis der Vorvernehmung seine belastende
Aussage nicht nur so dar, als handele es sich um Selbsterlebtes (bis er
schließlich im Kreuzverhör der Verteidigung einschränken mußte, daß seine
Aussagen fast ausschließlich vom Hörensagen Dritter und Vierter stammen),
sondern er macht auch über ein und dieselbe Angelegenheit, nämlich das
sogenannte Ding'sche Tagebuch, im Ärzteprozeß vom 6. bis 8. Januar 1947 und
im Prozeß gegen Pohl und andere im April 1947 beeidete Aussagen, die sich
völlig widersprechen. Ebenso machte derselbe Belastungszeuge Dr. K. völlig
widersprechende Angaben in zwei Prozessen bezüglich der sogenannten
"illegalen Häftlings-Lagerleitung" des Konzentrationslagers Buchenwald.
Während er im Ärzteprozeß unter Eid aussagte, darüber nichts zu wissen,
erklärte er ebenfalls als beeidigter Zeuge vor einem amerikanischen
Militär-Gerichtshof im Buchenwald-Prozeß in Dachau im Sommer 1947, daß er
selbst der illegalen Häftlings-Lagerleitung angehört habe.—"
-202-
zugleich auch das eines der
höchsten SS-Vertreter im Lager. Alle, die in einem Konzentrationslager gelebt
haben, werden mir zustimmen, daß ein derartiges Resultat kaum ohne irgendwelche
Verstöße gegen die außerhalb der Lager übliche Moral erreicht werden konnte.
Die Methode
"Um gewisse Befürchtungen
zu zerstreuen, der Bericht (so bezeichnet er seine "Organisierte Hölle") könnte
sich zu einer Art Anklageschrift gegen führende Lagerinsassen gestalten, las ich
ihn Anfang Mai 1945, soweit er damals bereits fertiggeschrieben war — es fehlten
von insgesamt zwölf nur mehr die letzten zwei Kapitel —einer Gruppe von 15
Männern vor, die entweder der illegalen Lagerleitung7) angehört
hatten oder für bestimmte Häftlingsgruppen repräsentativ waren. Sie billigten
den Inhalt als zutreffend und objektiv.
Die Teilnehmer der
Vorlesung waren:
1. Walter Bartel,
Kommunist, Berlin, Vorsitzender des Internationalen Lagerkomitees;
2. Heinz Baumeister,
Sozialdemokrat, Dortmund, langjähriges Mitglied der
Schreibstube
Buchenwalds; zweiter Sekretär von Block 50;
3. Ernst Busse,
Kommunist, Solingen, Kapo des Häftlingskrankenbaues;
4. Boris Danilenko,
ukrainischer Komsomolzenführer, Mitglied des russischen Komitees;
5. Hans Eiden,
Kommunist, Trier, Erster Lagerältester;
6. Baptist Feilen,
Kommunist, Aachen, Kapo der Wäscherei;
7. Franz Hackel,
parteilos, links, Prag, mit uns befreundet, ohne Funktion im Lager;
8. Stefan Heymann,
Kommunist, Mannheim, Mitglied des Lager-Informationsbüros;
7) In
Wirklichkeit war nicht das geringste "Illegale" vorhanden.
-200-
9. Werner Hilpert,
Zentrum, Leipzig, Mitglied des lnternationalen Lagerkomitees;
10. Otto Horn,
Kommunist, Wien, Leiter des österreichischen Komitees;
11. A. Kaltschin,
russischer Kriegsgefangener, Mitglied des Russischen Komitees;
12. Otto Kipp,
Kommunist, Dresden, stellvertretender Kapo des Häftlingskrankenbaues;
13. Ferdinand Römhild,
Sozialist, Frankfurt a. M., Erster Sekretär des Häftlingskrankenbaues;
14. Ernst Thape,
Sozialdemokrat, Leiter des Deutschen Komitees;
15. Walter Wolff,
Kommunist, Leiter des Lager-Informationsbüros."
Diese irgendwie als
Einleitung gedachte Erklärung genügt für sich allein schon, um die ganze Aussage
verdächtig zu machen:
"Um gewisse
Befürchtungen zu zerstreuen, der Bericht könnte sich zu einer Art Anklageschrift
gegen führende Lagerinsassen gestalten ..."
Eugen Kogon hat also
vermieden, alles das zu berichten, was die Häftlingsführung anklagen könnte und
nur gegen die SS Vorwürfe erhoben: kein Historiker wird dies jemals annehmen.
Dagegen darf man wohl mit gutem Recht glauben, daß er mit dieser Handlungsweise
eine Dankesschuld gegenüber jenen abgetragen hat, die ihm einen solchen
Erholungsposten im Lager verschafft hatten, und mit denen er gemeinsame
Interessen gegenüber der Öffentlichkeit zu verteidigen hat.
Überdies sind die fünfzehn
genannten Personen, die über seine "Genauigkeit und Objektivität" geurteilt
haben, verdächtig. Sie alle sind Kommunisten oder mit ihnen sympathisierende
(auch wenn sie unter der Bezeichnung Sozialdemokrat, parteilos oder Zentrum
erscheinen), und falls durch Zufall eine Ausnahme vorhanden war, könnte sie sich
nur als aus einer Verpflichtung herrührend herausstellen. Schließlich sind sie
ein Verzeichnis der höchsten Bürokratie des Konzentrationslagers Buchenwald:
Lagerälteste, Kapos usw. . . .
Die Titel Vorsitzender oder
Mitglied dieses oder jenes Komitees, mit denen sie ausstaffiert sind, halte ich
für nichtssagend oder Phantasiegebilde: Sie haben sie sich gegenseitig bei der
Befreiung des Lagers durch die Amerikaner oder gar erst hinterher selbst
verliehen. Ich halte mich auch nicht mit dem Begriff "Komitee" auf, der zur
Debatte gestellt wird, über den ich an anderer Stelle ein gerechtes Urteil
gefällt habe: Sie haben dies behauptet und unter Berufung auf sehr edle
Beweggründe8) erreicht, daß man es gelten ließ.
8) Vgl.
I. Teil, Seiten 90 und 91.
-204-
Meine Auffassung geht
dahin, daß diese fünfzehn Personen sehr froh gewesen sind, als sie in Eugen
Kogon eine gewandte Feder fanden, die sie in den Augen der Nachwelt von jeder
Verantwortung freispricht.*)
Die Häftlingsführung.
Hier folgt, was Kogon über
den Lagerschutz, der ein Teil der Häftlingsführung war, aussagt:
"Seine Aufgaben waren
folgende: Aufrechterhaltung der Ordnung im Lager, Überwachung der Disziplin, um
ein Eingreifen der SS usw. . . . zu vermeiden. Während der Nacht -- was die
Aufhebung der Patrouillen der SS im Lager ermöglichte — war es ihre Aufgabe, die
Neuzugänge zu übernehmen, was nach und nach die rohen Schikanen der SS
verhinderte. Es war eine schwierige und undankbare Aufgabe. Der Lagerschutz in
Buchenwald schlug selten, obwohl es oft rohe Fausthiebe gab. Die aus anderen
Lagern kommenden Neuzugänge waren im ersten Augenblick erschrocken, wenn sie von
den Leuten des Buchenwalder Lagerschutzes empfan-
*)
Anm. d. dt. Verlages: Zu dieser Auffassung Paul Rassiniers sei die Ansicht
angefügt, zu der das Landgericht München I, 10. Zivilkammer (Az.: 10 — 0
409,58) in seiner Urteilsbegründung vom 13. Dezember 1958 kam: ". . . Im
übrigen hat der Beklagte damit nur ein Werturteil abgegeben, mit dem der
wissenschaftliche Charakter des Buches. Der 'SS-STAAT', den ihm der Kläger
als sein Verfasser beimißt, in Abrede gestellt wird.
Im
allgemeinen Sprachgebrauch hat der Ausdruck 'Pamphlet' einen Beigeschmack
nach der Richtung hin, daß sich sein Verfasser zu sachlich nicht haltbaren
Behauptungen verstiegen habe, um die von ihm verfochtene Auffassung zu
untermauern. Bei einem Werk, das sich als wissenschaftliches bezeichnet oder
gibt, bedeutet die Charakterisierung als Pamphlet, daß es nicht unter
Wahrung herkömmlicher exakter Methoden zustande gekommen ist. Dieser Vorwurf
erscheint insofern nicht aus der Luft gegriffen, als der Kläger eine
soziologische Würdigung der Verhaltensweise des Menschen im KZ unter dem
Gesichtspunkt geschrieben hat, sie dürfte sich nicht zu einer Art
Anklageschrift gegen führende Lagerinsassen gestalten.
. . . Das
Buch liefert in reichem Maße Material, das es erlaubt. Schuldige zur
Rechenschaft zu ziehen. Diese Möglichkeit erscheint indes nicht voll
ausgewertet zu sein, soweit es sich um politische Häftlinge handelt. . . .
Der Kläger sagt weder, daß ihm die Schuldigen nicht bekannt seien, noch
nennt er Namen. Berücksichtigt man, daß sich unter den fünfzehn
repräsentativen Männern, denen er seinen Bericht vorlas, um die
Befürchtungen zu zerstreuen, er werde eine Anklageschrift darstellen, zwei
Angehörige der UDSSR und acht Kommunisten befanden, dann drängt sich der
Eindruck auf, daß ungeachtet der Erwähnung von durch Kommunisten verübten
Untaten vor allem dieser Personenkreis bewußt geschont wurde, weil nur in
sehr seltenen Fällen auch Namen genannt werden. Solche Rücksichten müssen
einem wissenschaftlichen Werk fremd sein. Die reine Wissenschaft fragt nicht
danach, ob das Ergebnis diesem oder jenem bequem ist. Wo
Zweckmäßigkeitsfragen den Inhalt mitbestimmen, wird die Objektivität
verlassen. Wenn der Beklagte als Mithäftling daher seiner Meinung Ausdruck
gibt, der .SS-STAAT sei ein Pamphlet, dann macht er von seinem Recht der
freien Meinungsäußerung Gebrauch (Art. 5 bb), ohne damit in das Recht der
persönlichen Ehre des Klägers einzugreifen, der in seinem Vorwort für sich
in Anspruch nimmt, sich von Polemik freigehalten zu haben . . ."
Zur
genaueren Unterrichtung des Lesers ist hier noch anzufügen: In einer
Münchener Schrift "Alarm" hatte ein ehemaliger politischer Häftling
aus Buchenwald geschrieben:
". . .
Der gleiche Professor Eugen Kogon hat durch sein Pamphlet .Der SS-STAAT . .
. erhebliche Verwirrung in der Öffentlichkeit angerichtet. Ein Großteil der
Personen und Stellen, die sich mit den Vorgängen in den KZ beschäftigen
mußten und müssen, ohne dieses Lagerleben zu kennen, greifen zwangsläufig
auf dieses Buch zurück. Es wurde dieses Pamphlet ein Standardwerk für die
deutsche Justiz bzw. solche stellen, die sich mit den Vorkommnissen In den
KZ befassen müssen, und selbst für tonangebende ausländische Kreise."
-205-
gen wurden, bald aber
wußten sie diese sanftere Aufnahme als anderswo zu schätzen ... Es hat natürlich
auch Mitglieder des Lagerschutzes gegeben, die man nach der angewandten Tonart
als verhinderte SS-Männer hätte bezeichnen können, aber dies fällt wenig ins
Gewicht. Es gab nur ein Ziel: die Erhaltung einer Kerntruppe von Gefangenen
gegen die SS. Wie wäre es dem Ganzen und Tausenden von Einzelnen bei
Einlieferungen, bei Abtransporten, bei Strafaktionen und —" last not least"—
zuletzt, noch vor der Befreiung ergangen, wenn der Lagerschutz nicht für eine
tadellose Ordnungstarnwand gegenüber der SS gesorgt hätte?" (Seite 62.)
Wenn ich in bezug auf den
Empfang, der meinem Transport in zwei verschiedenen Lagern bereitet wurde, nur
an mein persönliches Erleben zurückdenke, kann ich nicht zugestehen, daß er in
Buchenwald besser war als in Dora. Ganz im Gegenteil! Aber ich muß anerkennen,
daß die allgemeinen Lebensverhältnisse in Buchenwald und Dora nicht miteinander
zu vergleichen waren: das erstere war im Vergleich zum zweiten ein Sanatorium.
Hieraus aber ableiten zu wollen, dies beruhe auf einem Unterschied in der
Zusammensetzung, auf der Substanz und den politischen oder philosophischen
Auffassungen der Häftlingsführung, wäre ein Irrtum: hätte man sie "en bloc"
vertauscht, so wäre das Ergebnis das gleiche gewesen. In beiden Fällen war ihr
Benehmen durch die allgemeinen Existenzbedingungen bestimmt und nicht umgekehrt.
In der Zeit, von der Eugen
Kogon spricht, war Buchenwald am Ende seiner Entwicklung angelangt. Alles war
dort fertig oder nahezu fertig: die Dienststellen waren eingesetzt, eine Ordnung
war errichtet. Die SS, die den Scherereien weniger ausgesetzt war, welche die
Unordnung im Gefolge hat und in ein regelmäßiges, sozusagen risikoloses Programm
eingespannt war, war dort viel weniger reizbar. In Dora dagegen war das Lager im
Aufbau begriffen, alles mußte mit den begrenzten Mitteln eines im Kriege
befindlichen Landes geschaffen und alles auch an Ort und Stelle errichtet
werden. Die Unordnung war also ein ganz natürlicher Zustand. Alles stieß dort
aufeinander. Die SS war unzugänglich und die Häftlingsführung, die nicht wußte,
was sie noch erfinden sollte, um ihr zu gefallen, ging häufig noch über ihre
Wünsche hinaus. Nur waren in Buchenwald die Mehrforderungen eines Kapos oder
eines Lagerältesten, die sich in ihren Beweggründen und in ihren Endzwecken
deckten, in ihrer Tragweite weniger fühlbar, weil sie bei einem in allem
besseren Zustand für die Masse der Häftlinge nicht so schwere Folgen nach sich
zogen.
Es erscheint angebracht,
als zusätzlichen, eigentlich jedoch überflüssigen Beweis hinzuzufügen, daß im
Lager Dora, nachdem es im Herbst 1944
-206-
beinahe fertiggestellt war,
und die Häftlingsführung ihr Verhalten nicht im geringsten geändert hatte, die
materiellen und moralischen Lebensbedingungen den Vergleich mit Buchenwald
aushalten konnten. In dieser Zeit aber nahte das Ende des Krieges mit
Riesenschritten, die Bombenangriffe schränkten die Versorgungsmöglichkeiten ein,
das Vorrücken der Alliierten auf beiden Fronten vermehrte die Belegungsziffer um
die der geräumten Lager in Ost und West und alles wurde so in Frage gestellt.
Bleibt die Einrede, es sei
wichtig gewesen, einen Kern gegen die SS zu erhalten, der an ihre Stelle treten
sollte: das verstehe ich nicht, das ganze Lager war doch natürlich gegen die SS.
Man könnte behaupten, es wäre vorzuziehen gewesen, alle gegen die SS am Leben zu
erhalten und nicht nur einen zu ihren Diensten bereitstellenden Kern, selbst
wenn es nur dazu gedient hätte, ihr weitere Schwierigkeiten zu bereiten . . .
Statt dessen hat man ein Mittel angewendet, das diesen kostbaren Kern wohl
gerettet, die Masse aber ums Leben gebracht hat. Weil, wie Eugen Kogon es nach
David Rousset anerkannte, das anständige Benehmen nicht allein den Ausschlag
geben konnte:
"Die Häftlinge haben
tatsächlich nie das Wenige voll erhalten, das für sie vorgesehen war. Zuerst
nahm sich die SS weg, was ihr paßte. Dann "organisierten" sich die Häftlinge,
die in den Magazinen und Küchen beschäftigt waren, nach Strich und Faden ihr
Teil weg. Dann zweigten die Stubendienste tüchtig für sich und ihre teuren
Freunde ab. Der Rest gehörte dem schäbigen gewöhnlichen Häftling." (Seite 107.)
Es ist notwendig, genau
darzulegen, daß alles, was nur einen kleinen Teil von Lagerautorität innehatte,
damit berechtigt war, "vorwegzunehmen": der Lagerälteste, der die Rationen im
ganzen ausgab, der Kapo oder der Blockälteste, die sich an erster Stelle
reichlich bedienten, der Kommandoführer oder der Stubendienst, die das Brot
schnitten oder die Suppe in Näpfe schöpften, der Polizist, der Schreiber usw.
... Es ist eigenartig, daß Eugen Kogon dies gar nicht erwähnt.
Alle diese Leute taten sich
an den Ertragnissen ihrer Diebstähle buchstäblich gütlich und gingen mit
strahlenden Mienen durch das Lager. Kein Gewissensbiß hielt sie zurück:
"Für die Krankenstube der
Häftlinge gab es in den Lagern eine besondere Krankenkost, die man Diät nannte.
Sie war als Zusatz sehr begehrt und ihr größter Teil wurde zugunsten der
Lager-Persönlichkeiten, Blockältesten, Kapos usw. . . . entwendet. In jedem
Lager konnte man Kommunisten oder Kriminelle finden, die. seit Jahren neben
anderen Vergünstigungen auch die Krankenzulagen erhielten. Es war
-207-
dies hauptsächlich eine
Sache der Verbindung zur Krankenküche, in der sich ausschließlich Leute
befanden, die zur Klasse der das Lager beherrschenden Häftlinge gehörten, oder
es war eine Angelegenheit gegenseitiger Gefälligkeiten: die Kapos der
Schneiderei, der Bekleidungskammer, der Gerätekammer usw. . . . lieferten das,
was die anderen verlangten, gegen diese Kost. Im Lager Buchenwald wurden von
1939 bis 1941 nahezu 40 000 Eier innerhalb des Lagers selbst verschoben."
(Seiten 110—111—112.)
Während dieser Zeit starben
die Kranken im Revier, weil ihnen diese Sonderkost, die die SS für sie bestimmt
hatte, entzogen wurde. Bei seiner Erklärung, wie die Diebstähle vor sich gingen,
gibt Kogon dem "System D"*), das von allen im Ernährungssektor tätigen
Häftlingen unterschiedslos angewendet wurde, einen harmlosen Anstrich. Dies ist
eine Ungenauigkeit und zugleich eine wohlwollende Handlungsweise gegenüber der
Häftlingsführung.
Der Arbeiter bei
irgendeinem Kommando konnte nicht stehlen: der Kapo und der Vorarbeiter
überwachten ihn genau und waren stets bereit, ihn anzuzeigen. Er konnte
höchstens, wenn die Verteilung der Verpflegung erfolgt war, versuchen, seinen
Leidensgefährten etwas wegzunehmen. Der Kapo aber und der Vorarbeiter konnten im
gegenseitigen Einverständnis vor der Verteilung aus der Gesamtration wegnehmen
und taten es in zynischer Weise. Sogar ungestraft, weil es unmöglich war, sie
außerhalb des Dienstweges, das heißt also über sie selbst, anzuzeigen. Sie
stahlen für sich und ihre Freunde, für die vorgesetzten Funktionäre, denen sie
ihre Posten verdankten und in den höheren Dienststellen für die SS, deren sie
sich versichern oder deren Schutz sie sich erhalten wollten.
Von der Diät der Kranken
nahm der Kapo des Reviers — es ist derselbe, der die Genauigkeit und
Objektivität von Kogons Aussage sanktioniert hat! — im voraus eine ungeheure
Menge für seine Kollegen und die akkreditierten Kommunisten9) fort.
Während meines Aufenthaltes in Buchenwald hielt er jeden Morgen eine Menge
Milch, etwa einen Liter, und gelegentlich einige andere Leckerbissen für den
Blockältesten Erich vom Block 48 zurück. Überträgt man dieses Verfahren auf das
ganze Lager, so kann man sich die Menge Milch vorstellen, die den Revierkranken
auf diese Weise entzogen wurde. Im Vergleich hierzu waren die kleinen Räubereien
auf dem Zuteilungsweg unbedeutend.
*) Anm.
d. V.: Eine Bezeichnung, die mit dem in Deutschland volkstümlichen Ausdruck
"organisieren" zu vergleichen ist.
9) Viele
Kommunisten waren dies aber auch nicht — nämlich diejenigen, die vor allem
anständige Menschen waren. Sie gingen in der Masse unter und teilten das
gemeinsame Los.
-208-
Für ihr Verhungern hatten
die Häftlinge also zwei Ursachen, die sich ergänzten, ob es sich nun um die
gewöhnliche Verpflegung oder die Diätkost, ob es sich um Kranke oder Nichtkranke
handelte: die Vorwegnahmen der SS10) und die der Häftlingsführung.
sie hatten daher auch zwei Gründe, aus denen sie geschlagen und ganz allgemein
schlecht behandelt wurden. Unter diesen Umständen fanden sich nur wenige
Häftlinge, die es nicht vorgezogen hätten, unmittelbar mit der SS zu tun zu
haben: der Kapo, der über das Maß hinaus stahl, schlug auch stärker, um der SS
zu gefallen; es war selten, daß ein einfacher Verweis durch einen SS-Mann nicht
eine zusätzliche Tracht Prügel durch den Kapo nach sich zog.
Die Argumente.
Die Argumente, die die
Praxis der Rettung eines Kerns vor allem anderen und um jeden Preis
rechtfertigen, sind nicht beweiskräftiger als die Tatsachen.
"Was wäre aus dem ganzen
Lager bei der Befreiung geworden?" (Seite 275)
fragt sich Kogon
schreckerfüllt. Aus dem zuvor Gesagten geht schon hervor, daß das ganze Lager
nur einen Grund weniger gehabt hätte, nach diesem Rhythmus zu "krepieren". Es
genügt nicht, hinzuzufügen:
"So fanden die ersten
amerikanischen Panzer, die vom Nordwesten her anrollten, das befreite.
Buchenwald vor." (Seite 304)
und dann das Verdienst, daß
dies so kam, der Häftlingsführung zuzuschreiben. Bei solcher Betrachtungsweise
könnte man auch sagen, sie seien in ein befreites Frankreich eingezogen, was
lächerlich wäre. Die Wahrheit ist, daß die SS vor der Ankunft der Amerikaner
ausgewichen war, und daß sie in der Absicht, so viele Häftlinge wie nur möglich
mit sich zu nehmen, die Häftlingsführung mit dem Gummiknüppel in der Hand auf
die Jagd nach Menschen im Lager geschickt hatte.
Dem ist zu danken, daß sich
das Unternehmen in einem Minimum an Unordnung vollzogen hat. Und wenn die
Offensive der Amerikaner durch ein zufälliges Wunder vor dem Lager aufgehalten
worden wäre, wenn nämlich eine scharf geführte Gegenoffensive der Deutschen über
den Kriegsausgang in einem anderen Sinne hätte entscheiden können, so hätte die
in folgenden Zeilen durchscheinende Überlegung einen gewissen Vorteil geboten:
"Die SS-Lagerleitungen
waren nicht imstande, Zehntausende von Häftlingen anders als rein äußerlich und
durch plötzliche Eingriffe zu kontrollieren." (Seite 275.)
10)
Hierzu muß bemerkt werden, daß die SS allgemein nicht vorwegnahm oder
höchstens sehr zurückhaltend: sie ließ vorwegnehmen und wurde so besser
bedient.
-209-
Mit anderen Worten, in
einem siegreichen Deutschland hätte jeder der Funktionäre der Lagerstellen sich
auf seinen persönlichen Beitrag an der Aufrechterhaltung der Ordnung, seine
Ergebenheit, usw. . . . berufen können, um seine Freilassung zu erreichen.
Und der nun zu lesende Text
hätte erscheinen können, ohne daß auch nur ein Komma in ihm zu ändern gewesen
wäre:
"Durch einen unaufhörlichen
Kampf galt es, die Methode der SS, die die verschiedenen Häftlingskategorien
miteinander vermischte, natürliche Gegensätze unterhielt und sie künstlich
hervorrief, zu brechen und unwirksam zu machen. Die Gründe hierfür waren bei den
Roten klar. Bei den Grünen waren es keineswegs politische Gründe, sie wollten
freie Bahn für ihre gewohnten Praktiken haben, für Korruption, Erpressung,
materielle Nutznießung. Jede Kontrolle, besonders aber eine solche von innerhalb
des Lagers, war ihnen unerträglich." (Seite 278.)
Es ist doch klar, daß keine
Methode der SS unwirksam werden konnte, wenn sie von anderen zu demselben Zweck
und bei demselben Gegenstand in derselben Absicht angewendet wurde. Mehr noch:
sie war unnötig. Die SS brauchte nicht mehr zu schlagen, weil diejenigen, denen
sie ihre Machtvollkommenheiten übertragen hatte, besser zuschlugen; auch nicht
zu stehlen, da jene besser stahlen und der Ertrag derselbe, wenn nicht größer
war; nicht zu Tode zu quälen, um der Ordnung Achtung zu verschaffen, da man sich
an ihrer stelle mit ihr beschäftigte und die Ordnung dadurch nur rotschimmernder
wurde.
Übrigens habe ich niemals
beobachtet, daß das Eingreifen der Konzentrationslager-Bürokratie natürliche
Gegensätze zum Verlöschen gebracht hätte, noch daß die verschiedenen
Häftlingskategorien weniger durcheinander gebracht wurden, als dies von der SS
bestimmt war.
Die angewendeten Methoden
waren, dies wird man zugeben, nicht geeignet, dieses Resultat zu erreichen. Und
der angestrebte — eingestandene — Zweck war gar nicht die Kernbildung: das teile
und herrsche, jener Grundsatz, der für jede Gewalt gilt, die den Wunsch hat, am
Ruder zu bleiben, galt ebenso für die Häftlingsführung wie für die SS. Während
die letztere in der Praxis die Masse der Häftlinge unterschiedslos jenen Leuten
gegenüberstellte, die sie auserlesen hatte, um sie zu regieren, spielte die
erstere eine Schattenpolitik frevelhafter Natur und der Auslese eines Kerns von
einer bestimmten Eigenschaft.
Was — aus der Entfernung
gesehen — an dieser These belustigt, ist die Unterscheidung, die sie zwischen
den an der Macht befindlichen Roten und Grünen macht, indem sie letztere der
Korruption, Erpressung und der Jagd nach materiellen Vorteilen beschuldigt: was
taten denn die
-210-
Roten, wenn nicht gerade
dies alles auch? Und was war für den gewöhnlichen Häftling denn der Unterschied,
da es ihm nicht möglich war, ihn nach seinem Ergebnis abzuwägen?
In einer seit Jahrzehnten
von einer kleinbürgerlichen Erziehung zur Kriecherei erzogenen Welt bekommt die
Nebeneinanderstellung von theoretischen Behauptungen mehr Bedeutung, als die
unbarmherzige Aufzählung der Ereignisse. Eine Moral, die zur Begründung eines
Gegensatzes zwischen dem Delikt nach dem Strafrecht und dem politischen Delikt
eine Unterscheidung in der Substanz unter den schuldigen braucht, ist zur
Feststellung einer Übereinstimmung der Beweggründe für das Benehmen beider nicht
geeignet, wie auch die Unterschiede liegen mögen. sie treibt dazu, den Einnuß
des Milieus, und — in einem Milieu, welches das Leben täglich gefährdet, — die
Reaktionen der in dieses Milieu verpflanzten selbstlosesten und
vorwurfsfreiesten Menschen zu sehr zu vernachlässigen.
Dies aber ist in den
Konzentrationslagern zum Vorschein gekommen: die Anforderungen des Kampfes um
das Leben, die mehr oder weniger eingestandenen Begierden, haben vor allen
moralischen Grundsätzen den Vorrang. Am Beginn stand der Wille zum Leben oder
zum Überleben. Bei den Gewissenlosesten ist er mit dem Bedürfnis verbunden,
Lebensmittel zu stehlen, dann, sich zusammen zu tun, um besser stehlen zu
können. Die Geschicktesten schließen sich zur besseren Ernährung zusammen — die
Politischen, da das Unternehmen im vorliegenden Falle mehr Gewandtheit als Kraft
erforderte — sind im Kampf um die Macht die stärkeren gewesen, weil sie am
besten ernährt waren.
Und sie haben diese als die
stärkeren auch behalten, weil sie geistig die Geschickteren waren. Aber keiner
der moralischen Grundsätze, nach welchem wir die Welt außerhalb der
Konzentrationslager auffassen, hat in diese Verkettung der Geschehnisse
eingegriffen, weil sie eben fehlten.
Danach kann man schreiben
(Kogon, Seite 275):
"In jedem Lager war es das
Bestreben der politischen Häftlinge, den inneren Verwaltungsapparat in die Hand
zu bekommen oder gegebenenfalls zu kämpfen, um ihn zu behalten, um sich mit
allen verfügbaren Mitteln gegen die SS behaupten zu können und nicht nur den
harten Kampf um das nackte Dasein zu bestehen, sondern auch, wenn irgend
möglich, einen Beitrag zur allgemeinen Zersetzung und Überwindung des Systems zu
leisten. In mehr als einem Lager haben politisch führende Häftlinge Jahre
hindurch eine zähe, todesverachtende Arbeit solcher Art vollbracht."
-211-
Aber dies ist nur eine
Generalbescheinigung, deren Abfassung, so voll des Lobes sie auch sein mag, doch
nicht verbergen kann, daß sie alle politischen Häftlinge — selbst diejenigen,
welche niemals darauf ausgingen, irgendeine Befehlsgewalt über ihre
Unglücksgefährten auszuüben — den gewissenlosesten unter ihnen gleichstellt.
Auch nicht das Geständnis: sich mit allen Mitteln zu verteidigen ...
Was dieses "mit allen
Mitteln" bedeuten konnte, folgt nun:
"Wenn die SS von den
Politischen verlangte, daß sie eine Aussonderung «nicht lebensfähiger» n)
Häftlinge zur vorbestimmten Tötung vornahmen, und die Weigerung das Ende der
roten Vorherrschaft, das Hochkommen der Grünen zur Folge hatte, dann mußte man
bereit sein, schuld auf sich zu nehmen. Man hatte nur die Wahl zwischen aktiver
Beihilfe und vermeintlichem Rückzug aus der Verantwortung, der nach allen
Erfahrungen weit Schlimmeres heraufbeschwor. Je zarter das Gewissen war, desto
schwerer mußte die Entscheidung fallen. Da sie fallen mußte, und zwar rasch,
wurde sie von robusten Gemütern getroffen . . . nicht alle sind Märtyrer
geworden." (Seite 327.)
Ich habe schon bemerkt, daß
es sich nicht um die Aussonderung Lebensunfähiger, sondern der Arbeitsunfähigen
handelte. Der Unterschied ist fühlbar. Wenn man ihn um keinen Preis wahrhaben
will, so bekenne ich, daß es besser gewesen wäre, einen "vermeintlichen12)
Rückzug aus der Verantwortung im Lager" zu riskieren, als seinem Gewissen diese
"tätige Beihilfe", zu der man in der Praxis stets bereit war, aufzubürden. Dann
wären die Grünen an die Macht gekommen? Zunächst einmal waren sie nicht Manns
genug, sie zu behalten. Ferner hätten sie gerade in diesem Fall in bezug auf die
Masse keinen größeren Eifer entwickelt. Sie hätten keine größere Zahl von
Unfähigen bezeichnet und hätten der Qualität nicht weniger Rechnung getragen,
denn bei diesen Aussonderungen kümmerten sich die Roten um die politische Farbe
nicht mehr als die Grünen, falls nicht die Häftlingsführung durch einen der
Ihren daran interessiert war.
Wenn man vor der Moral
schon dieselbe schuld auf sich nahm, weshalb wollte man dann die Macht den
Grünen nehmen oder diese gegen sie zu behaupten versuchen? Wenn die Grünen an
der Macht gewesen wären, ist es möglich, daß die von ihnen Ausgesonderten bis
auf Einzelne nicht dieselben gewesen wären. Aber es hätte sich nichts an der
Zahl geändert, die von der allgemeinen Arbeitsstatistik und von der materiellen
Möglichkeit für das Lager, eine mehr oder weniger große Zahl von
11) Im
Text zwischen Anführungszeichen.
12) Nur
vermeintlich — das mochte ich hervorheben.
-212-
Nichtarbeitern
durchzuhalten, bestimmt wurde. Eugen Kogon selbst hätte vielleicht nicht so
freie Bahn gehabt, vertrauter Schreiber des SS-Lagerarztes Dr. Ding-Schuler zu
werden oder zu bleiben, sondern wäre vielleicht selbst unter die Zahl der
Unfähigen gefallen, wenn er zwangsläufig von ihr getroffen in der Masse
gehungert hätte. Wahrscheinlich wäre es mit den fünfzehn anderen, die seiner
Aussage die Absolution erteilt haben, ebenso gewesen. Dann wäre allerdings die
unausdenkbarste Katastrophe eingetreten: sie hätte sich nur ereignen können,
wenn...
"Viele sind dadurch als
Zeugen am Leben geblieben, nicht alle sind Märtyrer geworden" (bereits zitiert).
Als ob es vom Standpunkt
der Geschichte aus von größerer Bedeutung gewesen wäre, daß Eugen Kogon und
seine Clique Zeugen waren oder andere — als Michelin von Clermont-Ferrant, als
Francois de Tessan, als Dr. Seguin, als Cremieux, als Desnos usw.... denn dieses
Wir und dieses Alle bezieht sich natürlich nur auf die Bevorrechtigten der
Häftlingsführung und nicht auf alle Politischen, die gerade den größten Teil der
Masse bildeten. Nicht einen Augenblick ist dem Verfasser der Gedanke
gekommen, die Konzentrationslager-Bürokratie hätte, wenn sie sich darauf
beschränkt hätte, weniger zu essen und weniger zuschlagen, fast alle Häftlinge
retten können, und daß es heute nur vorteilhaft sein könnte, wenn auch sie
Zeugen wären.
Wenn ein so gut
unterrichteter Mann, der außerdem eine gewisse Kultur zur schau trägt, zu derart
erbärmlichen Folgerungen kommen konnte, so muß die Ursache in der Tatsache
gesehen werden, daß er die Einzelnen und die Welt der Konzentrationslager nach
Maßstäben beurteilte, die außerhalb von ihr liegen. Wir begehen denselben
Fehler, wenn wir alles, was sich in Rußland oder China zuträgt, nach den Regeln
einschätzen, die der westlichen Welt eigen sind, und Russen wie Chinesen machen
es ebenso. Hier wie dort wurde eine Ordnung ersonnen, deren Praxis einen
Menschentyp hervorgebracht hat, dessen Vorstellungen vom sozialen Leben und vom
Verhalten des Einzelnen voneinander abweichen, wenn nicht sich entgegengesetzt
sind.
Dasselbe ist bei den
Konzentrationslagern der Fall, zehn Jahre Praxis haben ausgereicht, um eine
Ordnung zu schaffen, nach welcher alles beurteilt werden muß, wobei besonders zu
berücksichtigen ist, daß diese Ordnung einen neuen Menschentyp erzeugt hat, der
als Mittelding zwischen dem Häftling nach dem Strafrecht und dem politischen
Häftling steht. Die Charakteristik dieses neuen Menschentyps ergibt sich aus der
Tatsache, daß der ersterbe den zweiten vom rechten Wege abgebracht hat und ihn,
ohne sein Gewissen allzu sehr damit zu belasten, sich selbst
-213-
auf dem Niveau angeglichen
hat, dem das Lager von jenen angepaßt wurde, die es ersonnen hatten. Den
Reaktionen aller Häftlinge — ob grün oder rot — hat das Lager einen Sinn
aufgedrückt und nicht umgekehrt.
In Übereinstimmung mit
dieser Feststellung und insoweit man zugeben will, daß sie keine geistige
Konstruktion ist, können die in der Welt außerhalb der Konzentrationslager
geltenden Regeln der Moral wohl verzeihend eintreten, in keinem Falle aber
rechtfertigen.
Das Verhalten der SS.
Ich stelle zwei
Behauptungen einander gegenüber:
"Häftlinge, die ihre
Kameraden mißhandelten oder sogar zu Tode prügelten, wurden bezeichnenderweise
von der SS nie bestraft und mußten daher von der Häftlingsjustiz zur strecke
gebracht werden." (Seite 98.)
und:
"Eines Morgens wurde auf
einem Block ein Häftling erhängt aufgefunden. Es wurde eine Untersuchung
eingeleitet, die ergab, daß der «Erhängte» durch unmenschliche Prügel, Schläge
und Tritte getötet und dann vom Stubendienst unter Leitung des Blockältesten
Osterloh13) aufgehängt worden war, um einen Selbstmord vorzutäuschen.
Der Ermordete hatte gegen das Verschieben von Brot und Essenportionen durch den
Stubendienst protestiert. Die SS-Lagerführung erreichte14), daß die
Angelegenheit niedergeschlagen und der Mörder wieder in seine Position als
Blockältester eingesetzt wurde, worauf alles beim alten blieb,' (Seite 50.)
Es stimmt, daß die
SS-Lagerführung im allgemeinen nicht in die
zwischen den Häftlingen
auftretenden Streitigkeiten eingriff, und daß irgendeine gerechte Entscheidung
von ihr vergeblich zu erwarten war. Es konnte auch gar nicht anders sein:
"Was hinter dem
Stacheldraht wirklich vorging, blieb ihnen verborgen."
(Seite 275.)
Tatsächlich vervielfachte
die Häftlingsführung ihre Anstrengungen, damit die SS-Führung nichts davon
erfuhr. Während sie sich zur wahren "Häftlingsjustiz" aufwarf und sich zunutze
machte, daß keine Berufung gegen ihre Entscheidungen — das Unwahrscheinliche
angenommen — eingelegt werden konnte, suchte sie stets nur Zuflucht bei der SS,
um ihre Autorität zu stärken, wenn sie sie schwinden fühlte. Sonst aber sah sie
lieber, wenn die SS nicht eingriff, weil sie befürchtete, diese sei weniger
streng, was ihr Ansehen und ihre Führungseignung bei der Masse in
13) Ein
Grüner. Und deshalb wird der Vorfall als "beispielhaft' berichtet.
14) Von
uns unterstrichen.
-214-
Frage hätte stellen können,
wodurch dann das Problem ihrer Abberufung aus dem Amt und der Neubesetzung ihrer
Stelle akut werden konnte. Praktisch löste sich alles in einem Kompromiß: die
Häftlingsführung "vermeidet Geschichten", indem sie verhindert, daß solche durch
das von ihr gebildete Absperrgitter dringen, die SS wünscht unter dem Vorbehalt,
daß Ordnung herrscht, und diese unantastbar ist, nichts zu erfahren.
Wäre in dem berichteten
Fall der Blockälteste Osterloh ein Roter gewesen, so wäre der SS nichts anderes
zu Ohren gekommen, als die Version von einem Selbstmord des Erschlagenen, was
keine Schwierigkeiten zur Folge gehabt hätte. Aber er war ein Grüner und vertrat
eine der letzten Parzellen der Macht, die seine Kategorie im Lager noch in der
Hand hielt: die Roten haben ihn in der Hoffnung denunziert, ihn aus dem Wege
räumen zu können. Die SS hat nicht in dem Sinne entschieden, der ihrem Wunsche
entsprach. So hatte es die Ordnung vorgeschrieben: selbst ein schuldiger
Blockältester konnte nur von der vorgesetzten Stelle verdächtigt oder bestraft
werden; in keinem Falle auf Grund von Klagen oder Reaktionen der Masse. Ob er
grün oder rot war, blieb gleichgültig.
Man kann die Worte des
Satzes auch umkehren und den Beschuldigten in das Opfer und das Opfer in den
Mörder verwandeln: in diesem Falle wäre die Häftlingsführung zu folgender
Auffassung gekommen. Ohne sich um die Farbe Osterlohs zu bekümmern, hätte sie
sich als in ihren Vorrechten angegriffen und bedroht betrachtet und der SS mit
der Forderung nach einer exemplarischen Bestrafung Meldung erstattet: wenn sie
nicht, was wahrscheinlich ist, zunächst die Bestrafung vorgenommen und erst dann
die SS gebeten hätte, sie zu bestätigen. Im ersteren Falle hätte die SS an die
höhere Dienststelle berichtet und die Entscheidung abgewartet: ich will nicht
von den Schlägen reden, die von allen Seiten kommend den Mörder zum Bunker15)
begleitet hätten ... Im zweiten hätte die SS die Haltung der Häftlingsführung
bestimmt gebilligt, um die Ersuchen um Aufklärung, Rechtfertigungen usw.... und
Unannehmlichkeiten aller Art von seiten dieser höheren Stelle zu vermeiden.
Keine von beiden Möglichkeiten war mit der Ordnung im nachsichtigen sinne,
selbst wenn sie an Ort und stelle durchgesehen und verbessert wurde, zu
vereinbaren.
In der Affäre Osterloh,
welcher die Roten unvorsichtigerweise den Charakter eines Gewissenskonfliktes
gegeben hatten, in welchem die Ehrlichkeit gegen die Ordnung stand, hätte Berlin
eingegriffen und so viele Schwierigkeiten gemacht, daß nach dem Eingeständnis
des Zeugen die SS-Lagerführung von Buchenwald nur erreichen konnte, daß die
15) Das
innere Gefängnis des Lagers. Wenn man Kogon glauben soll, "war es nicht die
SS, die ihn erfand, sondern der erste Lagerälteste Richter" (Seite 174)
"während die SS nicht einmal daran dachte".
-215-
Angelegenheit
niedergeschlagen wurde. Im allgemeinen berichteten die SS-Führungen auch nicht
gern über solche Dinge nach Berlin. sie befürchteten Weiterungen, Wißbegierde,
wenn nicht noch Bedenken, die in Scherereien ausarten konnten, in deren Verfolg
es Versetzung zu einer anderen Formation gab, was in Kriegszeiten folgenschwer
sein konnte. Sie hielten Berlin in fast völliger Unkenntnis, informierten es nur
über das, was sie ihm nicht verbergen konnten16) und regelten alles,
soweit sie nur konnten, an Ort und Stelle.
Falls man daran zweifelt,
hier eine weitere Stelle:
"SS-Besuche fanden in den
Lagern häufig statt. Die Lagerführung entwickelte dabei eine merkwürdige Praxis:
einerseits verschleierte sie die Zusammenhänge, andererseits zeigte sie
besondere Schaustücke. Einrichtungen, die auf Marterungen der Häftlinge
hinweisen konnten, wurden bei den Führungen übergangen, derartige Gegenstände
versteckt. so kam zum Beispiel der berüchtigte "Bock", wenn er auf dem
Appellplatz stand, so lange in eine Wohnbaracke, bis die Besucher wieder
gegangen waren. Einmal vergaß man anscheinend die Vorsichtsmaßnahme; auf die
Frage eines Besuchers, was das für ein Instrument sei, erwiderte einer der
Lagerführer, ein Modell der Tischlerei zur Herstellung besonderer Formen. Auch
Galgen und Pfähle zum Aufhängen wurden stets beiseitegeräumt. Herumgeführt
wurden die Besucher vor allem in den "Musterbetrieben": Revier, Kino, Küche,
Bücherei, Kammer, Wäscherei und in der Landwirtschaft. Kamen sie wirklich einmal
in einen Wohnblock, dann in der Regel in den der sogenannten "Kommandierten", wo
die Friseure für die SS und die SS-Kalfaktoren sowie besonders privilegierte
Häftlinge lagen, der deshalb auch nie überfüllt und immer sauber war. In der
Gärtnerei oder in den Kunstwerkstätten erhielten die SS-Besucher Geschenke als
"Andenken". (Seite 258.)
Dies für Buchenwald. Wenn
man wissen will, wer diese Besucher waren, nun:
"Es gab Massenbesuche und
Einzelbesuche. Die Einzelbesuche waren besonders häufig zur Urlaubszeit, wenn
die SS-Führer
16)
Falls ein Leser diesen Standpunkt etwas abenteuerlich finden sollte, erlaube
ich mir, ihn auf meine Fußnote auf Seite 184 hinzuweisen. In Frankreich
wissen das Justiz- und das Erziehungsministerium fast nichts von allem, was
in den Gefängnissen und den sogenannten Erziehungshäusern vorgeht: die dort
im Gebrauch befindlichen Disziplinarregeln verletzen ständig die amtlichen
Vorschriften und jedermann erfährt dies erst aus Anlaß von periodischen
Skandalen. In allen Ländern der Welt ist es ebenso: es gibt ein "Universum"
der Delinquenten, das am Rande des anderen in der Stellung des Ausgewiesenen
lebt, und in dem der Tschausch* König ist. An den Grenzen dieses
"Universums" liegen die Kolonialvölker. Die Kolonial- und Kriegsministerien,
denen sie unterstehen, wissen genau so wenig über das Betragen ihrer
Adjutanten, obwohl sie sie mit Rundschreiben über die Menschlichkeit
überfüttern.
*)
Tschausch = franz. Chauch = Aufseher
-216-
ihren Bekannten und
Verwandten das Lager zeigten. Meist waren es selbst SS-Angehörige oder
SS-Führer, gelegentlich auch Wehrmachts - und Polizeioffiziere. Die
Massenbesuche waren verschiedener Art. Häufig kamen irgendwelche Lehrgänge von
Polizisten oder Gendarmen aus nahegelegenen Polizeischulen oder Lehrgänge von
SS-Fahnenjunkern. Nach Kriegsbeginn waren die Besuche von Wehrmachtsoffizieren
nicht selten, besonders von Fliegeroffizieren. Von Zeit zu Zeit kamen auch
Zivilisten. In Buchenwald trafen einmal Jugendabordnungen faschistischer Länder
ein, die zu einer "Kulturtagung" in Weimar versammelt waren. Auch HJ-Führungen
durch das Lager fanden statt. Prominente Besucher, wie Gauleiter Sauckel, der
Polizeipräsident von Weimar, Hennicke, der Erbprinz zu Waldeck-Pyrmont, der
italienische Außenminister, Graf Ciano, Wehrkreiskommandanten, der
Reichsgesundheitsführer Dr. Conti und dergleichen Leute wurden meist bis zum
Abendappell dabehalten." (Seite 257'.)
So war dies also,
sorgfältig verbarg man die Spuren oder Beweise für Marterungen nicht nur allen
ausländischen oder anderen Besuchern, sondern auch den höchsten Persönlichkeiten
der SS und des III. Reiches. Ich könnte mir vorstellen, daß man diesen
Persönlichkeiten, wenn sie in Dachau oder Birkenau!!!??? erschienen wären, über
die Gaskammern genau so passende Erklärungen abgegeben hätte wie für den "Bock"
in Buchenwald. Ich stelle die Frage: Wie kann man sonach behaupten, alle Greuel,
die sich in den Lagern abgespielt haben, seien ein Teil eines "an höchster
Stelle" abgekarteten Planes gewesen? . . .
Wenn Berlin trotz allem,
was man ihm verbarg, irgend etwas Ungewöhnliches in der Verwaltung der Lager
entdeckte, wurden die SS-Lagerführungen entsprechend zur Ordnung gerufen.
Einer dieser Ordnungsrufe,
der vom Leiter der Abteilung D ausging, bestimmt unter dem 4. April 1942
folgendes:
"Der Reichsführer-SS und
Chef der Deutschen Polizei hat angeordnet, daß bei seinen Verfügungen von
Prügelstrafen (sowohl bei männlichen als auch bei weiblichen Schutz- und
Vorbeugungshäftlingen), wenn das Wort "verschärft" hinzugesetzt ist, der
Strafvollzug auf das unbekleidete Gesäß zu erfolgen hat. In allen anderen Fällen
bleibt es bei dem bisherigen vom Reichsführer angeordneten Vollzug."
Eugen Kogon, der dieses
Rundschreiben zitiert, fügt hinzu:
"An sich mußte die
Lagerführung bei Verhängung der Prügelstrafe erst in Berlin um die Bestätigung
ansuchen und der Lagerarzt bescheinigen, daß der Häftling gesund sei. Lange Zeit
überall
-215-
und vielerorts bis zuletzt
war die Praxis jedoch so, daß der Häftling zuerst "über den Bock" ging und eine
beliebige Anzahl von Hieben erhielt, worauf die Prozedur nach Eintreffen der
Berliner Bestätigung noch einmal und nun offiziell vollzogen wurde." (Seite 99.)
Es braucht wohl nicht
besonders gesagt zu werden, daß die Prügelstrafe fast immer auf den nackten
Hinterteil verabfolgt wurde und das fragliche Rundschreiben an alle Lager
geschickt wurde, um diesen Mißbrauch abzustellen und nicht um die strafe zu
verschärfen.
Natürlich kann man erstaunt
sein und es barbarisch finden, daß die Prügelstrafe ein Teil der vorgesehenen
Strafmittel war. Aber dies ist eine andere Geschichte: in einem Lande wie
Deutschland), in welchem bis nach dem Ende des ersten Weltkrieges für jedermann
als mildeste strafe der "Schlag" vorgesehen war, ist es nicht so überraschend,
daß diese vom Nationalsozialismus für die größten Übeltäter beibehalten wurde,
vor allem, wenn man berücksichtigt, daß die Weimarer Republik hierin nicht
anders gehandelt hat. Mehr überrascht, daß in einem Lande wie Frankreich, in
welchem Haufen von Rundschreiben ihre Abschaffung seit einem Jahrhundert
bestätigt haben, Millionen von Negern ihr weiter ausgesetzt sind und die strafe
tatsächlich "auf den nackten Hinterteil" erhalten, da sie überdies noch das Pech
haben, in Gebieten der Erde zu wohnen, in denen sie sich für diesen Zweck erst
ankleiden müßten.
Ein anderes, vom 28.
Dezember 1942 datiertes, vom Reichsamt SS für Wirtschaftsverwaltung ausgehendes
Rundschreiben (Geheim — Tagebuchnummer 66,42 D,III,14h,82.42 Lg,Wy), das die
Unterschrift des Generals der SS und der Waffen-SS Krüger trägt, besagt:
,,. . . Die Lagerärzte
haben mehr als bisher die Ernährung der Häftlinge zu überwachen und in
Übereinstimmung mit den Verwaltungen dem Lagerkommandanten
Verbesserungsvorschläge einzureichen. Diese dürfen jedoch nicht nur auf dem
Papier stehen, sondern sind von den Lagerärzten regelmäßig zu kontrollieren." ".
. . daß die Sterblichkeitsziffer in den einzelnen Lagern wesentlich herabgehen
müsse, da die Zahl der Häftlinge auf die Höhe zu
*) Anm.
d, Verlages: In dieser Betrachtung des Strafvollzuges muß der Verfasser
einem weitverbreiteten Irrtum Rechnung getragen haben: nachdem bereits durch
Friedrich d. Gr. in Preußen die Prügelstrafe verboten wurde, enthielt das
Strafrecht des Deutschen Reiches vor und nach dem ersten Weltkrieg und bis
1945 keinerlei Bestimmungen, welche in irgendeiner Form die Prügelstrafe als
Teil des Strafvollzuges vorsahen. Die vom Verfasser in den Lagern erlebten
Prügeleien waren ebenso ungesetzlich wie die, welche nach 1945 von den
Besatzungsmächten und ihren "Dienern" in den Entnazifizierungslagern und
Gefängnissen in brutalster Form angewandt wurden. In diesem Zusammenhang ist
aber von Bedeutung, daß in den Vereinigten Staaten von Amerika (unter Titel
11 des Strafgesetzbuches des Staates Delaware) die Prügelstrafe im
Jahre 1959 wieder eingeführt wurde. Dort kann das Gericht bis zu 60
Stockschläge als Strafe verhängen. Die Prügelstrafe wird ferner in
der französischen Fremdenlegion weiter angewendet.
-218-
bringen sei, die der
Reichsführer-SS befohlen hat. Die Ersten Lagerärzte haben sich mit allen Mitteln
dafür einzusetzen . . . Nicht derjenige ist der beste Arzt in einem
Konzentrationslager, der glaubt, daß er durch unangebrachte Härte auffallen muß,
sondern derjenige, der die Arbeitsfähigkeit durch Überwachung und Austausch an
den einzelnen Arbeitsplätzen möglichst hochhält." [Seiten 111 und 141, in zwei
Teilen zitiert.)
Vielleicht sind noch
weitere Dokumente vorhanden, die die von mir aufgestellte These stützen könnten:
sie schlummern noch in den deutschen Archiven oder, wenn sie schon ans
Tageslicht gebracht sind, haben diejenigen, welche die Möglichkeit hatten, sie
einzusehen, sie nicht veröffentlicht. Die Methode, die angewendet wird, um diese
Arbeit
auszuführen, ist
erstaunlich. Beispiel: unter dem Titel "Der Hanswurst lacht nicht" hat David
Rosset eine Sammlung von Dokumenten über die deutschen Greuel auf allen Gebieten
veröffentlicht; über das zweite der beiden oben zitierten Rundschreiben schweigt
er, weil es seine Argumentation großenteils zerstört; und wenn er das erste
zitiert, entstellt er dessen Sinn17) vollkommen. Wenn auch
Veranlassung vorliegt, den Erklärungen und Auslegungen Eugen Kogons zu
mißtrauen, so muß man sich doch beglückwünschen, daß er objektiv genug gewesen
ist — vielleicht unbewußt — den Schleier zu lüften.
Das Sanitätspersonal.
"Das
Häftlingssanitätspersonal bestand in den ersten Jahren aus völlig ungelernten
Kräften. Es hat sich aber allmählich eine große praktische Erfahrung angeeignet.
Der erste Revierkapo in Buchenwald war seinem wirklichen Beruf nach Buchdrucker,
sein Nachfolger Walter Krämer war eine starke, mutige Persönlichkeit, ungeheuer
fleißig und sehr organisationsbegabt. Er wurde im Laufe der Zeit ein
vorzüglicher Wundbehandler und Operateur. Die Stellung des Revierkapos war in
jedem Konzentrationslager mit einem ungewöhnlichen Einfluß auf die
Gesamtlagerverhältnisse verbunden. Sie wurde daher auch von seifen der Häftlinge18)
nie mit einer F a c h k r a f t besetzt, selbst als dies vielerorts möglich
gewesen wäre,
17)
David Rousset hat ebenso einen Erlaß des Dritten Reiches über den Schutz der
Frösche erwähnt und dessen Inhalt dem unvorstellbaren Regime, das den
Insassen der Konzentrationslager auferlegt war, gegenübergestellt. Muß hier
festgestellt werden, daß auch das republikanische Frankreich ganze
Sammlungen von Erlassen besitzt, die den der Schutz der Frösche, der Fische
usw. . . . regelten und jedes Jahr von allen Präfekturen in allen
Wiederholungen veröffentlicht wurden? Und welch glückliche Wirkungen man mit
der Feder erzielen könnte, wenn man sie denjenigen gegenüberstellen würde,
die die unglücklichen Kinder oder das Los der Kolonialvölker oder gar das
Wesen des Strafvollzuges betreffen?
18) Diese
Verallgemeinerung ist eine Irreführung: es handelt sich nur um solche, die
von ihren Chefs mit Hilfe der Gewalt improvisiert wurden, die ihnen die SS
übertragen hatte.
-219-
ondern immer mit einer
Person, die der einwandfreie Vertreter der im Lager herrschenden Schicht war.
Als zum Beispiel im November 1941 Kapo Krämer und sein nächster Mitarbeiter Peix
von der SS erschossen wurden, ging die Leitung des Häftlingskrankenbaues bald
darauf nicht etwa in die Hand eines Arztes über, sie wurde vielmehr dem früheren
kommunistischen Reichstagsabgeordneten Ernst Busse übertragen, der sich mit
seinem Stellvertreter Otto Kipp aus Dresden auf die rein organisatorische und
personelle Seite des mehr und mehr anwachsenden Revierbetriebes beschränkte19)
und viel zur weiteren Konsolidierung der Verhältnisse beigetragen hat. Ein
Fachmann an der Spitze des Krankenbaues hätte unweigerlich zu einer Katastrophe
geführt, da er unmöglich den weitreichenden, an allen Ecken und Enden spielenden
Intrigen mit oftmals tödlichem Ausgang hätte gewachsen sein können." (Seite
135.)
Man schaudert bei dem
Gedanken, daß der Verfasser keine Miene verzieht, wenn er ein solches Urteil von
sich gibt und in der Öffentlichkeit verbreitet, ohne unwiderstehliche Bewegungen
entrüsteter Proteste hervorzurufen. Um alles hierin liegende Entsetzliche zu
erfassen, muß man wissen, daß der Kapo seinerseits seine Mitarbeiter nach
Gesichtspunkten auswählte, die ebenfalls mit fachlicher Tätigkeit nichts zu tun
hatten. Und sich vorstellen, daß diese sogenannten "Häftlingsführer", die
Tausende von Unglücklichen Krankheiten aussetzten, indem sie sie schlugen und
ihnen die Verpflegung stahlen, sie am Ende dann von Leuten pflegen ließen, die
völlig ungeeignet waren, ohne daß die SS sie hierzu genötigt hätte.
Das Drama begann an der
Türe zum Revier:
"War der Kranke schließlich
angelangt, so mußte er zuerst in einer langen Reihe im Freien bei jeder
Witterung mit blankgewaschenen Schuhen anstehen. Da es einfach nicht möglich
war, alle Kranken zu behandeln, und da sich außerdem immer wieder Häftlinge
unter sie mischten, die nur das an sich begreifliche Bedürfnis hatten, sich vor
der Arbeit zu drücken, nahm ein robuster Häftlingspförtner die erste radikale
Krankenauslese vor." (Seite 130.)
Der Kapo, der nur
ausgewählt wurde, weil er Kommunist war, wählte als Schreiber nicht etwa einen
Häftling, der fähig gewesen wäre, Kranke von Nichtkranken zu unterscheiden,
sondern einen Häftling, der kräftig war und mit wuchtigen Schlägen amtieren
konnte. Unnütz zu sagen, daß er dies wegen der zusätzlichen Suppen tat. Die
Gründe, welche bei
19)
Alle Buchenwalder
Häftlinge können bezeugen, daß seine
Ansicht in
sanitären und
medizinischen Dingen vorherrschend
war.
-220-
der Auswahl den Ausschlag
gaben, entsprangen, wenn sie nicht gleicher Natur waren, doch derselben edlen
Einstellung. Wenn später in den Krankenstuben der Lager Ärzte vorhanden waren,
dann nur, weil die SS sie eingesetzt hatte. Wenn es dazu aber kommen sollte,
mußten sie schon beim Eintreffen der Transporte aus der Masse ausgesondert
werden. Ich übergehe die Demütigungen, wenn nicht gar Vergeltungsmaßnahmen,
deren Opfer diese Ärzte jedesmal dann wurden, wenn sie die Gebote des
Berufsgewissens den Forderungen der Politik entgegenstellten.
Eugen Kogon sieht in
diesem Verfahren Vorteile: der Kapo Krämer war "ein bemerkenswerter Spezialist
für Wundbehandlungen und Operationen" geworden, und fügt hinzu:
"Ein guter Bekannter von
mir, Willi Jellinek, Zuckerbäcker aus Wien .. . Er war in Buchenwald
Leichenträger, dem Lagerrang nach eine Null. Als Jude, als großer, auffällig
starker junger Mann und als Mensch von ausgeprägter persönlicher Eigenart, hatte
er zu Kochs Zeiten wenig Aussicht, zu überleben. Was ist statt dessen aus ihm
geworden? Unser bester Tbc-Sachverständiger, ein vorzüglicher Heilpraktiker, ein
Internist, der sehr vielen Kameraden geholfen hat, und Bakteriologe in Block 50
dazu .. ." (Seite 324.)
Ich will wohl von der
Verwendung und dem Los der Berufsmedizinier absehen, welche die Häftlingsführung
einzeln wie im ganzen als weniger interessant beurteilte als die Herren Krämer
und Jellinek. Ebenso will ich von der Zahl der Toten absehen, mit welcher die
vorzügliche Vollkommenheit dieser letzteren erkauft wurde. Aber wenn es schon
gut befunden wird, daß solche Erwägungen unerheblich sind, so liegt um so mehr
Grund vor, diese Erfahrung auf die Welt außerhalb der Konzentrationslager
auszudehnen und sie zu verallgemeinern. In aller Ruhe kann man dann gleich zwei
Verordnungen entwerfen: die erste würde alle medizinischen Fakultäten aufheben
und sie durch Lehrzentren für Zuckerbäcker und Eisendreher ersetzen; die zweite
würde alle Mediziner, die die Krankenhäuser überfüllen oder Sprechstunde
abhalten, den verschiedenen Unternehmen für öffentliche Arbeiten zuweisen, um
sie durch kommunistische oder mit den Kommunisten sympathisierende Zuckerbäcker
oder Eisendreher zu ersetzen.
Ich bezweifle nicht, daß
diese letzteren sich mit Ehren herausziehen würden: anstatt ihnen die
verursachten Todesfälle aller Arten vorzuwerfen, schriebe man ihnen das
Taktgefühl zugute, mit dem sie in allen Intrigen des politischen Lebens siegen
würden. Auch dies ist eine Art, die Dinge zu sehen.
-221-
Hingabe
"Das Häftlingspersonal (der
Zahnstationen) hat von Anfang an darauf gesehen, den Kameraden so viel wie
möglich zu helfen. In sämtlichen Stationen wurde auf eigenes, schweres Risiko in
einer Weise illegal gearbeitet, von der man sich schwer eine Vorstellung machen
kann. Gebisse, Prothesen, Brücken wurden für Häftlinge angefertigt, denen die SS
die Zähne eingeschlagen hatte, oder die sie durch die allgemeinen
Lagerverhältnisse verloren hatten." (Seite 131.)
Das stimmt. Aber die
"Kameraden", denen geholfen wurde, waren immer dieselben: ein Kapo, ein
Blockältester, ein Lagerältester, ein Schreiber usw. . . . Diejenigen aus der
Masse, die ihre Zähne aus den angegebenen Gründen verloren hatten, sind
gestorben ohne künstliche erhalten zu haben oder mußten mindestens mit der
Behandlung bis zur Befreiung warten.
Die Illegalität dieser
Arbeit war übrigens von ganz besonderer Art und schloß das vorherige
Einverständnis der SS in sich:
"Im Winter 1939, 40 wurde,
was nachträglich kaum faßbar erscheint und doch für die Lager Verhältnisse
äußerst bezeichnend ist, durch engste Zusammenarbeit einer Reihe von
Arbeitskommandos illegal ein eigener Operationssaalbau errichtet, der durch den
Lagerarzt Dr. Blies stillschweigend gebilligt wurde . .." (Seite 132.)
Man kann die Tragweite und
ihre Folgen ermessen, wenn man berücksichtigt, daß die zahnärztlichen und
chirurgischen Einrichtungen speziell für alle Häftlinge in allen Lagern
vorgesehen waren. Und dank der Mithilfe gewisser hochgestellter SS-Angehöriger
konnten sie ihrem Zweck zum alleinigen Besten der Häftlingsführung entfremdet
werden. Meine Meinung geht dahin, daß diejenigen, welche zu dieser
Zweckentfremdung die Hand reichten, "ein schweres Risiko eingingen", und daß
darin — von unten gesehen — nur etwas Gerechtes liegt.
Eugen Kogon fühlt selbst
die Fragwürdigkeit seiner Logik:
"Im letzten Jahre gab es
in einer Reihe von Konzentrationslagern eine so durchgebildete Selbstverwaltung,
daß die SS in wichtige lagerinterne Angelegenheiten keinen Einblick mehr hatte.
Müde geworden, war sie nun daran gewöhnt, daß die Dinge 'von selbst liefen' und
ließ im großen gesehen die Selbstverwaltung der Häftlinge in vielem gewähren
..."
"Den größten Nutzen aus
diesem Umstand zog freilich immer die herrschende Schicht, die in den
Hauptlagern allerdings mehr oder weniger20) identisch war mit den
aktiven antifaschistischen
20) Eine
köstliche Beschönigung.
-222-
Kräften; der Masse der
Häftlinge kamen nur gelegentlich mittelbare, allgemeine Vorteile zugute, meist
in der Form, daß ein Einspruch der SS nicht mehr zu befürchten war, wenn die
Führung der Häftlingsselbstverwaltung aus eigener Machtbefugnis positive
Verfügungen im Interesse aller traf." (Seite 284.)
Offenbar kann man dies auch
so übersetzen: wenn die SS die Politischen im großen und ganzen in vielem
gewähren ließ, so geschah dies, weil sie "müde geworden" oder "daran gewöhnt"
war: auch dies ist eine Art, die Dinge zu sehen . . .
Trotzdem bleibe ich
überzeugt, daß es geschah, weil die Politischen ihr zahlreiche und auffällige
Beweise ihrer Ergebenheit bei der Aufrechterhaltung der Ordnung geliefert
hatten, woraus sie geschlossen hatte, daß sie ihnen in sehr vielen Fällen
Vertrauen schenken konnte.
Was die "positiven
Maßnahmen im Interesse aller" betrifft, so vermieden sie vielleicht ein
Eingreifen der SS, aber gerade auf diesem einzigen "Vorteil" beruhten die
Ursachen aller Katastrophen, die über die Masse hereinbrachen: es ist besser,
von Gott behandelt zu werden als von seinen Heiligen. Außerdem, wenn die Macht
sich insoweit festigt, daß es ihr gelingt, mögliche Widerstände zu teilen, so
wird sie umgekehrt durch die Spaltungen geschwächt, die sie trennen: unter
diesem Gesichtswinkel hätte eine SS, die eine ständige und peinliche Kontrolle
über alles ausübte, was im Lager vor sich ging, das Mißtrauen durch den Geist
der Nachsicht in allen Beziehungen ersetzt, die sie zur Häftlingsführung
unterhielt. Daß die SS dies nicht wollte, ist leicht zu verstehen. Aber die
andere wollte auch nicht mehr: sie hatte freiwillig den Rubikon überschritten
und einer Lage, die sie der Masse der Lagerinsassen angeglichen hätte, zog sie —
welches Lösegeld für die Gemeinschaft dies auch kosten mochte — die Möglichkeit
vor, eine Speichelleckerei zu treiben, deren kleine Vergünstigungen ihr das
Leben retteten, weil sie sich aneinanderreihten.
Kino und Sport
"Geboten wurden wöchentlich
oder zweiwöchentlich mit längeren Unterbrechungen Unterhaltungs- und
Kulturfilme. Angesichts der entsetzlichen allgemeinen Verhältnisse im Lager
brachte es mancher Kamerad niemals über sich, ins Kino zu gehen." "Kurioserweise
gab es im Lager so etwas wie Sport. Die Bedingungen dazu waren, wie man
begreifen wird, nicht gerade rosig. Trotzdem fanden sich junge Leute, die noch
überschüssige Kräfte zu haben glaubten. Sie brachten es fertig, von der
SS-Führung die Erlaubnis zum Fußballspiel zu erhalten!"
-223-
"Und die Schwachen, soweit
sie noch gellen konnten, die Ausgemergelten, die Halbtoten auf schwankenden
Beinen, die Ausgehungerten sahen mit Vergnügen zu . . ." [Seite 124—125.)
Diese Schwachen, diese
Ausgemergelten, diese Halbtoten, von denen Eugen Kogon berichtet, sie hätten mit
Vergnügen einem Fußballspiel zugesehen, obwohl sie stehen mußten, sind
dieselben, von denen er glaubt, daß sie es angesichts der entsetzlichen
allgemeinen Verhältnisse nicht über sich brachten, ins Kino zu gehen, wo man
sitzen konnte.
In Wirklichkeit gingen sie
nicht ins Kino, weil bei jeder Vorführung alle Plätze den Leuten von der
Häftlingsführung vorbehalten waren. Beim Fußballspiel war dies anders: der Platz
lag im Freien und jedermann konnte zuschauen und das Lager war groß. Jedermann
konnte zugegen sein. Und dennoch fiel es dann irgendeinem Kapo ein, mit dem
Gummiknüppel in der Hand in die Menge einzubrechen und alle diese Unglücklichen
zu den Blocks unter dem Vorwand zurückzutreiben, diesen Sonntag nachmittag
sollten sie zum Ausruhen benutzen.
Was die "jungen Leute, die
überschüssige Kräfte zu haben glaubten", anbetrifft, so handelte es sich um
Leute von der Häftlingsführung oder ihre Schützlinge: sie hatten sich mit der
gestohlenen Verpflegung derer, die ihnen zuschauten, vollgestopft, sie
arbeiteten nicht und waren in voller Form.
Haus der
Duldung
"Das Lagerbordell wurde mit
dem keuschen Namen "Sonderbau" benannt. .. Die Besuchszeit betrug für Leute ohne
Beziehungen zwanzig Minuten . . . Von seiten der SS war der Zweck der Übung, die
politischen Häftlinge zu korrumpieren ... Im Lager Buchenwald war die interne
Weisung durchgegeben worden, die Einrichtung nicht zu benutzen ... Im großen und
ganzen haben die Politischen die Linie eingehalten, so daß die Absicht der SS
vereitelt wurde." (Seite 170—171.)
Wie zum Kino hatten auch
zum Bordell nur die Leute von der Häftlingsführung Zutritt, übrigens auch die
einzigen, die in einem Zustand waren, in ihm Ersprießliches vorzufinden. Niemand
hat sich je darüber beklagt und alle Diskussionen, die sich über diese
Einrichtung entspinnen könnten, sind von keinerlei Interesse. Ich wollte jedoch
auf folgendes aufmerksam machen:
"Haltlose Gefangene, auch
genug Politische, haben zuerst durch Homosexualität, dann, nach Ankunft der
Jugendlichen, durch Päderastie scheußliche Verhältnisse geschaffen." (Seite
.236.)
Meine Meinung ist, daß die
fraglichen Politischen besser getan hätten, ins Bordell zu gehen, da man ihnen
die Möglichkeit dazu bot. Die Logik,
-224-
die darin besteht, sie zu
loben, weil sie das Angebotene unter dem Vorwand ausgeschlagen hätten, sich
nicht korrumpieren zu lassen (!...), wird von dem Augenblick an zu einer
ungeheuren Heuchelei, in welchem sie die Verführung von Jugendlichen zuläßt. Ich
füge hinzu, daß die SS das Bordell gerade vorgezogen hatte, weil sie jede
Entschuldigung oder Rechtfertigung dieser Verführung unmöglich machen wollte.
Bespitzelung
"(Die SS-Lagerführungen)
suchten sich daher durch Spitzel Kenntnis von den inneren Vorgängen im Lager ...
zu verschaffen . . . Erfolg hatte die SS nur mit Spitzeln aus dem Lager selbst:
BVern21), Asozialen und auch Politischen." (Seite 276.) "Daß sich die
Gestapo aus den Lagern Schutzhäftlinge holte, um sie als Spitzel und
Vertrauensleute zu gebrauchen, kam nur selten vor . . . offenbar hat die Gestapo
mit ihren Versuchen so schlechte Erfahrungen gemacht, daß sie das Mittel,
glücklicherweise, nur äußerst selten anwandte." (Seite 255.)
Es erscheint recht
überraschend, daß ein Verfahren, das bei Anwendung durch die SS zu Ergebnissen
führte, im Dienst der Gestapo zum Fehlschlag werden konnte. Und dennoch ist es
richtig, daß die Gestapo nur ausnahmsweise zu diesem Mittel griff: sie brauchte
es nicht. Jeder Lagerinsasse, der irgendein Stückchen Macht oder eine
Beschäftigung durch Gunst erhalten hatte, war mehr oder weniger ein Spitzel, der
die SS unmittelbar oder durch Mittelspersonen unterrichtete: wenn die Gestapo
etwas wissen wollte, brauchte sie nur bei der SS anzufragen . . .
Unter der Lupe besehen
waren die Konzentrationslager mit einem ausgedehnten Netz von Spitzeln
überzogen. In der Masse waren es die kleinen, die gewohnheitsmäßigen Zuträger,
die die Leute der Häftlingsführung aus angeborener Unterwürfigkeit für eine
Suppe, ein Stück Brot, ein Scheibchen Margarine usw. . . . oder gar unbewußt
unterrichteten. So groß ihre Missetaten auch waren, sie sind — aus Mangel an
Geschichtsschreibern — noch nicht in die Geschichte eingegangen. Über ihnen
stehend aber hat, wenn es nötig war, die ganze Häftlingsführung die Masse für
die SS bespitzelt. schließlich war die Häftlingsführung aus Leuten
zusammengesetzt, die sich gegenseitig bespitzelten.
Unter diesen Bedingungen
nahm die Angeberei oft eigentümliche Formen an:
"Wolff (ein ehemaliger
SS-Angehöriger, Homosexueller und Lagerältester 1942) schickte sich an, auf
Rechnung seiner polnischen Freunde (er war Liebhaber eines Polen) andere
Kameraden zu
21) BVer
- Häftlings mit befristeter Vorbeugungshaft.
-225-
denunzieren. In einem Falle
war er so unklug, Drohungen auszusprechen. Ein deutscher Kommunist aus Magdeburg
sollte entlassen werden, was Wolff wußte. Seine Erklärung, er werde die
Freilassung durch eine Meldung wegen politischer Tätigkeit im Lager zu
verhindern wissen, wurde mit der Gegendrohung beantwortet, dann müsse die SS
unterrichtet werden, daß Wolff Päderastie betreibe. schließlich spitzten sich
die Gegensätze derart zu, daß die illegale Lagerleitung selbst der Tätigkeit der
polnischen Faschisten zuvorkam, indem sie diese der SS auslieferte." (Seite
280.)
Mit anderen Worten, die
Denunzierung, die eine Gemeinheit war, wenn sie von den Grünen ausging, wurde
zur Tugend, wenn sie vorbeugenderweise von den Roten begangen wurde. Wie
glücklich sind die Roten, die sich aus der Affäre ziehen können, weil sie ihren
Opfern das Schildchen "Faschist" an die Stirn heften können!
Aber hier noch besser:
"In Buchenwald ereignete
sich 1941 der berühmteste und berüchtigste Fall freiwilliger Denunziationsarbeit22),
als der weißrussische Emigrant Gregorij Kushnir-Kushnarew, angeblich früherer
General, nachdem er sich monatelang systematisch in das Vertrauen weiter Kreise
eingeschlichen hatte, damit begann, Kameraden jeder Art, besonders aber
russische Kriegsgefangene, der SS ans Messer zu liefern. Dieser Gestapoagent,
der mehrere hundert Häftlinge zu Tode gebracht hat, scheute auch nicht davor
zurück, jedermann in der gemeinsten Weise23) zu denunzieren, mit dem
er einmal irgendeinen, wenn auch gänzlich nebensächlichen Streit gehabt hatte .
. . Ihn einmal allein zu überraschen, so daß er etwa hätte erschlagen werden
können, war lange Zeit nicht möglich, da ihm die SS ihren besonderen Schutz
angedeihen ließ. sie mache ihn am Ende zum tatsächlichen Leiter der
Häftlingsschreibstube. In dieser Stellung brachte er im Lager nicht nur alle zu
Fall, die ihm gerade nicht paßten, sondern behinderte in vielem die positive
Ausnutzung der Einrichtungen der Häftlingsselbstverwaltung. In den ersten Tagen
des Jahres 1942 fühlte er sich endlich, einmal krank; er war unklug genug, sich
zum Häftlingskrankenbau zu begeben. Damit lieferte er sich seinen Gegnern selbst
aus. Mit Erlaubnis -
22) Nach
dieser Philosophie ist zweifelsohne auch eine . . . unfreiwillige
Denunziation statthaft. Wie man sieht, fehlt es nicht an Hintertüren.
23) Denn
es gibt noch Formen der Denunziation, die es weniger sind, oder die es
offenbar! — gar nicht sind.
-226-
des Lagerarztes Dr. H o v e
n, der in dieser Sache längst bearbeitet war und auf der Seite der führenden
Häftlingsfunktionäre des Lagers stand, wurde Kushnir sofort für infektionskrank
erklärt, isoliert und bald darauf durch Giftinjektion getötet." (Seite 276.)
Der vorbenannte Gregorij
Kushnir-Kushnarew war wahrscheinlich an allem schuld, was man ihm vorwirft, aber
alle, die die Stufen der Konzentrationslager-Hierarchie erklommen und denselben
Posten vor oder nach ihm besetzt hatten, haben sich genau so benommen und ihr
Gewissen mit denselben Verbrechen belastet. Dieser Mann hatte die Billigung
Eugen Kogons nicht. Wie dem auch sei, es ist schwer, anzunehmen, daß die SS in
der Person des Dr. Hoven unentgeltlich einen so aktiven Anteil an seiner
Beseitigung haben soll.
Eugen Kogon fügt noch
hinzu:
"Ich erinnere mich noch,
welch erleichtertes Aufatmen durch das ganze Lager ging, als sich mit
Blitzeseile die Nachricht verbreitete, um 17.10 Uhr sei Kushnir-Kushnarew im
Revier gestorben."
Die Clique, zu welcher der
Zeuge gehörte, hat bestimmt einen Seufzer der Erleichterung ausgestoßen, und das
ist begreiflich, denn dieser Tod bedeutete für sie den freien Weg zur Macht.
Durch das übrige Lager aber ging ein Seufzer der Befriedigung, wenn irgendein
einflußreiches Mitglied der Häftlingsführung hingerichtet und dessen Tod
jedesmal mit einiger Hoffnung auf endliche Besserung des gemeinsamen Schicksals
aufgenommen wurde. Nach einiger Zeit bemerkte man dann, daß sich nichts geändert
hatte, und bis zur nächsten Hinrichtung war es jedermann gleichgültig, ob er auf
dem Altar der Wahrheit oder dem der Lüge geopfert wurde, die sich im Schrecken
gleich waren.
Transporte
"Das Häftlingsbüro der
Arbeitsstatistik leitete in den Lagern bekanntlich die Verwendung der
Arbeitskraft unter Kontrolle und auf Anweisung des Arbeitseinsatz- und des
Arbeitsdienstführers. Die SS war dem Ausmaß der Anforderungen im Laufe der Jahre
nirgends mehr gewachsen. In Buchenwald machte SS-Hauptsturmführer Schwarz nur
einmal den Versuch, selbst einen Transport von tausend Häftlingen
zusammenzustellen. 'Nachdem er fast das ganze Lager einen halben Tag lang auf
dem Appellplatz hatte stehen lassen, um es durchzumustern, brachte er glücklich
600 Mann zusammen. Die ausgemusterten Leute, die aus den Blockreihen hatten
heraustreten müssen, verschwanden einfach wieder nach allen Seiten hin. Kein
Mensch ging Schwarz zur Hand..." (S. 286.)
-227-
Nach meiner Meinung lag
kein Hindernis dafür vor, daß Schwarz' Erfahrung sich jedesmal wiederholte, wenn
es darauf ankam, einen Transport nach irgendeinem Arbeitsort zusammenzustellen:
wenn dies der SS nie gelungen wäre, hätte sie auch nichts besseres verdient.
Aber:
"Von da an hat der
Arbeitseinsatzführer alle Fragen der Arbeitseinteilung den Häftlingen der
Arbeitsstatistik überlassen." (s. 286.)
Und nachdem auf dem
Appellplatz ausgesucht worden war, war es nicht mehr möglich, "nach allen Seiten
hin zu verschwinden" wie bei Schwarz: mit dem Gummiknüppel in der Hand zogen
alle Kapos, alle Blockältesten, der ganze Lagerschutz usw . . . eine drohende
Sperre gegen jeden Fluchtversuch. Neben ihnen nimmt sich der SS-Hauptsturmführer
Schwarz wie ein Nachsichtiger aus. sie waren Kommunisten, Antifaschisten,
Antihitlerianer usw. .. ., aber sie konnten nicht dulden, daß irgendwer die von
Hitler errichtete Ordnung der Unternehmen störte oder die Kriegsanstrengung des
Dritten Reiches durch Entwischen zu vermindern versuchte. Dafür hatten sie das
Recht, die Häftlinge zu bestimmen, die zum Transport eingeteilt werden sollten,
und stellten die Listen dazu mit einem Eifer auf, der über jedes Lob erhaben
war: wie oben gesagt.
Bild
"Die zweite Möglichkeit,
von der «Macht durch Korruption» Gebrauch zu machen, war die persönliche oder
kollektive Bereicherung zu Lasten anderer. Sie hat teilweise in den Lagern
geradezu schamlose Ausmaße erreicht, auch dort, wo die Politischen herrschten.
Manche Nutznießer ihrer Machtstellungen haben ein Leben wie die Barone geführt,
während ihre Kameraden zu Hunderten starben. Wenn ganze Kisten von Lebensmitteln
mit Fett, Würsten, Konserven, Mehl, Zucker durch mitbeteiligte SS-Angehörige aus
dem Lager geschmuggelt und an die Familien der betreffenden Häftlinge geschickt
wurden, so kann man das gewiß nicht gerechtfertigt nennen. Aufreizend aber war
es, wenn Mitglieder der dünnen Schicht der Häftlingsprominenz dies zu einer
Zeit, als nicht einmal die Heimat-SS mehr hohe Stiefel trug, sondern nur noch
Wehrmachtsschuhe, wie Magnaten herumstolzierten, "a la mode" und auf Schnitt
gekleidet, stutzerhaft, ja manche sogar mit kleinen Hunden an der Leine! Das
alles inmitten eines Chaos von Elend, Dreck, Krankheit, Hunger und Tod. Hier
überschritt der «Selbsterhaltungstrieb» jede vernünftige Grenze und endete in
einem wenn auch lächerlichen, so doch steinharten Pharisäertum, das zu den
gleichzeitig verkündeten sozialen und politischen Idealen wie die Faust aufs
Auge paßte." (Seite 287.)
-228-
So war es in allen Lagern.
Bis auf die Nachsicht und gewisse zu verschweigende Dinge könnte man alle Gründe
für die Greuel nicht besser und nicht schlechter in Worte fassen als mit dem
einen: Selbsterhaltungstrieb. Und alle seine Mittel mit: Korruption.
Wenn man hier den Kommentar
zum Bilde unterbrechen darf, kann man auch einschalten, daß der
Selbsterhaltungstrieb, ein sehr altes Thema, etwas ganz anderes ist als das, was
eine kindliche Moral lehrt. Von dem wilden Guitton, der in dem von Richelieu
belagerten La Rochelle sich Aderlässe machen ließ, um von seinem gekochten Blut
seinen Sohn zu ernähren, bis zu Saturnus, der seine Kinder bei der Geburt
auffraß, um dem Tod zu entgehen, mit dem ihn der Sonnengott bedrohte, ist Raum
für die verschiedensten menschlichen Reaktionen. In einer Gesellschaft, die
allen Einzelnen von Anfang an das Leben sicherstellt, darf man wohl glauben, daß
in ihr Guitton stärker vertreten ist als Saturn: das Verhalten des Einzelnen
läßt höchstens in Ausnahmefällen noch die Behauptung vom Gegenteil zu. Aber
dieses Verhalten ist nur ein Firnis, der nichts entstellt, es genügt, ihn ein
wenig anzukratzen: dann ändern sich die sozialen Bedingungen jäh, und die
menschliche Natur kommt in dem ganzen Wert zum Vorschein, den sie dem Leben
beimißt.
Ein gesundes Volksempfinden
kommt in der stimme aller Kinder Frankreichs zum Ausdruck, wenn sie das Lied
singen: "Es war ein kleines Schiff". Die schreckensvolle Hungerlage, in der es
sich befindet, führt zu dem Schluß, daß man "den kurzen Strohhalm ziehen" läßt,
um zu erfahren, wer nun gegessen wird, und nicht die Entscheidung einer
Verschwörung überläßt oder auf demokratischem Wege in der Generalversammlung
herbeiführt. Aber dieses gesunde Volksempfinden war entrüstet, als es erfuhr,
daß aus der Erfahrung des kleinen Schiffes das Flugzeug des Generals Nobile
geworden war, das abstürzte und letzterem den Vorwurf eintrug, bis zur Ankunft
der Rettungsexpedition, die das Wrack wiederherstellte, nur deshalb noch gelebt
zu haben, weil er einen oder mehrere seiner Kameraden aufgezehrt hatte. Wenn es
auf die Erzählungen aus den Konzentrationslagern nicht heftig reagierte, so lag
das daran, weil aus diesen nicht klar hervorging, daß die
Konzentrationslager-Bürokratie die Masse der Häftlinge insofern aufgezehrt
hatte, als sie alle Mittel der Korruption ausnutzte, alle kurzen Strohhalme für
sich behielt und von der SS sich aussuchen ließ.
Vor dem letzten Weltkrieg
habe ich viele Leute kennengelernt, die "lieber stehend sterben als auf den
Knien leben" wollten. Sie meinten es bestimmt ehrlich, in den Lagern aber haben
sie auf dem Bauche kriechend gelebt, und bestimmte Leute unter ihnen haben die
schlimmsten Freveltaten begangen. Dem Zivilleben oder kurz dem Leben überhaupt
wiedergegeben, bleiben sie, in Unkenntnis der Niederlage, die sie erlitten, und
-229-
des Beispiels, das sie
selbst gegeben haben, genauso starrsinnig wie früher, halten immer noch
dieselben Reden und ... sind bereit, mit den Bolschewiken dasselbe wieder zu
beginnen, was sie mit den Nazis getan haben.
In Wirklichkeit fühlt man
sehr gut, daß es außer dem Selbsterhaltungstrieb, der bei allen Schichten
mitgespielt hat, sowohl bei dem einfachen Häftling vor der Bürokratie, als auch
bei dem Bürokraten vor der SS und selbst bei der SS vor ihren Vorgesetzten,
keine annehmbare Erklärung für die Ereignisse in der Welt der
Konzentrationslager gibt. Man fühlt es sehr gut, aber man will es nicht zugeben.
Dann greift man auf die Psychoanalyse zurück: schon die Ärzte Molieres sprachen
in Latein mit ihren Kranken, das sie nicht besser kannten als ihren Beruf, und
hatten damals schon die ergebene Zustimmung der öffentlichen Meinung.
Beurteilungen
"Die Vorkommnisse in den
Konzentrationslagern sind voll von psychologischen Merkwürdigkeiten, sowohl auf
selten der SS wie auf seiten der Häftlinge. Im allgemeinen erscheinen wohl die
Reaktionen der Gefangenen verständlicher als die der Unterdrücker, da jene
sozusagen im Bereich des Menschlichen blieben, während diese den Charakter des
Unmenschlichen trugen." (Seite 305.)
Meines Erachtens wäre es
richtiger, zu sagen, die Reaktionen beider lagen alle auf dem Gebiet des
Menschlichen im biologischen Sinne des Wortes. Und was die Häftlingsführung und
die SS im besonderen betrifft, so waren sie im moralischen Sinne alle durch das
Unmenschliche gekennzeichnet.
Weiter unten erläutert
Eugen Kogon:
"Am wenigsten haben sich in
den Lagern die Asozialen und die Berufsverbrecher verändert. Der Grund hierfür
ist in der seelischen und gesellschaftlichen Verwandtschaft zur SS zu suchen."
(S. 320.)
Vielleicht. Aber es muß auch zugegeben werden, daß das Milieu
der Konzentrationslager, wenn es nicht so beschaffen war, daß es bei einem
Asozialen oder Berufsverbecher die Mentalität eines Politischen erwecken konnte,
einem Politischen dagegen reichlich Gründe bot, sich in einen Schurken zu
verwandeln. Diese Erscheinung ist keine Besonderheit des Konzentrationslagers:
sie wird ständig in allen Besserungshäusern und allen Gefängnissen beobachtet,
in denen man unter dem Vorwand der sittlichen Erneuerung sittlich verdirbt.
Die Verdrängungstheorie des
Professors Freud erklärt dies alles sehr gut; es wäre kindisch, darauf Gewicht
zu legen. Diejenige vom Wert des Beispiels widerspricht ihr nicht; in allen
diesen Einrichtungen hat die sich
-230-
aus der systematischen
Ausübung des Zwanges ergebende Mentalität der Gesamtheit das Bestreben, sich
nach dem niedrigsten Niveau zu formen, das im allgemeinen vom Wärter vertreten
wird; ein allen Häftlingen gemeinsamer Zug. Darin liegt nichts Erstaunliches:
das soziale Milieu, in dem wir leben, das die Vorstellung von den
Konzentrationslagern mit soviel tugendhafter Entrüstung verwirft, sie dabei aber
in den verschiedensten Graden praktisch durchführt, hat dem zum Lumpen
gewordenen Politischen die Möglichkeit geboten — ich hoffe, nur für den
Augenblick —, in der Gestalt eines Helden aufzutreten.
Zweifellos hat Eugen Kogon
den Vorwurf in dieser Gedankenanordnung geahnt und, um ihm zuvorzukommen, in
seinem Vorwort geschrieben:
". .. entstand eine Welt
für sich, ein Staat für sich; eine Ordnung ohne Recht, in die der Mensch
geworfen wurde, der nun mit allen seinen Tugenden und Lastern — mehr Lastern als
Tugenden — um die nackte Existenz und das bloße Überdauern kämpfte. Gegen die SS
allein? Beileibe nicht, genau, ja noch mehr gegen seine eigenen Mitgefangenen!"
24) ...
Zehntausende von
Überlebenden, die in den Lagern unter dem Terror und der Arroganz ihrer
Mithäftlingsherren manchmal noch mehr gelitten haben als unter den Gemeinheiten
der SS, waren dankbar dafür, daß ich auch diese Seite der Lager aufgehellt, daß
ich nicht aus Angst vor gewissen politischen Typen, die als radikale
Antifaschisten ein großes Wort angeben, ihre Rolle in den Lagern verschwiegen
habe. Ich weiß, daß es Kameraden gab, die beinahe verzweifelten, als sie damals
erkennen mußten, wie sehr gewisse SS-Praktiken in den Reihen der Unterdrückten
Schule gemacht hatten, erst recht aber, als sie sahen, daß Ungerechtigkeit und
Brutalität von einer ahnungslosen gutgläubigen Umwelt hinterher auch noch mit
dem Nimbus des Heroentums bekleidet wurden. Solche Kz-Profitierer konnten von
gewissen Partien meines Berichtes nicht erbaut sein, denn er bot die Mittel,
falsche Gloriolen zum Erblassen bringen. In welchem Lager warst du? In welchem
Kommando? In welcher Funktion? Mit welcher Farbe? In welcher
Parteizugehörigkeit? . . . usw. . . ." (Seite 17.)
Das Geringste, was man
sagen kann, ist, daß der Zeuge sein Versprechen nicht gehalten hat: man würde in
seinem ganzen Werke vergebens einen genauen politischen Typ suchen, den er
anklagt. Dagegen plädiert er von Anfang bis zum Ende entweder indirekt oder
absichtlich für die Kommunistische Partei.
24)
Mißbräuchliche Verallgemeinerung: gegen diejenigen, die die Macht namens der
SS ausübten und ihren anderen Kameraden, die nicht zur Häftlingsführung
gehörten, mißtrauten.
-231-
"Diese elastische Trennwand
gegenüber der SS... Zur Erfüllung dieser Aufgaben brachten die deutschen
Kommunisten die besten Voraussetzungen mit."
"... Die antifaschistischen
Elemente, das heißt an erster stelle die Kommunisten . . ." (Seite 286)
usw...., und folglich auch
für die Konzentrationslager-Bürokratie, weil nur solche Menschen, die sich als
Kommunisten bezeichneten, allein beanspruchen konnten, in sie einzutreten und in
ihr zu bleiben. In gewissem Umfange plädiert er auch für sich, und ich bezweifle
sehr, ob nicht auch der am wenigsten gewarnte Leser, nachdem er das Buch wieder
geschlossen hat, die von ihm angeratene Methode auf ihn selbst anwendet:
welche Funktion hast du
ausgeübt?
Hier die Folgerung aus
allem:
"Berichte aus den
Konzentrationslagern erwecken in der Regel höchstens Staunen oder ungläubiges
Kopfschütteln; sie werden kaum zu einer Sache des Verstandes, geschweige denn
zum Gegenstand aufwühlenden Empfindens." (Seite 347.)
Natürlich, aber wer ist
daran schuld? Im Taumel der Befreiung hat die öffentliche Meinung, die sich in
einem während langer Besatzungsjahre angehäuften Rachegefühl Luft machte, alles
gut befunden. Als die sozialen Verhältnisse sich schrittweise normalisierten und
die Atmosphäre wieder gesünder wurde, ist es immer schwieriger geworden, sie zu
zügeln. Heute erscheinen ihr alle Berichte aus den Konzentrationslagern viel
mehr als Rechtfertigungen, denn als Zeugenaussagen. Die öffentliche Meinung
fragt sich, wieso sie in diese Falle gehen konnte, und wird in kurzer Zeit
jedermann auf die Anklagebank bringen.
N o t a b e n e
Mit Stillschweigen
habe ich eine bestimmte Zahl von unwahrscheinlichen Geschichten und alle
stilistischen Kunstgriffe übergangen.
Unter die ersteren ist der
größte Teil von dem einzureihen, was das Abhören ausländischer Rundfunkstationen
betrifft: ich habe nie geglaubt, daß es möglich wäre, einen geheimen
Empfangsapparat innerhalb des Konzentrationslagers zu bauen und zu betreiben!
Wenn die Stimme Amerikas, Englands oder des Freien Frankreich manchmal
hereindrangen, so lag das daran, daß es mit Zustimmung der SS geschah, und nur
eine ganz kleine Zahl bevorrechtigter Häftlinge konnte unter Verhältnissen, die
ausschließlich einem Zufall zuzuschreiben sind, davon einen Nutzen haben. So ist
es mir persönlich in Dora während der kurzen Zeit ergangen, in der mir die
vornehme Aufgabe eines Schwungs (Ordonnanz) bei dem Oberscharführer, dem Führer
der Hundestaffel, übertragen war.
-232-
Meine Aufgabe bestand
darin, einen ganzen Block für SS-Angehörige mehr oder weniger hohen Dienstranges
sauber zu halten, ihre Stiefel zu wichsen, ihre Betten zu machen, ihre
Kochgeschirre zu reinigen usw. . . . alles Dinge, die ich in der bescheidensten
und gewissenhaftesten Weise verrichtete. In jeder Stube dieses Blocks stand ein
Radioapparat. Um keinen Preis der Welt hätte ich mir erlaubt, den Knopf zu
drehen, selbst wenn ich sicher war, vollkommen allein zu sein. Um 8 Uhr morgens
dagegen, wenn alle seine Untergebenen zur Arbeit gegangen waren, rief mich mein
Oberscharführer zwei- oder dreimal in sein Zimmer, um den Empfänger auf die
Sendung des B.B.C. in französischer Sprache einzuschalten und bat mich dann, ihm
das zu übersetzen, was ich heimlich hörte.
Am Abend, nach meiner
Rückkehr ins Lager, teilte ich es dann mit leiser Stimme meinen Freunden
Delarbre (Belfort) und Bourget (Le Creusot) mit und empfahl ihnen sehr, es
entweder für sich zu behalten oder nur ganz sicheren Kameraden weiterzugeben,
und selbst dann noch in einer ausreichend einstudierten Form, um kein Aufsehen
zu erregen und keine Möglichkeit zu bieten, der Quelle nachzugehen.
Es ist uns nichts geschehen25).
In derselben Zeit spielte sich im Lager eine Affäre wegen Abhörens ausländischer
Sender ab, in die, glaube ich, Debeaumarche verwickelt war. Ich habe nie genau
erfahren, worum es sich handelte: ein Mitglied dieser Gruppe hatte mich eines
Tages angehalten und mir erzählt, im Lager sei ein Geheimempfänger, eine
politische Bewegung erhalte über ihn Befehle der Engländer usw. . ..; und hatte
seine Erzählungen damit bekräftigt, daß er mir Nachrichten mitteilte, die ich am
gleichen Morgen oder am Abend vorher bei meinem Oberscharführer gehört hatte.
Ich hatte meine Zweifel in solchen Worten geäußert, daß er mich nur noch als
einen Mann ansah, demgegenüber man mißtrauisch sein müsse. Das war mein Glück:
einige Tage später fanden im Lager Massenverhaftungen statt, darunter auch der
Betreffende, Debeaumarche selbst. Alles endete dann damit, daß einige aufgehängt
wurden. Wahrscheinlich handelte es sich ursprünglich um einen Häftling mit
ähnlicher Beschäftigung wie ich, der allzuviel geredet hatte, und dessen Reden
über einen Spitzel der Häftlingsführung bis zum Sicherheitsdienst der SS gelangt
waren.
Wenn Eugen Kogon schreibt:
"Ich selbst bin, zusammen
mit einigen weniger Eingeweihten... in vielen Nächten an einem
Fünf-Röhren-Apparat gesessen, den ich aus dem Privatbesitz von Dr. Ding-Schuler
«zur Reparatur im Lager» hatte beschaffen können, und habe «Die Stimme Amerikas
25) Wir
hatten kein "Komitee" gebildet und keiner von uns sagte zu jedem
Hereinkommenden, wir stünden mit den Alliierten in Verbindung.
-233-
in Europa» sowie den
«Soldatensender West»26) abgehört, um die Meldungen von Bedeutung
mitzustenographieren,' (Seite 253)
so glaube ich dies gern.
Obgleich ich mehr zu glauben geneigt bin, daß er die fraglichen Sendungen vor
allem im Beisein von Dr. Ding-Schuler abgehört hat27). Alles übrige
aber ist nur eine Art, das Bild auszuschmücken, einerseits, um den Glauben an
ein revolutionäres Verhalten derjenigen hervorzurufen, die die Macht in Händen
hatten, andererseits, um ihre ungeheuerlichen Erpressungen besser zu
entschuldigen.
Bei den stilistischen
Kunstgriffen habe ich auch Behauptungen weniger Wert beigelegt wie:
"— man denke an die
mitternächtlichen SS-Fahnenjunker-Weihen im Dom zu Quedlinburg, wo Himmler vor
den (übrigens unechten, aber kurzerhand als echt erklärten) Gebeinen Heinrichs
I., des Begründers der mittelalterlichen deutschen Ostmacht, die Mystik der
«verschworenen Gemeinschaft» zu entfalten pflegte, um dann bei strahlendem
Tagesgestirn in irgendeinem Konzentrationslager der reihenweisen Auspeitschung28)
politischer Gefangener beizuwohnen ." (Seite 24)
oder wie:
"Frau Koch, die vormals
Stenotypistin in einer Zigarettenfirma gewesen war, nahm gelegentlich Bäder in
Madeira, der in die Badewanne gegossen wurde." (Seite 266)
von denen es über alle
großen Persönlichkeiten des Naziregimes wimmelt, und die erfreuliche sadistische
Wirkungen hervorrufen. Sie scheinen mir aus derselben Geistesverfassung zu
kommen, die es fertigbrachte, daß "Le Rire" im September 1914 die Photographie
eines Kindes mit abgeschnittenen Händen veröffentlichte, daß "Le Matin" vom 15.
April 1916 den Kaiser Wilhelm II. als krebsleidenden Geistesgestörten, der
höchstens noch einige Monate zu leben habe, darstellte, während er seine
26) Ein
amerikanischer Sender in deutscher Sprache.
27) In
seiner Dissertation "Hakenkreuz gegen Aeskulapstab" berichtet Dr. Francois
Bayle über folgende eigenartige Aussage Kogons in Nürnberg: Ding-Schuler,
Lagerarzt in Buchenwald, hätte ihn gebeten, sich im Falle einer Niederlage
Deutschlands um seine Frau und seine Kinder zu kümmern (!) ... Wenn diese
Bitte eine ähnliche Gegenleistung erlaubte — was Kogon unter keinen
Umständen sagen würde! — ließe sich die privilegierte Stellung dieses
sonderbaren Häftlings mit einem Kollaborationsvertrag erklären, dessen
Inspiration und Absichten weitaus weniger edel wären als er bis jetzt
zuzugeben bereit gewesen ist. Über diese Hypothese Betrachtungen
anzustellen, wäre abenteuerlich; beschränken wir uns also auf die
Feststellung, daß die Zusammenarbeit Kogon—SS nach seinem eigenen
Zugeständnis zuverlässig, freundschaftlich und häufig intim war. Der Preis,
den die Masse der Häftlinge dafür bezahlt hat, ist natürlich eine andere
Geschichte. Denn es bestand ja auch eine Zusammenarbeit Kogon-Kommunistische
Partei.
28) Wenn
man den "Bock" in Buchenwald vor dem Polizeipräsidenten von Weimar verbarg,
ist es kaum wahrscheinlich, daß man ihm einem Minister zeigte!
-234-
Tage einige zwanzig Jahre
später in einem vergoldeten Ruhesitz nahe Amerongen beschloß, und Henri
Desgranges im September 1939 in L'Auto" über einen Göring die Nase rümpfen ließ,
dem schwarze Seife zum Waschen fehle. Die Banalität dieses Verfahrens findet ihr
Ebenbild nur in der Leichtgläubigkeit des Volkes und der unerschütterlichen
Seelenruhe, mit welcher diejenigen sie wiederholen, die sie in allen Kriegen auf
alle Feinde anwenden.
*
* *
-235-
SCHLUSSFOLGERUNG
Nach mir werden sich auch
andere der Literatur über die Konzentrationslager zuwenden: darüber besteht kein
Zweifel. Vielleicht werden sie auf demselben Wege vorgehen und beim Fortgang
ihrer Forschung sich darauf beschränken, die Argumentation gut zu gestalten.
Vielleicht werden sie nach einer anderen Einteilung und in einer anderen Methode
arbeiten. Vielleicht werden sie der rein literarischen Seite größere Bedeutung
beilegen. Vielleicht wird auch ein neuer Norton Cru 1), angeregt von
dem, was der Genannte in bezug auf die Kriegsliteratur nach dem ersten
Weltkriege tat, eines Tages eine nach jeder Richtung und allen Seiten hin
kritische Zusammenfassung von allem vorlegen, was über die Konzentrationslager
geschrieben worden ist. Vielleicht...
Da mein Bestreben nur
darin bestand, den Weg für eine kritische Prüfung freizumachen, konnte sich
meine Tätigkeit nur auf bestimmte wesentliche Beobachtungen beschränken und
mußte sich in erster Linie auf den Ausgangspunkt der Debatte, das heißt auf den
stofflichen Inhalt erstrecken. Wenn sie nur einige typische Fälle erwähnt, von
denen ich die Schwäche habe, zu glauben, sie seien klug ausgewählt, so umfaßt
sie doch das ganze Leben in den Konzentrationslagern in seinen wahrnehmbaren
Punkten und ermöglicht dem Leser also auch, sich eine Meinung über alles zu
bilden, was er über diesen Gegenstand bisher lesen konnte oder noch lesen wird.
Insoweit ist ihr Ziel erreicht.
Auf Umwegen kann sie zu
weiteren gelangen.
Vor einiger Zeit ist ein
Buch erschienen, das sich nicht unmittelbar in das Tagesgeschehen einfügte, und
bei dem die Kritik demzufolge nicht geglaubt hat, sich über Gebühr aufhalten zu
müssen: "Ghetto im Osten". Sein Verfasser, Marc Dvorjetski, Überlebender einer
Anzahl von Blutbädern, schleppt eine Vergangenheit hinter sich her, die er um so
schwerer empfindet, als sein Gewissen unaufhörlich von ihm verlangt: "Geh,,
sprich, wieso bist du am Leben geblieben, während Millionen
1)
"Zeugen", von Norton Cru.
-236-
starben?" Das Gewissen der
Zeugen aus den Konzentrationslagern scheint derartige Forderungen nicht zu
kennen und stellt ihnen keine so indiskreten Fragen. Aber man kommt nicht so
leicht um eine Frage herum, die in der Natur der Dinge liegt, und wenn das
Gewissen des Einzelnen sie nicht von selbst in der Form eines Vorwurfs den
Betroffenen auf die Lippen treibt, so ist eine Öffentlichkeit vorhanden, die nur
selten Augenblicke des Wohlwollens kennt und sie in der Form einer direkten
Frage stellt: "Voran, sprich, wieso kannst du noch am Leben sein? . . " Ich
bitte um Entschuldigung, wenn ich den Eindruck habe, die Antwort gleich gebracht
zu haben.
Alles ist miteinander
verbunden. Die eine Frage ruft eine andere hervor, und wenn die Öffentlichkeit
beginnt, Fragen zu stellen . . . Ein "wieso" zieht stets ein "warum" nach sich,
wenn es ihm nicht folgt, und im vorliegenden Fall erhebt sich folgende Frage
ganz natürlich: warum haben gewisse Verschickte ihren Aussagen eine so
bestreitbare Art der Darstellung gegeben? Hier ist die Antwort kitzliger: um den
Unterschied zwischen den einen, die von der gemachten Erfahrung beherrscht, wenn
nicht zugrunde gerichtet worden sind, und den anderen herauszufinden, die
politischen oder persönlichen Beweggründen gefolgt sind, müßte die Psychoanalyse
zu Rate gezogen werden — da man das Wort schon ausgesprochen hat — und zwar bei
jedermann, und dann sollte man diese Arbeit nur bewährten Fachkräften
anvertrauen.
Man kann indessen
behaupten, die Kommunisten hätten hieran ein unbestreitbares Parteiinteresse:
denn wenn die Kommunisten jene Leute sind, die am edelsten, intelligentesten und
wirkungsvollsten reagieren, und der Vorteil des Beispiels sich auf die
Organisation und die von ihr vertretene Doktrin überträgt, bricht ein sozialer
Umbruch über die Menschheit herein. sie hätten daran auch auf weltweiter Ebene
ein Interesse: wenn sie die öffentliche Meinung auf die Lager Hitlers ablenkten,
brächten sie die russischen Lager bei ihr in Vergessenheit. schließlich hätten
sie daran noch ein persönliches Interesse: könnten sie die sperre der Zeugenbank
im Sturm und mit lautem Geschrei nehmen, kämen sie um die Anklagebank herum.
Hier wie überall haben sie
das Beispiel einer unauflöslichen Verbundenheit gegeben und die zivilisierte
Welt konnte durch die Folgerungen, die sie aus den von simplen
Sträflingsaufsehern erstatteten Berichten zog, den Grund für eine ganz neue
Politik Deutschland gegenüber legen. Etwas Besseres verlangte sie damals
übrigens nicht: sie konnte ihre eigenen Sträflingsaufseher zugleich als
Vorbilder an Menschlichkeit vorweisen . . .
-237-
Bei den Nichtkommunisten
verhält sich dies etwas anders, und hier möchte ich nichts leichtsinnig
aussprechen. Neben denjenigen, welche ihr Abenteuer nicht zu Geld gemacht haben,
stehen andere, die an den moralischen Wert der Kommunisten wahrhaftig geglaubt
haben oder andere, die geträumt haben, mit dem Rußland der Sowjets sei eine
Entente zur Herbeiführung eines brüderlichen und in der Freiheit gerechten
Weltfriedens möglich, ferner diejenigen, welche eine Dankesschuld abgetragen
haben sowie jene, die das Fähnchen nach dem Wind gehängt und gewisse Dinge
gesagt haben, weil es gerade so Mode war usw. . . . usw. . . . Dazu noch jene,
die geglaubt haben, der Kommunismus werde Europa überfluten, und die es für
geboten hielten, einige Vorkehrungen für die Zukunft zu treffen, nachdem sie ihn
in den Konzentrationslagern am Werke gesehen hatten.
Wieder einmal hat die
Geschichte die kleinen Heucheleien auf dem Gebiet menschlicher Vorstellungen
lächerlich gemacht. Sie ist ihren Weg weitergegangen und jetzt muß man sich ihr
anpassen. Die Schwenkung in der Gesinnung wird nicht leichtfallen und nicht die
geringste Arbeit sein.
Zu bestimmen bleibt die
Bedeutung der Geschehnisse nach ihrem materiellen Wesen und die Beurteilung der
Zweckmäßigkeit dieses Werkes. In einem Artikel2) der Aufsehen
erregte, haben Jean-Paul Sartre und Merleau-Ponty fertiggebracht, folgendes zu
schreiben:
". . . beim Durchlesen von
Aussagen ehemaliger Häftlinge findet man in den sowjetischen Lagern nicht jenen
Sadismus, jene Religion des Todes, jenen Nihilismus — die widersinnigerweise an
genau bestimmte Interessen gebunden und, mit ihnen bald, einig sind, bald im
Kampfe liegen — die letztlich zu den Vernichtungslagern der Nazis geführt
haben."
Nimmt man diese Version an,
die durch eine einheitliche Mitschuld der Aussagen über die deutschen
Konzentrationslager zur amtlichen Meinung geworden ist, dann muß man auch
zugeben, daß Sartre und Merleau-Ponty Recht haben. Dann sieht man, wozu dies
führen kann, sowohl in der Beurteilung des russischen Regimes, als auch bei der
Prüfung des Problems der
Konzentrationslager an sich.
Greift man auf die reine
Vernunft zurück und erhebt man philosophische oder doktrinäre Einwände, so
verfällt man leicht in die Rhetorik und wird sehr verwundbar. Die Rhetorik neigt
leicht zu Trugschlüssen, zu Urteilen nach der schlechten Seite hin und zu
Abschweifungen. So verführerisch ihre stets bestreitbaren Zierereien auch sein
mögen, zu
2) "Die
Tage unseres Lebens" — "Temps modernes" — (Januar 1950).
-238-
überzeugen vermögen sie nur
selten. Und ihre ausschließlich spekulativen abstrakten Begriffe leuchten um so
weniger ein, nach je strengeren Methoden sie vorgehen.
Daher haben Urteile des
gesunden Menschenverstandes ein anderes Gewicht als solche der Schulweisheit,
obwohl sie im Absoluten oder Wesentlichen von geringerem Werte sind.
Wollte man die von den
deutschen Lagern gelieferte Gelegenheit ergreifen, um das Problem der
Zwangsarbeit, hauptsächlich in den Kolonien, aufzuwerfen, so erweitert dies zwar
die Debatte, doch kann dies offenbar nicht nachteilig wirken, ganz im Gegenteil.
Aber eine Diskussion über das ganze russische oder das ganze amerikanische
System brächte es schon vom richtigen Wege ab. Wollte man erst bis zu den
Meinungsverschiedenheiten vordringen, die sie trennen, zu den Zusammenhängen,
die zwischen ihnen bestehen und zur sozialen Ungerechtigkeit im allgemeinen,
dann hieße es, dieses Problem auf ein ganz anderes Gebiet zu verlagern, und dann
könnte nichts mehr verhindern, daß es wie Wasser im Sande in endlosen
Abhandlungen über den dritten Weltkrieg oder über die Passagierklassen in der
Eisenbahn versickert. Womit bewiesen sein dürfte, daß, wenn der Gegenstand schon
keine geographische Einschränkung zuläßt, eine solche sich zumindest doch
aufdrängt: jene nämlich, die es ausschließlich zu einer Angelegenheit der
Verschickungen, der Konzentrationslager und der Zwangsarbeit macht.
Im Rahmen dieser
Betrachtungen, die die Grenzen der möglichen Streitfragen auf ihre äußeren Enden
verlagern, ist es vielleicht nicht gleichgültig, allen anderen voraus bei den
materiellen Aspekten des Problems zu verweilen.
*
* *
Die von gewissen
bestreitbaren Berichten, die meist wohl mehr Auslegungen als Aussagen sind, in
Frankreich seit der Befreiung geschaffene Psychose erlaubt zweifellos, fast ohne
nachteilige Folgen zu schreiben:
". . . liest man die
Aussagen ehemaliger Häftlinge, so findet man in den sowjetischen Lagern nicht
den Sadismus usw. . . . usw. ., .3)"
Aber diese Psychose
sichert nur denjenigen die Gewissensruhe, bei denen allgemein die Stellungnahme
jedem Nachdenken vorausgeht, und die obendrein weder die eine noch die andere
der beiden Erfahrungen gemacht haben. Einerseits kann es nicht unbemerkt
bleiben, daß in Frankreich und der Welt des Westens die aus den Sowjetlagern
Davon-
3)
Bereits auf Seite 238 zitiert.
-239-
gekommenen zahlenmäßig
weitaus geringer sind als die aus den Nazilagern, und daß, wenn man von ihren
Aussagen auch nicht behaupten kann, sie seien a priori von einem besseren
Glauben oder einem annehmbareren Gefühl für Objektivität getragen, sich doch
nicht leugnen läßt, daß sie in gesünderen Zeiten entstanden sind. Andererseits
haben alle Insassen von Konzentrationslagern, die in Deutschland mit Russen
zusammengelebt haben, die Überzeugung ausgesprochen, daß diese Leute eine lange
Erfahrung über das Lagerleben hinter sich haben.
Auch ich habe mich im Lager
Dora sechzehn Monate lang unter einigen tausend Ukrainern befunden: ihr
Verhalten ließ erkennen, daß sie zum weitaus größten Teil nur das Lager
gewechselt hatten; in ihren Gesprächen machten sie kein Hehl daraus, daß die
Behandlung in beiden Fällen die gleiche war. Sollte ich sagen, daß das
Buch von Margaret Buber-Neumann dieser persönlichen Beobachtung nicht
entgegensteht? Und in bezug auf das Übrige muß der Geschichte die Sorge um die
Feststellung überlassen werden, wieso die deutschen Lager, die ebenfalls nach
"den Formeln eines paradiesischen Sozialismus" entworfen worden waren, defacto —
aber nur de facto — zu Vernichtungslagern geworden sind.
In dieser Frage ist aber
Tatsache, daß das Konzentrationslager eine staatliche Einrichtung bei allen
Regimen ist, in denen die Handhabung der Abwehr die Ausübung der Autorität
sicherstellt. Zwischen den verschiedenen Lagern bestehen von einem zum anderen
Lande nur feine Unterschiede, die sich aus den Verhältnissen, aber nicht aus
ihrem Wesen ergeben. In Rußland gleichen sie Zug um Zug dem, was sie im
Deutschland Hitlers waren, weil der Staat in beiden Fällen, unabhängig von
möglichen Ähnlichkeiten und nicht vom Regime, mit gleich großen Schwierigkeiten
zu kämpfen hat: In Deutschland war dies der Krieg, und in Rußland die Nutzung
eines Sechstels des Erdballs mit den vorhandenen Mitteln.
Wenn Frankreich
wirtschaftlich in dieselbe Lage gerät wie Deutschland 1939 oder wie Rußland
heute — was nicht ausgeschlossen ist — dann werden auch Carreere, la Noe, la
Vierge usw. . . . Buchenwald und Karaganda Zug um Zug gleichen: Übrigens ist
nicht bewiesen, ob heute nicht schon der Unterschied kaum noch wahrnehmbar ist4).
4) Vor
allem, wenn man als Maßstab sein Verhalten in seinen Kolonien nimmt, wo seit
den letzten Ereignissen in Indochina und Nordafrika niemand mehr kühn genug
ist, die Behauptung zu wagen, seine Polizei und seine Armee führten sich
dort ganz anders auf, als es die deutsche Polizei und die
deutsche Armee in Frankreich in bezug auf die Widerstandskämpfer in den
schrecklichen Besatzungsjahren getan hatten.
*
* *
-240-
Es bleibt das Drama der
grundsätzlichen Meinung, die die Möglichkeit, sich für das Problem der
Konzentrationslager zu interessieren nur durch das Aufgreifen dieser
Kontroversen findet, indem sie entweder an der ideologischen Vorbereitung des
dritten Weltkrieges teilnimmt, wenn sie den Anhängern der Westmächte folgt oder
über den Umweg einer Ausrichtung auf Spitzfindigkeiten zum Bolschewismus
zurückkehrt, wenn sie auf die Anhänger der Kommunisten hört.
Der Vorwand einer
Diskussion über diesen Gegenstand ist eine Albernheit. Einerseits wird der Kreml
niemals damit einverstanden sein, daß eine Untersuchungskommission über die
Zwangsarbeit auf sowjetischem Gebiet frei umherreist. Zum anderen kann den
russischen Konzentrationslagerinsassen so lange keine ernstliche Hilfe gebracht
werden, als das bolschewistische Regime noch besteht. Nun setze ich meine
Hoffnung, es verschwinden zu sehen, nur auf drei Möglichkeiten: Entweder geht es
von selbst unter (dies ist in der Geschichte schon dagewesen: das Regime des
antiken Griechenlands war bereits zerfallen, als es von den Römern erobert
wurde), oder es geht an einer inneren Revolution zugrunde, oder aber, es wird in
einem Krieg vernichtet. Da sich Rußland im vollen industriellen Aufschwung
befindet und sein Bestreben anscheinend meisterhaft auf seine vorhandenen Mittel
beschränkt hat, sind die beiden ersten unwiderruflich auf lange Zeit
ausgeschlossen, so daß nur die dritte Möglichkeit übrig bleibt: für mich ist
dies sehr wenig, davon habe ich genug, und die Erfahrung, die man anpreist, weil
sie gegen Hitler so erfolgreich gewesen sei, genügt mir.
Die Tatsache, daß David
Rousset seit einiger Zeit die Forschungsaufgabe der Untersuchungskommission auf
"alle Länder, in denen sich Konzentrationslager befinden könnten" ausdehnen
will, ändert weder etwas am Charakter noch am Sinn der Angelegenheit. Weder
Griechenland noch Spanien — und noch weniger Frankreich! — werden zulassen, daß
man unter dem Deckmantel einer Untersuchung über die Zwangsarbeit bei ihnen
"spionieren" will. Die Initiative hierzu müßte von der UNO ausgehen und auf die
Drohung mit dem Ausschluß derjenigen gestützt sein, die sich nicht fügen wollen,
was nicht begreiflich ist, denn außer der Schweiz vielleicht bliebe niemand mehr
übrig, der dabei nicht beteiligt wäre.
In "Die Welt der
Konzentrationslager" stellt David Rousset die Lager als Ausfluß eines Problems
des Regimes dar; man bereitete ihm einen verdienten Erfolg. Dann ließ er sich
angelegen sein, in "Die Tage unseres Sterbens" und zahlreichen anderen
Einzelschriften das Verhalten der kommunistischen Häftlinge hervorzuheben und zu
loben, indem er unkontrollierte Tatsachen vortrug, die jenen ungeheuren Glauben
nur
-241-
wegen der durch den Krieg
entstandenen Unordnung und Verwirrung finden konnten. Einmal hat er sich mit
seiner Sammlung "Der Hanswurst lacht nicht", die Deutschland allein anklagt, auf
den Boden der reinen Dokumentation gewagt. Dennoch konnte er die russischen
Lager nicht unerwähnt lassen, von denen behauptet wird, es seien aus dem
Russischen übersetzte Dokumente in den Jahren 1935—1956 im Buchhandel verkauft
worden, deren Existenz ihm also schon in jenen zurückliegenden Jahren bekannt
sein mußte, als er noch in den Reihen der Trotzkisten kämpfte. Mit Vorbedacht
hat er also sehr wirkungsvoll dazu beigetragen, diese Atmosphäre auf innerem
Gebiet zu scharfen, dieses "Arm in Arm fordern wir unser Jahrhundert in die
Schranken", das den Bolschewisten, deren Untaten in Rußland verwischt oder mit
Stillschweigen übergangen wurden, ermöglichte, sich in Frankreich nach 1945 zur
Macht emporzuschwingen. Auf äußerem Gebiet hat er den Graben zwischen Frankreich
und Deutschland noch weiter vertieft.
Als er die russischen Lager
in der Zusammenstellung entdeckte, folgte er bekanntlich nur der Taktik des
Beiseiteschiebens, die das wesentliche Kennzeichen der Regierungspolitik seit
dem Weggang der Thorezclique ist. Seine heutige Einstellung ist die logische
Folge seiner gestrigen, und so war es auch natürlich, daß, nachdem er ein
Argument für das bolschewisierende Dreiparteiensystem geliefert hatte, er nun
den Anglo-Amerikanern die unentbehrliche ideologische Basis für eine gute
Vorbereitung auf den Krieg liefert. Es genügt die Bemerkung, daß nach den
glaubwürdigen Aussagen von Victor Serge, Margaret Neumann, Guy Vinatrel, meinem
Freunde Vassia usw. . . . David Rousset nichts zur Debatte beiträgt, nichts
Neues beibringt als eine Aussage mehr über nicht selbst erlebte Ereignisse und
nur den Bankrott einer Politik zum Nutzen einer anderen verzeichnet, die, wenn
auch nicht nach unserem Urteil, so doch zumindest vor der Geschichte, unfehlbar
Bankrott machen wird.
In Deutschland ist Eugen
Kogon in derselben Weise und aus denselben Gründen umgeschwenkt: nachdem er, als
der Krieg zu Ende war, seine Feder sogleich in den Dienst der Kommunisten
gestellt hatte, hat er sie, als er davon nicht mehr leben konnte, ohne jegliche
Besorgnis um den Unterschied, in den Dienst der Amerikaner gestellt. Es genügt
zu erfahren, daß der bedürftige Journalist aus Vorkriegszeiten heute Professor
an einer Hochschule in Hessen ist. Dies erklärt alles und damit ist alles
gesagt.
Zu diesen
Verdachtsgrundlagen, die von der Geschicklichkeit zweier Männer herrühren, die
es verstehen, ihr Verhalten den Wünschen der augenblicklichen Herren in den
verschiedenen Weltgegenden anzupassen,
-242-
die sie Zug um Zug zu ihren
Untertanen zählen, treten noch jene, die sich aus der Erfahrung ergeben. Im
Jahre 1939 und in den vorhergehenden Jahren hat man in derselben Weise die
Übergriffe Hitler-Deutschlands ans Licht gezerrt. In der Presse war nur von
ihnen die Rede. Alles Übrige vergaß man: niemand zweifelte daran, daß man
ideologisch den Krieg vorbereitete, für den man sich materiell gerüstet glaubte.
Tatsächlich führte man den Krieg . . .
Heute ist in der ganzen
Presse nur von den Übergriffen Sowjetrußlands auf dem Gebiet des Humanismus die
Rede und ausschließlich von jenen Sowjetrußlands. Darüber vergißt man alles
Übrige und hauptsächlich die Probleme, welche die unendlich dehnbare Praxis des
Konzentrationslagers als Mittel der Regierung aufwirft. Gleiche Ursachen rufen
eben gleiche Wirkungen hervor.
Die öffentliche Meinung,
der über fast allem, was man von den deutschen Konzentrationslagern gesagt hat,
die Augen aufgegangen sind, ahnt durch die Form, in der man ihr von beiden
Seiten die russischen Lager darstellt und durch das stillschweigen, mit dem man
die anderen übergeht, alle diese Dinge und scheint zu erwarten, daß man den
Finger auf sie legt und in objektiver Sprache zu ihr spricht.
Nun aber hat die objektive
Sprache bei diesem Stoff weder große Vorsieht noch viele Worte nötig. Der Fall
der Konzentrationslager, der Zwangsarbeit und der Verschickungen kann nur auf
menschlicher Ebene und im Rahmen der Bestimmung der Beziehungen zwischen dem
Staate und dem Einzelnen geprüft werden. In allen Ländern bestehen Lager unter
staatlicher Herrschaft oder sind vorhanden, die die Kundschaft je nach den
Umständen oder den Ereignissen wechseln. Überall sind von ihnen alle Menschen
bedroht und für ihre derzeitigen Insassen bestehen Aussichten auf ein
Herauskommen nur in dem Maße, als jene anderen, die noch nicht in ihnen sind,
dazu bestimmt werden, hineinzukommen.
Gegen diese Drohung muß
man sich auflehnen und das Lager selbst, ganz unabhängig von dem Ort, an dem es
sich befindet und den Zwecken, für die es benutzt wird sowie die Regime die es
anwenden, aufs Korn nehmen. In derselben Form wie gegen das Gefängnis oder die
Todesstrafe. Jeder Partikularismus, jede Handlungsweise, die eine Nation mehr
als eine andere zum Sühneopfer bestimmt, die in gewissen Fällen das Lager
ausdrücklich oder durch berechnete oder nicht berechnete Unterlassung duldet,
schwächt den Kampf des Einzelnen oder der Gesamtheit für die Freiheit, lenkt ihn
von seinem Sinne ab und entfernt uns vom Ziel, anstatt uns ihm näherzubringen.
Unter diesem Gesichtswinkel
wird man eines Tages das Unrecht ermessen, das der Sache des Menschenrechts
angetan wurde, als die
-243-
IV. Republik in Frankreich
zuließ, daß die Kollaborateure oder die als solche Bezeichneten in den Lagern
zusammengepfercht wurden, wie es mit den Opportunisten von 1959, mit den
Widerstandskämpfern während der Besatzungszeit und wie es auch in
Westdeutschland nach 1945 mit den Nationalsozialisten geschah.
Um diese Sprache zu führen,
ist es offenbar nötig, sich recht wenig Gedanken darüber zu machen, ob man zum
Kreis der Antibolschewisten oder dem der Antiamerikaner gerechnet wird; man
muß genug Herr seiner selbst sein, um in seinem Denken sowohl das Sowjetregime
vom Begriff des Sozialismus, als auch das amerikanische Regime von dem der
Demokratie zu unterscheiden: ob eines der beiden Regimes weniger
schlecht ist als das andere, steht nicht zur Diskussion, sondern beweist nur,
daß die von einer Seite des Eisernen Vorhanges aufzuwendende Anstrengung weniger
groß sein wird als von der anderen . . . Und hier darf man nicht eine Treue
ehemaliger Verschickter anrufen, die die Meinung nur vor die Wahl zwischen zwei
"Anti-" oder zwei "Pro-" Einstellungen stellen kann, sondern die Treue
einer Elite zu ihrer Tradition, die sich über ihre eigene Aufgabe klar sein muß
und nicht diejenige der anderen zu erfüllen hat.
– ENDE –
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