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Stoßtrupp einer neuen Wirklichkeit –
Die Gruppe
Sozialrevolutionärer Nationalisten
1930 - 1935
Überarbeitete
und erweiterte Fassung
Verfasser:
Richard Schapke, im Juli 2005
Reposted from:
http://www.fahnentraeger.net/
Gegenstand dieses Aufsatzes sind
die Aktivitäten des Publizisten Karl O. Paetel
und der sich um ihn scharenden Gruppe Sozialrevolutionärer
Nationalisten. Bei der GSRN handelte es sich um die sicherlich
radikalste und konsequenteste Gruppierung der Weimarer
Nationalrevolutionäre. Als einzige Organisation bezeichnete die GSRN
sich offen als "nationalbolschewistisch" – und versuchte sich mit
entsprechender Energie am Brückenschlag zwischen Nationalsozialismus
und Kommunismus.
1. Karl Otto
Paetel
Der nach dem Zweiten Weltkrieg
als Verfasser von Arbeiten über Ernst Jünger und die Jugendbewegung
zu einiger Bekanntheit gelangte Karl O. Paetel
wurde am 23. November 1906 in Berlin geboren. Schon als Gymnasiast
betätigte Paetel sich aktiv in der so
genannten Bündischen Jugend, die jedoch letztendlich nur die Rolle
eines Durchlauferhitzers spielen sollte. Als wichtige politische
Einflüsse sind zunächst der völkische Indologe Professor Hauer und
Ernst Jüngers Soldatischer Nationalismus zu nennen. Als Student der
Germanistik, Geschichtswissenschaften und der Philosophie schloss
Paetel sich 1926 der Deutschen Freischar
an, einem Versuch, die zersplitterten Gruppen der gegen das
westlich-materialistische System revoltierenden Bündischen Jugend zu
sammeln. Ab 1927 arbeitete der verkrachte Student beim "Deutschen
Tageblatt", einem Organ der Deutschvölkischen Freiheitspartei. Mit
dieser bürgerlich-reaktionären Gruppe kam es sehr bald zum Bruch.
Paetel
hatte nicht zuletzt durch das Gemeinschaftsgefühl der Jugendbewegung
bereits zu einem diffusen "Sozialismus" gefunden. Eine Möglichkeit
zur Verwirklichung desselben sah er in der Altsozialdemokratischen
Partei ASP, die sich 1926 von der SPD getrennt hatte. Unter dem
Einfluss von Männern wie August Winnig und Ernst
Niekisch hatte die ASP sich zum Ziel
gesetzt, die unzufriedene Arbeiterschaft durch soziale,
wirtschaftliche und politische Reformen für den deutschen Staat zu
gewinnen, auf dass Deutschland unter Führung des unverbrauchten "Arbeitertums"
die Ketten des Liberalismus und des Versailler Diktats zerbreche.
Den Ultrareaktionären im deutschvölkischen Lager (interessanterweise
ist die DVFP die indirekte Vorläuferorganisation der NPD) waren
Zugeständnisse an die Arbeiterklasse jedoch verdächtig, und so
führte Paetels Engagement für die ASP zu
seinem Hinauswurf aus der Redaktion des
"Deutschen Tageblatttes". Dem
altsozialdemokratischen Intermezzo fiel ebenfalls das ehrgeizige
Projekt zum Opfer, gemeinsam mit Reinhold
Quaatz, dem Propagandachef der Deutschnationalen Volkspartei,
die "Preußischen Jahrbücher" herauszugeben. Wichtig erscheint uns in
diesem Zusammenhang die halbjüdische Herkunft von
Quaatz – Paetel
hatte wenig Berührungsängste, und
nachmalige antisemitische Fehltritte sind wohl eher als Verbeugung
vor dem Zeitgeist zu deuten.
Ernüchtert und von jeglichen
Illusionen über die politischen Absichten der Deutschvölkischen und
Deutschnationalen kuriert, übernahm Karl O.
Paetel im Oktober 1928 aus der Hand eines Berliner
ASP-Kameraden die Chefredaktion der
Zeitschrift "Das Junge Volk" in Plauen. Zu dieser Zeit vollzog sich
ein Gärungsprozess in den Reihen der Bündischen Jugend. Die
Fragestellung innerhalb der zerstrittenen Bünde hieß nicht mehr
"Nation oder Sozialismus", sondern "Nation und Sozialismus". Diese
Synthese sollte durch die "Neue Front" der von gefühlsmäßigem
Antikapitalismus und unklaren Sozialismusbegriffen erfassten
Jugendverbände geschaffen werden. Paetel
und andere wie Hans Ebeling oder Ernst
Jüngers Juniorpartner Werner Lass schlugen einen bewusst "nationalbolschewistischen"
Kurs ein.
Man ging deutlich über Moeller
van den Brucks Definition Deutschlands
als proletarischer Nation hinaus. Innerhalb Deutschlands wurden
durch die inkompetente Wirtschafts- und Erfüllungspolitik der
Weimarer Regierungen Millionen proletarisiert, so dass der Kampf
gegen den Versailler Friedensvertrag und der Kampf gegen das
liberalkapitalistische Weimarer System zusammenwuchsen. Zugleich
bedeutete diese Radikalisierung aber auch eine Kampfansage an den
"kleinbürgerlichen Naturidealismus" der herkömmlichen
Jugendbewegung. Hierbei befand Paetel
sich in engster Nachbarschaft zur im Aufbau befindlichen
Hitler-Jugend, deren Reichsleitung nicht von ungefähr ebenfalls in
Plauen angesiedelt war. In seiner Bedeutung für
Paetels politische Entwicklung gar nicht hoch genug
eingeschätzt werden kann der politische Einfluss des späteren
Marburger Professors Wolfgang Abendroth, damals Aktivist der
jugendbewegten Freisozialisten.
Abendroth machte den völkischen Renegaten nachhaltig mit dem
Klassenkampfgedanken vertraut, und Paetel
schlussfolgerte, es bedürfe des Klassenkampfes, um die nationale
Befreiung Deutschlands zu erreichen – eine Radikalisierung auch über
die Thesen der ASP hinaus.
Nachdem der zusehends extremere
Kurs des "Jungen Volkes" von paramilitärischen Wehrverbänden wie
Oberland beifällig aufgenommen wurde, erkannte in der
Februar-Ausgabe 1929 Artur Grosse den proletarischen Klassenkampf
erstmals öffentlich an. Zwei Monate später formulierte Gunter
Orsoleck, vor einigen Jahren Anführer
einer HJ-Revolte gegen Hitlers reaktionäre Reichsleitung in München:
"Volksgemeinschaft oder Klassenkampf? Sollte das ernstlich auch
heute noch für die Bündischen zweifelhaft sein? Der Kampf um die
nationalen Ziele, um die Freiheit des politischen Lebens, ist heute
ein Kampf gegen die herrschenden Wirtschaftsmächte. Dieser Kampf ist
nur zu gewinnen, wenn eine gemeinsame Front aller aktiven Kräfte im
Volke da ist."
2. Arbeitsring Junge Front
Da die Tätigkeit als
Chefredakteur den irrlichternden Paetel
nicht zufriedenstellte, legte er diese
im Frühjahr 1929 nieder. Publizistisch blieb er mit Aufsätzen im
"Jungen Kämpfer", der Herausgabe der "Jungpolitischen Rundbriefe"
und natürlich durch weitere Mitarbeit im "Jungen Volk" aktiv. Die
"Jungpolitischen Rundbriefe" stellten eine Presseschau dar, die ihre
Ansichten aus dem linkssozialdemokratischen "Klassenkampf", den
"Nationalsozialistischen Briefen", dem "Widerstand", dem
"Vormarsch", dem "Dritten Reich" oder der "Standarte" bezog. Durch
diese Tätigkeit gelang es Paetel
naturgemäß, eine Reihe wichtiger Kontakte zu knüpfen.
Wie unter den Weimarer
Nationalrevolutionären üblich, widmete sich auch
Paetel dem Aufbau eines Zirkels, des
Arbeitsringes Junge Front. Der in Berlin-Charlottenburg ansässige
Arbeitsring ging davon aus, dass ohne die soziale Befreiung der
werktätigen Massen die Freiheit der Nation undenkbar sei. Durch die
soziale Befreiung sollten die Proletarier in die Volksgemeinschaft
eingegliedert werden, also bejahte die Gruppe den Klassenkampf der
Arbeit gegen das Kapital. Im Gegensatz zu den meisten anderen
NR-Gruppen zeigten Paetels Kameraden ein
reges Interesse an ideologischer Untermauerung ihrer Ansichten und
formierten die Fachgruppen Nationale Fragen, Sozialismus,
Kapitalismus, Imperialismus und Fürsorgeerziehung. An den teilweise
gut besuchten Veranstaltungen des Arbeitsringes beteiligten sich
auch Vertreter des kommunistischen Jugendverbandes KVJD und der HJ.
Auf einer dieser Veranstaltungen, am 4. Juli 1929, propagierte
Paetel die Bildung der
antikapitalistischen Jugendfront und den Nichtangriffspakt aller
antikapitalistisch orientierten Organisationen von KVJD bis HJ.
Allerdings erschienen die eingeladenen Kommunisten nicht, und die
Nationalsozialisten verließen den Saal. Anschließend beteiligten die
Teilnehmer sich vor der französischen Botschaft an einer wüsten
Straßenschlacht gegen die preußische Polizei.
Zu diesem Zeitpunkt rückte die
Entwicklung innerhalb der NSDAP in Paetels
Blickfeld. Am 1. August 1929 hatte Otto Strasser seine "14 Thesen
der Deutschen Revolution" veröffentlicht, die sich mit den
Kernpunkten Kampf gegen Versailles, zentralistisches
Großdeutschland, Korporativstaat und völkische Erneuerung im
Vergleich mit der ultradikalen Linie
eines Joseph Goebbels ziemlich harmlos ausnahmen. Der Arbeitsring
erkannte, dass es innerhalb der NSDAP einen starken linken Flügel
gab, der ideologische Verwandtschaften mit den
Nationalrevolutionären aufwies und gegen Hitlers
bürgerlich-reaktionären Kurs opponierte. Durch die Entwicklung
extremistischer Positionen sollte dieses Potential innerhalb der
NSDAP genutzt und radikalisiert werden. Den Anfang machte
Paetel, als er Mitte August 1929 in
Strassers "Nationalsozialistischen Briefen" seine These vom
nationalen Klassenkampf wiederholte und offen erklärte,
sozialistische Politik könne sowohl durch Mitarbeit in der NSDAP als
auch in den NR-Gruppen oder der KPD betrieben werden.
Am 1. Oktober 1929 legte "Das
Junge Volk" eine aufsehenerregende
Skandalnummer nach. Paetel verkündete:
"Wir wollen die Zusammenarbeit der nationalistischen Aktivisten,
die sozialistisch sind um der Nation willen, mit den Aktivisten, die
sozialistisch sind um des Proletariats willen." Rolf Becker
verlangte den bewaffneten Klassenkampf und forderte den Bürgerkrieg
nach bolschewistischem Beispiel, um die Internationale des
Nationalismus und des Sozialismus zu schaffen. In der gleichen
Ausgabe erschien ein entweder von Paetel
oder dem in Schleswig-Holstein agitierenden NS-Linksaußen Bodo
Uhse verfasstes Alternativprogramm für
die NSDAP. "Die NSDAP ist eine nationalistische Partei. Ihr Ziel
ist die Freie Deutsche Nation. Die NSDAP ist eine sozialistische
Partei. Sie weiß, dass die Freie Deutsche Nation erst durch die
Befreiung der werktätigen Massen Deutschlands von jeder Form der
Ausbeutung und Unterdrückung erstehen kann. Die NSDAP ist eine
Arbeiterpartei. Sie bekennt sich zum Klassenkampf der Schaffenden
gegen die Schmarotzer aller Rassen und Bekenntnisse." Konkrete
Forderungen waren Bildung des Großdeutschen Reiches, Annullierung
aller außenpolitischen Verpflichtungen und Verträge der Weimarer
Republik, Rätesystem auf Betriebsebene, Zerschlagung von
Parlamentarismus und Parteienstaat, Verstaatlichung aller
Wirtschaftsmittel, Enteignung des Mittel- und Großgrundbesitzes
sowie Bildungs- und Sozialreformen zugunsten der armen
Bevölkerungsschichten. Als Verbeugung vor dem
antisemitisch-rassistischen Zeitgeist müssen die Ausweisung aller
zugewanderten Ostjuden und ein strikt biologisch determinierter
Staatsbürgerschaftsbegriff gewertet werden. "Die NSDAP ist sich
bewusst, dass die in diesen Leitsätzen niedergelegten Gedanken sich
nicht verwirklichen lassen ohne eine grundsätzliche Umstellung der
bestehenden Machtverhältnisse. Da die volle Kontrolle über die
gesamten deutschen Wirtschaftsmittel heute in den Händen von Organen
des internationalen Finanzkapitals liegt, richtet sich die nationale
Revolution unmittelbar gegen das internationale Finanzkapital.
Hieraus ergibt sich, dass jede in Deutschland vollzogene Umwälzung
sofort alle Machtmittel des Völkerbundes und Amerikas gegen den
Deutschen Arbeiter- und Bauernstaat auf den Plan ruft. Erste Aufgabe
der nationalsozialistischen Außenpolitik ist deshalb die
Organisation der revolutionären Verteidigung gegen die
imperialistischen Mächte, Bündnis mit der Sowjetunion und
Unterstützung der revolutionären Bewegungen in allen Ländern der
Welt, die sich gegen das internationale Finanzkapital richten."
Das erregte Aufsehen war
beachtlich, die bürgerliche und die sozialistische Presse
erschauerten vor der herannahenden 3. Welle des
Nationalbolschewismus. Strassers Presseorgane winkten übrigens ab
und kritisierten den übersteigerten Rassismus sowie die
außenpolitische Anlehnung an die Sowjetunion und koloniale
Befreiungsbewegungen. Immerhin gelang es Paetel,
die Aufmerksamkeit der sogenannten
Hamburger Nationalkommunisten auf sich zu lenken. Diese spielten in
der direkten Nachkriegszeit unter Heinrich
Laufenberg und Fritz Wolffheim eine bedeutende Rolle beim
Aufbau der KPD, spalteten sich dann mit der KAPD ab und wurden
innerhalb dieser von ultralinken Gruppen marginalisiert und
verdrängt. Fritz Wolffheim dachte im "Jungen Volk" vom November 1929
über "Anfang oder Ende der deutschen Revolution" nach.
Ende 1929 wurde auch die
Kommunistische Internationale auf die Gruppe um
Paetel aufmerksam. Die deutschsprachige "Moskauer Rundschau"
konstatierte, die nationalrevolutionäre Rechte habe sich zusehends
den sozialistischen Vorstellungen der KPD angenähert. Nicht zuletzt
der von einem China-Einsatz zurückgekehrte Berufsrevolutionär und
linke Ruhrkämpfer Heinz Neumann sprach sich für eine partielle
Zusammenarbeit der KPD mit den Nationalrevolutionären aus, was noch
bedeutsame Folgen haben sollte.
3. Im nationalsozialistischen
Minenfeld
Am 3. Januar 1930 trat das
publizistische Schaffen Karl O. Paetels
in ein neues Stadium. An diesem Tag übernahmen mit Ernst Jünger und
Werner Lass zwei der wohl profiliertesten
Nationalrevolutionäre die Herausgeberschaft
der Zeitschrift "Die Kommenden" und delegierten die Chefredaktion an
Paetel. Das Mitte der 20er Jahre
entstandene Blatt sah sich als überbündisches Sprachrohr der
Jugendbewegung und geriet im Lauf der Jahre zusehends in ein
nationalrevolutionär-nationalsozialistisches Fahrwasser. Mit einer
Auflage von bis zu 15.000 Exemplaren hatten "Die Kommenden" eine
erhebliche Breitenwirkung – nicht zuletzt bei den Jugendgruppen der
deutschnationalen Angestelltengewerkschaft DHV und bei der
Hitlerjugend, für deren Führerkorps die Zeitschrift seit Sommer 1929
Pflichtblatt war.
Paetel
öffnete die Spalten der "Kommenden" seinem nationalbolschewistischen
Umfeld und schlug einen deutlichen Annäherungskurs an die NS-Linke
ein. Endziel war die Bildung einer Einheitsfront aus revolutionären
Nationalsozialisten, Proletariat, Bündischer Jugend und
Frontsoldaten. Schon nach wenigen Wochen zeigte sich jedoch, dass
die "Kommenden" eine weitaus radikale Richtung einschlugen als
die Strasseristen.
Bereits Mitte Februar attackierte man Otto Strassers Weigerung,
Verstaatlichungen und Planwirtschaft anzuerkennen. Einen Monat
darauf pflichtete die Redaktion der These bei, für den
Wiederaufstieg Deutschlands sei auch das barbarischste Mittel
gerechtfertigt. In den NS-Briefen formulierte
Paetel zu dieser Zeit: "Gewehr bei Fuß und tätige
Bereitschaft für den Augenblick, wo wir dann die Aktion der
Unterjochten zu der unseren machen, die Bonzokratie der Moskauer
hinwegfegen und das Steuer zum deutschen Sozialismus herumreißen."
Die nationalrevolutionäre Avantgarde sollte also nicht nur die
Führung der vom Hitlerismus, sondern
auch der vom Stalinismus verblendeten Massen übernehmen.
Die orthodoxe Rechte, verkörpert
nicht zuletzt durch den Frontsoldatenbund Stahlhelm und die
Deutschnationalen, also Hitlers politische Wunschpartner, reagierte
mit einer heftigen Kampagne gegen die NS-Linke. Man stellte die
Skandalnummer des "Jungen Volkes" als Produkt der Parteilinken dar
und setzte den apathischen Hitler immer massiver unter Druck, seinen
innerparteilichen Gegnern das Handwerk zu legen.
Paetel zog am 28. März 1930 zufrieden
seine Zwischenbilanz: Die Trennung zwischen nationaler
Boureoisie und revolutionärem
Nationalismus zeige sich immer deutlicher. Offen erklärte er die
nationale Bourgeoisie zum Hauptfeind der Nationalrevolutionäre. Nur
zwei Tage später wurde der Chefredakteur als Antwort auf einen
scharfen Angriff gegen die nationale Ikone Hindenburg aus der
Deutschen Freischar ausgeschlossen. Anfang Mai warnte
Reichswehrminister Groener per Geheimbefehl die Reichswehr vor den
sich radikalisierenden linksnationalistischen Tendenzen innerhalb
der Bündischen Jugend und namentlich vor der Zeitschrift "Die
Kommenden".
Am 10. Mai 1930 setzten im
Berliner Büro des Strasserschen Kampfverlages hektische
Besprechungen der NS-Linken ein, wie man dem zusehends
reaktionäreren Kurs der Münchener Reichsleitung begegnen solle.
Hierbei spielten auch Paetels
Einheitsfrontpläne eine gewisse Rolle, auch wenn der sich letztlich
als der bessere Hitler definierende Otto Strasser hierbei
eigennützige Pläne verfolgte. Anlass zur Sprengung der NSDAP von
innen heraus sollte der Zeitungskrieg zwischen dem Berliner
Gauleiter Goebbels und dem Kampfverlag dienen. Im Gegensatz zu
Strassers späterer Darstellung ging es hier weniger um ideologische
Differenzen mit Goebbels, dessen "Angriff" durchaus weiter links
stand als die Kampfverlagspresse, sondern um einen reinen Machtkampf
um die Vorherrschaft im Gau Berlin. Die Lage war nicht aussichtslos,
denn auf der Abschlussbesprechung hatten sich mindestens drei
Gauleiter, zahlreiche NS-Publizisten und mehrere SA-Führer hinter
Otto Strasser gestellt. Dieser wollte nach dem ersten
Parteiausschlussverfahren gegen einen seiner Mitarbeiter handeln und
die Abspaltung der norddeutschen NSDAP-Gaue provozieren.
Kristallisationspunkt dieser Unabhängigen Nationalsozialistischen
Partei sollten die Kampfverlags-Presse und "Die Kommenden" werden.
Paetel stimmte einer Zusammenarbeit nur
unter der Voraussetzung zu, dass die Abspaltung unter
sozialistischen Vorzeichen zu erfolgen hatte.
In den "Kommenden" und den
NS-Briefen attackierte Paetel unter
seinem Pseudonym Wolf Lerson die
Intellektuellenfeindlichkeit der Münchener Reichsleitung. "Die
französische Revolution brach aus, als die Ideen der Enzyklopädisten
die alte Gesellschaft sturmreif gemacht und die Bourgeoisie mit
neuen Forderungen erfüllt hatten. Rousseau und Voltaire sind ebenso
ihre Väter wie Robespierre und Danton. Und die Väter der russischen
Revolution haben nicht nur Bomben geworfen, sondern fast ein
Jahrzehnt in den Schweizer Emigrantencafés diskutiert und
Flugschrift über Flugschrift geschrieben. Ist es ein Zufall, dass
die russische Revolution schließlich von einem Schriftsteller wie
Lenin, die faschistische von einem Journalisten wie Mussolini
durchgeführt wurde?" Genauso wichtig die die Schaffung des
Dritten Reiches seien die geistige Klärung und „der Marschtritt der
Formationen“.
5. GSRN und KGRNS
Mittlerweile schienen sich bei
Paetel die ersten Zweifel eingeschlichen
haben, ob Strasser wirklich der richtige Partner war. Am
Pfingstwochenende 1930 hob er zusammen mit den Weggefährten des
Arbeitsringes und den Überresten des Hamburger Bundes der
Kommunisten die Gruppe Sozialrevolutionärer Nationalisten (GSRN) aus
der Taufe. Als maßgebliche Mitglieder der Frühzeit sind die
Nationalsozialisten Artur Grosse und Max Wehling und die bündischen
Aktivisten Heinz Gruber und Heinz Gollong
zu nennen. Die GSRN-Begründer wurden aus
eigenem Entschluss aktiv, da sie die NSDAP-Hauptlinie ablehnten und
ihnen andererseits die Strasseristen in
puncto Sozialismus und Klassenkampf als
zu halbherzig erschienen. Sich als Arbeitsgruppe zur
national-sozialistischen Durchdringung der Jugendbünde und
Nationalrevolutionäre verstehend, unterhielt die höchstens 500
Mitglieder zählende Gruppe dennoch ein
weitgespanntes Netz von Vertrauensleuten in den urbanen
Ballungszentren. Als Gründungsmanifest wurde mit einer Auflage von
4000 Exemplaren eine Reihe von Aufsätzen aus den „Kommenden“ in der
Broschüre „Sozialrevolutionärer Nationalismus“ zusammengefasst.
Die "Thesen der GSRN" lauteten
zunächst: "Wir erkennen die Notwendigkeit der Deutschen
Revolution. Sie ist die geistige Umgestaltung, die wirtschaftlich,
politisch und kulturell das Gesicht unserer Zeit bestimmt.
Wir bekennen uns zur Nation, sie
ist uns letzter politischer Wert als schicksalsmäßiger Ausdruck
volkhafter Gemeinschaft.
Wir bekennen uns zum Volk, also
der artgemäßen Kulturgemeinschaft im Gegensatz zur
volkszersetzenden westlerischen
Zivilisation.
Wir bekennen uns zum Sozialismus,
der nach Brechung der kapitalistischen Ordnung Volk und Nation in
organischer Wirtschaftsgliederung bindet.
Die Verwirklichung unserer Ziele
ist der großdeutsche Volksrätestaat als Ausdruck der
Selbstverwaltung des schaffenden Volkes. Die Wirtschaftsmittel
werden in den Gemeinbesitz der Nation überführt und das
grundsätzliche Eigentum der Nation an Grund und Boden erklärt.
Daraus folgt: Nationalisierung
aller Groß- und Mittelbetriebe, sofortige großzügige Besiedlung des
Ostens, Vergebung von Kleinbauernstellen als Reichserblehen, Ersatz
des römischen Privat-Rechtes durch das deutsche Gemeinrecht.
Der heutige Zustand fordert:
Rücksichtslosen Kampf gegen alle außenpolitischen
Versklavungsverträge von Versailles bis Young. Kampf gegen das die
äußere Unfreiheit sanktionierende System von Weimar. Bündnispolitik
mit der Sowjetunion. Unterstützung der revolutionären Bewegungen zur
Schaffung der Einheitsfront aller unterdrückten Klassen und
Nationen.
Der heutige Zustand erfordert die
schärfste Durchführung des Klassenkampfes der Unterdrückten gegen
alle, die das privatkapitalistische Dogma von der Heiligkeit des
Eigentums vertreten. Das ist der einzige Weg zur deutschen
Volksrevolution.
Zur Sicherung der Revolution
gegen den Zugriff des internationalen Kapitals und gegen
konterrevolutionäre Bestrebungen tritt an die Stelle des
Söldnerheeres das revolutionäre Volksheer.“
Unter der Hand erklärte man sich
jedoch bereit, Strassers 14 Thesen zumindest vorübergehend als
gemeinsame Programmplattform anzuerkennen. Der Lagebericht der
Polizeidirektion Nürnberg-Fürth von Ende Mai konstatierte bereits,
Hitler ringe derzeit um die Einheit der NSDAP. "Die Kommenden"
gossen reichlich Öl ins Feuer. Die
Gründungstagung von Rosenbergs "Kampfbund für deutsche
Kultur" wurde scharf ablehnend kommentiert: "Machen wir uns
nichts weis darüber - der 'Kampfbund für deutsche Kultur' ist ein
nationalsozialistisches Gewächs, und so war denn diese Tagung ein
mehr oder weniger geschickt verschleierter Versuch, die deutsche
Kultur nebst bündischer Jugendbewegung für die NSDAP
einzufangen...Es war bezeichnend, dass ausgerechnet auf einer
Kulturtagung von Religion überhaupt
nicht die Rede war. Ersatz: nordischer Rassenfanatismus, der in
seinen Auswüchsen zu einer dünkelhaften Verstiegenheit führt, die
einen um die deutsche Kultur besorgten Menschen peinlich stimmen
kann."
Am 27. Juni 1930 verkündete an
gleicher Stelle der südwestdeutsche HJ-Führer Karl Baumann: "Es
gibt für uns kein Vaterland mehr, das Deutschland heißt, in dem das
Besitzbürgertum herrscht. Deutschland, das ist heute nichts weiter
als der Begriff des Besitzes und Wohlstandes für die kapitalistische
Bourgeoisie...Wir sehen unsere Aufgabe: Die Überwindung der
Bourgeoisie im revolutionären Klassenkampf. (...) Es gibt für das
deutsche Proletariat nur eine Lösung: Für ein sozialistisches freies
Vaterland! Für ein Deutschland der Arbeiter und Bauern! Alle Macht
den Räten! (...) Zerschlagt die Götzen des 19. Jahrhunderts!
Zertrümmert mit uns die Ordnung, die nicht gottgewollt sein kann!
Für Volk und Gemeinschaft! Für Freiheit und Sozialismus! Für ein
Leben in Würde und Freiheit!“ Die entsprechende Ausgabe der
"Kommenden" enthielt die Referate der
GSRN-Gründungstagung und wurde bald als Broschüre mit einer
Auflage von 4000 Exemplaren verbreitet.
Zur gleichen Zeit wurde Otto
Strasser von Hitler und Goebbels ausmanövriert und aus der NSDAP
herausgedrängt. Dem pompösen Aufruf "Die Sozialisten verlassen die
Partei" zum Trotz trennte sich nur eine Minderheit der NS-Linken als
Kampfgemeinschaft Revolutionärer Nationalsozialisten (KGRNS) von der
Mutterpartei – die meisten Gesinnungsgenossen der Sezessionisten
verblieben innerhalb der Partei, wo sie auch weiterhin wichtige
Funktionen bekleideten. Die Machtfrage wurde im Sommer 1934 von
Hitler gestellt und mit der "Nacht der langen Messer" beantwortet.
Als Vertreter der GSRN waren Artur Grosse, bislang
Gauschulungsleiter für Berlin und Brandenburg sowie Mitglied der
HJ-Reichsführung in Plauen, und Karl Baumann in der KGRNS
untergebracht. Am 8. Juli gab die GSRN eine Kameradschaftserklärung
für die KGRNS an: „Als faschistische Partei hat die NSDAP für
uns jeden Anspruch verspielt, Sachwalter der Deutschen Revolution zu
sein...Wir stehen nun da, wo man mit der Tat, nicht mit der Phrase
das sozialistische Vaterland der Bauern und Arbeiter, die freie
Nation in der Durchführung des Klassenkampfes der Arbeit gegen das
internationale und das deutsche Kapital als Ausdruck der
Weltanschauung unseres Jahrhunderts erkämpft.“
Sowohl KGRNS als auch GSRN
scheiterten in ihrem Bestreben, sich als Auffangorganisationen für
frustrierte Nationalsozialisten vor allem aus HJ und Studentenbund
anzubieten. Die Reichsleitung der HJ erklärte "Die Kommenden" zum
Feindblatt und untersagte ihren Bezug. Abschluss des Fiaskos war der
Hinauswurf Paetels
aus der Redaktion der "Kommenden", deren Verleger unter erheblichen
wirtschaftlichen Druck geriet. Am 1. August 1930 veröffentlichte
Paetel den Versuch einer
Standortbestimmung: „Wo wir stehen? Überall da, wo die roten
Fahnen der sozialistischen Revolution und die schwarzen Fahnen der
deutschen Befreiung aufgepflanzt werden! Wir sind nicht ‚rechts‘ und
nicht ‚links‘. Jeder gehört zu uns, von beiden Flügeln her, dem es
um Deutschland und den Sozialismus geht. (...) Wir wissen, dass in
der NSDAP, bei den ‚Revolutionären Nationalsozialisten‘, und in
kommunistischen Kreisen Menschen unserer Haltung stehen, wissen,
dass eine ganze Reihe kleinerer nationalistischer Bünde und Gruppen
gleichen Losungen folgt, wissen sogar, dass mancher, den sein
Schicksal in die politische ‚Mitte‘ verschlug, zu uns gehört -
jenseits aller Parlamentsgeographie: mit ihnen stehen wir zusammen.
Wir stehen in der neuen deutschen
Front, die sich formiert zum Aufstand der verproletarisierten
Nation.
Von ‚links‘ und ‚rechts‘ stoßen
Kameraden zu uns - eines Tages wird sich das Kader schließen. (...)
Bereit sein ist alles!
Bereit zu werden, unsere
Aufgabe.“
Am 25. August 1930
veröffentlichte die KPD ihr nicht zuletzt auf die Initiative des
oben erwähnten Heinz Neumann zurückzuführendes "Programm zur
nationalen und sozialen Befreiung des deutschen Volkes". Die
Kommunisten rückten nationale Belange in den Vordergrund, um der
NSDAP den nationalistischen Schneid
abzukaufen und sie zugleich als scheinsozialistisch zu entlarven.
Als Ziele wurden die Zertrümmerung der Versailler Nachkriegsordnung,
die Annullierung der Auslandsschulden und Reparationen, die
Sozialisierung von Banken, Großbetrieben und Großgrundbesitz sowie
die Schaffung Sowjetdeutschlands als Alternative zu Faschismus,
Kapitalismus, Feudalismus und Sozialdemokratie genannt. Ein
wichtiger Angriffspunkt war selbstredend die reaktionäre Tendenz der
Münchener NS-Zentrale, deren Rattenfängerei in den proletarisierten
Gesellschaftsschichten gegeißelt wurde. Um die Haltung gegenüber dem
neuen Kurs der KPD kam es nun zum offenen Bruch zwischen
Paetel und Strasser.
Nachdem zuvor 2000 Kommunisten
eine Versammlung der KGRNS in Berlin-Neukölln sprengten, wandte
Paetel sich Anfang Oktober 1930 in den
NS-Briefen an die KPD ("Meine Herren, worum geht es Ihnen?"). Er
betrachtete das KPD-Befreiungsprogramm als Taktik, konzedierte
allerdings, „dass sie ihre innere Dynamik in sich trägt“.
Die KPD-Führung wurde aufgefordert, die Nationalrevolutionäre als
Verbündete zu akzeptieren. Ihre kurzsichtige Parteitaktik spiele
lediglich die revolutionären Kräfte gegeneinander aus, anstatt
gemeinsam das kapitalistische System zu stürzen. Im gleichen Atemzug
kritisierte der GSRN-Wortführer jedoch
Internationalismus und Materialismus der Kommunisten. Strasser
wiederum distanzierte sich in der gleichen Ausgabe der NS-Briefe von
Paetels Ansichten. Er stellte die
KPD-Programmerklärung als taktischen Schritt hin und stilisierte
ausgerechnet sich selbst zum einzigen "bolschewistischen Deutschen"
empor. Nur der Revolutionäre Nationalsozialismus verkörpere den
Nationalbolschewismus. Endgültig zum Zerwürfnis kam es, als
Paetel Strassers mangelhafte
Sozialismuskonzeption verwarf.
Die Antwort ließ nicht lange auf
sich warten. Bruno von Salomon propagierte offen Sabotage,
Terrorismus und passiven Widerstand als Kampfmittel gegen den
Weimarer Staat (um sich kurz darauf zusammen mit Bodo
Uhse an die Gründung kommunistischer
Bauernkomitees zu machen), und mit Strassers Kaderchef Wilhelm Korn
verabschiedete sich ein Schlüsselmann der KGRNS zu den Kommunisten.
Diesen Weg ging bald darauf auch Paetels
Kamerad Baumann. Die Dissidenten machten zudem publik, dass Strasser
Gelder aus dem preußischen Innenministerium kassierte, welches so
eine Radikalisierung der Revolutionären Nationalsozialisten zu
verhindern suchte. In der "Roten Fahne" kritisierte Korn Strassers
letztlich auf Gewinnbeteiligungen beschränkten Sozialismusbegriff
und seine Leugnung des Klassenkampfes. Der ehemalige
Nationalsozialist sollte es noch bis zum Reichsinspekteur des
Kampfbundes gegen den Faschismus, also der Nachfolgeorganisation des
Roten Frontkämpferbundes, bringen.
6. "Die sozialistische Nation"
Anfang Januar 1931 begann
Paetel die Herausgabe der Zeitschrift
"Die Sozialistische Nation" (der Untertitel lautete zeitweilig auf
„Nationalbolschewistische Blätter“) als neues Sprachrohr der GSRN.
In personeller Hinsicht hatte es abgesehen von den Wortführern der
Gründungszeit erhebliche Veränderungen gegeben – Jugendbewegte und
frustrierte Nationalsozialisten wurden zumindest in Berlin von
ehemaligen KPD-Mitgliedern in die Minderheit gedrängt. Die Auflage
der neuen Zeitschrift schwankte zwischen 300 und 600 Exemplaren. Der
Preis für finanzielle und damit politische Unabhängigkeit bestand in
einer mehr als schlechten Aufmachung und eben geringer Auflagenhöhe.
Im Gegensatz zu den zwischen national-sozialistischem
Verbalradikalismus und völkischen Thesen hin- und herschwankenden
meisten NR-Gruppen zeichnete "Die sozialistische Nation" sich durch
ein ausgeprägtes theoretisches Verständnis der Dinge aus. Man
forderte nicht nur die äußerste Konsequenz, sondern wollte diese
auch ideologisch untermauern. In seltener Radikalität formulierte
Artur Grosse schon in der ersten Ausgabe:
„Nationalbolschewismus. Die nichtssagende
Übersetzung dieses historisch bedingten Wortes, über dessen
Wertlosigkeit Lenin selbst sich schon einmal äußerte, ist
unwesentlich gegenüber der klaren politischen Grundhaltung, die aus
ihm spricht und die instinktiv der Bourgeois fühlt, als er uns
diesen Schimpfnamen gab. (...) Mit diesem Wort bekennen wir uns klar
und eindeutig zur proletarischen Organisierung des Lebenswillens
unseres Volkes, gegen seine nationalen und internationalen
Ausbeuter, bekennen wir uns zu dem unbeugsamen und radikalen, d.h.
wurzelechten Vernichtungswillen, der die bürgerliche Klassenordnung
in jeder Konsequenz ausrottet, wodurch die einzige Gewähr (...) für
die Nationwerdung des Volkes durch die
sozialistische Organisierung des Volkes gegeben ist, bekennen wir
uns zur antiimperialistischen Front der unterdrückten Völker.“
Nachdem die KPD
Paetel und Strasser am 6. Januar 1931
auf eine Versammlung eingeladen hatte und dem
GSRN-Leiter im Gegensatz zu letzterem einen freundlichen
Empfang bereitete, erschien im Februar eine deutliche Ausgabe der
"Sozialistischen Nation". Paetel
propagierte den "Volkskampf" gegen den
prokapitalistischen und reaktionären Faschismus, beharrte
aber auf der ideologischen Unabhängigkeit der Nationalbolschewisten.
Artur Grosse, aufsässiger Leiter der Strasserschen
Jugendorganisation, erklärte: „Nationalbolschewismus heißt
zuerst revolutionäre Praxis". Schulter an Schulter mit dem
durch die KPD organisierten revolutionären Proletariat sollten die
Nationalbolschewisten „die erforderlichen Schritte"
unternehmen. Der republikanisch-kapitalistische Klassenstaat
zersetze die deutsche Nation, die als verproletarisiertes Volk der
Arbeiter, Bauern und Kleinbürger aufgefasst wurde. „Die
Entwicklung des Klassenstaates in der Deutschen Republik und ihre
Lage als Kolonie des westlichen Imperialismus verschiebt das
„Proletarische“ weit über die „Arbeiterschaft“ hinaus, da man heute
ohne Phrase von einem „verproletarisierten Volke“ sprechen kann und
gerade den Bauern mit einbeziehen muss.“ Marxens These von der
universalen Verproletarisierung wurde angesichts von
Weltwirtschaftskrise und Massenelend als zutreffend erachtet.
Nationalbolschewismus bedeutete für Grosse die Ausrottung der
bürgerlichen Klassenordnung - wenige Tage später erwarb er das
Parteibuch der KPD. Zur gleichen Zeit machte das 1. Reichstreffen
der GSRN den Mitgliedern eine enge Zusammenarbeit mit der KPD und
den ihr angeschlossenen Organisationen zur Auflage, womit vor allem
die Mitarbeit im Kampfbund gegen den Faschismus gemeint war. Mit
ihrer Volksrevolutionstheorie, in der auch das revolutionäre
Potenzial von Klassen außerhalb des Industrieproletariats anerkannt
wurde, bestätigte die KPD nunmehr Paetels
These von der Eigendynamik des Befreiungsprogramms. Allerdings wurde
die nicht zuletzt von Abendroth propagierte Hegemonie der
Arbeiterklasse niemals von der GSRN anerkannt.
Unübersehbar gewann die KPD an
Anziehungskraft auf die entschlossensten
Elemente der Grauzone zwischen Nationalsozialismus und Kommunismus.
Zu nennen ist hier vor allem die Hinwendung des wegen illegaler
NS-Zellenbildung in der Reichswehr inhaftierten Richard
Scheringer zur KPD. Die GSRN gab eine
Ehrenerklärung für Scheringer ab, obwohl
Paetel ihn von einer völligen Hinwendung
zum Kommunismus abzuhalten suchte. Im März 1931 hieß es in der
"Sozialistischen Nation": "Will Deutschland sein eigenes Gesicht
wahren, bzw. wiedergewinnen, kann es das nur unter konsequentester
Ausscheidung aller westlerischen Einflüsse. Gerät es dabei
vorübergehend unter den starken Einfluss des Ostens, so ist das in
Kauf zu nehmen angesichts der Tatsache, dass dieser Osten der
natürliche Gegner auch unserer Feinde, der Westmächte ist. Das
Schlagwort des Bolschewismus schreckt uns nicht – denn wir wissen,
dass man den Westen nur mit seiner krassesten Antithese überwinden
kann." Deutschland werde einst den „Mut zum Chaos"
aufbringen müssen – der erwartete westliche Interventionskrieg gegen
den einzigen sozialistischen Staat der Welt sollte das Signal zur
sozialen Revolution im Reich sein, für den proletarischen Aufstand
gegen die Versailler Ordnung. KPD und GSRN führten hier erstmals
eine parallele Propagandakampagne durch. „Die GSRN wird mit
aller Kraft dafür arbeiten, dass die nationalrevolutionären
Aktivisten im Augenblick eines Interventionskrieges in den Reihen
des proletarischen Aufstands gegen das Versailler System und nicht
im Lager der „nationalen“ Bourgeoisie stehen.“
Im Frühjahr 1931 griff die GSRN
auch erstmals wieder in die internen Machtkämpfe innerhalb der NSDAP
ein. Offenbar hatte die Gruppe ihre Hände bei den bis heute nicht
geklärten Vorgängen um die so genannte 2.
Stennes-Revolte der SA gegen die Münchener Reichsleitung im
Spiel. In jedem Fall traten Paetel,
Gollong und Grosse in Verhandlungen mit
den SA-Rebellen ein, um sie zur Zusammenarbeit mit dem Kampfbund
gegen den Faschismus zu überreden. Infolge des würdelosen Verhaltens
der Kommunisten bei der Beisetzung Horst Wessels lehnte ein
Führerrat der Meuterer ein Zusammengehen ab – man einigte sich
stattdessen mit Otto Strasser.
Durch den im Juni 1931 in der
"Sozialistischen Nation" veröffentlichten Aufsatz „Revolutionäre
Wehrpolitik" handelte Scheringer sich
eine weitere Haftstrafe wegen „literarischen Hochverrates" ein. Der
NS-Renegat erteilte Weimars prowestlicher Verständigungspolitik auf
Kosten der Sowjetunion eine klare Absage. Ihm erschien die
Reichswehr nur noch als entpolitisierte Polizeitruppe zur
Niederhaltung der unruhigen Massen im vom internationalen Kapital
kolonisierten Deutschland. Die NSDAP habe den revolutionären Weg des
bewaffneten Aufstandes gegen Versailles bereits verlassen. Sie werde
die Massen niemals für sich gewinnen, weil sie auf ihre
sozialistischen Programmpunkte verzichtete. Hitler wolle den
deutschen Kapitalismus retten, und die deutschen Kapitalisten würden
niemals einen revolutionären Befreiungskrieg zulassen. „Wir
erkennen, dass jedes Wort von nationaler Befreiung unter
Beibehaltung des kapitalistischen Systems eine Lüge ist...Jeder
Soldat, der das kapitalistische System im eigenen Lande stützt,
kämpft infolgedessen gegen die Befreiung des deutschen Volkes....Der
entpolitisierte Soldat ist eine Kreatur, ein willenloses Werkzeug in
der Hand der herrschenden Klasse." In der gleichen Ausgabe
wertete man eine Umfrage aus, wie sich die NR-Zirkel im Falle eines
von Deutschland und den Westmächten betriebenen Interventionskrieges
gegen die Sowjetunion verhalten würden - die Ablehnung war einhellig
und reichte bis zur Ankündigung terroristischer Maßnahmen gegen
einen „faschistischen Staat“ in Deutschland.
Als
KPD-nahes Schwesterblatt der "Sozialistischen Nation" konnte
der ab dem 1. Juli 1931 erscheinende "Aufbruch" angesehen werden.
Zur Beeinflussung unorthodoxer Nationalisten schlug diese
Zeitschrift unter der Herausgeberschaft
Wilhelm Korns einen nationalkommunistischen Kurs ein. Nicht zuletzt
auf Anregung Scheringers bemühte sich
nun Hans Kippenberger als Leiter des
illegalen M-Apparates der KPD um eine engere Zusammenarbeit mit den
Nationalrevolutionären. Von dieser Öffnung des Kommunismus nach
"rechts" sollte auch Paetel profitieren.
Obwohl er die Zusammenlegung des "Aufbruchs" und der
"Sozialistischen Nation" und die Chefredaktion des
nationalkommunistischen Gesamtorgans ablehnte, orderte der Kampfbund
gegen den Faschismus dennoch einige Hundert Abonnements des
GSRN-Organs und führte somit eine
verdeckte Kofinanzierung durch. Nach
heftigen Auseinandersetzungen innerhalb der GSRN stellte man sich
jedoch gegen die kommunistische Bevormundung, und eine nach einem
qualitativ hochwertigeren Intermezzo verschlechterte Aufmachung wies
auf Ende der Finanzhilfe hin.
Als weiterer Vorteil erwies sich
ein Machtkampf unter den Revolutionären Nationalsozialisten, der
zahlreiche Aktivisten in die Reihen der GSRN hineintrieb.
Paetel witterte hier Morgenluft, und im
Herbst richtete die "Sozialistische Nation" heftige Angriffe gegen
den als "Adolf II." charakterisierten Otto Strasser. Dessen Schwarze
Front befinde sich durch ihre Ablehnung des Klassenkampfes und ihr
kleinbürgerliches Zaudern vor dem "bolschewistischen Schritt in das
Chaos" in einer "halbfaschistischen Reservestellung" verharrend.
Strasser zeige sich ein weiteres Mal als nationalsozialistisch
kompromittiert und verhindere die nationalbolschewistische
Einheitsfront. Diese wurde von der GSRN auch weiterhin angestrebt,
so veröffentlichten Nationalkommunisten wie Beppo Römer und Bodo
Uhse Aufsätze in der „Sozialistischen
Nation“. Ab Ende 1931 arbeitete die Gruppe eng mit dem um die
Zeitschrift "Der Gegner" entstehenden Kreis Harro Schulze-Boysens
zusammen. Im Januar organisierte Paetel
eine nationalbolschewistische Konferenz, an der Persönlichkeiten wie
Ernst Niekisch vom "Widerstand", Werner
Lass vom "Umsturz", Alexander Graf
Stenbock-Fermor vom "Aufbruch" oder Bodo
Uhse von den kommunistischen Bauernkomitees teilnahmen. Die
weitere Hinwendung zur KPD wurde auch durch die vor den
Reichspräsidentschaftswahlen vom Frühjahr 1932 ausgesprochene
Empfehlung für den Kandidaten Ernst Thälmann dokumentiert. In einer
im bewussten Gegensatz zu den Strasseristen
und der Konservativen Revolution radikalisierten Fassung der Thesen
der GSRN hieß es nunmehr: "Um der Nation willen,
Rätedeutschland!"
Im Sommer 1932 übte
Paetel sich vergebens in der
Organisierung eines Kampfkomitees gegen Versailles mit
kommunistischer Beteiligung – Heinz Neumanns Stern war bereits im
Sinken begriffen. Den Beitritt des legendären Oberland-Kommandeurs
Beppo Römer und anderer zur KPD kommentierte die "Sozialistische
Nation" mit dem Wunsch, sie möchten ihre Weltanschauung nicht völlig
umkrempeln. "Im Lager des konsequenten Sozialismus haben die
nationalistischen Aktivisten die Aufgabe, Meldegänger der Nation zu
sein, die Gewissheit der Unzerstörbarkeit des ewigen Deutschland als
heimliches Losungswort weiterzugeben, (...) dem Aufstand gegen
Versailles...die historische Legitimation zu geben." Der
Klassenkampf wurde als organischer Führungsumbruch verstanden (wir
erinnern hier an die Theorie Paretos von
der Elitenzirkulation), der eine überalterte Führungsschicht durch
neue unverbrauchte Kräfte ersetzte. Die mittlerweile beinahe
geheimbündlerisch operierende GSRN
betrieb die Zellenbildung in den Großstädten, um die von Hitler
verratenen Kader des Jungnationalismus und des Nationalsozialismus,
also den "deutschen Nationalkommunismus", dem revolutionären
Proletariat an die Seite zu stellen.
Ein Beispiel dieser Zellenbildung
ist die Beteiligung an einer vom Wedding ausgehenden Parteirevolte
innerhalb des NS-Gaues Berlin. Das NSDAP- und
GSRN-Doppelmitglied Heinz Gruber spaltete Teile der Berliner
HJ angesichts einer einsetzenden Säuberung als Schwarze
Jungmannschaft ab. Zu diesem Zeitpunkt stellten die "Hammerschläge",
die Schulungsblätter der Berliner HJ, bereits ein Tarnorgan der GSRN
dar. Mit Doppelmitgliedschaften wie im Fall Gruber übte die
Paetel-Gruppe starken Einfluss auf
beinahe ein Drittel der Berliner HJ aus.
Paetels Bekanntheitsgrad nahm seit April 1932 kontinuierlich
zu: Wie vor einigen Jahren Ernst Jünger, so öffneten ihm bürgerliche
Blätter wie die "Literarische Woche", die "Weltbühne" und "Das
Tagebuch" ihre Spalten und suchten die offene Diskussion mit dem als
NR-Chefideologen angesehenen Publizisten.
Widerstand gegen Hitler
Die Zeichen der Zeit wurden von
der GSRN schon ab Spätherbst 1932 erkannt. Die Umstellung auf
Doppelmitgliedschaften und Unterwanderung war ein erstes Signal der
Vorbereitung auf eine Hitler-Diktatur. Neben der GSRN stellten sich
nur die Kommunisten bereits auf eine Phase illegaler Tätigkeit um.
Die Sozialrevolutionären Nationalisten setzten auf die
Selbstentlarvung des in die Reichskanzlei einziehenden Hitler und
agitierten vor allem unter dem unzufriedenen linken Parteiflügel.
Diese Propaganda wurde durch seit Herbst 1932 einsetzende
Zerfallstendenzen der NSDAP und der SA erleichtert – Hitler hatte im
Dezember Gregor Strasser aus der Partei hinausgedrängt und mit der
Reichsorganisationsleitung das zentrale Steuerungsorgan der
NS-Organisationen zerschlagen.
Ungeachtet einer Warnung der mit
den Nationalbolschewisten sympathisierenden SA-Legende Hans
Maikowski eröffnete die GSRN ihre
Kundgebungswelle am 5. Februar 1933 in
Berlin-Charlottenburg. Mitte des Monats erklärten sich rund 20
Führungskader der Berliner HJ zum Bruch mit der NSDAP bereit, aber
Paetel legte seinen Sympathisanten
weiterhin die Unterwanderung der Parteigliederungen nahe. Nach
kommunistischem Vorbild dezentralisierte sich die GSRN in
Fünfergruppen, und alle nicht öffentlich bekannten Aktivisten traten
als Doppelmitglieder NS-Organisationen bei. Trotz einer einsetzenden
Verfolgung durch Hitleristen und
staatlichen Repressionsapparat ging die Kopfstärke der GSRN nicht
zurück, sondern steigerte sich (wie auch diejenige der
Revolutionären Nationalsozialisten) sogar.
Paetel war auch an verzweifelten Versuchen beteiligt, für die
Reichstagswahlen des 5. März 1933 eine nationalrevolutionäre Liste
unter Ernst Niekisch und dem
Bauernführer Claus Heim zustandezubringen.
Grubers Schwarze Jungmannschaft als de
facto-Jugendorganisation der GSRN vereinbarte mit
Sozialistischer Arbeiterjugend, dem kommunistischen KJVD und
linksbündischen Gruppen wie der legendären d.j.
1.11. gegenseitige Achtung und Zusammenarbeit gegen Hitler.
Am 25. Februar 1933
beschlagnahmte die Polizei Paetels
"Nationalbolschewistisches Manifest" größtenteils in der Druckerei.
In dieser Schrift konstatierte die GSRN, dass sich auf deutschem
Boden der Entscheidungskampf zwischen „merkantilistischer
Wirtschaft und sozialistischer Staatlichkeit“ entscheide.
„Die Aufgabe heißt, Nation zu werden. Ihr Garant heißt Sozialismus.
Der Weg dahin: Revolution.“ Im Nationalbolschewismus würden die
nationalistische Jugendbewegung, das nationale Proletariat und die
„nationale Leidenschaft der Heimatlosen“ ihren Ausdruck
finden. Gegen den Nationalsozialismus richtete sich scharfe Kritik,
ebenso wie gegen die Parteirenegaten um Otto Strasser. „Je mehr
es sich zeigen wird, dass Adolf Hitler nicht in der Lage ist, die
Versprechungen einzulösen, mit denen er heute neben den
Interessentenhaufen die Kolonnen der antikapitalistisch fühlenden
Jugend, des jungen, soziologisch bereits völlig entwurzelten
Bürgertums, unter seinen Fahnen hält, desto näher rückt die Stunde,
wo in Deutschland die lange genug verhöhnte und verlachte Position
des Nationalen Kommunismus bezogen werden kann.“ In
Kampfgemeinschaft mit der KPD sollten die NR-Gruppen die
unzufriedenen revolutionären Kräfte aus der NSDAP sammeln. Einem
Aufgehen der Nationalrevolutionäre im Kommunismus wurde allerdings
eine deutliche Absage erteilt. „In den Umrissen proklamiert der
deutsche Nationalkommunismus: Wir erkennen die Notwendigkeit der
deutschen sozialistischen Revolution. Sie ist die geistige
Umgestaltung, die wirtschaftlich, politisch und kulturell das
Gesicht unserer Zeit bestimmt, sie ist praktisch die Revolution der
Arbeiter, Bauern und verproletarisierten Mittelschichten." Die
GSRN bekannte sich zur Nation als Kulturgemeinschaft im Gegensatz
zur westlichen Zivilisation. "Wir bekennen uns zum
planwirtschaftlichen Sozialismus, der nach Brechung der
kapitalistischen Ordnung Volk und Nation und organischer
Wirtschaftsgliederung bindet und als Gemeinwirtschaft die Grundlage
der staatlichen Souveränität bildet. Die Verwirklichung unserer
Ziele ist der freie großdeutsche Volksrätestaat als Ausdruck der
Selbstverwaltung des schaffenden Volkes." Gefordert wurden im
krassen Gegensatz zur prokapitalistischen
Wirtschaftspolitik Hitlers die Sozialisierung aller industriellen
Groß- und Mittelbetriebe, die Enteignung des Großgrundbesitzes, eine
Agrarreform durch Ansiedlung von Kleinbauern und Errichtung
sozialisierter Staatsgüter, das staatliche Außenhandelsmonopol, die
Verstaatlichung des Bankensektors, engste wirtschaftliche,
politische und militärische Zusammenarbeit mit der Sowjetunion, die
Unterstützung auch ausländischer revolutionärer Bewegungen und die
Schaffung der Einheitsfront aller unterdrückten Klassen und
Nationen. „Wir sind Sozialisten. Wir bejahen die Revolution, den
Klassenkampf, Sozialisierung der Produktionsmittel, Nationalisierung
von Grund und Boden, einen Staatsaufbau des
Selbstverwaltungsprinzips. Weshalb? Weil wir diese Forderungen,
welche die politische Lage eines versklavten, verproletarisierten
Volkes, einer Halbkolonie fremder Imperialisten an uns stellt, als
einzigen Weg vor uns sehen, um die zur Wiederherstellung der
Souveränität der Nation notwendige Einbeziehung der unterdrückten,
rechtlosen, heimatlosen Proletarier durchzuführen. Um der Nation
willen, um ihrer Freiheit willen: Sozialisten!“ An anderer
Stelle hieß es: „Kampf gegen das die äußere Unfreiheit
sanktionierende System von Weimar, reichend von
Hilferding zu Hitler, bis zu seiner Vernichtung...Der heutige
Zustand erfordert: Die schärfste Durchführung des Klassenkampfes der
Unterdrückten gegen alle, die das privatkapitalistische Dogma von
der Heiligkeit des Eigentums vertreten. Das ist der einzige Weg zur
deutschen souveränen sozialistischen Nation...Zur Erreichung dieser
Ziele ist heute notwendig: Kampfgemeinschaft mit der Partei des
revolutionären Proletariats, der KPD."
Die Verfolgungsmaßnahmen des sich
konsolidierenden NS-Regimes gegen den sozialistischen Widerstand
inner- und außerhalb der Parteigliederungen griffen ab dem
Spätsommer 1933 zusehends. Karl O. Paetel
wurde noch vor Jahresende aus der Reichsschrifttumskammer
ausgeschlossen und verlor somit das Recht, in Deutschland zu
publizieren. Der mit seiner Schwarzen Jungmannschaft mittlerweile
innerhalb der Deutschen Arbeitsfront untergetauchte Gruber wurde im
Januar 1934 zusammen mit einer Reihe von Aktivisten der
d.j. 1.11. verhaftet. Im Zusammenhang
mit der brutalen Vernichtung unruhiger Elemente innerhalb der SA,
die sich auch auf andere Organisationen und Widerstandsgruppen
ausweitete, tauchte Paetel im Sommer
1934 vorübergehend in Mecklenburg unter. Als offizielle Fortsetzung
der "Kommenden" und getarntes Organ der GSRN und den "Gegner"-Kreises
erschien ab dem 15. Juli 1934 die Zeitschrift "Wille zum Reich".
Hier konnte Paetel unter seinem
Pseudonym Wolf Lerson bis zum Verbot des
Blattes 1935 eine Reihe von den real existierenden
Nationalsozialismus kritisierenden Aufsätzen zur Typologie des
internationalen Faschismus veröffentlichen und an das von Gestalten
wie Schirach vergewaltigte politische
Erbe der nationalrevolutionären Jugend erinnern. Der „Wille zum
Reich“ war ähnlich wie Niekischs
„Widerstand“ bis zum Verbot eine merkwürdig anmutende Mischung von
Anpassung und Widerstand: Einerseits lag die Zeitschrift auf der
Linie völkisch-esoterischer Denker wie Jakob Wilhelm Hauer und
huldigte antisemitischem und eurofaschistischem Gedankengut,
andererseits schrieben hier unter Pseudonym Karl O.
Paetel und Harro Schulze-Boysen verdeckt
regimekritische Aufsätze in der „Sklavensprache“ (Jünger).
Nach einer vorübergehenden
Verhaftung im Januar 1935 setzte Karl O. Paetel
sich auf der Stelle in die Tschechoslowakei ab, wo sich Prag zu
einem Zentrum nationalrevolutionärer Exilanten entwickelt hatte. Die
Reste der GSRN führten die Zusammenarbeit mit Harro Schulze-Boysens
"Gegner"-Kreis weiter, mit dessen Hilfe
Paetel sich im Sommer 1935 nach einem
illegalen Aufenthalt in Deutschland nach Skandinavien absetzen
konnte. Auf deutschen Druck (nach Veröffentlichung eines Aufrufes
zur Unterstützung der spanischen Volksfront) aus Schweden
ausgewiesen, reiste der nationalrevolutionäre Emigrant im Oktober
1936 via Polen erneut nach Prag, um Anfang 1937 eine
Aufenthaltsgenehmigung für Frankreich zu erhalten. Hier arbeitete er
an Willi Münzenbergs "Deutschem Freiheitssender" mit. Von Stockholm,
Paris und Brüssel aus gaben Paetel und
einige Mitarbeiter als Auslandsbüro der GSRN nun die "Blätter der
sozialistischen Nation. Rundbriefe für sozialistische und
nationalsozialistische deutsche Politik" sowie die „Schriften der
Jungen Nation“ heraus. In diesem Organen
warf er der Führung des „Dritten Reiches“ Verrat an den
ursprünglichen Idealen des Nationalsozialismus vor. Zur Beseitigung
des Regimes sollte faktisch die „Zweite Revolution“ unter Leitung
einer nationalrevolutionären Elite durchgeführt werden. Wichtig sei
daher die Anhängergewinnung und Kaderbildung vor allem in HJ und SA.
Für die Jugendarbeit im Reich war Alfred
Broghammer zuständig, ehemaliger
Schwarzfrontler. Sein Engagement bezahlte er mit einer
12jährigen Zuchthausstrafe und mit seinem Leben: 1943 wurde
Broghammer im Zuchthaus Ludwigsburg
umgebracht.
Durch Kontakte zu Vertretern der
linksbündischen Untergrundorganisation d.j.
1.11. konnte wieder eine engere Verbindung zum innerdeutschen
Widerstand hergestellt werden. Gemeinsam mit dem
d.j.-Vordenker Eberhard
Koebel (tusk)
wies Paetel die Forderung der
Kommunistischen Jugendinternationale nach politischer Unterordnung
des gesamten Jugendwiderstandes unter die Parteidoktrin zurück. Ein
nicht zuletzt von Paetel organisiertes
größeres Treffen bündischer Widerstandskämpfer am Rande der Pariser
Weltausstellung im August 1937 brachte die Gestapo auf die Fährte
des bündischen Untergrundnetzes und hatte zahlreiche Verhaftungen
und Terrorurteile zur Folge. Am 17. April 1939 entzog das
Reichsinnenministerium Karl O. Paetel
die deutsche Staatsangehörigkeit, und kurz darauf wurde er als
Hochverräter in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Nachdem die
Wehrmacht im Sommer 1940 Westeuropa überrannt hatte, übergab die
Reichsregierung den französischen Behörden eine Auslieferungsliste
mit gefährlichen Regimegegnern. Unter den 101 Namen stand Otto
Strasser an 1. Stelle, Paetel bekleidete
immerhin den 5. Rang. Über Spanien und Portugal gelang dem Gesuchten
wie seinem Rivalen Strasser die Flucht nach Nordamerika. Hier lebte
er zunächst in Armut, bis er ab 1943 vermehrt in der US-Presse
publizieren konnte. Im Vordergrund stand nun nicht mehr, die
Beseitigung des NS-Regimes, sondern eine gerechte Behandlung
Deutschlands nach Kriegsende. Die Kollektivschuldthese, die
Gleichsetzung Deutschlands mit dem Nationalsozialismus, wurde
entschieden verworfen.
Nachkriegszeit
Bevor Paetel
sich endgültig von der politischen Bühne verabschiedete, erfolgte
nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches ein neuer Versuch, den
Traum von einer "Dritten Front" der Jugend zu verwirklichen. Ab Ende
1946 gab er von New York aus den Informations-Rundbrief „Deutsche
Gegenwart“ heraus, der erneut die Nonkonformisten von „Rechts“ wie
„Links“ zusammenführen sollte. Zu den Kontakten des Exilblättchens
gehörten ehemalige HJ-Führer, parteilose Kommunisten, Strasser-Leute
wie Herbert Blank und Karl-Ernst Naske
und Aktivisten des Jugendwiderstandes. Paetel:
„Es gibt wohl keinen altlieben politischen Karteibegriff, der
nicht auf uns angewandt wurde. Wir sind als stalinistisch, als der
SPD, den Trotzkisten oder den Konfessionen hörig gezeichnet worden.
Wir wurden faschistisch, reaktionär und nationalbolschewistisch
genannt. Wir sind keins von dem. (...) Wir haben berichtet, nicht
Stellung genommen. (...) Was wir wollen, ist im Augenblick
belanglos! Was wir wissen, mag Zukünftiges vorbereiten! (...) Uns
liegt daran, zu sagen, was ist, nicht, was sein sollte. Nur wenn man
das erste weiß, kann man eine Position vorbereiten, die auf das
zweite hinweist: Die Gewichte aller Dinge müssen neu bestimmt
werden!“ Das Projekt, laut Selbsteinschätzung ein
„Don-Quijote-Versuch“, ging jedoch Anfang 1949 ein. Gründe des
Scheiterns waren der Boykott durch die Emigrantenkreise, weil die
„Deutsche Gegenwart“ sich nicht auf eine bestimmte Linie festlegen
ließ, die politische Apathie der Deutsch-Amerikaner und die
finanzielle Not der Interessenten und Unterstützer in Deutschland
selbst.
Bereits im November 1947 trafen
im Haus Altenberg bei Köln die Vertreter von Jugendverbänden aus
allen Teilen des besetzten und zerstückelten Deutschland zusammen,
um die Möglichkeit einer interzonalen Zusammenarbeit zu besprechen.
Heinz Gruber als Paetels Vertreter
versuchte vergebens, die sich öffnenden Gräben zwischen den
kirchlichen und sozialdemokratischen Jugendverbänden einerseits und
der durch Erich Honecker vertretenen FDJ andererseits zu
überbrücken. Auch nach dem Scheitern der Konferenz setzten sich
Paetel, Gruber und Grosse weiterhin für
die Schaffung eines deutschen Europäertums zwischen dem
kapitalistischen Westen und dem stalinistischen Osten ein. Es
entwickelte sich eine rege publizistische Tätigkeit in Zeitschriften
wie den „Nürnberger Nachrichten“ (gegründet vom ehemaligen
Niekisch-Mitstreiter Joseph
Drexel), „Christ und Welt“ (als
Chefredakteur fungierte Hans Zehrer, ehemals Herausgeber der „Tat“),
der „Süddeutschen Zeitung“, den Vierteljahresheften für
Zeitgeschichte). Daneben engagierte sich Paetel
in mehreren Büchern für die deutsche Jugendbewegung oder Ernst
Jünger und versuchte, Rechenschaft über die Aktivitäten der Weimarer
Nationalrevolutionäre zu geben. Ein letztes Aufbäumen vor dem
endgültigen Verzicht auf die Ziele eines 30jährigen Kampfes war die
Konferenz auf Burg Ludwigstein vom Januar 1954. Hier trafen
Veteranen aus Bündischer Jugend, Nationalsozialismus und Widerstand
zusammen und beschlossen ein gemeinsames Engagement im
neutralistischen Widerstand gegen die Wiederaufrüstung und
Westintegration der separatistischen BRD. Mit dem Parteiverbot gegen
die KPD und der systematischen Kriminalisierung
außerparlamentarischer Bewegungen durch das reaktionäre
Adenauer-Regime scheiterte auch dieser letzte Versuch, ein
nationales und sozialistisches Deutschland zu schaffen. Bereits 1958
sprach Paetel sich gegenüber Strasser
gegen die Gründung einer neuen Partei aus und trat für die Mitarbeit
im Rahmen der etablierte Kräfte ein. Politisch engagierte er sich
für die in den 50er und 60er Jahren stärker antiwestlich und
antikapitalistisch ausgerichtete SPD und erhielt ab 1962 eine Rente
als Verfolgter des NS-Regimes. Karl O. Paetel starb am 4. Mai 1975
in Forest Hills, New York.
Literaturhinweise:
Hans-Christian Brandenburg: Die
Geschichte der HJ. Wege und Irrwege einer Generation, Köln: Verlag
Wissenschaft und Politik 1968
Werner
Bräuninger: Wille und Vision. Typus und Gestalt souveräner
Menschen, Berg: VGB 1997
Louis Dupeux:
„Nationalbolschewismus“ in Deutschland 1919-1933. Kommunistische
Strategie und konservative Dynamik, München: Beck 1985
Reinhard Kühl: Die
nationalsozialistische Linke 1925-1930, Meisenheim a. Glan: Hain
1966
Patrick Moreau:
Nationalsozialismus von links: Die Kampfgemeinschaft Revolutionärer
Nationalsozialisten“ und die „Schwarze Front“ Otto Strassers
1930-1935, Stuttgart: dva 1985
Paul Noack: Ernst Jünger. Eine
Biographie, Berlin: Fest 1998
Karl O.
Paetel: Das Nationalbolschewistische Manifest, Berlin: Verlag
„Die Sozialistische Nation“ 1933
Karl O.
Paetel (Hrsg): Deutschlands
Gegenwart, New York 1946-1949
Karl O.
Paetel: Jugendbewegung und Politik, Bad Godesberg:
Voggenreiter 1961
Karl O.
Paetel: Reise ohne Uhrzeit. Autobiographie, Worms:
Heintz 1982
Karl O.
Paetel: Sozialrevolutionärer Nationalismus, Mainz:
Helios 1985 (Nachdruck des Originals von
1930)
Karl O.
Paetel: Versuchung oder Chance? Zur Geschichte des deutschen
Nationalbolschewismus: Göttingen u.a.:
Musterschmidt 1965
Otto Ernst
Schüddekopf: Linke Leute von Rechts. Nationalbolschewismus in
Deutschland von 1918 bis 1933, Stuttgart: Kohlhammer 1960
Claus M. Wolfschlag: Hitlers
rechte Gegner. gedanken zum
nationalistischen widerstand, Engerda:
Arun 1995
http://www.fahnentraeger.net/index.php?option=com_content&task=view&id=36&Itemid=40
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