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FRIEDRICH HIELSCHER

DAS WESEN
Innerlichkeit und Staatskunst -
Zum Wirken Friedrich Hielschers
"Zwei Tyrannen tun
dem Deutschen not: ein äußerer, der ihn zwingt, sich der Welt gegenüber als
Deutscher zu fühlen, und ein innerer, der ihn zwingt, sich selbst zu
verwirklichen."
- Ernst Jünger
Verfasser: Richard
Schapke
Der am 7. März 1990 auf
dem Rimprechtshof im Schwarzwald verstorbene Friedrich Hielscher gehörte mit
Sicherheit zu den originellsten Ideologen der Konservativen Revolution. Da
er sich nach dem Zweiten Weltkrieg noch weniger als ohnehin schon um
öffentliche Breitenwirkung scherte, gerieten seine Arbeiten in fast
vollständige Vergessenheit, auch wenn Hielschers Name des öfteren in Jüngers
"Strahlungen" auftaucht. In jüngster Zeit ist eine regelrechte
Wiederentdeckung des unkonventionellen Nietzscheaners zu bemerken - Grund
genug für einen Versuch, sich Friedrich Hielschers Leben und Werk zu nähern.
Wir greifen hierbei oftmals auf Originalzitate zurück, um den Gegenstand
unserer Betrachtung in seinen eigenen Worten sprechen zu lassen. Mitunter
sind Zitate und Analysen aus der nach dem Zweiten Weltkrieg veröffentlichten
Autobiographie "Fünfzig Jahre unter Deutschen" eingeflochten. Aus
inhaltlichen Gründen gehen wir hierbei von der Chronologie der
Veröffentlichung ab.
1. Herkunft
Friedrich Hielscher
wurde am 31. Mai 1902 in Guben (nach anderen Angaben in Plauen/Vogtland) in
eine nationalliberale Kaufmannsfamilie hineingeboren. Gerade 17 Jahre alt
geworden, absolvierte er sein Kriegsabitur am Humanistischen Gymnasium, um
sich fast unmittelbar darauf einem der gegen Spartakisten und Separatisten
oder in den Grenzkämpfen im Osten fechtenden Freikorps anzuschließen. Dieses
Freikorps Hasse ging im Juni 1919 aus der MG-Kompanie des ehemaligen
Infanterieregiments 99 hervor und kam in Oberschlesien gegen polnische
Insurgenten zum Einsatz. Zu den Freikorpskameraden Hielschers gehörte Arvid
von Harnack, der später durch seine Mitarbeit in Harro Schulze-Boysens Roter
Kapelle zu Berühmtheit gelangen sollte. Die Einheit bewährte sich und wurde
in die Reichswehr übernommen, aber Hielscher quittierte den Dienst im März
1920, da er eine Beteiligung am überstürzten Kapp-Putsch gegen die Republik
ablehnte.
Es folgte ein
Jurastudium in Berlin, das von regelmäßigen Besuchen an der Hochschule für
Politik begleitet wurde. Dem Brauch entsprechend schloß Hielscher sich einer
Studentenverbindung an und wählte die Normannia Berlin. Nach einer
vorübergehenden Mitgliedschaft im Reichsclub der nationalliberalen Deutschen
Volkspartei (DVP) traten in Gestalt des aus der SPD hervorgegangenen
nationalen Sozialisten August Winnig und des Geschichtsphilosophen Oswald
Spengler prägendere politische Einflüsse an ihn heran. Von Winnig übernahm
Hielscher die Überzeugtheit von einer weltgeschichtlichen Mission
Deutschlands, vom Spengler das zyklische Geschichtsbild. Hinzu kam das in
den Werken Ernst Jüngers herausgearbeitete Kriegertum.
Im Jahr 1924 erfolgte
der Wechsel nach Jena, wo Hielscher das Referendarexamen bestand und im
Dezember 1926 mit Auszeichnung zum Doktor beider Rechte promovierte. Die
ungeliebte Beschäftigung als Verwaltungsjurist im preußischen Staatsdienst
wurde nach nicht einmal einem Jahr im November 1927 aufgegeben. Die
Anforderungen des Studiums behinderten nicht den häufigen Besuch des
Weimarer Nietzsche-Archivs. Friedrich Nietzsche sollte dann auch über seine
Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche der letzte wirklich prägende
Bestandteil des sich allmählich herauskristallisierenden Weltbildes sein.
Von Dauer war die weitere Beteiligung als Alter Herr am Verbandsleben der
Normannia Berlin, wo Hielscher die Bekanntschaft von Persönlichkeiten wie
Horst Wessel, Hanns Heinz Ewers und Kurt Eggers machte.
2.
Innerlichkeit
Am 26. Dezember 1926
betrat Friedrich Hielscher mit dem Aufsatz "Innerlichkeit und Staatskunst"
die Bühne der politischen Publizistik. Der junge Jurist hatte sich auf Rat
Winnigs dem nationalrevolutionären Kreis um die Wochenzeitung "Arminius"
angeschlossen, dem nicht zuletzt Ernst Jünger das Gepräge gab. Aus der
Begegnung mit Jünger entstand eine lebenslange Freundschaft. "Innerlichkeit
und Staatskunst" enthält bereits alle wesentlichen Aspekte des
Hielscherschen Weltbildes und soll daher ausführlicher dokumentiert werden.
"Seien wir
ehrlich: wir stehen nicht am Beginn eines neuen Aufstieges, sondern vor dem
Ende des alten Zusammenbruches. Dieses Ende liegt noch vor uns. Wir müssen
erst noch durch das Schlimmste hindurch, ehe wir ans neue Werk gehen können.
Jeder, der jetzt schon mit irgendeinem Aufbau beginnt, tut sinnlose Arbeit.
Das will folgendes heißen. Jede kriegerische Vorbereitung, die auf einen
Befreiungskrieg in der Gegenwart oder der nahen Zukunft abzielt, ist
wertlose Spielerei und grob fahrlässige Dummheit. Jeder geistige Versuch,
einigende Bünde, Verbände, kulturelle Vereinigungen, Weisheitsschulen, oder
wie man das Zeug sonst nennen mag, in der Gegenwart zu gründen, ist
Selbstbetrug und Unehrlichkeit der inneren Haltung.
(...) Beweise haben in der Welt der Tatsachen keinen Sinn.. Es ist noch nie
vorgekommen, daß man politische Gegner durch Beweise bekehrt oder in ihrer
Stellung erschüttert hätte. Aber es ist nötig, daß die sich einig werden,
die im Grunde ihres Wesens Träger ein und desselben Zieles sind: des
heiligen Deutschen Reiches. Zu dieser Einigung bedarf es des gegenseitigen
Verständnisses. Dieses Verständnis fehlt. Ihm dient die folgende Begründung.
Sie bildet sich nicht ein, daß an dem kommenden deutschen Zerfall irgend
etwas zu ändern sei. Aber sie ist der Überzeugung, daß es jetzt schon an der
Zeit ist, an der geistigen Haltung zu arbeiten, von der aus der spätere
Aufbau allein beginnen kann.
Seit die Germanen in Berührung mit der kraftlos gewordenen und überreifen
römisch-byzantinisch-christlichen Kulturenvielfalt gekommen sind, die den
Ausgang des sogenannten Altertums bildet, ist ihre innere Haltung unfrei.
Seit sie das Denken dieser fremden Welten übernommen haben, unfähig, die
kaum zum Ausdruck gekommene eigene Art gegen das jeder Unmittelbarkeit
längst entwachsene, zu Ende gedachte fremde Wesen zu schützen, seit dieser
Zeit ist die deutsche Haltung zweispältig (sic!). Der Deutsche bejaht den
Kampf als solchen; aber die müde Sittlichkeit der Fremden sucht den Frieden.
Seit also der deutsche Geist überfremdet ist, wird jede deutsche
Kampfhandlung mit schlechtem Gewissen getan, wird halb, kommt nicht zum
endgültigen Erfolge und sinkt nach oft prachtvollem Aufschwung immer wieder
in sich zusammen. Staatskunst ist die Fähigkeit, die eigenen Kampfhandlungen
mit dauerndem Erfolg nach außen zu verwirklichen. Seit der Deutsche
überfremdet ist, steht die deutsche Staatskunst allein und hat die deutsche
Innerlichkeit nicht geschlossen hinter sich. (...)
Mit Bismarcks Entlassung verwandelte sich das Bismärckische Reich in den
Wilhelminischen Staat, in ein Verfassgebilde, dessen Untergang unvermeidbar
war. Diese Unvermeidbarkeit zeigte sich im Weltkriege. Wenn kriegerisches
Heldentum ein Schicksal wenden kann, dann mußten wir siegen. Aber wir mußten
die Fahnen senken, weil hinter dem deutschen Krieger nicht die deutsche
Heimat stand als eine Einheit innerlichsten Glaubens, Wollens, Denkens, als
eine Welt der ungetrübten reinen und abgrundtiefen Zuversicht. So kam die
Niederlage. Der Staat der Weimarer Verfassung ist nicht ein neues Gebilde,
das von seinem Vorgänger irgendwie wesentlich verschieden wäre, sondern nur
die letzte Gestalt des Wilhelminischen Staates, die dessen alberne,
wertlose, erbärmliche Seiten in vorbildlicher Deutlichkeit und - freilich
unbewußter - Ehrlichkeit zeigt.
So ist hier nichts mehr zu halten und zu retten. Je eher dieser Staat
zugrunde geht, um so besser ist es für die deutsche Sache. Sein weiteres
Schicksal ist uns vollendet gleichgültig. Soll ich noch deutlicher werden?
Also ist hier nichts mehr zu verbessern. Wenn das noch möglich wäre, dann
würde zudem nicht das kindische Hurraschreien scheinkriegerischer Aufzüge
von Wert sein, sondern einzig und allein ein verbissenes, unterirdisches,
schweigendes und selbstverleugnendes Arbeiten, das vom Kleinsten anfängt,
wie Friedrich Wilhelm der Erste angefangen hat. Aber weil es nicht möglich
ist, an diesem Staat noch Hand anzulegen, bleibt nur eins übrig: in sich zu
gehen, und aus der Tiefe des eigenen Herzens die Zuversicht, den Glauben
heraufzuholen, der die deutsche Zukunft tragen und ohne den das neue Werk
nicht begonnen werden wird. (...)"
Wir fassen zusammen:
Der Zusammenbruch der liberalkapitalistischen Ordnung ist nicht in vollem
Gange, sondern er steht erst noch bevor. Vor diesem Kollaps sind jede
Aufbauarbeit und jede politische Partizipation zwecklos. Das deutsche Wesen
wurde vom westlich-christlichen Materialismus überfremdet, und daher war die
Niederlage des verwestlichten Kaiserreiches im Weltkrieg unvermeidbar. Die
Republik ist die Fortsetzung des wilhelminischen Staates in anderem Gewande
und ebenso wie er dem Untergang geweiht.
Am 30. Januar 1927
legte Hielscher den Aufsatz "Der andere Weg" nach: "Will ein
unterworfenes Volk frei werden, so muß es dazu zweierlei tun: es muß erstens
innerlich einig werden und zweitens seine staatskünstlerische Begabung
betätigen...Für die Betätigung unserer staatskünstlerischen Begabung fehlen
uns die Mittel." Der Hauptfeind waren nicht die unterdrückten
asiatischen Völker, sondern die "Träger der europäischen
Zivilisation...Aber wir bestreiten, daß wir zur Freiheit, d.h. zum
selbstherrlichen Gebrauch unserer eigenen Kräfte gelangen können, ohne in
entscheidenden Gegensatz zu Europa zu treten...Daher ist es geboten, unsere
ganzen Fähigkeiten auf den anderen Weg zu richten, dessen Begehung ebenfalls
unumgänglich notwendig ist, auf die endliche Einigung des deutschen Geistes."
Angezeigt ist die "mephistophelische Schlangenhaftigkeit und Gewandtheit
in der Verschleierung der tiefsten Gründe und Hintergründe". In diesem
Kampf sind alle Mittel erlaubt, solange man die eigene Treue nicht verletzt.
"Ersichtlich setzt eine solche Handlungsweise eine Sicherheit der inneren
Haltung voraus, die kaum überbietbar ist." Der geistige Kampf gilt nicht
etwa der etwaigen Undurchsichtigkeit des Handelns, sondern der
Vielfältigkeit der fremden Einflüsse. Einzig auf eigenen Willen gegründet
ist die Welt eines neuen Geistes, einer machtwilligen Seele zu errichten. "Das
ist das Ziel. Der Weg zu ihm führt über eine rücksichtslose strenge
Selbsterziehung eines jeden Einzelnen. Er führt über das eindeutige
Bekenntnis zu dem Glauben, an den sich die Dichter der alten Sagen, an den
sich Eckehart, Luther, Goethe und Nietzsche hingegeben haben. Er führt über
die Gestaltung jener Erziehung aus diesem Glauben heraus zur Züchtung eines
Geschlechts, das im Opferdienst am deutschen Glauben einig und deshalb, und
nur deshalb, berufen ist, das staatskünstlerische Werk zu vollbringen, zu
dem die Gegenwart ebensowohl aus einem Mangel an äußerem Willen wie aus
innerer Glaubenslosigkeit nicht geeignet ist."
Am 13. Februar
1927 folgte "Die faustische Seele": "Die seelische Zugehörigkeit zum
Deutschtum ist das Grunderlebnis der deutschen Menschen. Der letzte große
Versuch, sich mit diesem Grunderlebnis im Bewußtsein auseinanderzusetzen,
ist Spenglers Lehre von der faustischen Kultur. Der deutsche ist der
faustische Mensch. Die faustische Kultur ist das deutsche Seelentum.
Spengler sieht es aus dem unendlichkeitsverlorenen Walhall mit seinen tiefen
Mitternächten herabsteigen in die Tiefen der Mystik, sieht es zu endlosen
Kämpfen, gleichgültig gegen den Tod, das Schwert ziehen, die gotischen Dome
wollen den Himmel stürmen, der lutherische Bauerntrotz schlägt drein, ins
Grenzenlose schreitet die wälderhafte nordische Musik, unter den zartesten
und weltseligsten Melodien ihre gewaltige Einsamkeit verbergend oder sie
hinausschreiend in Sturm und Gewitter, aus Not und Elend und Blut steigt das
Preußentum empor, und als dem Faust der Zarathustra folgt, erschüttern
Wagners Posaunen die Welt und der Preuße Bismarck holt die Krone aus dem
Rhein. Dann folgt der Zusammenbruch, und von neuem beginnt der alte Kampf
(...)
Ich sehe einen langen Weg. Im Urdämmer
der Sage stehen der deutsche Machtwille und die deutsche Innerlichkeit
zueinander und sind untrennbar verbunden....Friedrich Nietzsche, der letzte
große Träger der deutschen Innerlichkeit, hat den Willen zur Macht gelehrt
und so die alte Weisheit wieder geweckt, die von den Tagen der Götter, von
den Tagen Sigfrids und Hagens her die deutsche Sittlichkeit verkündet. Wenn
unsere Innerlichkeit wieder gelernt haben wird, ihr zu folgen, wenn der
deutsche Machtwille nicht mehr alleinstehen wird, erst dann, aber dann
sicher, wird die deutsche Zwietracht aufhören, wird sich das deutsche
Menschentum vollenden und in seiner Vollendung heimfinden zu dem ewigen
Brunnen, aus dem es entstiegen ist."
Verdeutlicht wird diese
Darstellung der faustischen Seele durch den Aufsatz "Die Alten Götter".
Sagen, Märchen und die germanisch-keltische Mythologie bilden die Heimat der
deutschen Seele. Hielscher betont den Kampf als Daseinsprinzip: "Das
versteht nur ein Deutscher, daß man sich gegenseitig die tiefsten Wunden
schlagen und dennoch die beste Freundschaft halten kann. Denn der Deutsche
ist in seinem Innern selber so: hundert- und tausendfältig zerrissen, ein
Schlachtgebiet aller holden und unholden Geister, und aus dieser
Zerrissenheit seinen Stolz herausholend und eine höhere Einheit, die über
allem Ernste sich ein Lächeln bewahrt hat, und über allen Abgründen eine
einsame und lichte Höhe, die ihren Glanz in alle Tiefen schickt....Der Kampf
ist das Nein, und die Vollendung ist das Ja. Die Geburt des Ja aus dem Nein,
die Vollendung im Kampfe, das ist das Lied von den alten Göttern. Es ist das
Lied, das alle großen Träger der deutschen Innerlichkeit verkündet haben.
Wenn Eckehart die brennende Seele lehrte, in der doch eine ungetrübte
schweigende Stille herrscht, wenn Luther im Wirken und durch das Wirken
Satans die Allmacht Gottes geschehen sah, wenn Goethe alles Drängen und
Ringen als ewige Ruhe in Gott erlebte, wenn endlich Nietzsches Welt des
Willens zur Macht, diese Welt des Ewig-sich-selber-Schaffens und
Ewig-sich-selber-Zerstörens als endloser Kreislauf zu sich selber guten
Willen hatte, so war das immer nur das alte Lied" (der nordischen Mythologie).
"So wird der Kampf zum Selbstsinn, und die Treue in diesem Kampfe ist das
Höchste. Es gibt nichts anderes. Um des Kampfes willen ist die Innerlichkeit
da, weil sie die Kraft zu diesem Kampfe gibt...Das ist eine ganz andere
Treue, als die Gegenwart sie kennt. Das ist die Treue, die alles opfert, den
Schwur, die Ehre, das eigene Blut; die Treue, die nur das eigene Werk und
seine Vollendung im Kampfe kennt."
Das Leben der Völker
bemißt sich nach Völkerjahren mit den vier Jahreszeiten. Hielscher zieht
zahlreiche Allegorien mit dem Vegetationszyklus eines Baumes. Die Deutschen
befinden sich derzeit im Stadium des Winters, ausgelöst durch die "Verstofflichung",
den Materialismus der westlichen Zivilisation. Die Entstehung des
Materialismus verortet Hielscher bereits zu Zeiten der Renaissance, aus der
sich der Frühkapitalismus entwickelte. Der Mensch will nicht mehr gebunden
sein, sondern wider seine Natur nur noch von sich selbst abhängen. Religion,
Volk, Tradition und Kultur weichen dem Individualismus. Die Menschen haben
die Wahl, ob der Winter "die Umkehr oder den Tod bringen (wird), nach
unserer Wahl und nach der zukommenden Gnade der Götter".
"Wer die Kälte der Oberfläche ändern wollte, würde als Schwarmgeist
scheitern. Desgleichen steht nicht in der Hand der Wurzeln und der
Wintersaat und nicht in der Hand des Menschen. Vielmehr ist uns diese Kälte
vorgegeben." Jeder Winter birgt den Keim des Frühlings, nicht zuletzt
symbolisiert durch die Sonnenwende.
"An der Quelle
muß der Strom versiegen, an der Wurzel muß das Unheil absterben. Und in
Quelle und Wurzelgrund muß das Heil von neuem gewonnen werden." Das Reich
ist noch nicht stark genug, um oberirdisch gedeihen zu können. Es ist
verborgen im Inneren seiner Glieder, eines neuen Menschentypus, keine
sichtbare Gestalt. Innerlichkeit und Wille zur Macht verknüpfen sich
miteinander.
So geht es heute nicht mehr um das Retten
des alten abendländischen Leibes, sondern um das Bilden des neuen." Soziale
Herkunft und Interessen der Unterirdischen sind gleichgültig. "Und jeder mag
unter den Vorbildern sich seinen Helden wählen."
3.
Staatskunst
Nachdem Hielscher
dergestalt die Notwendigkeit unterstrichen hatte, ein neues Bewußtsein als
Grundvoraussetzung erfolgreichen Handelns zu schaffen, wandte er sich
außenpolitischen Fragen zu. Im März 1927 veröffentlichte der "Arminius"
seinen vielbeachteten Aufsatz "Für die unterdrückten Völker!", der Hielscher
gewissermaßen zum Erfinder des Befreiungsnationalismus machen sollte. Wir
merken an, daß derartige Gedankengänge auch schon im Werk Moeller van den
Brucks auftauchen.
Der Erste Weltkrieg
hatte die Völker aller Kontinente aufgerüttelt, so daß jede politische
Maßnahme ihre Wirkung verhundertfachte. Auf dem Brüsseler Kongreß der
unterdrückten Völker hatten die Farbigen erstmals einmütig ihre Stimme gegen
den Westen, gegen Imperialismus und Kolonialismus und für den Nationalismus
erhoben. Unter den Bestimmungen des Versailler Diktats war Deutschland mit
seiner dem Westen hörigen Demokratie kein souveräner Staat, sondern
ebenfalls eine Kolonie. Kein Kontinent stand mehr für sich alleine, sondern
neue Aufgaben, Freundschaften und Ziele entwickelten sich. Im Zentrum der
Hoffnung Hielschers stand das Erwachen des Giganten China, Indiens oder der
arabischen Welt, weniger die Sowjetunion, die ihre "russische" Ideologie
allen anderen Völkern aufzwingen wollte und damit kein echter Partner der
nach Freiheit strebenden Völker war.
Deutschland ist kein
Teil des westlichen Europa, sondern ein Teil des asiatischen Ostens. In der
Verehrung des Ostens verbeugt sich der Deutsche "vor einer weiten
unendlichen, durchaus uneuropäischen und geheimnisvollen Welt einer
sehnsüchtigen und zutiefst ruhigen Weisheit und Selbstsicherheit, aus der er
seine Kraft strömen fühle". Die deutsche Innerlichkeit ist ein
Widerspruch gegen den Westen und dessen Zivilisationsdenken. "Die Völker
des Ostens glauben an unverrückbare Kräfte, denen sie sich verdienstet
wissen, aus denen ihre Art entspringt, und zu der sie zurückkehrt, wenn ihre
Stunde geschlagen hat. Der Deutsche gehört zum Osten und nicht zum Westen.
Der Westen ist Zivilisation, der Osten ist Kultur. Die Zivilisation ist auf
dem Gelde und der Berechnung aufgebaut und kennt keine Innerlichkeit. Die
Kultur errichtet auf dem Grunde einer unerschütterlichen Gewißheit die Werke
einer hohen Kunst, eines demütigen Denkens, einer hingebenden Weisheit. Die
Völker des Westens sind Zivilisationsvölker, die Völker des Ostens tragen
ihre großen Kulturen."
Im Gegensatz zum
kapitalistischen Westen ist der Osten sozialistisch, wobei Sozialismus hier
als eine innere Haltung und nicht als theoretisches System zu verstehen ist.
Während der Kapitalismus den Menschen seinen Taten entfremdet und dem Nutzen
unterwirft, will der Sozialismus die Leistung und das Werk. Die Menschen
sind keine Einzelwesen, sondern Glieder von Gemeinschaften. "Der Westen
kennt nicht Ideen, sondern Konzerne; er kennt keine Gemeinschaften, sondern
wirtschaftliche Verbundenheit."
"Der Westen ist Imperialismus, der Osten
ist Nationalismus. Der Nationalismus ist die Folge des Glaubens an die
eigene Kultur, der Wille zur Durchsetzung ihrer eigenen Art, der Wille zum
Dienst an der Gemeinschaft, die auf der eigenen Kultur beruht. Der
Imperialismus ist die Benutzung der nationalen Mittel zur Erlangung
wirtschaftlichen Profites, die Umfälschung nationaler Ziele in
Wirtschaftsinteressen."
"Wir deutschen Nationalisten werden mit den Nationalisten des Ostens
zusammengehen; wir fordern den gemeinsamen Kampf gegen den
westeuropäisch-amerikanischen Imperialismus und Siegerkapitalismus, wir
fordern die Abkehr der deutschen Wirtschaft von den westlichen
Verbundenheiten, die Abkehr der deutschen Geistigkeit vom Westen. Im Osten
kämpfen die unterdrückten Völker den gleichen Kampf, den Kampf der
Kulturnationen gegen die Zivilisationsvölker, den Kampf der Tiefe gegen die
Oberfläche. Verbünden wir uns ihnen. Scheuen wir kein Opfer. Der Osten
wartet auf uns. Enttäuschen wir ihn nicht. Wir sind der Vorposten des Ostens
gegen den Westen. Der Westen wankt, und der Sturm aus dem Osten hat
begonnen. Die deutsche Stunde schlägt."
Hielschers
Ausführungen, die sich im übrigen jeder Rassist und Xenophobe einmal etwas
intensiver durch den Kopf gehen lassen sollte, trafen auf ein gemischtes
Echo. Der Kampfverlag der NS-Parteilinken unterstützte Hielschers
internationalistisch-nationalistische Thesen ebenso wie Franz Schauweckers
"Standarte". Bezeichnenderweise kam vom hitleristischen "Völkischen
Beobachter" und von den Vereinigten Vaterländischen Verbänden schroffe
Ablehnung.
Mit seinem
philosophisch-politischen Programm stürzte Hielscher sich in die Politik,
zunächst eine Reihe geopolitischer Analysen nach obigem Muster im "Arminius"
veröffentlichend und jegliche Mitarbeit am Weimarer System heftig
kritisierend. Im Juli 1927 beteiligte er sich an der von August Winnig
gegründeten Berliner Sektion der Alten Sozialdemokratischen Partei, einer
"rechten" Abspaltung der SPD. Als Gruppenorgan fungierte die Zeitschrift
"Der Morgen", zu deren Autoren neben Hielscher die Nationalrevolutionäre
Eugen Mossakowsky und Karl Otto Paetel gehörten. Anhang aus der
Arbeiterschaft konnte kaum gewonnen werden, dafür kamen die bürgerlichen
Rebellen.
4. "Das
Reich"
Spätestens das
ASP-Experiment überzeugte Hielscher von der Sinnlosigkeit tagespolitischer
Aktivitäten. In seinen Memoiren "Fünfzig Jahre unter Deutschen" analysiert
er die Situation im Nachhinein so: "Will man sich den Ort der
Einzelgänger vor Augen führen, so stelle man sich die Parteien als ein
Hufeisen vor, an dessen einem Flügel die Nationalsozialisten, an dessen
anderem die Kommunisten standen.
Dann finden wir neben den
Nationalsozialisten die Deutschnationalen Hugenbergs, neben ihnen die
Deutsche Volkspartei Stresemanns und neben ihr das katholische Zentrum, das
die Mitte tatsächlich bildete. Links davon sehen wir die Demokraten, hernach
die Sozialdemokraten und schließlich die Kommunistische Partei.
Aber mit ihnen schloß sich der Kreis nicht, sondern zwischen ihnen und den
Nationalsozialisten klaffte eine Lücke, die sich um so weniger schließen
konnte, als die Nationalsozialisten und die Kommunisten bereits nur noch dem
Namen nach Parteien waren, in Wirklichkeit aber Horden, und zwar Horden in
Bundesgestalt und mit parlamentarischer Maske. Sie wollten Massenbewegungen
sein, gaben sich vor ihren gutwilligen Anhängern das Gesicht eines Bundes
und spielten nach außen die Partei, um nicht verboten zu werden.
Den Bund kennzeichnet im Aufbau die gegenseitige Verpflichtung zwischen
Haupt und Gliedern, im Wesen der Geist, der sie verbindet, sei es nun ein
Glaube oder auch nur eine besondere Menschlichkeit, im Sinne der
freiwilligen Dienste an diesem Geiste und im Zwecke das Ziel, das er dem
Haupte und den Gliedern aufgibt.
Der Horde mangelt im Aufbau die Gegenseitigkeit, im Wesen der Geist, im
Sinne der freie Wille und im Zwecke das Ziel. An die Stelle der
Gegenseitigkeit tritt der einseitige Gehorsam, an die Stelle des Geistes das
Programm, an die Stelle des freien Willens der Zwang und an die Stelle des
Zieles der erstrebte Vorteil und Nutzen, sei es des Hordenführers allein,
sei es zugleich seiner Garde oder der ganzen Horde.
Die Gestalt des Bundes anzunehmen empfiehlt sich der Horde, wenn das Volk
sich wieder nach Bund und Verbundenheit sehnt, weil die Lüge am besten in
Gestalt der Wahrheit zu wirken vermag und von ihren abgesplitterten und
selbständig genommenen Teilen allein lebt. Mit der Wahrheit zu schwindeln,
ist nicht nur die beste, sondern es ist auch die einzige Art der Lüge, die
Erfolg haben kann.
Und die Maske der Partei schließlich bietet sich von selber an, weil in
Verfallszeiten nicht das Volk, sondern der Bürger herrscht, welcher in den
Zweckverbänden der unverbindlichen Parteien sich am besten darzustellen und
zu entfalten vermag. (...)
So sehen wir nicht nur an den äußeren Flügeln des Parteienhufeisens zwei
offenkundige Horden in Bundesgestalt und mit scheinbündischen Gliederungen
wie hier der SA oder der SS und dort dem Rotfrontkämpferbunde, sondern auch
bis fast in die Mitte heran jede Partei bemüht, sich eine Horde
heranzubändigen oder sich eines Bundes zu versichern. (...)
Zwischen den beiden Hordenflügeln aber kochten die Einzelgänger ihren Trank
und bildete sich Bund. Hier schlugen die Flammen von rechts nach links
herüber, um der Feuerzange die nötige Glut zu geben."
Auf den Zerfall der
"Arminius"-Gruppe folgte ab Oktober 1927 die Zeitschrift "Der Vormarsch",
ursprünglich ein Blatt von Kapitän Ehrhardts Wikingbund. Die Schriftleitung
lag bei Ernst Jünger und Werner Lass, dem Führer der Schill-Jugend, einem
ehemaligen Gefolgsmann des Freikorpsführers Roßbach mit starkem Einfluß in
der HJ. Hielscher variierte hier weiterhin seine bekannten Thesen. Der
"Vormarsch" wurde zum Zentrum einer bewußt provokativen Militanz. Es kam zur
Bildung kleiner revolutionärer Zirkel, die über die Grenzen der Bünde und
Parteien zusammenarbeiten. Engere Verbindungen unterhielt der
"Vormarsch"-Kreis zur NSDAP, die sich durch ihren sozialrevolutionären
Charakter zusehends von den anderen Rechtsverbänden absonderte. Unterhalb
der agitatorischen Ebene verkehrte Hielscher in diversen Zirkeln, von denen
vor allem der Salon Salinger zu nennen ist. Der jüdischstämmige Hans Dieter
Salinger, Beamter im Reichswirtschaftsministerium und Redakteur der
"Industrie- und Handelszeitung", versammelte hier einen bunt
zusammengewürfelten Kreis um sich. Neben Hielscher sind hier Ernst von
Salomon, Hans Zehrer, Albrecht Haushofer, Ernst Samhaber oder Franz Josef
Furtwängler, die rechte Hand des Gewerkschaftsführers Leipart, zu nennen.
Im Frühjahr 1928
bildete Friedrich Hielscher, wohl inspiriert durch Salingers Kontaktpool und
durch den Schülerkreis des Dichters Stefan George (vor allem in Aufbau und
Methode), einen eigenen Zirkel um seine Person. Diesem Kreis fiel
beispielsweise indirekt das Verdienst zu, den Brecht-Weggefährten Arnolt
Bronnen für die revolutionäre Rechte zu gewinnen. Nach dem Rückzug Jüngers
übernahm Hielscher im Juli 1928 gemeinsam mit Ernst von Salomon die Leitung
des "Vormarsches", dessen Auflage auf 5000 Exemplare gesteigert werden
konnte. Der NS-Studentenbund warb um den unter Studenten und Bündischer
Jugend zugkräftigen Intellektuellen, um ihn als Veranstaltungsredner für
sich zu gewinnen. Das Verbandsorgan der Ehrhardt-Anhänger und rechten
Paramilitärs entwickelte sich zu einer übernational-antiimperialistischen
Monatszeitung, die jedoch durch die wirtschaftliche Inkompetenz von
Verlagsleiter Scherberning behindert wurde.
Dem Zeugnis Ernst von
Salomons zufolge war der Hielscher-Kreis in seiner Anfangsphase jedoch ein
Tummelplatz menschlicher Intrigen und Eitelkeiten. Im Herbst 1928 reagierte
Hielscher auf die sich abzeichnende Bauernrevolte in Norddeutschland mit der
schwächlichen Forderung nach Verminderung der Steuern und einer Agrarreform
- offensichtlich hatte er das revolutionär-anarchistische Potential der
entstehenden Landvolkbewegung nicht erkannt. Der verärgerte Salomon urteilte
im Februar 1929: "Hielscher hat sich für mein Empfinden völlig ausgeschöpft,
was er betreibt, ist Leerlauf, schade um ihn. Aber er erkennt das selber
nicht, will die Dinge forcieren und erreicht dadurch erst recht nichts.
Außerdem führt er einen absonderlichen Lebenswandel, der an seinen Nerven
zehrt. Dabei haben die ganzen Leutchen...dickste Illusionen im Kopp..."
Hielscher bilde sich ein, "man könne Politik ohne Macht, allein durch Geist
und gute Verbindungen machen". Zugleich hielten die heftigen internen
Auseinandersetzungen im Hielscher-Kreis mit Intrigen, Verleumdungen und
Verdächtigungen an. Salomon kehrte dem "Vormarsch" daraufhin mit der
Bemerkung, hier müsse noch einmal "bannig femegemordet" werden, den Rücken
und schloß sich den Landvolkterroristen an.
Trotz eines
Hitler-Verdikts gegen den "Vormarsch", der angeblich mit dem "asiatischen
Bolschewismus" liebäugele, stellte sich der mächtige Gregor Strasser am 25.
Oktober 1929 hinter die Gruppe. Ernst Jünger, Franz Schauwecker oder
Friedrich Hielscher seien Beispiele für die steigende Tendenz, "daß der
Nationalsozialismus beginnt, magnetgleich andere Kreise, andere bisher in
ihrer Sphäre festgefügte, gleichwertige Geister an sich zu ziehen." Am
gleichen Tag schrieb Hielscher in den "Kommenden": "Stoßen wir also bei
unserer nationalistischen Arbeit auf politische Handlungen der russischen
Außenpolitik, die gegen den Westen gerichtet sind, so werden wir diese
Handlungen begrüßen und nach Möglichkeit fördern. Stoßen wir auf die
kommunistische Ideologie selbst, die auf dem dialektischen Materialismus
beruht, so werden wir ihr das idealistische Bekenntnis zur Deutschheit
entgegenzustellen haben; und wir werden nicht zu vergessen haben, daß der
Sozialismus, den wir wünschen, die Unterordnung der Menschen unter den
nationalistischen Staat auf wirtschaftlichem Gebiet bedeutet, während der
Sozialismus, den Marx anstrebt, das staatenlose, größtmögliche Wohlergehen
der größtmöglichen Zahl will."
Im Sommer 1929 legte
Hielscher die Chefredaktion des "Vormarsch" nieder, um sich einem eigenen
Zeitschriftenprojekt und einem weltanschaulichen Grundlagenwerk zu widmen.
Die Monatsschrift "Das Reich" sollte sich zu einem der maßgeblichen Blätter
der nationalrevolutionären Szene entwickeln, in der die brillantesten Köpfe
aus der Grauzone zwischen NSDAP und KPD zu Wort kamen. In der Rubrik
"Vormarsch der Völker" gewährte man den antikolonialen Befreiungsbewegungen
und ihren Vertretern breiten Raum, folgerichtig spielten auch
vulgärgeopolitische Betrachtungen eine Rolle. Um die Jahreswende 1930/31
beteiligte Hielscher sich gemeinsam mit Jünger und Paetels
Sozialrevolutionären Nationalisten an der Deutsch-Orientalischen
Mittelstelle zur Förderung des antiimperialistischen
Befreiungsnationalismus. Gelder beschaffte Franz Schauwecker vom
Stahlhelm-nahen Frundsberg-Verlag, und neben dem altgedienten Putschisten
F.W. Heinz sollte Schauwecker sich zu einem der enthusiastischsten
Hielscher-Gefolgsleute entwickeln. Weitere Finanzmittel kamen vom
unvermeidlichen Kapitän Ehrhardt. Die Debütausgabe des "Reiches" erschien am
1. Oktober 1930, und kein Geringerer als Ernst Jünger steuerte zur Eröffnung
einen Beitrag bei.
Hielscher selbst
schrieb in "Die letzten Jahre", Weimar und mit ihm die Wilhelminische
Ordnung seien im Zerfall begriffen, es gehe wie seine Parteien bis hin zu
NSDAP an Selbstzersetzung infolge von Unfähigkeit der Führer zugrunde. Die
Weltwirtschaft kranke an der Weimarer Republik wie an einer unheilbaren
Wunde. Asien blicke gärend auf Deutschland, von wo der Funke kommen sollte,
der den letzten Sprengstoff entzündet: "Die Versuche des Westens, von
der Wirtschaft her die kommende Gefahr zu bannen, verfangen nicht mehr. Die
Mächte des Ostens tasten eine jegliche nach einem neuen Halt; aber keine hat
die Lösung. Niemand weiß weiter. Und in dem deutschen Raum inmitten dieser
tausendfältigen Verwirrung brodelt es unaufhörlich.
Hier ist der Ort und hier liegt die
Aufgabe für die Menschen des Reiches, die durch den Weltkrieg
hindurchgegangen sind; des heimlichen Reiches, das inmitten der Völker
sichtbare Gestalt annehmen will. Wer dem Weltkriege seine Haltung und seine
Zuversicht verdankt, weiß, daß er ein Sieg des Reiches gewesen ist, den
Osten erweckend, den Westen zersetzend, den Zusammenbruch des
wilhelminischen Fremdkörpers vorbereitend...
Die Wissenden erkennen sich auf den ersten Blick. Sie haben einander
gefunden und finden sich weiter, seitdem die Verwandlung des Weltkrieges ihr
Bewußtsein erfüllt hat. Seit dieser Zeit ist die Unruhe zur Arbeit geworden
und die Suche zum Entdecken...Die Menschen des unsichtbaren Kerns haben
einander entdeckt. Sie rühren keinen Finger gegen den Westen, der sich imn
Staat der Weimarer Verrfassung so guit wie jenseits des Atlantischen Ozeans
von selbst zerstört. Was heute Erfolg heißt, ist ihnen gleichgültig. Sie
haben die große Geduld.
Denn die Entscheidung, die sich heute vorbereitet, liegt tiefer als irgend
eine Entscheidung der bisherigen Geschichte. An ihr sind alle Mächte
beteiligt. Der Weg zu ihr ist Bekenntnis und Staatskunst zugleich. Nur wo
beides ineinanderwirkt, geschieht d a s R e i c h."
Neben dem "Reich"
widmete Hielscher sich weiteren publizistischen Projekten, beispielsweise
beteiligte er sich am 1931 von Goetz Otto Stoffregen herausgebenenen
Sammelband "Aufstand - Querschnitt durch den revolutionären Nationalismus".
Im Beitrag "Zweitausend Jahre" hieß es: "Das Kennzeichen, durch welches
sich unsere Geschichte von der jedes anderen Volkstums unterscheidet, ist
die wechselseitige Verschlungenheit von Innerlichkeit und Macht. Unsere
Innerlichkeit enthält den Willen zur Macht; und unsere Macht enthält den
Willen zur Innerlichkeit." Innerlichkeit und Machtwille wurden durch den
Einbruch des Christentums getrennt. Der Weg der Innerlichkeit führt von der
Ursage über Mystik, Reformation und Idealismus bis hin zu Nietzsche. Der Weg
der Macht wiederum verlief von Theoderich den Großen über Heinrich VI von
Hohenstaufen, Gustav Adolf und Friedrich den Großen bis zu Bismarck. Die
wechselseitige Bezogenheit von Innerlichkeit und Macht hatte niemals
aufgehört. Immer wieder erfolgten Anläufe, die Einheit beider Begriffe
herzustellen, und unter der Macht des Reiches alle germanischen Stämme zu
einen. "So ist nun in dreifachem Anlauf vor aller Augen das Ziel
errichtet worden, das die Macht des Reiches zu verwirklichen bestimmt ist;
und es bedarf der Waffe, mit der die Deutschen das ihnen jetzt sichtbare
Ziel erreichen können. Diese Waffe heißt Preußen.
Preußen ist kein Stamm, sondern eine Ordnung. Es gibt
nur Wahlpreußen. Aus allen Stämmen des Reiches strömen die wagemutigsten,
abenteuerlichsten, kriegerischsten Herzen zusammen; es entsteht der Staat
Friedrich Wilhelms I und Friedrichs des Großen." Ziel war der Kampf gegen
den westlichen Materialismus, "und gerade gegenüber diesem bereits in
Deutschland eingedrungenen Gift."
"Ob Luther gegen Rom kämpft, oder ob Goethe den Beginn des
Johannesevangeliums neu übersetzt: ‚Im Anfang war die Tat' - immer drängt
die Innerlichkeit zum Tun; sie enthält den Willen zur Macht, die Sehnsucht,
die das Amt herbeiglaubt und die Menschen zum Werke drängt.
In Nietzsche vollends wird dieser Drang zum bewußten Wollen: die
Innerlichkeit erkennt ihr Getriebenwerden als Willen zur Macht." Nietzsche
forderte den "ins Geistige gesteigerten Fridericianismus", bindet dieses
neue Menschentum an Gestalten wie Friedrich II von Hohenstaufen und
Friedrich II. den Großen. Auf Nietzsche und Bismarck folgte der Weltkrieg,
der "trotz der scheinbaren Niederlage den größten Sieg bedeutet, den
Deutschland jemals errungen hat". "Zum ersten Mal, seit die Erde steht, gibt
es keine voneinander abgetrennten Kampffelder mehr, so wie es z.B. den
ostasiatischen, den vorderasiatischen oder den Kulturkreis des Mittelmeeres
gegeben hat, sondern die Erde ist ein einziges Schlachtfeld geworden, ein
Chaos, in welchem alle Kräfte zugleich um den Sieg streiten, ein Chaos, das
alle Kräfte durch diesen Streit verwandelt und von Grund auf umschöpft."
Im gleichen Jahr legte
Friedrich Hielscher sein mit Hilfe des Frundsberg-Verlages herausgebenes
Grundlagenwerk "Das Reich" nach. Ein Volk entsteht Hielscher zufolge aus der
Gemeinschaft von Schicksal und Bekenntnis. Das Blut erhält seinen Rang durch
eine Entscheidung und nicht durch die Biologie. Deutschtum/Deutschheit
leiten sich nicht durch Abstammung und staatliche Definition, ab, sondern
aus Gesinnung und Glauben. Der Reichsbegriff wird vom politischen zum
religiös-metaphysischen, in der Geschichte wirkenden Prinzip einer
föderativen Ordnung Europas - unter Führung des preußischen Geistes. Die
Nationalstaaten sollten sich in Stämme und Landschaften auflösen, und aus
diesen verkleinerten Einheiten war etwas Größeres zu schaffen, das über die
Nationalstaaten hinausging.
Ergänzend heißt es in
"50 Jahre unter Deutschen": "In Wahrheit muß...im Innern des Menschen
angefangen werden, im eigenen zuerst und dann im Bunde mit denen, die des
gleichen Willens sind. Aber das ist mit keiner noch so reinen Sittlichkeit
zu schaffen, schon gar mit keiner Moral und vollends nicht mit Anordnungen
und Vorschrift." Sondern nur der Glaube "gibt uns das Gesetz als das Gebot
der Götter"
"Das Reich": "Die
schöpferische Kraft kann nicht auf dem einen Gebiet wirken und auf dem
anderen nicht. Sie kann nicht vor dem Alltag halt machen oder vor den
Umständen oder der Not. Sie erfüllt den ganzen Menschen. Er mag anpacken,
was er will, er mag versuchen, sich in nichtige Dinge zu flüchten: Die
schöpferische Kraft folgt ihm, sie treibt ihn weiter, und am Ende erkennt
er, daß alles, was er angefaßt hat und was ihm begegnet ist, notwendig und
gut gewesen ist um seines Werkes willen, für das er lebt, für das er gelebt
wird, das durch ihn hindurch wirkt. Darum bilden alle Menschen, hinter denen
ein und dasselbe Wesen steht, nicht auf irgendwelchen einzelnen Gebieten,
sondern ihr ganzes Leben hindurch, in jeder Hinsicht unabdingbar eine
Einheit des Wirkens. Es müssen ein und dieselben Ereignisse sein, die sie
fördern oder hemmen: ein und dieselben Begegnungen müssen für sie Tiefe oder
Licht bedeuten: sie haben dasselbe Schicksal, das heißt aber: sie sind ein
Volk. Kein Ding in Raum und Zeit bindet endgültig: nicht die Abstammung,
nicht die Sprache, nicht die Umgebung. Dem alleine steht der einzelne frei
gegenüber. Allein seine schöpferische Kraft, die seinen Willen überhaupt
erst bildet, aus dem sein Wille in jedem Augenblick gebildet wird, bindet
ihn notwendig, sie ist der Kern seines Wesens. Damit unterscheidet sich ein
Volk von einem bloßen Abstammungsverband und von jeder Verbindung, die nur
durch äußere Umstände zusammengehalten wird...Nur die seelische Besessenheit
durch dieselbe schöpferische Kraft gestaltet aus einer Vielheit vertretbarer
Menschen ein Volk, indem ein und dieselbe Wirklichkeit durch die Tat bezeugt
wird. Das Volk ist Einheit des Bekenntnisses und des Schicksals. (...)
Geduld ist die oberste Tugend dessen, der verwandeln will. Wer keine Geduld
hat, erreicht nichts.
Die Entscheidung, die sich hier vorbereitet, bedeutet die vollkommene
Vernichtung der heutigen Ordnungen und Güter; und es ist an der Zeit, mit
jenen hoffnungslosen Gedanken aufzuräumen, die noch retten wollen, was zu
retten ist. Es ist nichts mehr zu retten. Alle äußeren Gestaltungen der
Gegenwart brauchen und unterstützen die westliche Verfassung des
öffentlichen und des Einzellebens. Sie setzen die Heiligkeit des
uneingeschränkten Eigentums voraus, den Verdienst als treibenden Anreiz des
Handelns und die Wohlfahrt aller als Ziel der Gemeinschaften. Hier darf
nichts gerettet werden. Die inneren Güter aber, die nicht des Westens,
sondern des Reiches sind, sind unzerstörbar. Wer sie für gefährdet hält,
kommt für die deutsche Zukunft nicht in Frage. Denn er glaubt nicht an sie.
Wer glaubt, zweifelt nicht.
Die Vernichtung dessen, was heute besteht, ist sogar notwendig. Denn daß der
Westen die Entscheidung gerade in dem Raume zwischen Rhein und Weichsel
sucht, liegt an dem Rang, den dieses Gebiet innerhalb der - westlichen -
Weltwirtschaft besitzt. Weil China, Indien und Rußland bereits zum größten
Teile aus ihr heraus gefallen sind, darf sie Deutschland nicht auch noch
verlieren, um keinen Preis. Sonst ist sie selbst verloren. Darum setzt der
Untergang des Westens die Vernichtung dessenh voraus, was heute Deutschland
heißt, was mit dem Wesen des Reiches nur mehr den Namen gemeinsam hat.
Die Ereignisse des Dreißigjährigen Krieges werden gering vor dieser Zukunft.
Er hat die Erde noch nicht aufgerufen. Aber der Erste Weltkrieg hat es
getan; und dadurch wird die Wucht der nächsten Jahre, der nächsten
Jahrzehnte, der nächsten Jahrhunderte größer, als die der fünftausend Jahre
bewußter Erdgeschichte, auf die wir zurückblicken können. Wer von dem Werke,
das ihm obliegt, die Erhaöltung und Bewahrung überkommender Dinge erwartet,
zeigt nur, daß er die Größe der Verwandlung nicht erkannt hat, in der die
Völker seit 1914 leben.
Es gibt heute keine sichtbaren Werte des Reiches. Es lebt inwendig in den
Herzen; oder es würde nicht leben.Zerschlagen muß das Eigentum werden, das
dem Westen gehört, das den westlichen Menschen gehört. Der Westen würde
längst besiegt sein, wenn er nicht die Geister der Menschen gefangen hätte,
wenn nicht wirklich jeder, der um seines Vorteiles willen lebt, damit zum
Werkzeuge, zum Untertan und Helfer des Westens würde. Zerschlagen muß die
ständische Haltung werden, weil die hierarchische Befriedung der Stände, die
- gutgläubig oder nicht gutgläubig - vom Süden her verkündet wird, nur der
pax Romana, der friedevollen Herrschaft Roms sich einfügt, welche die Völker
dem Heiligen Stuhle unterwirft, und weil die Ziele Roms mit denen des
Westens gemeinsam auf die Erhaltung des Staates der Weimarer Verfassung
gerichtet sind. Zerschlagen muß die Möglichkeit der kolonialen Ausdehnung
werden, weil der Herrschaftsanspruch des Reiches nichts mit dem kolonialen
Märktekampf zu tun hat, weil, nicht nur der Begriff der ‚Kolonie', sondern
auch jedes koloniale Streben dem Willen zur prosperity und nicht dem Willen
zur Macht dient.
Man darf gewiß sein, daß die allernächsten Jahre diese Vernichtung
vorbereiten und fördern werden. Jener Gleichlauf der Selbstzersetzung des
Westens und des Aufbaus der Reichszellen, jene langsame und zögernde
Annäherung zweier Bahnen, die sich erst im Augenblick der Entscheidung
überschneiden, deren Überschneidung der entscheidende Augenblick ist, prägt
sich bereits heute - und von Tag zu Tag mehr - in der Verelendung des Volkes
aus. Es wird nicht fünf Millionen, sondern fünfundzwanzig Millionen
Arbeitslose geben. Es wird nicht mehr Haß und Hoffnung geben, sondern nur
noch Verzweiflung und Zuversicht.
Diese Zuversicht, welche die kommende Vernichtung bejaht, glaubt an das
unvernichtbare ewige Wesen des Reiches. Sie weiß, daß im Wandel der
sichtbaren Geschichte immer nur die unsichtbare Wirklichkeit lebt. Sie weiß,
daß eine jede Kraft des Ewigen selber unwandelbar und ewig ist, und daß kein
Werk, kein schöpferisches Tun um des zeitlichen Seins willen geschieht,
sondern immer und nur um der Macht des Reiches willen, welches sein
zeitliches Reden und Schweigen, Tun und Stillesein, sichtbares oder
verborgenes Bildnis heraufführt, wie es ihm beliebt. Das kriegerische Herz
verwechselt die zeitliche Erhaltung nicht mit der göttlichen
Unsterblichkeit. Es ist unsterblich und freut sich der zeitlichen
Vernichtung als der Bürgschaft seiner unüberwindlichen Gewalt. Der
Untergang, dem sich die Deutschen, und das heißt immer und immer wieder: die
Menschen des Reiches, heute aussetzen, führt die Freiheit herauf, um die
seit der ersten Schlacht des Ersten Weltkrieges gekämpft wird, die Freiheit,
welcher als erwünschtes Werkzeug der Westen selber dient, dessen Griff über
die Erde das Zeitalter der großen Kriege des Reiches ermöglicht."
5.
Unterirdisch im Dritten Reich
Die Nationalisten alten
Schlages und die KPD konnten hier begreiflicherweise nicht folgen. Ernst
Niekisch urteilte: "Das ist ja nicht mehr Nationalismus". Alfred Kantorowicz
erkannte in der Vossischen Zeitung am 14. September 1931 als einer der
wenigen, wohin die Reise ging: Das sei weder Politik noch Philosophie,
sondern Theologie. Otto-Ernst Schüddekopf bemerkt sehr treffend, die
Disproportion zwischen dem engen deutschen Nationalismus des 19.
Jahrhunderts und den heraufnahenden globalen Machtkämpfen suchte man im
radikalen Nationalismus Weimars zu überwinden. Der Sprung in die Freiheit
durch die Idee des "Reiches" der Deutschheit, die mit den Voraussetzungen
des deutschen Nationalstaates nichts mehr zu tun hat - der
Nationalsozialismus bedeutete demgegenüber einfach Reaktion.
Kollektivistisches Denken und bolschewistische Lebensform wurden als
typenbildende Kraft akzeptiert. So konnte man die alten Massenparteien aus
den Angeln heben und sich selbst als die die Zukunft des Reiches bestimmende
Kraft definieren.
Nach der
NS-Machtergreifung stellte Friedrich Hielscher die Herausgabe des "Reiches"
ein, um sich der unterirdischen Arbeit gegen den Hitlerismus zu widmen.
Ziemlich zutreffend rechnete er mit einer Dauer des Tausendjährigen Reiches
von ca. 12 Jahren, während der Großteil der nationalrevolutionären
Parteigänger Hitler zu diesem Zeitpunkt nicht ernst nahm. Während
Persönlichkeiten wie Schauwecker sich der neuen Ordnung anpaßten, blieben
Friedrich Hielscher, die Gebrüder Jünger und Ernst Niekisch als
intellektuelle Kristallisationspunkte des nationalrevolutionären
Untergrundes. Der Hielscher-Zirkel entwickelte sich zu einer kleinen
Untergrundzelle, zu der auch der ehemalige Ehrhardt-Adjutant Franz Liedig
gehörte. Über Liedig und August Winnig hielt die Gruppe lockeren Kontakt zu
oppositionellen Militärs. Verbindungen bestanden zur sozialdemokratischen
Gruppe um Mierendorff, Leuschner, Haubach und Reichwein.
Von größerer
spiritueller Bedeutung war die 1933 nach dem Umzug nach Potsdam erfolgte
Gründung der Unabhängigen Freikirche UFK als heidnisch-pantheistischer
Glaubensbewegung auf indogermanischer Grundlage: "Ich glaube an Gott den
Alleinwirklichen. Ich glaube an die ewigen Götter. Ich glaube an das Reich."
Heidnische Elemente aus der deutschen Klassik und Romantik wurden mit dem
ketzerischen Pantheismus eines Johannes Scotus Eriugenas, Nietzsche und dem
überlieferten keltisch-germanischen Volksglauben verknüpft zu einer sehr
bald für Außenstehende äußerst schwer zu erfassenden theologischen Einheit.
Die Theologie der UFK war kein statisches Gebilde, sondern wie das Reich
eine dynamisch weiterzuentwickelnde Aufgabe.
1934 beteiligte
Hielscher sich am von Curt Horzel herausgegebenen Sammelband "Deutscher
Aufstand" und veröffentlichte wahrhaft prophetische Sätze: "Erster Satz:
Der wilhelminische Staat hat den Krieg verloren, aber Deutschland hat ihn
gewonnen.
Zweiter Satz: Deutschland hat den Krieg
nicht nur dadurch gewonnen, daß es neue innere Kraftquellen erschlossen hat,
sondern auch durch die Erschütterung der ganzen Erde, durch die alle
Voraussetzungen aller Völker ins Wanken geraten sind.
Dritter Satz: durch die von Deutschland ausgehende Erschütterung ist es zum
entscheidenden Lande auch des vor uns stehendem Zweiten Erdkrieges
geworden." Diesen hatten schon Nietzsche, Trotzki und Ludendorff prophezeit.
"Es leuchtet ein, daß dort, wo alle Kräfte sich überschneiden, die
Entscheidung fallen muß." Der Kampf zwischen
Imperialismus und Revolution wird hier ausgefochten, zwischen Bolschewismus
und Hochkapitalismus, zwischen Asien und West. Deutschland als Land der
Mitte sucht nach einer Synthese zwischen den Gegensätzen. Als Ausweg
forderte Hielscher den Kontinentalblock Deutschland-Sowjetunion-China.
Eine beinahe antik
anmutende Tragödie nahm ihren Anfang, als Hielschers Freund und Schüler
Wolfram Sievers 1935 zum Geschäftsführer der SS-nahen Kulturstiftung
Ahnenerbe avancierte. Die völkisch-indogermanischen Elitevorstellungen der
Hielscher-Gruppe trafen sich durchaus mit denjenigen der SS. Hatte Hielscher
sich in den Elfenbeinturm zurückgezogen, so versuchte der aktivistische
Praktiker Sievers nun, das Konzept in die Tat umzusetzen und geriet außer
Kontrolle. Zunächst beteiligte der Geschäftsführer sich daran, das bäuerlich-defensive
Element des Reichsnährstandes aus dem Ahnenerbe hinauszudrängen und
stattdessen dem soldatischen Charakter der SS-Ideologie mehr Platz zu
verschaffen. Von Bedeutung war neben frühgeschichtlichen, volkskundlichen
und indogermanologischen Forschungen z.B. der Versuch, die deutschen
Hochschulen zwecks Schaffung eines neuen wissenschaftlichen Geistes von der
Schutzstaffel infiltrieren zu lassen. Im Januar 1941 legte Sievers in einem
internen Memorandum die Ziele der Erforschung von Raum, Geist und Tat des
nordischen Indogermanentums dar: "Hauptziel ist es, vom Kulturellen her
in Deutschland selbst das Reichsbewußtsein neu zu wecken, bezw. zu vertiefen,
von dessen einstiger Größe beispielsweise ein Straßburger Münster, die
Prager Burg, das Fuggerhaus auf dem Warschauer Altmarkt, die flandrischen
Tuchhallen noch heute Zeugnis ablegen über Jahrhunderte hinweg, in denen das
Reich schwach und im böhmisch-mährischen Raum, in den Niederlanden, im
Flamentum, in der Schweiz das Gefühl der Zugehörigkeit zum Reich verloren
gegangen war. Es wird notwendig sein, die Verbindungen bloß zu legen, die
dennoch niemals abgerissen sind, die Überfremdung durch Kirche, Liberalismus,
Freimaurerei und Judentum hinwegzuräumen und die Wiedervereinigung der
Menschen germanischen Blutes im Reich zu erleichtern, das - lange seiner
selbst durch internationale Ideologien entfremdet - trotz allem germanische
Art am stärksten gewahrt hat."
Mit Kriegsausbruch
verstrickte das Ahnenerbe sich in kulturelle Beutezüge im besetzten Europa
und in verbrecherische Menschenversuche, die Sievers nach dem Zusammenbruch
die Hinrichtung einbringen sollten. Immerhin gestattete die Tätigkeit für
das Ahnenerbe ab 1937 auch Hielscher, unter dem Deckmantel
wissenschaftlicher Aufträge umherzureisen und Verbindungen zu
Oppositionellen zu halten. Am 2. September 1944 wurde er in Marburg wegen
seiner Beziehungen zu Mitverschwörern des 20. Juli verhaftet und ins
Berliner Männergefängnis an der Lehrterstraße verbracht. Die Gestapo übersah
die Beziehungen zu Franz Liedig oder Hartmut Plaas und interessierte sich
vor allem für die Kontakte zu Haubach, Reichwein und dem Grafen von der
Schulenburg. Der alarmierte Sievers erwirkte am 19. Dezember 1944 die
Haftentlassung. Hielscher mußte sich zur Frontbewährung melden, die er bei
einer Ersatz-Nachrichtenabteilung verbrachte, ohne auch nur einen Schuß
abzugeben. Nach dem Zusammenbruch konzentrierte Friedrich Hielscher seine
wissenschaftliche und weltanschauliche Arbeit auf das studentische
Verbandsleben und die Unabhängige Freikirche.
"Der Blick auf
die Vergangenheit lehrt uns die Notwendigkeit, der Blick in die Zukunft
lehrt uns die Freiheit. Die Vergangenheit zeigt, was vorgegeben, die Zukunft,
was uns aufgegeben ist. Die Zeit ist weder unser Herr, noch unser Feind oder
Freund, sondern die Zeit sind wir selber als die Wandelnden und sich
Verwandelnden, und jeder ist es zu seinem Teile. Wer also der Zeit absagt,
sagt damit entweder anderen ab oder sich selbst und seiner eigenen Aufgabe.
Und zwar Anderen, die heute so herrschen, wie man nicht herrschen sollte,
oder sich, indem er jenen gehorcht.
Das Zweite liegt uns fern. Und damit sind
wir gebunden, der unrechten Herrschaft die Wurzel abzugraben. Also doch
gebunden? Jawohl; und wir haben nur die Wahl, entweder gebunden im Gewissen
und damit frei vor der Welt, oder unverbindlichen Gewissens und damit der
Welt untertan zu leben.
Auch ist festzuhalten, daß die Freiheit oder Untertänigkeit vor der Welt von
anderer Art ist als die Gebundenheit oder Ungebundenheit des Gewissens. Dort
geht es um unsere Bewegungsfreiheit, die wir zu verteidigen oder
preiszugeben uns entschließen müssen, hier um unsere Willensfreiheit, mit
der wir uns an das binden oder nicht binden, was uns im Gewissen geboten ist.
Und verknüpft sind beide, die Willens- und die Handlungsfreiheit, nur
insoferne, als sich über kurz oder lang der zweiten begibt, wer die erste
mißbraucht." (Fünfzig Jahre unter
Deutschen)
Literaturhinweise:
Peter Bahn:
Glaube - Reich - Widerstand. Zum 10. Todestag Friedrich Hielschers, in: wir
selbst 1-2/2000
Louis Dupeux: "Nationalbolschewismus" in Deutschland 1919-1933, München 1985
Friedrich Hielscher: Innerlichkeit und Staatskunst, Arminius 26.12.1926
Friedrich Hielscher: Der andere Weg, Arminius 30.01.1927
Friedrich Hielscher: Die Faustische Seele, Arrminius 13.02.1927
Friedrich Hielscher: Die Alten Götter, Arminius 20.02.1927
Friedrich Hielscher: Für die unterdrückten Völker! Arminius 20.03.1927
Friedrich Hielscher: Fünfzig Jahre unter Deutschen, Hamburg 1954
Friedrich Hielscher: Das Reich, Berlin 1931
Curt Hotzel: Deutscher Aufstand, Stuttgart 1934
Michael H. Kater: Das "Ahnenerbe" der SS 1935-1945. Ein Beitrag zur
Kulturpolitik des Dritten Reiches, Stuttgart 1974
Markus Josef Klein: Ernst von Salomon. Eine politische Biographie, 1994
Limburg an der Lahn
Susanne Meinl: Nationalsozialisten gegen Hitler. Die nationalrevolutionäre
Opposition um Friedrich Wilhelm Heinz, Berlin 2000
N.N.: Das Innere Reich, in Sturmgeweiht, Ausgabe Sommer 1995
Karl O. Paetel: Versuchung oder Chance? Zur Geschichte des deutschen
Nationalbolschewismus, Göttingen 1965
Otto Ernst Schüddekopf: Linke Leute von Rechts. Nationalbolschewismus in
Deutschland von 1918-1933, Stuttgart 1960
Sonnenwacht. Briefe für Heiden und Ketzer, Ausgabe 12, 2000
Goetz Otto Stoffregen (Hrsg.): Aufstand. Querschnitt durch den
revolutionären Nationalismus, Berlin 1931
ZIRKULAR, Ausgaben 1 bis 3, 2001
Reproduced from:


Friedrich Hielscher:
DAS WESEN
Auszug aus „Das Reich“, 1931
Das Herz
Gottes hat keinen Anfang und kein Ende. Es ist niemals entstanden und wird
niemals vergehen. Es ist ewig.
Die Ewigkeit
ist keine endlose Zeit, sondern die endlose Zeit ist ein Bild der Ewigkeit.
Wie sich im Wandel der Zeit nacheinander entfaltet, was in der Eigenart
eines Menschen ineinander zusammen besteht, so wirkt im ewigen
unablässigen Tun das unwandelbare Wesen.
Das Wesen
verändert sich durch sein Wirken nicht, sondern das Wirken ist eine
unveränderliche Eigenschaft des Wesens. Gott tut ewig sich selbst.
Zu den
Werken dieses Tuns gehören die Gedanken. Gott denkt ewig sich selbst. Er
denkt sich in allen seinen Gliedern; und seine Glieder denken ihn, wenn
sie sich denken. Die Gedanken der Glieder gehören zum Denken Gottes. Zu
den Gedanken der Glieder gehört die Zeit. Die Zeit gehört zu den Gedanken
Gottes. Er denkt seine Ewigkeit, wenn er in seinen Gliedern die Zeit denkt.
Gott tut
sich in allen seinen Gliedern; sie wirken sein ewiges Leben, wenn sie ihr
Leben wirken. Ihr Schicksal gehört zum Geschehen Gottes. Zu diesem
Schicksal gehört alles, was in Raum und Zeit sichtbar wird. In den
Gedanken und Handlungen der Zeit und des Raumes erscheint der in seinen
Gliedern geschehende Gott.
Im Ring der
Gestirne, Tiere und Pflanzen um die Völker, im Ringe der Völker um die
Menschen des Reiches bezeugt sich die Verbundenheit der Glieder Gottes mit
seinem Herzen. -Sie sind ewig wie das Herz. Die geschichtliche Eigenart,
der Aufgang und Niedergang der Völker, Gestirne, Tiere und Pflanzen, in
denen sie erscheinen, vereinen sich zu einem Bilde und Gleichnis ihrer
unverweslichen Beschaffenheit.
So gehört
zum Bilde des göttlichen Herzens der Wandel der Geschichte auf die
Erscheinung des Reiches zu.
Wie
nacheinander den Menschen des Reiches alle Dinge des Raumes und der Zeit
zufallen, wie sich in diesem Nacheinander die Mitte der Geschichte in
ihrer Eigenart entfaltet, so enthält das Herz Gottes in Ewigkeit die
Kräfte der Glieder. Sie leben vom Reich her auf das Reich hin; und der
Kreislauf des Herzblutes durch die Glieder ist eine unwandelbare
Eigenschaft des Reiches. o Jede Seele des Reiches nimmt an diesem
Kreislauf teil in ihm geschieht Gott.
Der
Kreislauf vereint Innerlichkeit und Macht. Von der Seele zum Reich, vom
Reich zu Gott nimmt er jedes Mal an Fülle zu. Von Gott zum Reich, vom
Reich zur Seele steigt die Fülle herab und ergießt sich in Innerlichkeit
und Macht in die Glieder, von denen sie zur Seele, zum Reich und zu Gott
zurückkehrt: die Kraft des Ganzen wirkt von der Mitte aus in die Teile und
von den Teilen wieder durch die Mitte ins Ganze zurück.
Das Wesen
der Seele ist Tun und Gnade in einem. Ihre Innerlichkeit ist Tun und Gnade;
ihre Macht ist Tun und Gnade.
Tausend
Ströme leben im Meer, tausend Wirbel in jedem Strom. Jeder Wirbel empfängt
die Flut des Stromes, die der Strom vom Meere empfängt; jeder Wirbel
bewegt die empfangene Flut in seinem Innern und gibt sie weiter. Die
Wirbel sind nichts anderes als die Flut in Bewegung, und die Ströme nichts
anderes, als das in sich verfließende Meer. Innerlichkeit ist die in der
Seele lebendige Flut, Macht ist das Wandern der Flut in die Ferne.
Jenes
Kreisen und Empfangen ist die Innerlichkeit der Seele, dieses
Angezogenwerden und Entsenden ist ihre Macht. Darum vereint die
Innerlichkeit Gnade und Tun; denn das Empfangen ist Gnade, und das Kreisen
ist Tun.
Auf
zwiefache Weise wird Gott von der Seele empfangen: aus dem Strom des
Reiches und aus den Strömen der Ferne.
Niemand weiß,
wie viel Kraft ihm sein Seelentum schenken will. Wir spüren die
Verwandtschaft mit dem Leben, das in den großen Helden wirkt; wir wissen
mit nachtwandlerischer Sicherheit, die nicht irren kann, auf wessen Namen
wir unsere Eide schwören, wessen Wille unser Herz verpflichtet; aber den
Zauber des Ortes, an den wir gebannt sind, erkennen wir nicht.
So stark ist
die Stimme, mit der die Seele von ihren Ahnen geraten wird, dass der Klang
ihrer Namen das Gemüt schon mit einem unbeschreiblichen Schauer erfüllt,
bevor es das Geringste von den Menschen weiß, die jene Namen geführt haben.
Wer im Bannkreise Friedrichs oder Nietzsches steht, weiß, dass er zu ihnen
gehört, bevor er ihr Werk kennt; und je näher ein Herz der Mitte eines
solchen Bannkreises ist, umso unheimlicher und beseligender wird es von
den ahnenden Schauern erschüttert; dem Geschick des Helden ist das eigene
verflochten. Aus der ewigen Tiefe, die zu uns strömt, dröhnt die Glocke
der Verheißung. Wir bereiten unser Wesen vor, dass es erfüllt werde.
Niemand aber
sieht den Weg, den er gehen wird, durch das Wesen der Seelen bestimmt,
denen wir im Reich folgen, weil mit ihrem Schicksal unser Amt gesetzt ist.
Niemand weiß auch, wie viel Licht sein Seelentum in ihn eingießen wird.
Unser Weg ist Krieg; und unser Friede ist die Hingabe, mit der alles, was
uns lieb hat, unser Herz mit funkelndem Golde füllt. In den zärtlichen
Begegnungen des Augenblicks, in den Nächten des Überflusses verschwendet
und verschwistert sich ein andres Leben dem unseren; ein Leben, das die
Lust des Reiches in sich birgt und uns in trunkener Vergessenheit die
Glieder löst.
Der Schein
des Daseins wird hell vor solchem Licht; die Gestalten heben zu leuchten
an; und unerbittlich wie der Glanz der Sonne, so dass man nicht hinschauen
kann vor dem Übermaß der Freude, wird die Erscheinung, wenn die Fülle des
Lichts sich in einer einzigen Seele vereint.
Wie ein
jegliches Wesen - als Glied des Allmächtigen - seinen ewigen Ort und sein
ewiges Amt besitzt, in Raum und Zeit aber allmählich sich entfaltend
sichtbar wird, so bezeugt sich auch das Amt einer Seele, die unsterbliche
liebe einer anderen zu sein, in zeitlichen Geschehnissen: eine in Ewigkeit
wirkliche Verbundenheit zweier göttlicher Kräfte kündet ihr Erscheinen in
der Zeit durch verheißende Vorzeichen an, flammt in Herrlichkeit auf und
verlischt, sich in schweigende Erinnerung verwandelnd.
Der Komet,
den wir nicht sehen, hat schon gebrannt, bevor er in unser Blickfeld
eingetreten war, und brennt weiter, wenn er es verlassen hat. So zeigt
sich uns das Geschick zweier Liebender als zeitlicher Weg, der Anfang und
Ende hat; aber die Seelen der Liebe wissen um die Unsterblichkeit dessen,
was sie vereint; wie das Reich um seinen ewigen Ort und Auftrag weiß, der
sich im Wandel der Erscheinungen spiegelt.
Die
Vorgeschichte der Erde offenbart noch nichts davon, dass sie als
Voraussetzung jener Ereignisse abrollt, in denen das Reich zeitliche
Gestalt annimmt; so scheint auch die Vorgeschichte der Hebenden nichts von
dem zu enthalten, was sich ihnen später enthüllt; dennoch setzt diese
Erfüllung sie voraus; und der rückschauende Blick ist sich des
unwandelbaren und zeitlosen Zusammenhanfes bewusst, auf den das zeitliche
Bild hindeutet.
In der
tiefsten Freude, mit welcher der junge Bismarck die ersten Frühlingstrieb
- seiner Wälder umfängt, lebt schon die unsterbliche Liebe, die hernach in
Johanna von Puttkamer erscheint; die Seele dieser Frau ist die ewige
Geliebte des bismärckischen Wesens; und die wilden und verschwärmten
Stunden des tollen Junkers kündigen nur an, dass das zeitliche Gesicht
jener unsterblichen Vereinigung nahe ist. Als es aus dem Ahnen zur
Gewährung wird, wird es an der bedingungslosen Verfallenheit der Liebenden
aneinander erkennbar. Das ist keine Treue aus Vorsatz, sondern aus
Notwendigkeit; es gibt keine andere Treue; wer sich zur Treue zwingen
muss, lügt sie sich vor.
Alle Wünsche
vereinigen und erfüllen sich in einer einzigen Gestalt, so dass man nichts
anderes mehr denken noch schmecken mag als immer nur die Eine, in der
unsere unsterbliche Liebe vor unseren leiblichen Augen steht. Wenn diese
Augen neben ihr noch irgendetwas anderes grüßen können, ist es die Liebe
nicht. Es kann Vorzeichen sein, Abglanz, Traum, Verheißung: die Fülle der
uns bestimmten fraulichen Gnade ist es nicht. Niemand weiß, wie sie ihm
bestimmt ist, und wie sie ihm erscheinen muss; aber dass der Seele sowohl
ihre schöpferische Kraft, als auch ihr Licht in Ewigkeit zugemessen ist,
weiß jeder, der im Reich und damit in der höchsten Erkenntnis steht.
Er empfängt
in den Strömen der Ferne, die auf ihn zulaufen, in den fremden
Seelentümern, die sich ihm anbieten, den göttlichen Willen, der in ihn
eingehen will. Die Seele wird durch die Fremde, die sich in sie ergießt,
verwandelt; sie freut sich des zu ihr kommenden Segens und kann nicht
genug tun im Bergen der Ernte; denn sie empfängt aus der Fremde: sich
selbst; Gott schenkt ihr aus dem fremden ihr eigenes Wesen. Dieser zu ihr
kommenden Innerlichkeit ist sie nicht Herr; nicht der Fremde, nicht der
unsterblichen Liebe, nicht der schöpferischen Kraft; über das Wesen jedoch,
aus dem die Seele gebildet ist, herrscht sie allein. Sie empfängt, was in
sie hinein geschieht, und sie lenkt, was in ihr west. Ihr Wesen ist selber
dieser ihr lenkender Wille: sie tut, was sie will; und sie will, was sie
tut; es gibt keinen Unterschied zwischen Sollen und Sein. Das Sollen ist
nur das Zeichen eines heranwachsenden Seins. In diesem Wachstum spiegelt
sich das Wirken der Seele.
Steigt sie
in ihren Brunnen, versenkt sie sich in ihre Tiefe, wo die bunten Träume an
den Wänden hängen und die Tropfen ineinander klingen, so findet sie den
einsamsten Rausch, der niemandem gehört als ihr allein. Kein Laut von oben
dringt in ihren Abgrund, kein Licht der Höhe sinkt so weit; aber innen
bergen die Gewässer ihren eigenen Glast. Abgeschieden, unauffindbar ruht
die Seele in ihrer Versunkenheit, von welcher sie aufsteigt zu wirken und
die Welt mit dem Glanz zu erfüllen, den sie in ihrer Tiefe hütet.
Im Grunde
dieses Brunnens fließen Gnade und Tun ineinander. Er hat keinen Boden,
sondern unaufhörlich kreist dort seine Flut, sich mit der zuströmenden
Gnade vermengend, ihres eigenen Wesens in der Begegnung mit der Gnade
innewerdend.
So gebiert
sich aus der Innerlichkeit der Wille zur Macht: die Seele findet in sich
den wirkenden Gott als ihr Wesen; und darum wird ihr Wesen nichts anderes
als Gott selber: ewige Wirkung, schöpferisches Werk!
Das Werden
der Seele bedeutet das unaufhörliche Heraufquellen des Willens zur Macht.
Sie will ihre Kraft loswerden in die Welt hinein, will sich verschenken,
will begehrt und gesucht und geliebt werden, will ihre Umwelt so ganz und
gar umfassen, dass der Bannkreis der Seele immer größer und weiter und
herrlicher wird, das Fremde in sich schließend, der Umwelt gebietend, und
alle Dinge einschmelzend zum Werk.
Wie die
Innerlichkeit, so ist auch die Macht, zu der die Innerlichkeit will, Gnade
und Tun. Denn wir wirken nicht nur, wo unsere Kraft überströmt und den
Widerstand zerbricht und den Feind mit sich reißt, sondern ebenso, wo wir
geliebt werden, wo die Tore offen stehen, auf uns wartend, geschmückt, zu
allem bereit. Jenes ist Tun, dies aber ist Gnade.
Wo die Macht
Gnade ist, brauchen wir nichts zu tun und wirken dennoch; von selbst
schmiegt sich die Hingabe uns an.
Wo wir
jedoch ans Werk gehen, fragen wir nicht nach Hingabe oder Feindschaft, wir
schauen nicht nach rechts oder links, wir greifen an.
Im Angriff
lebt unser ganzes Selbst. Was unsere Innerlichkeit aus der eigenen Tiefe
schöpft, was sie aus Gnade gewinnt, das wirft der Machtwille in den Kampf,
das wird zum Strom, der in die Welt hinausgeht. Wie Gott in uns hinein
geschehen ist, so geschehen wir hinein in ihn. Wir werden unserer Fülle
ledig und wirken die Fülle des Werkes.
Nun sind wir
außer uns, haben uns selbst verlassen und sind nichts mehr als der
Hammerschlag, der die Funken zeigt, als der Sturm, der die ewigen Räume
segnet, als die zerstörende und lebende Übermacht, die in den Dingen,
durch die Dinge hindurch, über die Dinge hinaus das Schicksal Gottes tut.
Was wir
durch Gnade wirken, hängt nicht von unserem Willen ab. Denn es geschieht
nicht aus unserem, sondern aus dem Wesen, das uns liebt und sich darum
nach uns bildet und nach uns verlangt.
Was wir
wirken aus eigenem Tun, ist unser eigener Wille; denn es geschieht aus
unserem Wesen.
Indem wir
nicht müde werden, es zu verschwenden und hineinzuwerfen in das Feuer des
Werkes, sind wir die Erfüllenden und die Hungrigen zugleich: wir erfüllen
das Werk mit unserem Leben und hungern nach neuer Lebenskraft, um dem Werk
immer mehr geben zu können.
So gebiert
sich aus der Macht der Wille zur Innerlichkeit. Der Kämpfende kehrt zu den
Quellen zurück, wo seine Macht entspringt; der Sieger sucht den Brunnen,
von dem er ausgezogen ist. Er hat Sehnsucht und Heimat um des Streites
willen verlassen und findet am Ende die Sehnsucht und die Heimat wieder,
der sein Blut entstammt. Der Ring ist geschlossen.
Wie jede
Seele des Reiches den Kreislauf vollzieht, vermöge dessen sie als
Empfangende und Schenkende, als Begnadete und Handelnde Gottes west, so
geschieht das ganze Reich in Innerlichkeit und Macht. Was in Ermin als
vorbedeutender Gleichklang vor den Ohren der Völker hörbar wird, entfaltet
sich in brüderlich verschlungenem Wechselgang; aus der Macht Theoderichs
erwächst die Ursage, aus dem Glauben der Ursage die Kraft Heinrichs als
nach dem beispiellosen Werk das Reich wieder zur Innerlichkeit
zurückkehrt, gewinnt es aus der eckehartischen Versunkenheit den
Machtwillen Luthers: die Zeit Gustav Adolfs und Friedrichs bricht an; den
Flötenspielen des Preußenkönigs folgt wiederum Goethe und dem Goetheschen
Ja zur Tat der Aufstieg Bismarcks; auf Bismarck endlich der Zarathustra,
und die Erde ist für den Weltkrieg reif.
Die
Gestalten der großen Helden erscheinen als zeitliche Sinnbilder des ewigen
Kreislaufs, der die Seelen, der das Reich, der den Allmächtigen erfüllt.
Aber nicht
die Glieder Gottes, nicht die Gestirne, die Steine, die Pflanzen, die
Ordnungen der Tiere, nicht die um das Reich kreisenden Seelentümer hüten
das Bewusstsein des ewigen Einklanges. Nur im göttlichen Herzen werden die
Gedanken der einzelnen Wesen zur vollkommenen Gewissheit Gottes!
Alle Glieder
glauben an den Tod und versuchen ihn zu überwinden; aber das Herz glaubt
nicht an den Tod. Alle Glieder glauben die Unvollkommenheit; denn sie
haben nicht teil an der Fülle der Gottheit und fühlen ihre Grenzen als
Schranken vor der Vollkommenheit; aber das Herz glaubt an die
Vollkommenheit; denn es nimmt, sein Blut durch alle Glieder schickend, an
der Fülle Gottes teil und darum, weil die Vollkommenheit in ihm wirkt,
weiß es um sie.
Wo noch
zwischen Innerlichkeit und Macht ein Entweder - Oder steht, da ist die
Fülle nicht.
Die
geringste Seele des Reiches besitzt diese Fülle; sie nimmt sie mit in die
äußerste Verlorenheit und dankt ihr auf der Höhe des Schöpfertums. Narr
und Krieger sind Brüder desselben Glaubens.
Als Don
Quixote in die Welt reitet, voll des Glaubens an seine unsterbliche Liebe,
voll des Vertrauens auf sein ritterliches Amt, sieht er in den kleinsten
und niedrigsten Dingen am Wege die großen und feindschaftswürdigen Mächte,
mit denen er zu streiten gesandt ist.
Die kleinen
Wesen wissen selber nicht um die Größe, als deren Splitter sie ihren
unerkannten Gesetzen dienen; darum lachen sie über den Fahrenden, der
hinter ihnen die Gewalten sieht, denen sein Kampf gilt. Kein Seelentum
weiß um sein wirkliches Wesen. Nur das Reich erkennt es.
Don Quixote
ist kein Abenteurer der Gnade wie Don Giovanni. Der Gefolgsherr Sancho
Pansas sucht nicht die Erfüllung seiner Liebe - ihrer ist er gewiss -,
sondern den Krieg. Er sucht nicht die Gnade, sondern das Werk. So wird er
zum Narren des Werkes, der im Kleinsten das Größte entdeckt. Selbst Sancho
Pansa, der die Welt nur im Umkreise seines kurzen Atems kennt, versteht
doch so viel von seinem Herren und Meister, dass er den schweifenden
Ritter nicht verlassen kann.
Ob die Welt
den Gegner, gegen welchen Don Quixote anrennt, für einen Windmühlenflügel
hält, ob dieser sich selber nicht anders ansieht, ist durchaus
gleichgültig. Der gute Krieg heiligt jede Sache; und eben dadurch, dass
Don Quixote sich diesen und keinen anderen Feind erwählt, wird aus dem
Windmühlenflügel eine überragende Macht, an der sich das Kriegertum des
Helden bewährt. Nicht was wir erringen, sondern wie viel wir einsetzen,
entscheidet über unseren Rang; und der Rang unseres Feindes wird dadurch
erhöht, dass wir uns gegen ihn stellen.
In Rosinante
liebt Don Quixote die Treue der Tiere; und wahrlich ist Rosinante nicht
unedler als der Rappe des Tronjers. Im Windmühlenflügel erkennt der
fahrende Ritter die Gewalt der Dinge, welche der oberflächliche Blick für
tot hält.
Was Don
Quixote mit unerschütterlichem Ernst erstreitet, ist Till Eulenspiegels
selbstverständliches geliebtes Eigentum: die Welt im Kleinen, die Freude
am Geringen, welches das Große enthält, der Obermut, der gegen die Welt zu
Felde zieht, weil er sie in sich birgt. Eulenspiegel führt mit sich selber
Krieg, einen lachenden lustigen Krieg, wenn er die Welt zusammenhaut und
in Grund und Boden spottet. Der Schalksnarr, der mit der Schwermut Ball
spielt, spielt mit sich selber Ball. Eulenspiegel ist heiter, weil er
nichts mehr verlieren kann; darum gehören ihm alle Dinge. Mitten zwischen
Innerlichkeit und Macht hält die Seele einen Augenblick inne und schlägt
Purzelbaum vor Freude. Das ist Eulenspiegel.
So steht er
zwischen Don Quixote, dem Abenteurer des Werkes, und Don Giovanni, dem
Abenteurer der Gnade.
Don Giovanni
liebt den Wald, durch den er reitet, den Bergsee, der ihm sein ganzes
Wesen offenbart, er liebt die Pagen, die ihm verfallen sind, aber mehr
noch liebt er die Frauen, und in allen die eine Gnade, die vor ihm einher
zieht, und der er folgen muss. Wo er liebt, da liebt er den Glanz, der von
ihr ausgeht, der die Stätte segnet, die ihr Fuß betreten und ihr Atem
gestreift hat. Es ist nur dieser zarte Hauch, das Leuchten ihres Gewandes,
der spielerische Druck des Fußes, die Sonne ihrer Haare; und die Blumen
blühen schöner, um die grünen Zweige spinnt das reine Licht, aus den
kleinen Vogelkehlen quillt die ewige Freude; dies ist die Seligkeit Don
Giovannis.
Wie Quixote
im Kleinsten die Größe seines Werkes, so findet er im Geringsten die Spur
der großen Gnade, an der er niemals zweifelt, und mit der er sich im Tode
vereint.
Was Don
Giovanni erst während seines Heimrittes zu den Göttern findet, begegnet
dem Kapellmeister Kreisler, als er im Anfange seines Lebens steht, am
hellerlichten Tage. Noch hat seine Geige ihre schönsten Lieder nicht
gefunden, noch weiß sein Herz nicht, was seine Sehnsucht will, noch wagt
seine Hand nicht, nach Geheimnissen und Schätzen zu greifen, noch steht er
schweigsam, beinahe ängstlich und verschüchtert vor den tanzenden
Verwirrungen der Welt, da kommt schon die unsterbliche Liebe über ihn, die
Gestalt Julias erscheint, und in Julias Seele begegnet ihm die Fülle der
Gnade, die ihm bestimmt ist. Er sucht nicht wie Don Giovanni, er jagt
seiner Liebe nicht nach, sondern sie überfällt ihn und lässt ihn nicht
wieder los.
So wird der
Kapellmeister Kreisler zum Gleichnis der Erfüllung, in die Don Giovanni
erst mit dem Tode eingeht.
Diese
Erfüllung der Gnade führt den Begnadeten ebenso wie die Erfüllung seiner
Macht den Wirkenden in die Vollendung, ins Grenzenlose.
Die
einströmende Gnade sprengt die Grenzen Kreislers. Er kann gar nicht soviel
abgeben, wie in ihm heimlich werden will. Immer weiter werden die Grenzen
der Seele, bis sie den unendlichen Raum fassen können; dann sind sie
untergegangen; die Seele hat ihre Besonderungen verloren und ist selber zu
der Gnade geworden, mit der ihr Geschick sie erfüllt hat; als die Gnade
selber ergießt sich die Seele nun in das Reich.
Was das Auge
solchergestalt als zeitliches Nacheinander schaut, hegt die Seele ewig
ineinander; sie ist zugleich besondert und grenzenlos, zugleich das Ganze,
zu dem sie gehört, und der Teil, der im Ganzen steht: der ganze Mensch ist
es, der mit der Hand das Geschütz bedient; aber doch ist es die Hand
allein, die zufasst; so steht es um Gott und die Seele, gleichgültig ob
sie in Innerlichkeit oder in Macht ihrer Grenzen ledig wird.
Das
Schicksal des Kapellmeisters Kreisler ist auch Fausts Schicksal. Wo Don
Giovanni geendet hat, hat Kreisler begonnen; wo Don Quixote endet, beginnt
Faust. Der Abenteurer des Werkes geht auf Suche; und erst sein Tod wird
ihm zum Siege. Er opfert sich zeitlebens für sein Werk; aber erst durch
sein Streben wird er schöpferisch: als Vorbild derer, die gleich ihm
niemals fliehen werden.
Am Beginn
Faustens jedoch steht die schöpferische Tat: das Bündnis mit
Mephistopheles, die Verachtung der eigenen Zukunft um des Werkes willen,
für das die unterirdischen Mächte sich bewegen müssen.
Von Anfang
an strömt Faustens Lebenskraft in sein Tun, wie Kreisler von Anfang an im
Strom der Gnade steht; und wie die Seele des Kapellmeisters durch das
Übermaß der Gnade sich selber los wird, so verliert sich das faustische
Herz im Wirken. Die Willenskräfte, die Gedanken und Gefühle Fausts
verlassen ihn; er schickt sie aus in sein Werk, sie werden zur Macht, über
der der Mächtige sein Ich vergisst. Unbedenklich gibt er seine Sehnsucht -
Gretchen - hin; was ihm zufällt, muss er weiterschenken: die Fremde, der
Krieg, die Herrschaft über den Raum verlangen nach dem Blute Fausts, bis
sein Herz leer geworden ist, bis sein Blut keine Grenzen des Herzens mehr
kennt; sondern frei überall den Zauber seiner Macht übt.
So wird
Faust blind, wie Kreisler wahnsinnig wird. Die Gestalt zerfällt und das
Wesen siegt.
Der ewige
Faust, zugleich besonderes Wesen und ohne Grenzen wirkende Macht,
erscheint im zeitlichen Nacheinander seiner siegenden Taten und seines
blinden, inwendig leuchtenden Todes.
In dem
Kapellmeister und in Faust wird der Kreislauf des Reiches zum Gleichnis.
Wo Gott in das Reich hinein geschieht, steht Kreisler, wo das Reich in
Gott hinein geschieht, steht Faust.
Das Reich
segnet in Don Quixote, Eulenspiegel, Don Giovanni, Kreisler und Faust sein
Schicksal und die Welt.
Es kann um
nichts mehr bitten, denn ihm bleibt keine Bitte übrig. Es kann nur danken.
Wessen Gebet noch zu bitten weiß, der gehört nicht zum Reich; er empfindet
seinen Weg auf das Reich zu als Überwindung seines Wesens; und sein - ihm
verborgener - Wille zu dieser Überwindung gestaltet sich in seinem
Bewusstsein zur Bitte. Wie aber sollte der bitten können, der an der Fülle
Gottes teil hat ? Das Gebet des Reiches ist Einkehr in die eigene Tiefe,
Zuversicht des Ewigen, der in uns wirkt.
Mag sich die
Vollkommenheit im Bilde des Raumes und der Zeit auseinanderfalten, mag in
der Auseinanderfaltung das Ganze für den schauenden Teil unsichtbar werden,
mögen die Tatsachen ihren geheimen Sinn noch so sehr verbergen, in
Wirklichkeit geschieht immer nur der Eine, Einzige, Vollkommene,
Allbewusste, Unendliche.
Er ist
Einheit und Vielfalt, Liebe und Vernichtung, Krieg und Friede, Freiheit
und Notwendigkeit.
Er ist
Einfalt: sein Wesen hat nichts über sich, unter sich, außer sich. Er ist
Alles in Allem.
Gott ist
Vielfalt: er ist die Wirklichkeit aller Dinge. Er ist Blume und Stern,
Tier und Mensch, Himmel und Erde. Kein Ding ist verweslich; denn Gott ist
jedes Ding; nur die Bilder wandeln sich unaufhörlich zum Zeugnis der
ewigen Wirkung in allen Dingen.
Gott ist
Liebe: ewig sich zugewandt, ruhend in seiner Macht, liebt er sich selbst.
Nichts ist der vollkommenen Liebe würdig als die Vollkommenheit. Wo eine
Seele sich der Welt freut, wo eine Blüte im Glück der Sonne steht, da
schaut Gott mit dem Auge der Liebe auf sich, da erzeugt und gebiert er in
unerschöpflicher Lust sein eigenes Wesen.
Gott ist
Vernichtung: sein Wirken in den Dingen zerstört ihre Grenzen, wenn es
eingeht und ausgeht; alle Grenzen im Grenzenlosen sind flammende
Feuerwege, auf denen die göttlichen Kräfte ineinander schießen. Der
schöpferische Brand verzehrt und erneuert die Teile Gottes in jedem
Augenblick der Ewigkeit, erscheinend als Geburt und Tod. Im Schein des
Todes und der Geburt brennt das ewige Leben.
Gott ist
Krieg: denn die schöpferisch brennenden Dinge streiten mit ihrem Feuer
widereinander, der Wille zur Macht, der in jedem lebt, gewinnt aus der
Innerlichkeit die Kräfte, die er zum Kampfe braucht, und die Macht schickt
ihren Willen zur Innerlichkeit immer wieder in die Heimat, um neue Kräfte
heranzuholen. Die göttliche Vernichtung wirkt von jedem Teile Gottes aus
gegen jeden anderen.
Gott ist
Friede: in Krieg und Vernichtung bleibt sich das göttliche Wesen gleich.
Es ruht im Grunde der Dinge; es rührt sich nicht im Sturme des Schöpfens.
Es bleibt ungetrübt inmitten seines Feuers. Die Kämpfenden tragen inwendig
in ihren Herzen die ewige Stille.
Gott ist
Freiheit: es gibt keinen anderen Willen als den seinen; der Wille der
Dinge ist schöpferisch, weil er der Wille Gottes ist. Seine Freiheit
handelt im Tun der Teile.
Gott ist
Notwendigkeit: das Tun steht in keinem Fall für sich. Das schöpferische
Werk des Teiles ist selber Teil des schöpfenden Gottes, der sich selbst
gebiert. Es steht im ewigen Zusammenhang des göttlichen Lebens; nichts ist
für sich.
Der Ewige
ist frei in seinen Teilen; und die Teile sind notwendig in der Freiheit
des Ewigen. In dem Grunde, der keine Gegensätze kennt, gibt es keinen
Unterschied zwischen Freiheit und Notwendigkeit.
Wer dies
bekennt, wessen Denken von diesem Glauben ausgeht, wessen Handeln auf
diesem Bekenntnis beruht, der gehört zum Reich. Denn niemand kann bekennen,
was er nicht in sich trägt; und wer den alleinwirkenden Gott in allen
Dingen glaubt, der muss an der göttlichen Wirkung in allen Dingen
teilhaben, das heißt zum Reiche gehören. Das Reich ist die Einheit der
Seelen, die die Fülle des Glaubens und die Fülle der Tat besitzen.
Darum
bekennen sich die Selen des Reiches zu dem allmächtigen, alleinwirksamen,
alleinwirklichen, allwissenden, ewigen Gott, außer dem nichts west; zu dem
Reich, dem Herzen Gottes, als ihrer Heimat, die in ewigem Kreislauf von
Innerlichkeit und Macht durch alle Glieder Gottes geschieht; zu sich
selbst als den ewigen Gliedern des Reiches, als den Tätern Gottes.
Darum
schauen die Seelen des Reiches im Bilde der Geschichte das Antlitz Gottes,
erblicken ihr eigenes Tun darin als die Mitte, der alle Ereignisse
zugewandt sind, und erfahren den göttlichen Willen, der in ihnen zum Werke
drängt, als bindenden Befehl, mit dem sie ihre zukünftigen Taten von sich
fordern.
Dieser
bindende Befehl enthält als Erscheinung des Wirkens, das im Reiche lebt
und mit allen Kräften der Welt in Gott verbunden ist, den Keim der
kommenden Geschehnisse; der Willenszwang, der als Befehl dem Bewusstsein
sichtbar wird, ist so gerichtet, dass seine Wirkung zum Schicksal des
Reiches gehört. Das Bewusstsein erkennt die Stärke dieses Willenszwanges
an dem sichtbaren Gehorsam gegenüber dem sichtbaren Befehl.
Der Gehorsam
führt niemals zum Ziel, das der Befehl bezeichnet. Denn die gehorchende
Handlung vereint sich mit tausenden anderen - widersprechenden oder
fördernden - zu einem Ereignisbilde, das der Befehl gar nicht erhalten
darf, wenn er es zu seinem Teile hervorrufen soll. Er muss, um das
Ereignis zu erwirken, dem er dienen will, ein dem Ereignis fremdes Ziel
setzen, damit die Kraft, die er bewegt, auf dieses Ziel hin zu marschieren
beginnt, dadurch mit den anderen Kräften zusammenstößt und folglich ihre
tatsächliche Aufgabe erfällt. Der Sinn des Befehles ist diese tatsächliche
Aufgabe; das befohlene Ziel ist das Mittel zum Zweck.
Das gleiche
gilt für den wirklichen Willenszwang, welcher in der Tatsache des Befehls
erscheint. Dieser im Befehl erkennbare Wille gehört zu den Voraussetzungen
des Tuns, das außer ihm noch tausend andere Kräfte voraussetzt.
Das
Bewusstsein jeder Seele des Reiches enthält solche Befehle, in denen sich
der Wille des Reiches spiegelt, der in der Seele lebt. Die Seele gehorcht
niemals dem Befehl. Der Befehl ist nur ein Bewusstseinsbild der Seele,
genau wie der Mensch, als den sie sich in Raum und Zeit denkt, und wie die
Handlungen dieses Menschen, die dem Befehl gehorchen oder den Gehorsam
verweigern. Das alles ist Widerschein, Vorstellung, Gedankeninhalt, nicht
Wirklichkeit. Wirklich ist der in der Seele lebende Wille und seine
Wirkung, die durch andere Kräfte - Kräfte, die gegen die Seele streiten
und auf sie einstürmen - bekämpft wird. Weil diese Kräfte samt der Seele
in ein und demselben Menschen erscheinen können, weil die Schlachtfelder
unaufhörlich wechseln, ziehen die Geschehnisse des Raumes und der Zeit den
Beschauer zauberisch an; und der Zauber hört niemals auf, weil der
Beschauer auf der raumzeitlichen Bühne selber mitspielt, sich selber
handeln sieht. Jede Seite unseres ewigen Tuns spiegelt sich in einer
Handlung des Menschen, als der wir in unserer Vorstellung leben.
Dass die
feurige Grenze zwischen dem Reich und einem anderen Seelentum brennend die
Seelen beider Mächte umschöpft, wird als Trommelfeuer von
Gelbkreuzgranaten oder als Zweikampf der Geister und Begriffe im
geschichtlichen Blickfelde sichtbar; und das Hineinströmen der Seelentümer
in das Reich, das umgekehrte Eingehen der Kräfte des Reiches in die
Seelentümer erscheint im Wandel der Geschichte als ungeheuerliche
Vermischung und Vermengung der menschlichen Dinge, als arge und
gefährliche Verwirrung, als drohendes Einkochen in einem unheimlichen
Hexenkessel, dessen lebende Wände die Wucht des wirklichen Kreislaufes
verraten, der sich dem zeitlichen Auge in der Gestalt dieses Kessels zeigt.
Niemand kann
ihn deuten als allein die Gläubigen des Reiches. Was die Menschen der
Fremde als sinnloses Rätsel erschüttert, dem sie vergebens einen Sinn
abzuringen oder zu schenken versuchen, was ihnen am Ende nur die Einsicht
erlaubt, dass sie unter einem unentrinnbaren Zwange stehen, wird den
Menschen des Reiches zur sichtbaren Bürgschaft ihres zuversichtlichen
Glaubens, der weder Furcht noch Hoffnung, weder Bitten noch Beugen, weder
Zweifel noch Irrtum kennt, weil er des Allmächtigen, der eigenen Ewigkeit
in ihm, der Fülle von Innerlichkeit und Macht gewiss ist, und in dieser
Gewissheit das Schicksal der Welt und den Sieg in Händen hält.
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