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DIE LUEGE
Paul Rassinier
Lassen Sie die Menschen reden, lassen Sie sich tadeln, verurteilen, einsperren, lassen Sie sich hängen, aber veröffentlichen Sie Ihre Meinung. Dies ist kein Recht, es ist eine Pflicht. Die Wahrheit ist etwas Ganzes für alle . . Reden ist gut, Schreiben ist besser, aber Drucken ist etwas Ausgezeichnetes. Ist Ihre Meinung gut, hat man Gewinn davon; ist sie schlecht, so berichtigt man sie und hat immer noch Gewinn. Aber der Mißbrauch ?. . . Wie albern ist doch dieses Wort; die es erfunden haben, sind in Wirklichkeit jene, die Presse mißbrauchen, weil sie das drucken, was sie wollen, indem sie irreführen, verleumden und dann die Beantwortung verhindern " Paul-Louis Courier
1959
PAUL RASSINIER (Innerer Buchumschlag) Er ist in Frankreich mehr als Schriftsteller bekannt denn als Professor (Geschichte, Geographie, Literatur). Bereits im Alter von 16 Jahren -wurde er 1922 in die Kommunistische Partei Frankreichs aufgenommen, entwickelte aber sehr bald seine Doktrin eines vollkommenen Pazifismus und eines nicht auf Verstaatlichung gerichteten Sozialismus. Damit tritt er in Opposition zur kommunistischen Linie und wird von der Partei ausgeschlossen. Im Jahre 1934 in die Sozialistische Partei (SFIO) eingetreten, wird er an die Spitze des Bezirkes Belfort gestellt. Vor Beginn des 2. Weltkrieges bringt ihn die Vertretung seiner Gedanken über den vollkommenen Pazifismus in Widerstreit mit dem damaligen Ministerpräsident Daladier, so daß er durch Paul Faure dessen Zorn entzogen werden muß. Von dem Beginn der Besetzung Frankreichs durch die deutsche Wehrmacht an gehört Paul Rassinier als einer der Gründer der Organisation "Libé Nord" der Widerstandsbewegung an und ist darum bemüht, in diese den Gedanken des Verzichts auf Gewaltanwendung zu tragen. Hierzu gibt er die illegale Zeitung "Die IV. Republik" heraus. Das bringt ihm das Todesurteil der kommunistischen Widerstandsbewegung ein, die ihm als letzte Warnung "den kleinen Sarg" ins Haus schickt. Gleichzeitig wird er von der Gestapo verhaftet und nach Buchenwald verschickt. Bei Kriegsende befindet er sich im Konzentrationslager Dora. Nach der Heimkehr tritt er, 100% Invalide, wieder an die Spitze des Bezirkes Belfort der Sozialistischen Partei und wird mit der Anerkennungsmedaille in Gold und der höchsten Dekoration der Widerstandsbewegung (Rosette in Hochrot — die er nicht trägt) ausgezeichnet. Unter großem Aufsehen erklärt er, daß er in der Widerstandsbewegung die meisten der Männer, die heute in ihrem Namen sprechen, niemals getroffen hat. Durch seine Vergangenheit dazu berechtigt, wendet er sich gegen den Anspruch dieser "neuen Widerstandskämpfer", die sog. Petainisten und "Kollaborateure" unterdrücken zu dürfen. Nach harten Auseinandersetzungen mit den Kommunisten wird Rassinier in die Zweite Verfassunggebende Versammlung gewählt und tritt auch im Parlament gegen die Anwendung des Hasses als Leitmotiv der Verfolgung eines Teils der französischen Bevölkerung auf. War diese Haltung eines Mannes, der alles andere als ein Freund der Besetzung Frankreichs durch Deutschland, des Nationalsozialismus und Faschismus war, in den ersten Nachkriegsjahren allein schon Anlaß genug dazu, ihn zu verfolgen und zu verleumden, so erreichte die Hetzjagd gegen ihn ihren Höhepunkt, als seine beiden Bücher erschienen. Nahezu sechs Jahre lang mußte Rassinier seine Angaben, besonders die in "Die Lüge des Odysseus", vor mehreren Instanzen der französischen Gerichtsbarkeit — auf Klagen der verschiedenen Organisationen der Widerstandskämpfer — solange vertreten und die Beweise für die Richtigkeit bieten, bis die Strafkammer des Kassationshofes als die oberste Instanz alle früheren Urteile aufhob und ihn freisprach.
VERLAG KARL HEINZ PRIESTER Verlag für politische und zeitgeschichtliche Dokumentation
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Vorwort des Verfassers zur zweiten und dritten französischen Auflage
Die Waffen des Feindes sind nicht so mörderisch wie die Lügen, mit denen die Führer der Opfer die ganze Welt erfüllen; der Haßgesang des Feindes ist dem Ohr weniger unangenehm als die Phrasen, die wie ekelhafter Speichel aus den Büchern der Schreiber von Nekrologen fließen. Manes Sperber (Aus seinem Buche "Und der Busch wurde zu Asche".)
Die beiden Teile dieses Werkes sind zwar schon veröffentlicht worden, aber getrennt. Der erstere, "Eigenes Erleben" ("Passage de la Ligne" = "Weg über die Grenze"), und der zweite, "Erleben der anderen'' (eigentlich "Le Mensonge d'Ulysse" genannt), in Form einer kritischen Studie der Literatur über die Konzentrationslager. Ich war der Meinung, bei einem so heiklen Gegenstand sei es ratsam, die Wahrheit in kleinen Dosen zu verabreichen. Diese geistige Einstellung haben manche Leute zu dem Versuch benutzt, meine Absichten zu verdächtigen: wenn "Eigenes Erleben" im allgemeinen noch sympathisch hingenommen wurde und nur Zähneknirschen, aber keine Wutausbrüche hervorrief, so bot "Erleben der anderen" dann aber einer gewissen Seite die Gelegenheit zu einem heftigen Pressefeldzug, der seinen Ausgang von der Tribüne der Nationalversammlung nahm. Gleichlaufend damit wurden Albert Paraz, der Verfasser des Vorwortes, der Herausgeber des Buches und ich vor ein Strafgericht gestellt, von dem wir freigesprochen wurden, dann aber vor ein Berufungsgericht, von dem wir verurteilt wurden'), obwohl der Staatsanwalt selbst unseren Anträgen recht gab und vorbehaltlos die Bestätigung des Strafgerichtlichen Urteils beantragte. Nun ist der Kassationshof angerufen, den Streit zu beenden, aber die öffentliche Meinung, deren Unterrichtung einseitig erfolgt, ist irregeleitet, und so wenig man auch geneigt sein mag, in die Polemik hinabzusteigen, 1) Gefängnis mit Bewährung, 100.000 Fr Geldstrafe, 800.000 Fr Schadenersatz mit Zinsen. -10-
unerläßlich ist es doch geworden, die recht verworrenen Verhältnisse, die das Klima dieser Angelegenheit geschaffen haben, zu entwirren. Man wird also zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, denn gleichzeitig darf man nicht versäumen, dem Leser die Beweismittel vor Augen zu führen2). Da "Erleben der anderen" mitten in die Auseinandersetzungen über die Amnestie fiel und die Debatte damit auf ihre Weise rechtfertigte, wurde sie von gewissen Leuten als eine im wesentlichen politische Angelegenheit hingenommen, und nun versuchte man, ihr von dieser niedrigeren Warte aus einen dementsprechenden ausschließlichen Charakter zu verleihen. Durch einen ärgerlichen Zufall enthielt das Vorwort von Albert Paraz eine juristisch nicht haltbare Behauptung3) über die Umstände der Verhaftung und Verschickung des damaligen Abgeordneten und parlamentarischen Führers der R. P. F., Michelet, die der damalige Abgeordnete der M. R. P. von Lyon, Guerin, aufgriff, nicht etwa, um gegen die Veröffentlichung des Werkes zu protestieren, obwohl er sich diesen Anstrich geschickt gegeben hatte, sondern zu dem Versuch, einem der ersten Kämpfer jener Bewegung, die ihm bei der Wahl die größte Konkurrenz machte, um seinen Kredit zu bringen. Auf diese Weise also wurde "Erleben der anderen" zuerst von einer politischen Bewegung gegen eine andere ausgespielt, aber dies reichte schon aus, einen Historiker zur Verzweiflung zu bringen . .. Die auf Bearbeitung der öffentlichen Meinung gerichtete außerparlamentarische Klage stützte sich auf einen Zwischensatz in der Intervention Guerins. Von der Tribüne der Nationalversammlung herab hatte der Abgeordnete von Lyon mich unter "die für die Zusammenarbeit mit der Besatzung und die Verteidiger des Verrats Verantwortlichen"4) eingereiht. 2) Der Kassationshof hat seinerseits nun entschieden: er hat freigesprochen — gerade rechtzeitig genug, um es noch in dieser Auflage erwähnen zu können — aber trotzdem bleibt die Begründung noch notwendig. 3) Michelet, mit dem wir uns auseinandergesetzt haben, hat seine gegen uns angestrengte Klage zurückgenommen. Übrigens erscheint diese Behauptung nicht mehr in dieser Auflage, um jeden Ablenkungsversuch kurzerhand abzuschneiden. Auf Paraz' Vorschlag auch nicht mehr sein Vorwort. Dies nur, um jede Ablenkung zu vermeiden, denn seitdem der Kassationshof entschieden hat, stünde auch der Wiederveröffentlichung dieses Vorwortes nichts mehr im Wege, weil es von der Immunität gedeckt ist, die Jede abgeurteilte Sache schlitzt. Der Verfasser hat nicht geglaubt, dem mißbilligenden Geschrei einer Handvoll von Interessenten nachgeben und den Text anders abfassen zu sollen. 4) In Wirklichkeit gehörte der Verfasser zu den Gründern der Bewegung "Liberation- Nord", in Frankreich; er war der Gründer der unerlaubten Zeitung "La IV. Republique", dem die Sender London und Algier Ehre erwiesen, der als Angehöriger der Widerstandsbewegung nach Buchenwald und Dora verschickt wurde (19 Monate). Als Invalide mit mehr als 100 Prozent ist er Inhaber des Ausweises Nr. 1016070 als Widerstandskämpfer, der französischen Anerkennungsmedallie in hochrot (der höchsten, d. Obers.) und der Rosette der Widerstandsbewegung, die er übrigens nicht trägt. Dies hat ihm weder die Liebe zur Wahrheit noch den Sinn für Objektivität genommen. -11-
Pathetisch rief er dabei aus: "Es scheint, meine lieben Kollegen, in den Konzentrationslagern hat es nie Gaskammern gegeben ... Das kann man in diesem Buche lesen." (Amtsbl. v. 2. November 1950 — Parlamentsdebatten.)
Nun, Guerin hatte das Werk gar nicht gelesen! Und ohne mehr davon gelesen zu haben, nahmen alle Zeitungen, in denen Journalisten wirken, die bei der Befreiung von einer gewissen Resistance improvisiert wurden8), das Thema wieder auf und legten mir die unwahrscheinlichsten Dinge in den Mund. Drei Verbände von Verschickten, Internierten und Opfern der deutschen Besatzung forderten von der Strafkammer in Bourg-en-Bresse, die Beschlagnahme des Buches, die Vernichtung der bereits zum Verkauf gestellten Exemplare anzuordnen und uns gemeinsam zu der netten Summe von rund einer Million Schadenersatz nebst Zinsen zu verurteilen. Der besser beratene "Aktionsausschuß der Widerstandsbewegung" sah von jeder feindseligen Kundgebung ab, nicht etwa weil er keine Lust dazu gehabt hätte, sondern aus Angst, sich lächerlich zu machen. Die Kommunistische Partei, die einen Angriff geplant hatte, merkte beizeiten, daß sie Gefahr lief, Marcel Paul, Casanova, den Oberst Manhes 6) und andere von neuem in eine peinliche Lage zu bringen und trat einen vorsichtigen Rückzug an. Aber die Sozialistische Partei, die ich im Parlament vertreten hatte, nachdem ich lange Jahre Leiter einer ihrer Bezirksvereinigungen gewesen war, schloß mich aus; "trotz der Hochachtung, die meine Person einflößt", sagt der mir vom leitenden Parteiausschuß zugestellte Spruch7). Dies waren die ersten Scharmützel einer wenig ruhmreichen Offensive, die sich in die Länge zog. Die Unehrlichkeit, die sie kennzeichnete, ist auch in der Folgezeit stets die gleiche geblieben. * * *
Louis Martin-Chauffier, der in fast alle geistigen Bewegungen des letzten halben Jahrhunderts verwickelt war, übernahm das Kommando der zweiten Sturmwelle. 5) Denn die Einheit der Widerstandsbewegung ist ein Mythus, wie auch die Einheit der französischen Revolution ein Mythus war, was heute niemand mehr in Abrede stellen kann . . . außer wenn er daran interessiert ist! Es gab sogar eine Pöbelherrschaft, die sie benutzte, um sich hinter ihr zu verbergen! 6) Führende Mitglieder der Kommunistischen Partei in Frankreich. In bezug auf Marcel Paul und Oberst Manhes vgl. Seite 90, Fußnote 5. 7) Ein von elf Bezirksvereinigungen und Marceau Pivert auf dem Kongreß vom November 1951 unterstütztes Gesuch um Wiederaufnahme wurde auf Grund des Einspruches von Daniel Mayer und Guy Mollet abgelehnt. -12-
Weil ich (so nebenbei) auf eine der Ungeschicklichkeiten aus seiner Feder aufmerksam gemacht hatte, hielt er sich verpflichtet, sie durch eine weitere zu verbessern (vgl. Seite 165 und Fußnote), nämlich Maurice Guerins Thema wiederaufzunehmen, um etwas nachzuweisen, das er überdies noch nicht zu lesen verstand. "Alle Verschickten haben gelogen, behauptet Paul Rassinier, der das Vorhandensein von Gaskammern bestreitet", schrieb er am Kopf eines Artikels, dessen Überschrift, "Ein Fälscher und Verleumder auf frischer Tat ertappt" ("Droit de Vivre" = "Das Recht zum Leben", 15.12.1950), mir allein schon erlaubt hätte — wenn es mir in den Sinn gekommen wäre, ihm in diesem günstigen Augenblick die Antwort erteilen zu lassen — materiellen Schadenersatz durch irgendein Strafgericht zu erhalten. Der Fahnenträger der dritten Welle war Remy Roure mit folgenden Worten: "Dieser Rassinier beschreibt das Lager Buchenwald wie folgt: Alle Blocks sind geometrisch und angenehm auf dem Hügel verteilt und durch betonierte Straßen miteinander verbunden: Zementtreppen mit Geländer führen zu den am höchsten gelegenen Blocks; vor jedem von ihnen eine Pergola mit Schlingpflanzen, kleine Gärtchen mit Blumenrasen — hier und da kleine Rondells mit Fontänen oder kleinen Statuen. Der Appellplatz, etwa einen halben Quadratkilometer groß, ist vollkommen gepflastert und so sauber, daß man keine Stecknadel verlieren kann. Ein zentral gelegener Fischteich mit Tauchbecken, ein Sportgelände, kühle Schattenanlagen, wie man sie nur wünschen kann, ein wahres Lager für Ferienkolonien; und irgendein Passant, der währen der Abwesenheit der Häftlinge zur Besichtigung zugelassen würde, verließe es in der Überzeugung, daß man dort ein angenehmes Leben voller Waldpoesie führt und jedenfalls ausnehmend beneidenswert, außerhalb jedes alltäglichen Vergleichs mit den Beschwernissen des Krieges, die das Los der freien Menschen sind. . . Ich frage meine Kameraden von Buchenwald: Erkennt Ihr Euer Lager wieder?" ("Force ouvriere", 25. Januar 1951.) Remy Roure kann "seine Kameraden von Buchenwald" fragen: diese Stelle ist aber in "Erleben der anderen" nicht zu finden. Vor dem Strafgericht in Bourg-en-Bresse überführt, entschuldigte er sich und wollte gerne einräumen ("Le Monde", 26. April), er habe das Werk nicht gelesen, sondern mich allein nach Maurice Bardeche zitiert. Nun ist es zwar richtig, daß Maurice Bardeche diese Stelle in seinem "Nürnberg oder die Falschmünzer"6) zitiert, ebenso zutreffend ist aber auch, daß er sie 8) Man hat mir gesagt, Maurice Bardeche stehe auf der äußersten Rechten und habe in zahlreichen anderen Fällen nicht den Beweis von derselben Sorge um Objektivität erbracht: das stimmt, und ich habe nie davon Abstand genommen, dies jedesmal zu sagen, wenn ich glaubte, dazu Anlaß zu haben. Aber dies ist weder ein Grund, sein Verdienst im vorliegenden Fall zu bestreiten, noch ihm die Anerkennung zu versagen, daß er auf fast einer ganzen Seite seiner beiden Werke über Nürnberg — die ebenso ungerecht beurteilt wurden wie "Die Lüge des Odysseus" — das deutsche Problem nach denselben Denkgesetzen behandelt, nach welchen die Schriftsteller Mathias Morhardt, Romain Rolland und Michel Alexandre, die allerdings auf der Linken standen, nach dem I. Weltkrieg vorgegangen sind. Und es ist auch nicht meine Schuld, wenn In einem sonderbaren geschichtlichen Auf und Ab die Leute der Linken, die 1938-1939 den zur Rechten gehörenden Nationalismus und Chauvinismus übernahmen, die sonst von der Linken vertretene Wahrheit genötigt haben, Asyl bei der Rechten und der äußersten Rechten zu suchen. Wie dem auch sei, der Chronist kann sich nicht damit abfinden, über das Stoffliche historischer Tatsachen nach den wechselnden Imperativen der Politik zu sprechen, und, nach dem Beispiel von Merleau-Ponty (vgl. S. 18) eine Sache nur dann als richtig anerkennen, wenn dies der Propaganda dient. (Anm. des Verlages: Deutsche Ausgabe "Nürnberg — oder die Falschmünzer" Verlag K. H. Priester-Wiesbaden, 1957.) 9) Abkürzung für Konzentrationslager.
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"Eigenes Erleben" entnimmt — wo sie sich nämlich befindet, um eine Vorstellung von der materiellen Beschaffenheit, nicht des Lagers Buchenwald, sondern des Lagers Dora am Ende seiner Entwicklung zu geben — und daß er durchaus ehrlich nicht versucht, ihren Sinn zu entstellen oder sie aus dem Zusammenhang zu reißen. Möge es Remy Roure nicht mißfallen, wenn ich hinzufüge, daß das Lager Dora in Abwesenheit der Häftlinge — ja, ich sage: in Abwesenheit der Häftlinge! — sehr wohl der Beschreibung glich, die ich von ihm gebe, und daß alle, die es kennengelernt haben, mir hierin zustimmen. Wenn die Häftlinge nach einem langen und erschöpfenden Arbeitstag dorthin zurückkehrten, gab ihm die Konzentrationslager-Bürokratie ein völlig anderes Aussehen, wie aus dem hervorgeht, was der mir so leichtsinnig vorgeworfenen Stelle vorausgeht und nachsteht, und das Remy Roure — weil er es aus guten Gründen nötig hat! — geschickt durch Verdächtigungen ersetzt! Ich verzeihe Remy Roure diese üble Handlungsweise gern. Und wäre es auch nur, weil er in demselben Artikel folgendes geschrieben hat: ". .. die Stammannschaften in den K. Z.9), die Kapos, Blockältesten, Vorarbeiter, Stubendienste, die selbst Häftlings waren und vom langsamen Sterben ihrer Kameraden lebten ..." also eines der Themen in "Die Lüge des Odysseus" in so schlagender Form rechtfertigte und ganz genau das Gegenteil von dem schrieb, was alle Akkordarbeiter der Literatur über die Konzentrationslager, David Rousset an der Spitze, bis dahin geschrieben hatten. Aber ich stelle folgende Frage: Soll das, was Verleumdung und üble Nachrede ist, wenn es von mir ausgeht, ein Wort des Evangeliums und achtenswert sein, wenn es von Remy Roure kommt? Oder sollte es wohl so sein, daß man mir nicht verzeiht, daß ich der erste war, der versuchte, die Quelle zu dieser schrecklichen Wahrheit zu erschließen? -14-
Mit Stillschweigen übergehe ich die giftigen Zeitungsartikel, die von den Vereinigungen der Verschickten ausgingen, um die öffentliche Meinung im Alarmzustand zu halten, und die von Zeitungen wie "Franc-Tireur", "L'Aube", "L'Aurore", "Le Figaro" usw.... willfährig alle acht oder vierzehn Tage veröffentlicht wurden: sie wichen schließlich derart von der Objektivität ab, daß der Titel meines Werkes zur: "Legende von den Konzentrationslagern ..." geworden war. Im März wuchs sich der gegen uns geführte Angriff zum Wahnsinn aus. Ein kleiner Federfuchser im Journalismus äußerte sich im "Progres de Lyon", indem er mir großmütig folgende Behauptung zuschrieb: "Die Mißhandlungen, eine liegende! Die Verbrennungsöfen, eine Legende! Die elektrischen Zäune, eine Legende! Die Toten bündelweise zu zehn, eine Legende!" Und auch Jean Kreher, der Anwalt, den sich die Verschicktenvereinigungen genommen hatten, versuchte es im "Rescape", dem Organ der Verschickten, nochmals mit folgendem, was nach seiner Meinung aus meiner Studie hervorgehe: " . . . denn, wenn wir mit Wurst, mit ausgezeichneter Margarine vollgepfropft wurden, wenn alles vorgesehen war, um uns die notwendige Versorgung und Zerstreuung zu verschaffen, wenn das Krematorium nur eine Einrichtung ist, welche die Hygiene gebietet, wenn die Gaskammer ein Mythus ist, wenn mit einem Wort die SS für uns voller Zuvorkommenheit war, worüber beklagt man sich dann?" Der Leser möge entscheiden, ob man dies aus dem von mir Geschriebenen folgern kann. Übrigens haben alle diese Leute ihre Kräfte rein umsonst vertan. Die "Wahrheit", der sie zum Siege verhelfen wollten, hat nicht gesiegt, und die mangelnde Glaubwürdigkeit, die sie uns vergeblich nachzusagen versuchten, fällt heute auf sie zurück, nachdem außer der schmerzlichen Schlappe, die ihnen der Kassationshof zugefügt hat, auch Andre Rousseaux im "Figaro Litteraire" vom 9. 10. 1954, der doch alle Akkordarbeiter der Literatur über die Konzentrationslager unterschiedslos bis in den Himmel erhob, schon von sich aus darauf gekommen war — wahrscheinlich unter dem Einfluß der öffentlichen Meinung —, sich folgende Frage zu stellen: "Aber ist die rechtliche Stellung als ehemalige Verschickte für die Überlebenden dieser Hölle nicht sehr rasch derjenigen der ehemaligen Frontkämpfer aller Kriege gleich geworden: nämlich weitaus mehr Opfer als Zeugen?" -15-
Denn diese Art zu sprechen, die sich augenscheinlich der Frageform nur als Vorsicht im Stil bedient, ist vor der Geschichte eine Verurteilung im großen und ganzen, gegen die es keine Berufung gibt, und wird durch alle diese ebenso orientierten wie interessierten Aussagen, vor denen ich als erster die Öffentlichkeit gewarnt habe, noch wertvoller als das Urteil des Kassationshofes. Das Unglück ist nur, daß dies — leider! — etwas zu spät kommt. Und daß eine so verdächtige Literatur, wie es die über die Konzentrationslager ihrem Entstehen nach war, daß eine Literatur, die heute schon niemand mehr ernst nimmt, und die eines Tages die Schande unserer Zeit sein wird, jahrelang die fundamentalen Prinzipien für eine Moral geliefert hat (die eine Verteidigung des Bolschewismus war — das ist von Bedeutung!) und für eine Politik10) die Bürgschaft leistete (die das mit der Staatsräson gerechtfertigte Banditentum war — was natürlich davon kommt). * * *
Und nun zum Kernpunkt des Streites, den ein Beispiel zugänglicher machen wird. Eine neue Aussage über die deutschen Konzentrationslager ist in Ungarn erschienen, deren Verbreitung in der Öffentlichkeit Frankreichs "Les Temps Modernes" übernommen hat: "SS-Obersturmführer Doktor Mengele", von Dr. Nyiszli Miklos. Sie betrifft das Lager Auschwitz-Birkenau. Der erste Gedanke, der das Hirn durchzuckt, ist, daß diese Aussage in Ungarn nur mit Zustimmung Moskaus über die vorgeschobene Person eines Martin-Chauffier von dort unten erscheinen konnte, dessen Vollmachten als Vorsitzender einer Vereinigung, die unserer C. N. E.11) entspricht, weitreichend genug sind, um verhindern zu können, daß "Die Lüge des Odysseus" dort das Licht der Welt erblickt. Allein schon deshalb müßte sie also verdächtig sein. Hierin liegt aber die Frage nicht. Unter anderem behauptet dieser Dr. Nyiszli Miklos, daß im Lager Auschwitz-Birkenau vier Gaskammern12) von 200 m Länge (über die Breite ist nichts gesagt), verdoppelt durch vier andere vom gleichen Ausmaß zur Vorbereitung der Bedauernswerten auf die Opferung, täglich 10) Seitdem haben sich die Dinge sehr verändert. In der Regierung wird die Politik stets, oder fast stets, von denselben Staatsmännern gemacht (sie), aber sie beruht auf dem Antibolschewismus, und in diesem Sinne ist sie genau das Gegenteil von dem, was sie damals war. Demzufolge sind die Sachwalter des Antibolschewismus in Presse und Literatur die gleichen, die damals den Bolschewismus verteidigt haben. 12) C.N.E. = Comite National des Ecrivains (Nationalausschuß der Schriftsteller). 12) In "Le Monde" vom 9. Januar 1952 übersetzt der Generalstaatsanwalt Andre Boissarie: sechsundvierzig! -16-
20 000 Personen vergast, und daß vier Verbrennungsöfen, jeder mit 15 Nischen zu 3 Plätzen, sie in demselben Maße einäscherten. Außerdem, so fügt er hinzu, wurden ebenfalls täglich 5000 weitere Personen durch weniger moderne Mittel beiseite geschafft und in zwei ungeheuren Feuern im Freien verbrannt. Weiter fügte er noch an, er habe diesen systematischen Massakern ein Jahr lang persönlich beigewohnt. Ich behaupte, daß dies alles offensichtlich unrichtig ist und man nicht selbst Verschickter gewesen zu sein braucht, um dies mit etwas gesundem Menschenverstand festzustellen. Da das Lager Auschwitz-Birkenau gegen Ende 1939 errichtet und im März 1945 geräumt wurde, müßte man, wenn man dem Dr. Nyiszli Miklos den Rhythmus von 25 000 Menschen täglich glauben sollte, zu geben, daß in fünf Jahren etwa 45 Millionen Menschen dort umgekommen sind, von denen 36 Millionen durch die vier Verbrennungsöfen nach ihrer Vergasung und 9 Millionen durch die Feuer im Freien eingeäschert wurden. Wenn es auch durchaus möglich ist, daß die vier Gaskammern in der Lage waren, täglich 20 000 Personen zu vergasen (3000 je Schub, sagt der Zeuge), so kann es aber keinesfalls möglich sein, daß die vier Verbrennungsöfen sie im gleichen Maßstab hätten einäschern können. Selbst wenn 15 Nischen zu drei Plätzen vorhanden waren. Auch nicht, wenn die Verbrennung nur 20 Minuten beansprucht hätte, wie es Dr. Nyiszli Miklos behauptet, was abermals falsch ist. Unter Zugrundelegung dieser Zahlen hätte die Aufnahmekapazität aller gleichzeitig arbeitenden Öfen trotz allem nur 540 in der Stunde, also 12.960 in täglich 24 Stunden betragen. Und bei diesem Rhythmus wäre man erst einige Jahre nach der Befreiung mit der Beseitigung zu Ende gekommen. Natürlich nur unter der Bedingung, daß während dieser annähernd zehn Jahre keine Minute verloren wurde. Wenn man heute bei dem Pere-Lachaise — dem Pariser Friedhof — über die Dauer einer Einäscherung von drei Leichen in einer Nische nachfragt, wird man zu der Erkenntnis kommen, daß die Öfen von Auschwitz noch immer brennen müßten und man noch nicht daran denken kann, sie zu löschen! Die beiden Feuer im Freien (die nach Angaben unserer Verfassers 50 m lang, 6 m breit und 5 m tief waren) und mit deren Hilfe es gelungen sein sollte, 9 Millionen Leichen in fünf Jahren zu verbrennen, übergehe ich... Übrigens ist auch etwas anderes nicht möglich, zumindest bei der Vernichtung durch Gase: alle, die sich mit diesem Problem befaßt haben, sind sich darüber einig, daß "in den wenigen Lagern, in denen es Gaskammern gab" (wie E. Kogon sagt), diese endgültig erst ab März 1942 soweit -17-
waren, daß sie arbeiten konnten, und daß ab September 1944 Befehle, die man ebensowenig aufgefunden hat wie die anderen, die sie aufhoben, untersagten, sie zu Vergasungen zu benutzen. Nach dem von Dr. Nyiszli Miklos vorgebrachten Rhythmus kommt man immer erst auf 18 Millionen Leichen für diese 2½ Jahre, eine Zahl, die Tibere Kremer, sein Übersetzer, man weiß nicht kraft welcher Mathematik, diktatorisch auf sechs Millionen reduziert hat13). Und ich stelle folgende neue und doppelte Frage: welches Interesse konnte er gehabt haben, den Grad des Schreckens so zu übertreiben, und welches Ergebnis hat diese Art des Vorgehens, die allgemein war, gehabt? Man hat mir schon geantwortet, da ich die Dinge in Anwendung einer weltweiten Abwehrtheorie auf ihr wahres Maß reduziert hätte, könnte ich keine andere Absicht gehabt haben, als die Verbrechen des Nazismus zu verkleinern. Ich habe eine andere Antwort, die längst fertig ist, für die aber jetzt keinerlei Grund mehr vorliegt, sie nicht zu veröffentlichen. Bevor ich sie aber gebe, möchte ich dem Leser noch einen für den Geisteszustand unserer Zeit bezeichnenden Vorfall zur Beurteilung unterbreiten. Als Leser der "Temps Modernes" habe ich dieser Revue natürlich mitgeteilt, zu welchen Gedankengängen die von ihr für Dr. Nyiszli Miklos gemachte Reklame mir Anlaß gab. Hier die Antwort, die ich von Merleau-Ponty erhielt: "Die Geschichtsschreiber werden sich diese fragen zu. stellen haben. Gegenwärtig aber führt diese Art der Nachprüfung von Aussagen nur dazu, sie dem Verdacht auszusetzen, es fehle ihnen eine Genauigkeit, die man mit Recht von ihnen erwarten dürfe. Und da im Augenblick die Tendenz mehr darauf gerichtet ist, die deutschen Lager zu vergessen, ermutigt diese Forderung nach strenger historischer Wahrheit eine umfangreiche Fälschung, die darin besteht, im großen und ganzen zuzugeben, daß der Nazismus eine Fabel ist." Ich fand diese Antwort köstlich und unterließ es, Merleau-Ponty zu erwidern, daß er die russischen Lager und auch ... die französischen vergäße! Denn wenn diese Doktrin zugelassen werden müßte, daß die Forderung nach einer strengen geschichtlichen Wahrheit schon eine umfangreiche Fälschung in der Gegenwart ermutige, dann fragt man sich angst- 13) Ich habe Dr. Nyiszli Miklos geschrieben und ihm alle diese Unmöglichkeiten vorgestellt. Hier seine Antwort: 2500000 Opfer! Ohne weiteren Kommentar. Dies liegt der Wahrheit schon näher und begründet, da die Gaskammern sicher bei weitem noch nicht aufgeklärt sind, schon eine gewisse Zahl von Greueln. Was die Genauigkeit seiner Aussage über die Gaskammern betrifft, »o beweist die Art, In der er sie darstellt, rar Genüge, daß er sie nie gesehen hat, weder Im ruhenden Zustand noch Im Betrieb. Ein Fälscher mehr! -18-
erfüllt, zu welcher Ungeheuerlichkeit die umfangreiche Fälschung der Gegenwart auf geschichtlichem Gebiet zu führen droht. Man stelle sich nur vor, was die Historiker der Zukunft von dem abscheulichen Nürnberger Prozeß denken werden, von dem heute schon einleuchtet, daß er die Entwicklung der Menschheit auf kulturellem Gebiet um zweitausend Jahre zurückgeworfen hat, das heißt bis zu der in allen Lehrbüchern der Geschichte als Verbrechen bezeichneten Verurteilung des Vercingetorix durch Julius Cäsar. Die Beziehungen, die Merleau-Ponty, Professor der Philosophie, zwischen Wirkungen und Ursachen herstellt, scheinen nicht von ausnahmsweiser Strenge zu sein, was beweist, daß, wenn jeder bei seinem Beruf bleibt, auch in der Philosophie ..., unsere Schäflein gut behütet sind. * * *
Außer meiner These über die Bürokratie der Konzentrationslager, deren entscheidende Rolle in der Systematisierung des Schreckens ich beleuchtet habe, hat der neue Aspekt, unter dem ich die Gaskammern darstelle, die Hersteller von Bilderbogen über die Konzentrationslager am schmerzlichsten getroffen. Die beiden Dinge sind eng miteinander verbunden, und dies erklärt alles. Für diese erregende Frage liegt eine gewisse Zahl von Tatsachen vor, die ehrlichen Menschen keinesfalls entgangen sein können. Zuerst einmal sind alle Zeugen (des Prozesses gegen P. Rassinier, der Übers.) sich darüber einig, daß zehn von diesen Zeugen14) — die vom Zivilkläger gegen mich zitiert wurden15) — vor den Schranken des Straf-
14) Darunter auch Professor Richet, Mitglied der Medizinischen Akademie. 15) Zwei Zeugen, die sich der Anklagebehörde zur Verfügung gestellt hatten, haben sich der Mühe des Erscheinens nicht unterzogen: Martin-Chauffier und der unbeschreibbare Pater Riquet, Prediger von Notre Dame. Der erstere, von dem leicht zu verstehen ist, daß er Hemmungen hatte, vor den Schranken des Gerichts, und unter dem Rampenlicht, "seiner Grammatik so sicher", die Rede zu halten, die er hielt, ohne in seine Bücher zu schauen, beschränkte von sich aus seine Rolle auf ein Telegramm, in welchem er eine unnachsichtliche Verurteilung forderte. Der zweite bestätigte in einem langen Brief an das Gericht, daß wir, Paraz und ich, niederträchtige Geschöpfe seien. Diese Bestätigung bekommt ihre volle Bedeutung und Köstlichkeit erst, wenn man erfährt, daß im Juni 1953 ein gewisser Mercier, für dessen Ehrbarkeit sich Pater Riquet verbürgt, und dessen Eigenschaften als Patriot und Widerstandskämpfer er bezeugt hatte, im Gebiet von Lyon verhaftet wurde. Nun war aber Mercier, der während der Besatzungszeit Kraftfahrer im Dienste einer deutschen Organisation gewesen war, nur wegen "Mangels an Zartgefühl" festgenommen und verschickt worden. Als er zurück war, bediente er sich der ihm von Pater Riquet in harmloser Weise ausgehändigten Bescheinigung, um das Vertrauen religiöser Kreise zu gewinnen, die er um einige Millionen erleichterte . . . Wenn es uns um so lieber Ist, daß wir die Aussage dieses sonderbaren Priesters gegen uns haben, der authentischen Kollaborateuren Widerstandsbescheinigungen und Schurken Ehrbarkeitsbescheinigungen ausstellte und ihnen somit leicht" fertig die Mittel zur Ausübung ihres "Gewerbes" zum geringsten Risiko aushändigte, so wird Gott der erste sein, der uns verzeiht. Und wenn er in seiner Sanftmut auch dem Pater Riquet verzeiht, so werden wir die ersten sein, die sich darüber freuen. Zur Entlastung des Paters Riquet sei noch gesagt: er ist nicht der einzige, der Widerstandsbescheinigungen aus Gefälligkeit ausgestellt hat: Lecourt, ein Abgeordneter der M.R.P. und einstiger Justizminister, stellte für Joinovici, einen Agenten der deutschen Abwehr, auch eine aus. Pierre Berteaux, ordentlicher Professor und ehemaliger Direktor für Nationale Sicherheit, händigte eine andere dem Gestapoagenten Leca aus, der in den Diebstahl der Juwelen der Begum verwickelt war, und der Schurke Dilasser konnte unter dem Segen aller Minister einer Regierung mit Hilfe von Bescheinigungen dieser Art von Ausstellern, deren Namen man sehr vorsichtig verschwieg, weil sie in der Hierarchie des Regimes sehr hohe Stellungen bekleideten, eine Milliarde Francs erpressen. Soweit sind wir gekommen!
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gerichts in Bourg-en-Bresse folgendes bestätigt haben: kein lebender Verschickter — ich bitte Merleau-Ponty, der sich so leichtfertig für Dr. Nyiszli Miklos verbürgt, darob um Verzeihung — hat gesehen, daß mit diesem Mittel Vernichtungen vorgenommen wurden. Persönlich habe ich diese Erfahrung hundertfach gemacht, und die Unbesonnenen, die das Gegenteil behaupteten, vor der Öffentlichkeit zurechtgewiesen. Ich bin also im Recht, wenn ich sage, daß alle, die wie David Rousset oder Eugen Kogon sich in kleinliche und rührselige Beschreibungen des Betriebs eingelassen haben, dies nur auf Grund von albernen Erzählungen taten16). Dies — und ich präzisiere nochmals, um jedes Mißverständnis zu vermeiden — soll absolut nicht heißen, es hätte in den Lagern keine Gaskammern gegeben oder es hätten keine Vernichtungen durch Gas stattgefunden: das Vorhandensein einer Einrichtung ist eine Sache für sich, eine andere, wozu sie bestimmt ist, und eine dritte, wie sie tatsächlich verwendet wurde. An zweiter Stelle ist bedeutungsvoll, daß in der ganzen Literatur über die Konzentrationslager und auch vor dem Gericht in Nürnberg kein Dokument beigebracht werden konnte, aus dem hervorginge, daß in den deutschen Konzentrationslagern auf Anordnung der Regierung Gaskammern "in der Absicht eingerichtet worden waren, sie zur Massenvernichtung von Häftlingen zu benutzen". Gewiß, es sind vor den Schranken dieses Gerichts Zeugen erschienen, meist Offiziere und Unteroffiziere, aber auch einfache Männer der SS, die ausgesagt haben, daß sie Vernichtungen durch Gas vorgenommen und hierzu Befehl gehabt hätten: keiner von ihnen konnte aber den Befehl vorlegen, hinter dem er sich verschanzte, und keiner dieser Befehle, außer zweien, die ich in diesem Werk erwähne und die absolut nichts beweisen, wurde in den Archiven der Lager bei der Befreiung gefunden. Man mußte diesen Zeugen also aufs Wort glauben. Wer beweist mir, daß sie dies nicht ausgesagt haben, um ihr Leben in dieser Atmosphäre des Schreckens zu retten, die über Deutschland nach seinem Zusammenbruch zu regieren begann? Hierzu eine kleine Geschichte, die um einen anderen sogenannten Befehl spielt, der von Himmler gegeben wurde, und der in der Literatur über die Konzentrationslager breitgetreten wird: jener Befehl, beim Herannahen der alliierten Streitkräfte die Lager in die Luft zu sprengen und so ihre Insassen nebst den Wachen zu vernichten. 16) Einschließlich des Janda Weiß, von dem auf Seite 189 die Rede ist. -20-
Der SS-Oberarzt des Reviers in Dora, Dr. Plaza, bestätigte es, als er gefangen genommen wurde, und hat sich damit das Leben gerettet17). Vor dem Nürnberger Gericht stellte man ihn den Angeklagten gegenüber, die dies bestritten. Dann aber konnte man im "Figaro Litteraire" vom 6. Januar 1951 unter der Überschrift "Ein Jude verhandelt mit Himmler" und unter der Unterschrift von Jacques Sabille folgendes lesen: "Dank des von Günther auf Himmler durch Vermittlung von Kersten (seinem Leibarzt) ausgeübten Drucks, ist der kannibalische Befehl, die Lager bei Annäherung der Alliierten in die Luft zu sprengen — ohne die Wachen auszusparen — ein toter Buchstabe geblieben." Was also besagen soll, daß dieser Befehl, der von jedermann empfangen und überreich kommentiert wurde, niemals gegeben worden ist. Wenn es sich mit den Befehlen zur Vernichtung durch Gas nun ebenso verhalten hätte ... Nun, wird man sagen, wozu aber dann diese Gaskammern in den Konzentrationslagern? Wahrscheinlich — und ganz einfach —, weil das im Krieg befindliche Deutschland beschlossen hatte, von seinen Industrien möglichst viele in die Lager zu verlegen, um sie den Bombenangriffen der Alliierten zu entziehen und dabei keinen Grund hatte, mit seinen chemischen Industrien eine Ausnahme zu machen. Daß Vernichtungen durch Gas vorgenommen worden sind, erscheint mir möglich, aber nicht sicher: ohne Feuer gibt es keinen Rauch. Aber daß sie so weit verallgemeinert worden sind, wie es die Literatur über 17) Im Struthof-Prozeß erschien der Arzt Major Dr. Boogaerts aus Etterbeck (Belgien) und erklärte am 25. Juni 1954: "Es war mir gelungen, mich dem Revier des Lagers zuweisen zu lassen, wo ich als Arzt dem SS-Arzt, Dr. Plaza, unterstellt wurde, dem einzigen Manne In Struthof, der noch menschliche Gefühle hatte." Nun, in Dora, wohin dieser Dr. Plaza später als Lagerarzt kam, schrieb ihm die einhellige Auffassung die Verantwortung für alles Unmenschliche bei der Untersuchung und Behandlung der Kranken zu. Die Chronik des Reviers strotzte von diesen Missetaten, die, wie man sagte, sein Vertreter, Dr. Kuntz, nur schwer zu mildern vermochte. Diejenigen, die ihn in Struthof gekannt hatten, sprachen in haarsträubenden Worten von ihm. Persönlich hatte Ich mit Ihm zu tun und bin der Meinung aller, die in derselben Lage waren: er war ein Rohling unter Rohlingen. Wie groß aber war meine Überraschung, als ich nach Frankreich zurückkam und dort sehen mußte, wie viele Zeugnisse über gutes Verhalten — von bevorzugten Häftlingen allerdings! — für einen Mann abgegeben worden waren, von dem jedermann im Lager bis zu den Wohlgesinntesten sagte, man müsse ihn aufhängen. Erst als ich wußte, daß er der erste und für lange Zeit auch der einzige war, der die Echtheit des Befehls zum Sprengen aller Lager bei der Annäherung der alliierten Truppen und die Vernichtung aller ihrer Insassen einschließlich der Wachen bestätigt halte, wurde mir klar: dies war der Lohn für eine falsche Aussage, von der man damals nicht wissen konnte, was sie wert war, die aber für den Aufbau einer Theorie unerläßlich war, weil diese ihrerseits wieder in der Politik nicht entbehrt werden konnte. Wenn man den deutschen Zeitungen vom 17. Juni 1958 glauben darf, ist dieser Dr. Plaza, der Im Prozeß gegen Martin Sommer vorgeladen war, schließlich entlarvt worden. Ich beglückwünsche mich. daß ich mich nicht umsonst damit beschäftigt habe, denn Individuen dieser Art haben der Legende eines verallgemeinerten und systematisierten Schreckens zum Glauben verholfen und sie auf diese Weise der SS zur Last gelegt.
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die Konzentrationslager glaubhaft zu machen versucht, und dies im Rahmen eines nachträglich aufgebauten Systems, ist bestimmt falsch. Alle Kavallerieoffiziere in unseren Kolonien sind im Besitz einer Reitpeitsche, von der sie nach ihrer persönlichen Auffassung vom militärischen Auftreten und je nach dem Temperament ihres Pferdes Gebrauch machen dürfen: die meisten bedienen sich ihrer auch, um die Eingeborenen der Länder zu schlagen, in denen sie tätig sind. So kann es auch sein, daß gewisse Lagerleitungen18) die für einen ganz anderen Zweck bestimmten Gaskammern zum Vergasen benutzten. Nachdem das Gespräch soweit gediehen ist, wäre die letzte Frage, die gestellt werden könnte, folgende: warum haben die Verfasser von Zeugenaussagen mit einem so bemerkenswerten Korpsgeist der im Umlauf befindlichen Lesart zum Glauben verholfen? Hier sei es gesagt: weil die Überlebenden der Bürokratie der Konzentrationslager, die uns in bezug auf Nahrung und Bekleidung so schamlos bestohlen, so übel behandelt, brutalisiert und uns derart geschlagen haben, daß man es nicht schildern kann, und die den Tod von 82% — so sagen die Statistiken — von uns verursacht haben, in der Gaskammer das einzige, von der Vorsehung gewollte Mittel sehen, mit dem sie alle diese Leichen erklären und sich selbst rechtfertigen können19). Doch dies war noch nicht das Schlimmste: der Gipfel ist, daß sie willfährige Geschichtsschreiber gefunden haben. Schließlich ist der Dieb, der lauter als sein Opfer schreit und dessen Stimme übertönt, um die Aufmerksamkeit der Masse abzulenken, für unsere Literatur kein neues Thema. Niemand hat sich gefragt, warum es — außer in der Zeit der Lebensmittelzusatzkarten, die eine dem Zement gleichende Rolle gespielt haben — weder gebietsweise noch auf nationaler Ebene möglich gewesen ist, lebensfähige Vereinigungen von Verschickten zu bilden: es ist der Fall, weil die Masse der Davongekommenen nicht freiwillig bereit ist, sich auf ausdrücklichen Befehl der Beweihräucherer ihrer einstigen Sklavenbewacher, die wie durch Zufall die Hauptpersonen der von ihnen empfohlenen verschiedenen Bewegungen sind, in brüderlichen Gruppierungen zusammenzuschließen. 18) Und dies betrifft nicht die SS allein! 19) Diese These ist in aufsehenerregender Form am 22. Juli 1953 von der Tribüne des Rates der Republik herab durch den Senator eines Departements im Osten, de Chevigny, bestätigt worden, der einstiger Verschickter nach Buchenwald war und enthüllt hat, daß "die Deutschen die Häftlinge ihre eigene Polizei hatten aufstellen lassen, und daß man. um eilige Hinrichtungen — ohne Gaskammern! — zu vollstrecken, immer leidenschaftliche Amateure gefunden hätte. Alle, oder fast alle Justizbeflissenen sind später in flagranti ertappt worden", fügte der Senator hinzu (J. O. v. 23. Juli 1953 — Parlamentsdebatten). Der Verfasser will Senator de Chevigny keinen Vorwurf daraus machen, daß er ihm nicht spontan seine Zeugenaussage angeboten hat, sondern ihn verurteilen ließ. -22-
Die anderen Elemente der Antwort auf die doppelte Frage, die ich soeben stellte, wird man in diesem Werke und ganz besonders in seiner Schlußfolgerung finden. * * *
Eines der Elemente dieser Antwort tritt jedoch in diesem Werke nicht in Erscheinung: der Prozeß des Lagers Struthof, der noch nicht stattgefunden hatte, als die beiden Teile geschrieben wurden. Ganz wie das Buch des Dr. Nyiszli Miklos offenbart dieser Prozeß eine gewisse Zahl von Unwahrscheinlichkeiten über die Gründe des Ablebens von Menschen, die in diesem Lager Häftlinge waren. Wenn ich die von dem Regierungskommissar vorgetragene Anklagerede gegen die Angeklagten lese, die Mediziner von der Fakultät Straßburg waren, denen man medizinische Versuche vorwarf, die sie an Häftlingen vorgenommen hatten, so finde ich nach der Zeitung "Le Monde" in ihr: 1. Daß man einem von ihnen vorwirft, die Tötung "von 87 Israeliten, Männern und Frauen, befohlen zu haben, die von Auschwitz angekommen waren, in der Gaskammer hingerichtet und alsdann nach Straßburg geschickt wurden, um in den anatomischen Sammlungen des deutschen Professors Platz zu finden"; 2. daß man vom zweiten sagte: "Ich bin gern bereit, zuzugeben, daß die erste Versuchsreihe keinen Todesfall herbeigeführt hat"; 3. folgenden Kommentar: "Es handelt sich jetzt um die Frage, ob die Typhusversuche zu Todesfällen geführt haben. Capitaine Henriey (der anklagende Regierungskommissar) gibt zu, daß er den Beweis hierfür vielleicht nicht beibringen kann, aber glaubt, daß das Gericht seinen Indizienbeweis auf Mutmaßungen stützen kann, wenn diese hinreichen, wie es hier der Fall ist. Diese Indizien findet er in den Zeugenaussagen und den Erwägungen des Nürnberger Urteils20); in den Lügen Haagens (dies ist der angeklagte Arzt) und seinen Ausreden während der ersten Vernehmungen. Er glaubt, daß diese Tatsachen dem Gericht ermöglichen dürften, die gestellte Frage bejahend zu beantworten: hat Haagen sich Vergiftungen zuschulden kommen lassen?" Dies beweist ganz offensichtlich, daß man der Gaskammer in Struthof und den dort stattgefundenen Versuchen nur 87 Tote zur Last legen kann. Wenngleich angesichts der auf alle Lager ausgedehnten Behaup- 20) Den Leser muß dies befremden, wenn er weiß, daß das Nürnberger Gericht genau dieselbe Folgerung gezogen hat! -23-
tungen der Literatur über die Konzentrationslager diese relativ geringfügige Zahl dem wirklichen Geschehen nichts von seinem Schrecken nimmt (wobei selbstverständlich zugegeben wird, daß es sich entgegen den Angaben des Beschuldigten nicht um einen von seinem Willen unabhängigen Zufall handelt), so darf dies doch nicht dazu führen, daß man die Tausende und aber Tausende — vielleicht Zehntausende von Häftlingen vergißt, die in diesem Lager gestorben sind, noch darf dies daran hindern, daß man sich fragt, auf welche Weise und warum sie gestorben sind. Daß ich nahezu der einzige gewesen bin, der die Geister über diese tragische Seite des Konzentrationslagerproblems aufgeklärt hat, indem ich ihnen zugleich die Elemente zur Beurteilung lieferte, das heißt die Gründe, die aus jedem Lager ein großes "Floß der Medusa"21) machten, sagt über die Not unserer Zeit genug. Die Ärzte von Struthof beriefen sich bei ihrer Verteidigung darauf, daß die Versuche, zu denen sie sich hergegeben hatten, unter denselben Sicherheitsvorkehrungen stattgefunden hätten, wie sie bei ähnlichen Versuchen in Manila von den Engländern, in Sing-Sing22) von den Amerikanern und von den Franzosen in ihren Kolonien getroffen wurden. Ein hervorragender Professor aus Casablanca bestätigte es vor den Schranken des Gerichts, wie andere vor ihm es schon vor dem Nürnberger Gericht getan hatten, wenn man der meisterhaften Dissertation des Medizindoktoranden der französischen Marine, Francois Bayie ("Croix gamme contre Caducee" = "Hakenkreuz gegen Äskulapschlange") glauben darf, die 1950 in Frankreich veröffentlicht wurde. Dieser Professor aus Casablanca hat sogar berichtet, wie eine bestimmte Zahl von Schwarzen an einem Pockenserum starben, das man an 6000 von ihnen ausprobiert hatte. Dieses Argument ist wertlos, sicher: man kann seine eigenen Missetaten nicht mit denen anderer Leute entschuldigen. Aber das Argument des Regierungskommissars, der die Verurteilung der einen auf Grund von Mutmaßungen fordert — denn das sagte er ja! — und die anderen, über die er ebenso strafbare wie materiell begründete Tatberichte besitzt, nicht kennen will, ist ebenfalls wertlos: man könnte noch besser sagen, die einen sind schuldig, weil sie Deutsche sind, und die anderen unschuldig, weil sie Engländer, Amerikaner und Franzosen sind. 21) Gemeint ist hier der Schiffbruch eines Schiffes im Jahre 1816, bei welchem 149 Schiffbrüchige nach und nach auf einem selbstgebauten Floß zugrunde gingen (der Obers.). 22) Seitdem dies geschrieben wurde, ist bekannt geworden, daß im Februar 1956 vierzehn Insassen des Gefängnisses in Columbus (USA) eingewilligt hatten, daß ihnen das Krebsvirus eingeimpft werde, wie es in einem gemeinen Struthof auch getan wurde. (Nach der französischen Zeitung "Match" vom 23. 2. 57.) -24-
Erst diese Art des Denkens und Urteilens, deren Rechtfertigung primitivster Chauvinismus ist, läßt die Erklärung zu, daß 600 in einer Kirche verbrannte Personen und ein zerstörtes Dorf, Oradour-sur-Glane (Frankreich), Opfer des scheußlichsten Verbrechens sind, während die Vernichtung von Hunderttausenden und aber Hunderttausenden von Menschen -auch Frauen, Kindern und Greisen!-, die in Leipzig, Hamburg usw...., in Nagasaki und Hiroshima unter den bekannten Verhältnissen, das heißt auf genauso gräßliche Weise umkamen, eine unbestreitbare und heroische Tat darstellt. Sie ist es ferner, die zuläßt, daß die Anklage gegen den ersten und wahrhaften Verantwortlichen für alles nicht erhoben wird: gegen den Krieg! Den Krieg: den von 1914—1918, dessen Folge der Nazismus war, der die Konzentrationslager benutzte — und nicht erfand, wie man allgemein glaubt23) -, in welchen der Krieg von 1959-1945 gegen den Willen der Menschen, der Henker wie der Opfer, jenes verwerfliche Regime möglich gemacht hat, das man kennt. Aber dies berührt den Gegenstand nur nebenbei. * * *
Natürlich sind wir so frei oder haben die Stirn, zu glauben, daß es weder von der Strafkammer in Bourg-en-Bresse noch vom Berufungsgericht in Lyon, selbst nicht vom Kassationshof abhängt, ob wir Recht oder Unrecht haben: Rechtsanwalt Dejean de la Batie hat überaus klug in unserem Namen darauf hingewiesen, daß der Streit, zu dem man uns herausgefordert hatte, nur zwischen Gelehrtenvereinigungen oder an jedem anderen Ort denkbar ist, an dem Menschen gewohnt sind, über soziale Probleme zu disputieren, nicht aber vor einem Gericht. Aber die improvisierten Führer der schemenhaften Verschicktenvereinigungen, denen zuliebe die staatlichen Stellen so nachgiebig sind, glauben an keine anderen Wahrheiten als diejenigen, welche gerichtlich verordnet werden, und denen der Gendarm in der Öffentlichkeit zwangsweise nachhilft. Sie sind nicht gegen das Konzentrationslager, weil es ein Konzentrationslager ist, sondern weil man sie darin eingesperrt hat: kaum befreit, haben sie verlangt, daß man die anderen dorthin scharfe. Es besteht also keine Gefahr: sie werden sich wohlweislich hüten, uns in den Saal wissenschaftlicher Gesellschaften einzuladen! 23) Die Bolschewiken, die sie auch nicht erfanden, haben sie lange schon benutzt, bevor noch vom Nazismus die Rede war.
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Ich meinerseits lehne es ab, mich in der ausweglosen Debatte, die man uns vor den Richtern vorgeschlagen hat, vor der öffentlichen Meinung jedoch verweigert, zum Stillschweigen verurteilen zu lassen. Als ich "Erleben der anderen" schrieb, glaubte ich, in die Fußstapfen der Blanqui, Proudhon, Louise Michel, Guesde, Vaillant, Jaures zu treten und anderen, wie Albert Londres ("Dante hatte nichts gesehen"), Dr. Louis Rousseau ("Ein Arzt im Gefängnis"), Will de la Ware et Belbenoit ("Die Begleiter der Schönen"), Mescion ("Wie ich 15 Jahre Gefängnis verbüßte") usw. ..., zu begegnen. Sie alle hatten das Problem der Abwehr und der Ordnung des Strafvollzugs aufgeworfen und waren dabei von denselben Feststellungen mit denselben Worten wie ich ausgegangen. Sie alle hatten bei der sozialistischen Bewegung ihrer Tage eine sympathische Aufnahme gefunden. Daß sich die erbittertsten Gegner meines Buches gerade unter den Leitern der Sozialistischen Partei und der Kommunistischen Partei befanden — Arbeitsgemeinschaft? —, läßt sich vielleicht aus dem merkwürdigen und angeblichen Gesetz des historischen Auf und Ab erklären. Fest steht, daß Alain Sergent, der die Art des französischen Strafvollzugs besprochen und den von ihm angelegten Maßstab ebenfalls der traditionellen sozialistischen Bewegung entnommen hat ("Ein Anarchist der schönen Epoche", Verlag du Seuil), hauptsächlich außerhalb der sozialistischen Bewegung Widerhall gefunden hat. Und daß in der Debatte, die damals über die Amnestie in der National Versammlung stattfand, die Haltung der Vertreter der Sozialistischen Partei und der Kommunistischen Partei als ein überwältigender Beweis dafür verzeichnet werden konnte, daß es sich um eine systematische und sozusagen doktrinäre Stellungnahme handelte. Ich bedaure, daß diese Einstellung von nichts anderem ausgeht als den mißbrauchten Begriffen Nation, Vaterland und Staat. Aus diesem Grunde wurden diejenigen, welche darauf pochen, die geistigen Erben der Kommunarden, der Jules Guesde und Jaures zu sein, unmerklich dahin gebracht, sich für eine Literatur einzusetzen, die, weil sie die elementarsten Gegebenheiten des Problems der Abwehr in einer auf Geschichtsfälschung gestützten Kultur des Schreckens erstickte, zugleich eine Atmosphäre des Mordes in Frankreich geschaffen und einen unergründlichen Graben zwischen Frankreich und Deutschland aufgeworfen hat. Unabhängig von weiteren genauso widersinnigen Ergebnissen auf anderen Gebieten. In einem seiner aufrichtigen Augenblicke war David Rousset ihnen jedoch zuvorgekommen: "Die Wahrheit ist, daß Opfer wie Henker gemein waren; daß die Lehre der Lager die Brüderlichkeit in der Verworfenheit ist; daß -26-
dir, wenn du dich nicht gemein benommen hast, nur die Zeit dazu gefehlt hat und die Verhältnisse dafür nicht geeignet waren; daß bei dem Zerfall der Lebewesen nur ein Unterschied im Rhythmus besteht; daß die Trägheit im Rhythmus die Mitgift großer Charaktere ist; daß aber die Hefe, also das unten Sitzende, das steigt, steigt, steigt, etwas genauso Fürchterliches ist. Wer wird das glauben? Um so mehr, als die Davongekommenen es nicht mehr wissen werden. Sie werden auch reizlose Bilderbogen und abgeschmackte Helden aus Pappmache erfinden. Das Elend der Hunderttausende von Toten wird diesen Stichen als Tabu dienen." ("Die Tage unseres Todes", Seite 488, Ed. de Paris, 1947.)
Sie haben getan, als verstünden sie nichts. Und er, der allzusehr damit beschäftigt war, die von ihm zuerst verteidigten Kommunisten nun vor den Strafrichter zu bringen, hatte es zweifellos vergessen. * * *
Für den Leser wird es von Nutzen sein, noch über einige Geschehnisse nachfolgender Art nachdenken zu können: Am 26. Oktober 1947 veröffentlichten alle Zeitungen folgenden kurzen Artikel: "Noch ein Drama der Konzentrationslager vor dem Militärgericht: Ein Italiener, Pierre Fiorelini, wurde angeklagt, zur Zeit von Bergen-Belsen sieben seiner Kameraden getötet zu haben. Er war Krankenwärter, übrigens einer mit recht eigenartigen medizinischen Methoden. Sein Vergnügen war, Harmonika zu spielen und seine Mithäftlinge nach dem Klang dieses Instruments tanzen zu lassen. Wenn sie sich weigerten, strafte er sie mit Stockschlägen. Als er eines Tages einen kranken Leutnant zu pflegen hatte, führte er ihn in den Waschraum, wusch ihn dort, und als der andere gegen die Roheit seiner Bewegungen protestierte, tötete er ihn mit Stockschlägen. Die Kameraden des Betreffenden versuchten, ihn daran zu hindern. Fiorelini schlug nacheinander sechs von ihnen nieder. Von den Davongekommenen dieses Blocks wird. er heute angeklagt." In der Zeitung "Le Monde" vom 18. Januar 1947 zeichnete Jean-Marc Theolleyre — einer der seltenen Chronisten unserer Zeit, deren Objektivität nicht bezweifelt werden kann — in einem Bericht über das Lager Struthof das Bild eines der wenigen Häftlinge, die sich wegen ihres Betragens in den Lagern vor der Justiz zu verantworten hatten: -27-
"Von allen diesen Angeklagten war er einer, dessen Vernehmung man mit Neugier erwartete. Denn er hieß Ernst Jäger und war kein SS-Angehöriger. Als Häftling gehörte er zu diesem verhaßten Menschenschlag — wenn nicht noch mehr — in den Lagern, den Kapos. Eigentlich hatte er in Struthof die genaue Bezeichnung ,Vorarbeiter', also ein Häftling, der für eine Arbeitsgruppe unter dem Befehl eines Kapos verantwortlich war. In dieser Eigenschaft hatte er ebenso und vielleicht noch mehr wie ein SS-Mann geschlagen, geprügelt und getötet. Jäger ist die Verkörperung dessen, was das Leben im Konzentrationslager aus einem Menschen machen kann. Wie verlief sein Leben? Von vierzig Lebensjahren hat er vierzehn im Gefängnis zugebracht. Von der Freiheit hat er die Erinnerung nur an eine Zeit behalten, in der er Matrose war, ohne mehr davon sagen zu können, und an jenen Tag im Jahre 1930, an welchem er auf einem Hafenkai im Verlauf eines Wortwechsels einen SS-Mann tödlich verletzte. Man verurteilte ihn zu sieben Jahren Zuchthaus. Von der Machtübernahme des Nazismus hörte er nur Ungewisses im Gefängnis. Wahrhaft erkennen sollte er ihn erst, als seine Strafe verbüßt war und ihm nun von dem neuen Regime verkündet wurde, er bliebe als Asozialer in Haft. Von da an trug er auf seiner Jacke das schwarze Dreieck, das für ihn die folgenden Lager bedeutete. Bevor er aber dorthin gebracht wurde, ließ die Gestapo ihn sterilisieren. Von der Welt der Konzentrationslager lernte er die entsetzlichste Periode kennen. Es war jene Zeit, in der die Lagerinsassen nur aus Juden, Zigeunern, Asozialen, Päderasten, Zuhältern und Dieben bestanden. Es war schon die Zeit der Vernichtung, und nur derjenige entging ihr, der genug Mut aufbrachte, den Wolf zu spielen, um nicht verschlungen zu werden24). Alle wollten leben, aber jeder einzelne wollte gegen die anderen leben. Um jeden Preis, gleichviel wie. Sie führten in den Lagern 24) Eine sehr große Zahl der Davongekommenen der Lager — wenn nicht die größte Zahl — sind eben jene, die diese Regel bis zum Ende beachtet haben oder die, ohne sich zu Wölfen zu machen — es gab einige! — vom Wohlwollen oder dem Schutz der Wölfe Vorteile hatten. Denn — man weiß entweder nicht oder tut so, als wisse man es nicht oder vergißt es — die Lager wurden von Häftlingen verwaltet, die sich zu Wölfen gemacht hatten und im Auftrag der SS In ihnen eine Autorität von Satrapen ausübten. Es ist nicht ohne Interesse, zusätzlich noch festzustellen, daß diese Wölfe Kommunisten waren, sich als solche bezeichneten oder den Zielen des Kommunismus dienten. Dies erklärt, warum die meisten der Davongekommenen Kommunisten sind: denn außer jenen, die von ihnen vergessen oder nicht herausgefunden wurden, haben die Kommunisten alle anderen in den Tod geschickt. Und mit eiserner Stirn wälzen sie heute die Verantwortung für alle Toten und alle Greuel nicht etwa auf das Naziregime — was schon sehr schwer aufrechtzuerhalten wäre, denn es müßte angenommen werden, daß das Naziregime der einzige Verantwortliche für die Einrichtung der Konzentrationslager ist, während man doch weiß, daß sie bei allen Regimes, einschließlich des unsrigen, besteht — sondern auf die einzelnen SS-Angehörigen, die sie namentlich bezeichnen. -28-
alle Gangstermethoden ein und entwickelten sie. Als man ihn zum Vorarbeiter in Struthof ernannte, wußte man, daß er die erforderlichen Fähigkeiten besaß. Von diesem erniedrigenden Dasein verseucht, ging er in diesem Strom des Schmutzes unter. Seine Nerven haben nicht standgehalten. Er mußte einer von denjenigen werden, die dazu gebracht wurden, gegen dieses Konzentrationslagerleben einen solchen Haß zu fassen, daß alle Lebewesen, die deren Kleidung trugen, diese Gespenster, Hungernden und Verzweifelten, ihnen verhaßt wurden. Dies waren dann die Schläge, die Wutanfälle." Dies ist eine Erklärung, die Freud zweifellos nicht anfechten würde, aber viel wert ist sie hier nicht. Überdies irrt sich Jean-Marc Theolleyre diesmal bestimmt, wenn er schreibt: "Ja, was hatten mit ihnen denn diese politischen Häftlinge mit den roten Dreiecken gemeinsam: die deutschen Sozialisten und Kommunisten, französischen, polnischen oder tschechischen Widerstandskämpfer? Sie waren Herren des Lagers und wollten es bleiben. Es war damals die Zeit, in welcher die .kriminellen' Häftlinge schlugen, im Handumdrehen erschlugen, in welcher sich die 'Politischen' verständigten, um ihren Widerstand zu organisieren, ihre Disziplin und ihre Fähigkeit zu zeigen, daß sie leiten können, und schließlich zum Gegenangriff übergingen, indem sie nach und nach die Schlüsselstellungen im inneren Lagerleben an sich zogen." Was sie gemeinsam hatten? Aber lieber Jean-Marc Theolleyre, waren sie in den Lagern einmal an der Macht, dann betrugen sie sich genau wie die Kriminellen, und Jäger hat es Ihnen doch mit den Worten gesagt, die Sie so ehrlich in Ihrem Bericht wiedergeben: "Ich habe keine Mißhandlungen begangen. Im Gegenteil, ich bin von den Politischen geschlagen worden. Sie haben sich als die Schlimmsten erwiesen, aber ihnen hat man nie etwas gesagt. Warum grollt man Leuten wie uns mit den grünen oder schwarzen Dreiecken derartig? Als ich nach Struthof kam, haben mich nicht die SS-Männer geprügelt, sondern die Politischen. Bisher hat man aber keinen einzigen von ihnen vor Gericht gesehen. Und dennoch hat der oberste Kapo von Struthof, der einer von ihnen war und Schlimmeres getan hat als ich, die Einstellung seines Verfahrens erreicht." In einer anderen Zeitung, immer wieder über Struthof, berichtet ein anderer Gerichtsberichterstatter: -29-
"Mehrere andere Zeugen sind aufgetreten und haben den Tod eines jungen Polen beschworen, der nicht rasch genug zum Appellplatz, gekommen war, weil er geschlafen hatte. Von Hermanntraut wurde er mit Gewalt und unter Schlägen herbeigeführt und alsdann auf eine Art Tisch gelegt, der zur Verabfolgung der Prügelstrafe diente. Er erhielt 25 entsetzliche Schläge von zwei anderen Häftlingen, die man gezwungen hatte, sie ihm zu erteilen." In diesem Werke wird man die Geschichte von Stadjeck, eine seltsame Wiederholung von Dora, von Fiorelini, Bergen-Belsen und einiger anderer finden, die sich genau wie Jäger oder diese beiden Unglücklichen benahmen, die gezwungen wurden—oder sich anboten! — 25 entsetzliche Stockhiebe einem ihrer Unglücksgefährten zu verabreichen: ob Kriminelle oder Politische, denn die zweiten übernahmen nach den ersteren die Selbstverwaltung im Strafvollzug, es gab Tausende von Fiorelinis, Stadjecks, Jäger und Stockschlägern. Einige Kriminelle, die man zur Rechenschaft zog, sind bekannt. Von den Politischen verlangte man keine Rechenschaft, und darum kennt man auch keinen von ihnen. Wenn man alles wissen will: es war nicht möglich, von den Politischen Rechenschaft zu fordern. Sie hatten die Verwirrung der Dinge und die Unordnung der Zeit ausgenutzt und waren so geschickt gewesen, die Kriminellen in den Lagern zu verdrängen — durch Methoden, die sich aus den Gesetzen der Umgebung ergaben, zugleich aber auch darin bestanden, der SS Vertrauen einzuflößen, was nicht übersehen werden darf. Im gegebenen Augenblick waren sie auch geschickt genug gewesen, sich sowohl in Ankläger wie in Richter zu verwandeln, und so fügte es sich, daß ihnen allein die rechtliche Befugnis zuerkannt wurde, Rechenschaft zu fordern. In ihrer blinden Wut, überall Schuldige zu sehen, hätten sie alle Welt erschossen und bemerkten nicht einmal, daß sie an der Spitze der Konzentrationslager keine andere Rolle gespielt hatten — ja eine schlimmere! — als die, welche sie beispielsweise Petain vorwarfen, an der Spitze des besetzten Frankreichs gespielt und sich hierzu angeboten zu haben. So waren diese Zeiten, daß sich damals niemand darum kümmerte, was sie getan hatten. In der Folgezeit entdeckten dann manche Leute, daß sie ein wenig voreilig gehandelt hatten, als sie der Kommunistischen Partei die Rolle einer Regierungspartei zuerkannten, daß die meisten Staatsanwälte und Richter Kommunisten waren, und daß die anderen, die es zufällig nicht waren, aus Feigheit, Unwissenheit oder Berechnung trotzdem das Spiel -30-
des Kommunismus mitmachten. Auf diesem Umweg über die politische Notwendigkeit entdeckte man schließlich einen Teil der Wahrheit über das Benehmen der politischen Häftlinge in den Konzentrationslagern. Aber diese politische Notwendigkeit tritt immer nur in der Vorstellungswelt einer gewissen Klasse zutage: nämlich der führenden Klasse, die vom Kommunismus nur das feststellt, was sie, und nur sie, unmittelbar bedroht. Darum lernt man immer nur einen Teil der Wahrheit kennen: ganz wird man sie erst an dem Tag erkennen, an dem die anderen Klassen und besonders die Arbeiterklasse ihrerseits die nicht weniger dunklen Absichten des Kommunismus in bezug auf sie selbst erkennen werden. Aber das wird offenbar noch lange dauern. Immerhin haben wir jetzt die Aussicht, daß sich in der Literatur die Geständnisse in einer Art vermehren, wie sie Manes Sperber einer seiner Personen, einem ehemaligen Verschickten, in den Mund legt: "Auf politischem Gebiet haben wir nicht nachgegeben, auf menschlichem haben wir stets auf der Seite unserer Bewacher gestanden. Unser Gehorsam ging ihren Entscheidungen voraus ..." ("Und der Busch wurde zu Asche"), Mit der Zeit werden diese Geständnisse, wie ein Edelstein aus der ihn umgebenden Erde, sich aus dem Widerspruch lösen, der darin besteht, daß man glaubt, man könne auf der Ebene des Menschlichen fehlen, ohne auf der politischen Ebene nachzugeben, und daß dann nichts weiteres bliebe als dieses: "wir haben auf der Seite unserer Bewacher gestanden". Freilich werden sie alsdann diesen Charakter einer freisprechenden Entschuldigung verloren haben, den sie sich selbst bewilligen wollten, aber sie werden im Sinne einer Ehrlichkeit gewonnen haben, die derart erregend ist, daß die freisprechende Entschuldigung nun von der Öffentlichkeit her kommt, und daß dies viel besser sein wird. Ist man einmal soweit, dann wird nichts leichter sein, als eine ehrliche Erklärung für die Erscheinung der Konzentrationslager auf moralischem Gebiet zu finden. Hier noch etwas Sonderbares: während die gesamte Literatur, und nicht nur die über die Konzentrationslager, diese Erklärung immer nur darin sucht, sich in der Beschreibung der Grausamkeiten aller Arten des Feindes zu übertreffen, während Historiker, Chronologen und Soziologen diesem Fetischismus des Schreckens, dem Schlüsselzeichen unserer Zeit, nachgeben, äußerst sich in der Öffentlichkeit das Gefühl vom Gegenteil bereits durch Reaktionen von unerwartet ernster Art, wie es dieser Auszug aus einem Leserbrief bezeugt, der von "Le Monde" am 17. Juli 1954 veröffentlicht wurde: -31-
"Daß dies alles sein konnte, läßt sich nicht mit der Bestialität der Menschen allein erklären. Die Bestialität ist, ohne daß sie es weiß, vom Maße des Instinkts begrenzt. Die Natur ist Gesetz, ohne es zu wissen. Der Schrecken, der uns beim Lesen des Berichts über Metz von neuem erfaßt hat, wurde in unserem geistigen Widersinn, unserem Überdruß am Kriege, unserer kleinmütigen Enttäuschung über die Monotonie einer Welt ohne Gewalt, in unserer von Nietzsche erlernten Neugierde, in unserer abgestumpften Haltung hinsichtlich der 'Abstraktionen' Montesquieus, Voltaires, Diderots erzeugt. Die Übertreibung des Opfers um des Opfers willen, des Glaubens um des Glaubens willen, der Energie um der Energie willen, der Treue um der Treue willen, des Eifers um der Wärme willen, zu der er verhilft, der Appell an die freiwillige, das heißt die heroische Tat: hierin liegt der beständige Quell des Hitlerismus. Die Romantik von der Treue um ihrer selbst willen, der Aufopferung um ihrer selbst willen, verband diese Männer, die — und zwar wirklich — nicht wußten, was sie taten, mit irgendwem, mit irgendeiner Sache. Verstand heißt, genau zu wissen, was man tut, an einen Inhalt denken. Die Grundlehre der militärischen Gesellschaft, in welcher die Disziplin an die Stelle des Denkens tritt, in welcher unser Gewissen außerhalb von uns liegt, in einer normalen Ordnung aber sich einem politischen, das heißt universellen Denken unterordnet und aus ihm ihre Daseinsberechtigung und ihren Adel zieht, glaubte sich — bei dem allgemeinen Mißtrauen gegenüber dem vernünftigen Denken, das angeblich unwirksam und lahm ist — dazu berufen, allein die Welt zu regieren. Nun konnte er alles aus den Menschen machen. Der Struthof-Prozeß erinnert uns entgegen jeder allzu dünkelhaften Metaphysik daran, daß die Freiheit des Menschen dem physischen Leiden und der Mystik erliegt. Insofern er sich in seinen Tod fügte, konnte jeder Mensch noch unlängst sagen, er sei frei. Nun aber zerbrechen physische Qual, Hunger und Kälte oder die Disziplin, die stärker als der Tod sind, diese Freiheit. Selbst in ihren letzten Schlupfwinkeln, in denen sie sich über ihre Unfähigkeit zum Handeln tröstet, um ein freies Denken zu bleiben, dringt der fremde Wille in sie ein und unterjocht sie. Die menschliche Freiheit zieht sich auf die Möglichkeit zurück, die Gefahr der eigenen Entartung vorauszusehen und sich im voraus vor ihr zu sichern. Gesetze machen, vernünftige Einrichtungen schaffen, die ihm die Prüfungen der Entsagung ersparen, ist noch die einzige gute Aussicht des Menschen. Anstelle der Romantik des Heldentums, der Reinheit des -32-
Seelenzustandes, die sich selbst genügen, muß aufs neue die Vergeistigung der Ideen treten, die die Republik möglich machen — und an ihren Platz, der der erste sein muß, gestellt werden. Sie brechen zusammen, wenn man nicht mehr für irgend etwas, sondern für irgendwen kämpft." Emmanuel Levinas
Damit ist alles gesagt: die Grundlehre der militärischen Gesellschaft, in der die Disziplin an die Stelle des Denkens tritt, die sich berufen glaubt, allein die Welt zu regieren; die Freiheit des Menschen, die dem physischen Leiden und der Mystik erliegt; die Bestialität, die allein durch das Maß des Instinktes begrenzt ist; die Gesetze und die vernünftigen Einrichtungen, die geeignet sind, dem Menschen die Prüfungen der Entsagung zu ersparen, Gesetze, die nicht bestanden und noch nicht bestehen, und die seine einzige gute Aussicht sind. Diese Schlußfolgerung ist gewiß nur auf den Menschen bezogen, der als solcher abgedankt hat und zum Schinder wird. Sie gilt aber auch für das Opfer: "Die Frage, ob das Leiden irgend etwas für den bedeutet, der es erleidet", schreibt Manes Sperber noch, "erscheint mir sehr schwer. Dagegen erscheint es mir sicher, daß das Leiden nicht gegen seinen Urheber spricht, wenigstens nicht in der Geschichte." ("Und der Busch wurde zu Asche".) Dies ist so wahr, daß die Opfer von gestern die Schinder von heute sind und umgekehrt. Nun habe ich nur noch unterschiedslos und im ganzen allen zu danken, die so mutig für "Die Lüge des Odysseus" eingetreten sind. Man hat mir gesagt, es seien Faschisten unter ihnen, und ich habe ganz leise gelächelt: diejenigen, die mir dies vorhielten, waren ausgerechnet dieselben, die gleichzeitig damit die Beschlagnahme des Werkes verlangten und in allen ihren Zeitungen forderten, daß so ungefähr für jedermann Schreibe- und Redeverbote, ja, auch Verbote zum Verlassen des Wohnortes ausgesprochen würden. Hier mußte ich ja auf den Gedanken kommen, daß sie und nicht meine Verteidiger die Faschisten seien. Man hat mir weiter gesagt, es seien Kollaborateure aus der Besatzungsszeit darunter, ich habe mich mit der Feststellung getröstet, daß sie haupt- -33-
sächlich im Rufe standen, solche gewesen zu sein, und daß sie auf jeden Fall mit einer beeindruckenden Zahl echter Widerstandskämpfer gute Nachbarschaft hielten. Schließlich habe ich vor allem beobachtet, daß auf dem weiten Feld der Meinung, das von der äußersten Rechten bis zur äußersten Linken reicht, viele Leute fortfahren oder wieder beginnen, alle Probleme nicht mehr nach den engherzigen Regeln von Sekten, Kapellen und Parteien, sondern in bezug auf die menschlichen Werte zu überdenken. Und dies scheint mir doch etwas zur sein, das zu allen Hoffnungen berechtigt. PAUL RASSINIER -34- * * *
ERSTER TEIL
Eigenes Erleben
Schreibe so, als wärest Du allein in der Welt und hättest von den Vorurteilen der Menschen nichts zu befürchten. La Mettrie
PROLOG
Es regnet. Ein feiner Aprilregen, kalt, eisig. Regelmäßig, beharrlich, unerbittlich. Nun schon seit zwei Tagen: man geht der dritten Nacht entgegen. Der Transportzug, eine lange Kette von ausgesonderten Waggons, die auf den Schienen kreischen, versinkt langsam in dem großen, schwarzen Loch. Die Maschine, eine Lokomotive eines anderen Zeitalters, schwitzt und pustet und quält sich ab, faucht und spuckt, dreht auf der Stelle durch und knallt. Hundertmal ist sie stehengeblieben, hundertmal sah es so aus, als wolle sie die Anstrengung, die man von ihr erwartet, nicht mehr leisten. Es regnet, regnet ohne Unterlaß. Im offenen Waggon liegen achtzig zu Boden gesunkene, zusammengeschrumpfte Körper ineinander verwickelt und aufeinandergehäuft. Lebende? Tote? Niemand vermag es zu sagen. Am Morgen sind sie noch erwacht, frierend in ihren armseligen, durchweichten Lumpen, abgemagert, durchsichtig, blaß, ihre aus den Höhlen gequollenen Augen voller Fieber und Stumpfsinn. In einem übermenschlichen Bemühen kommen sie sich wie durchgespült vor. Sie haben den Tag noch unterscheiden können, sie haben den Regen — die langen, spitzen Regentropfen — gespürt, wie sie durch die Lumpen und das dünne und abgehärtete Fleisch und dann in den Rücken in ihren unbarmherzig zusammengedrückten Reihen eindrangen. In einem nicht wahrnehmbaren Erschauern haben sie krumme Buckel gemacht. Vielleicht ließen sie sich zu tausend instinktiven Bewegungen des Erwachens hinreißen, als sie einander bei Licht besahen. Durch den Nebel des Fiebers und den vom Himmel fallenden Bindfadenregen haben sie bis zu den Zähnen bewaffnete Männer in Uniform, unempfindlich, aber wachsam, an den vier Ecken des Waggons gesehen. Dann ist ihnen die Erinnerung wieder gekommen: sie haben sich ihr Los vor Augen gehalten und sind mit einem plötzlichen Auffahren trübsinnig und niedergeschlagen in diesen Halbschlaf, dieses Mittelding zwischen Leben und Tod zurückgefallen. -37-
Es regnet, es regnet immer noch. Eine schwere, von Gestank verpestete Luft steigt aus dem Haufen von Leibern empor und verflüchtigt sich in der feuchten Kälte und in der Nacht. Bei der Abfahrt waren sie hundert Mann. In Eile zusammengetrieben, Hunde auf den Fersen, bunt durcheinandergemischt, unter Schlägen und gebrüllten Befehlen scharenweise in die Waggons getrieben, haben sie zuerst auf dem Boden gelegen, dann sich abfahrtbereit auf dem engen Raum ohne Lebensmittel für die Reise wiedergefunden. Sofort ist ihnen klargeworden, daß eine große Prüfung bevorstand. "Achtung, Achtung!" hat man sie ohne Vorbereitung benachrichtigt: "tagsüber stehen, nachts sitzen!" . . . "Nicht verschwinden! Bei jeder Übertretung dieser Anordnung sofort erschossen! Verstanden?" Der deckenlose Waggon, die Kälte, der noch immer fallende Regen, man hatte schon anderes erlebt. Aber nichts zu essen: nichts zu essen! Um das Unglück voll zu machen, war schon seit Wochen kein Gramm Brot mehr ins Lager gekommen und es war notwendig geworden, sich mit dem zu bescheiden, was die Silos noch enthielten: helle Suppe von Kohlrüben, ein Liter (manchmal ein halbes Liter), zwei kleine Kartoffeln am Abend nach der langen und harten Tagesarbeit. Nichts zu essen: doch alles verschwindet vor jener Drohung, die darin besteht, daß sie erst jetzt ein Gerücht gehört haben, nach welchem die Amerikaner auf zwölf Kilometer heran sein sollen. Nichts zu essen, am Tage stehen, nachts sitzen . .. Vor dem Ende der ersten Nacht waren drei oder vier von ihnen, die allzu beschleunigt den Wunsch zur Befriedigung eines dringenden Bedürfnisses zu erkennen gegeben hatten, am Kragen gepackt, roh gegen die hohe Außenwand des Waggons gestoßen und schonungslos erschossen worden: Kra-a-ack! gegen das Holz, Kra-a-ack! Man ist dazu übergegangen, in seine Hosen zu machen, zuerst vorsichtig, zurückhaltend, um sich möglichst wenig zu beschmutzen, dann hat man sich schrittweise weiter gehen lassen. Drei oder vier anderen, die während des folgenden Tages vor Erschöpfung umfielen, hat man kaltblütig mit einer Kugel in den Kopf den Garaus gemacht. Kra-a-ack! gegen den Boden, Kra-a-ack! Die Körper wurden, nachdem die Listennummern abgenommen worden waren, jeweils über Bord geworfen: bei Beginn der dritten Nacht sind die Reihen erheblich gelichtet, man ist vom Schrecken zur Todesangst, -38-
und von der Todesangst zur völligen Ergebung in das Schicksal gelangt. Man hat es aufgegeben, aus dieser Hölle zu entkommen, man hat sogar auf das Leben verzichtet: jetzt kann man nicht mehr verhindern, in der Jauche sterben zu müssen. Es regnet, regnet, regnet. Immerhin hat sich ein leiser Wind erhoben, der quer zum Transportzug steht und die Zeltleinwand aufbläht, die an Notträgern schlecht befestigt ist, und unter der an jeder Ecke des Wa |