Verfasser: Richard Schapke
„Wer in Berlin zur SA kam, trat
unter die Verfemten. Sein Weg wurde zum engen Paß zwischen Polizei und Pöbel.
Hier hatte er zu stehen oder zu fallen.“
- Joseph Goebbels
Der zusammen mit Hans Maikowski wohl
prominenteste „Blutzeuge“ der Berliner NSDAP wurde am 10. Januar 1907 in
Bielefeld als Sohn eines Pfarrers und Freimaurers geboren. Nach dem Umzug
der kleinbürgerlichen Familie nach Berlin besuchte Horst Wessel daselbst das
Gymnasium. Der Trotz gegen Herkunft und Umfeld zog ihn schon früh in die
Politik - bereits im Jahr 1922 trat er dem Bismarck-Orden, Ortsgruppe 21 „Kronprinzessin“,
bei. Hierbei handelte es sich um eine vom späteren NS-Gauleiter Wilhelm Kube
geführte Vorfeldorganisation der Deutschnationalen Volkspartei.Im Rahmen der
vom Orden geleisteten Saalschutzdienste für politische Veranstaltungen
geriet Horst Wessel im Frühjahr 1924 in Kontakt mit Kapitän Ehrhardts Wiking-Bund.
Dieser fungierte als Sammelbecken der ehemaligen Angehörigen der maßgeblich
am Kapp-Putsch beteiligten Marinebrigade Ehrhardt („Hakenkreuz am Stahlhelm“),
ferner machte er hier die Bekanntschaft ehemaliger Terroristen der nebulösen
Organisation Consul. Die OC zeichnete unter anderem für die Ermordung des
Erfüllungspolitikers Matthias Erzberger oder des Reichsaußenministers
Rathenau verantwortlich.Wessel zeigte sich nachhaltig beeindruckt vom
bedingungslosen Aktivismus der Ehrhardt-Anhänger, der sich wohltuend vom
reaktionären Charakter der Deutschnationalen abhob. Folgerichtig wurde er,
obwohl Träger des Silbernen Ehrenzeichens, zusätzlich Mitglied des
Wiking-Bundes, was ihm im Juli 1924 ein (niedergeschlagenes)
Ausschlußverfahren einbrachte. Der Grund ist darin zu suchen, daß der
Gymnasiast sich auf einer Veranstaltung - damals für Ehrhardt-Anhänger nicht
unüblich - in NS-Uniform zeigte.
Der Bruch war dennoch nicht mehr
aufzuhalten. Am 12. Februar 1925 verließ Horst Wessel den Bismarck-Orden und
widmete sich völlig dem Einsatz für den Wiking. Dem tat auch die
Immatrikulation als Student der Rechtswissenschaften am 19. April 1926
keinen Abbruch. Nur einen Monat später wurde der Bund in Preußen verboten,
weil sein Berliner Landesführer Sodenstern angeblich in Putschvorbereitungen
verwickelt war. Das entsprechende Verfahren mußte übrigens aus Mangel an
Beweisen eingestellt werden.
Horst Wessel, nunmehr politisch
heimatlos, konnte sich mit dem Vereinsleben seiner schlagenden Verbindung
nicht zufriedengeben. Für Verstimmung dürfte bei dem jungen Aktivisten auch
Ehrhardts zeitweilige Allianz mit dem reaktionären Stahlhelm gesorgt haben.
Als Alternative bot sich die im Aufbau befindliche Berliner SA an, in deren
Reihen Heinz Hauenstein, der bekannte ehemalige Freikorpsführer und Pionier
der norddeutschen NSDAP, die sozialrevolutionären Elemente in Opposition zu
Gauleiter Schmiedicke und SA-Kommandeur Daluege versammelte. Trotz der zu
diesem Zeitpunkt im Gau Berlin herrschenden anarchischen Zustände tauchte
Wessel im Oktober 1926 in der Mitgliederliste der Berliner Sturmabteilung
auf.
Am 1. November 1926 übernahm Joseph
Goebbels die Führung des zerfallenden NS-Gaues und machte sich an dessen
Reorganisation. Im Gegensatz zur landläufigen Meinung war Wessel nicht
gerade überzeugt von den Fähigkeiten seines neuen Gauleiters, wozu die
Verdrängung Hauensteins beigetragen haben mag. Ungeachtet aller Zweifel
erwarb er im Dezember das Mitgliedsbuch der NSDAP. Der offene und sich vor
Autoritäten nicht beugende Charakter Horst Wessels dürfte zu einer direkten
Aussprache mit Goebbels geführt haben (die Tagebuchaufzeichnungen aus dieser
Zeit sind verschollen). Eventuell ist auch das damalige Interesse des
Gauleiters für den NS-Studentenbund auf diese Kontakte zurückzuführen. Ein
eindrucksvolles Erlebnis für Wessel dürfte die Teilnahme am 3.
Reichsparteitag in Nürnberg (August 1927) gewesen sein, auf dem es zu
heftigen Auseinandersetzungen um den Studentenbund kam.
Im Wintersemester 1927/28 ging der
Jurastudent für ein Semester nach Wien und erhielt parallel den Auftrag
seines Gauleiters, hier die Jugendarbeit der österreichischen
Nationalsozialisten zu studieren. Die Voraussetzungen erwarb Wessel sich,
indem er vorübergehend eine Einheit des Bundes Deutscher Arbeiterjugend (später
Hitler-Jugend) führte. Während der Wiener Zeit beteiligte er sich an den
Krawallen gegen die Jazzoper „Johnny spielt auf“. Bezeichnenderweise teilte
Wessel am 20. Februar 1928 einem Freund brieflich mit, im Gegensatz zu
Berlin sei der NS-Gau Wien mustergültig organisiert.Nach Beendigung des
Semesters in Wien brach Horst Wessel sein Jurastudium ab und übernahm die
SA-Straßenzelle am Berliner Alexanderplatz, die zum überaus
sozialrevolutionär eingestellten SA-Sturm 1 der Standarte 4 gehörte. Ferner
tat er sich als Propagandaredner hervor. Beispielsweise attackierte Wessel
am 15. Januar 1929 in Berlin-Friedenau heftig die Deutschnationalen. Im
Anschluß bedauerte er im Gespräch mit Goebbels den mangelnden Aktivismus
innerhalb der SA. Der Gauleiter notierte: „Ich sitze in einer Zwickmühle.
Werden wir in Berlin aktivistisch, dann schlagen unsere Leute alles kurz und
klein.“ Es folgten regelmäßige Treffen, in denen Wessel und Goebbels vor
allem das Verhältnis der NSDAP zu den Deutschnationalen bzw. dem Stahlhelm
und zur national-sozialistischen Revolution diskutierten.Auch Goebbels
zeigte sich wenig begeistert, als Hitler im April 1929 die Annäherung an die
bürgerliche Rechte einleitete und sich gar positiv zur parlamentarischen
Arbeit aussprach: „Und gerade jetzt, wo es darauf ankommt, die Nerven zu
behalten. Es ist zum Auswachsen. Wir haben noch zuviele Spießer in der
Partei. Der Münchener Kurs ist zuweilen unerträglich. Ich bin nicht bereit,
einen faulen Kompromiß mitzumachen. Ich werde, und wenn es meine persönliche
Position kosten soll, den geraden Weg gehen. Ich zweifle manchmal an
Hitler...Es hat in den SA-Gruppen schon ernste Verwirrungen gegeben.“ Nach
einer dieser Unterredungen beschloß der Berliner Gauleiter den offensiven
Kampf gegen die deutschnationale Reaktion, da Hitler alle diesbezüglichen
Anfragen nicht beantwortete.Dieser Kampagne fiel die Münchener Reichsleitung
in den Rücken, als sie sich (möglicherweise auf Vorschlag ausgerechnet Otto
Strassers) am Volksbegehren gegen den Young-Plan beteiligte. Hierzu der NS-Linke
Bodo Uhse, durchaus ein Seelenverwandter Horst Wessels: „Mit denen, die wir
tagtäglich leidenschaftlich anklagten, denn sie schändeten mit ihrer
Profitgier den Namen der Nation, mit den krebsfüßigen Rückwärtslern voll
ekelhaften Standesdünkels hatte Hitler die jungen Armeen der Braunhemden
verkoppelt. Er hatte in der entscheidenden Stunde, da der Kampf außerhalb
der Gesetze dieses Staates geführt werden mußte, seinen Weg in die
friedlichen Gehege der Weimarer Demokratie gerichtet, hatte in Gemeinschaft
durchschauter Scharfmacher, denen die Nation niemals mehr gewesen als ein
Deckmantel für ihre Geschäfte, an das Volk eine Frage gerichtet, die nicht
ehrlich gemeint, die ein Betrug war. In dem Augenblick, da Gefährliches zu
tun notwendig schien, spielte Hitler ein sicheres Spiel. Er verband sich mit
der Reaktion und dem unzufriedenen Kapital.“ Dieser Weg führte zur
Harzburger Front, zur Verfolgung von Parteilinken und unorganisierten
Nationalsozialisten während des Dritten Reiches. Der Kulminationspunkt war
das Massaker vom 30. Juni 1934.Horst Wessel fungierte seit dem 1. Mai 1929
als Truppführer in Berlin-Friedrichshain und baute hier den SA-Sturm 5 auf.
Unter seinen Leuten befanden sich zahlreiche ehemalige Rotfrontkämpfer und
Kommunisten, was sich auch in der Bildung einer bislang nur bei der KPD
vorhandenen Schalmeienkapelle ausdrückte. Der irrlichternde Student dichtete
anhand eines kommunistischen Kampfliedes das Lied „Die Fahne hoch!“ („Hitlerfahnen
über Barrikaden“), das später - auf Befehl Röhms entschärft - zur zweiten
Nationalhymne des Dritten Reiches werden sollte. Nach einem wenig beachteten
Auftritt in Frankfurt/Oder erlebte das Horst-Wessel-Lied am 6. September
1929 seine Premiere in Berlin. Kurz darauf wurde es auch im „Angriff“
abgedruckt.Zu diesem Zeitpunkt hatte Horst Wessel sich jedoch mehr und mehr
aus der Parteiarbeit zurückgezogen. Die Gründe hierfür sind zum einen in der
Enttäuschung über den probürgerlichen Kurs Hitlers, zum anderen jedoch in
der Beziehung zur ehemaligen Prostituierten Erna Jaenicke zu sehen. Das
junge Paar quartierte sich bei Witwe Salm in der Großen Frankfurter Straße
62 ein. Nach Streitigkeiten erinnerte die Vermieterin sich der Genossen
ihres verstorbenen Mannes, der Aktivist beim Roten Frontkämpferbund gewesen
war.
Auf der Stelle - es war der 14.
Januar 1930 - machte sich ein Rollkommando unter dem kommunistischen
Zuhälter Albert „Ali“ Höhler auf den Weg. Die vorgesehene „proletarische
Abreibung“ für Wessel geriet aus den Fugen, denn Höhler kannte Erna Jaenicke
noch aus schlechteren Zeiten. „Ali“ zog auch für seine Genossen unerwartet
eine Pistole und streckte Horst Wessel mit einem Mundschuß zu Boden. Am 23.
Februar erlag er nach wochenlangem Ringen seinen schweren Verletzungen.
Gauleiter Goebbels - aufrichtig erschüttert und möglicherweise getrieben vom
schlechten Gewissen, war er doch durchaus ein aufmüpfiger Repräsentant der
Parteilinken - nutzte die Gelegenheit und baute den Sturmführer 5 zum
Märtyrer der Bewegung auf - gegen den Einspruch der Münchener
Reichsleitung.Schon am 26. Februar erschien der „Angriff“ als Horst-Wessel-Sondernummer,
und am 1. März erfolgte mit großem Aufwand die Beisetzung auf dem Berliner
Nikolaikirchfriedhof. Als Redner traten Goebbels, der Oberste SA-Führer
Franz Pfeffer von Salomon, Standartenführer Breuer und zwei Vertreter des
NS-Studentenbundes auf. Hitler ließ sich demonstrativ entschuldigen, was im
übrigen ein weiteres Indiz für das schlechte Verhältnis zum Gau Berlin war.
Der Parteichef zog es vor, sich in Berchtesgaden zu „erholen“. Während der
Feierlichkeiten randalierten Kommunisten in der Umgebung herum und
verunstalteten gar den Friedhof in Anspielung auf Erna Jaenicke mit dem
Spruch: „Dem Zuhälter Horst Wessel ein letztes Heil Hitler!“ Wie als Antwort
auf die desinteressierte Haltung Hitlers warf Goebbels sich am 4. April im
Berliner Sportpalast mit Zitaten aus dem Horst-Wessel-Lied demonstrativ in
Revolutionspose.Am 26. September 1930 wurden die Mörder Horst Wessels zu
langjährigen Haftstrafen verurteilt; die höchste Strafe erhielt Höhler mit
sechs Jahren und einem Monat Zuchthaus. Die Erbitterung der SA über das
würdelose Verhalten der Kommunisten legte sich dadurch selbstredend nicht
(die Täter ereilte ihr Schicksal im September 1933, als die SA ihr Gefängnis
stürmte). Als Anfang April 1931 die ostelbische SA unter Major Stennes gegen
die Münchener Führung revoltierte, lehnten die Rebellen mit Hinweis auf den
1. März 1930 ein Zusammengehen mit dem auch für unorganisierte
Nationalsozialisten offenen Kampfbund gegen den Faschismus ab. Goebbels nahm
hier übrigens eine sehr dubiose Rolle ein; möglicherweise war er in die
Vorbereitungen der Revolte verstrickt. Zumindest strebten die Rebellen
danach, ihn und nicht den unsympathischen Otto Strasser als Führer einer
unabhängigen norddeutschen NSDAP zu gewinnen.
Auch nach dieser Affäre, die ihm
beinahe die Strafversetzung nach - Wien eingebracht hätte, betrieb Goebbels
den Personenkult um seinen ehemaligen Diskussionspartner. Am 15. August 1931
vollzog er beispielsweise in Berlin die Fahnenweihe der neuen SA-Standarte 5
„Horst Wessel“. Im Juli 1932 folgte im Parteiverlag das Buch „Horst Wessel -
Leben und Sterben“, und der im Herbst veröffentlichte Roman von Hanns Heinz
Ewers „Horst Wessel“ erreichte binnen weniger Wochen eine Auflage von 30.000
Exemplaren. Auch Otto Strasser versuchte, den Märtyrer für sich zu
vereinnahmen; u.a. erschien am 30. Oktober 1932 in der „Schwarzen Front“ ein
Artikel zur Erinnerung an den revolutionären Nationalsozialisten Horst
Wessel.
Literaturhinweise: